Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Palmarum über Mk 14, 3-9

Liebe Gemeinde!
Kirche und Geld - das ist doch immer für einen Skandal gut. Am Palmsonntag des Jahres 2006 könnte also eine Schlagzeile der BZ lauten:
Kreuzberger Wahnsinn: Kirchendach aus purem Gold
Jacobi-Gemeinde der Verschwendung bezichtigt.
Und die Meldung: Am heutigen Sonntag wird die renovierte Jacobi-Kirche wiedereröffnet. Schulden in Höhe von 10 Millionen Euro entstanden allein durch die skandalträchtige Entscheidung des Gemeindekirchenrates, das noch guterhaltene Dach vergolden zu lassen. Der GKR zu seiner in der Öffentlichkeit heftig umstrittenen Entscheidung: "Wir setzen ein Zeichen." Pfarrer Hauke zur Geschichte der Affäre: "Vor einem Jahr, am Palmsonntag 2005, beschloß die Gottesdienstgemeinde nach Anhörung des Predigttextes spontan einen Akt der Verschwendung für Jesus. Dem schlossen sich dann die Gremien an. Trotz zunehmender Arbeitslosigkeit von nunmehr 50% haben die Gemeindeglieder seitdem große Opfer gebracht, um dieses Zeichen setzen zu können." Kommentar eines Passanten auf der Oranienstraße: "Dazu fällt mir nichts mehr ein. Man müßte nochmal aus der Kirche austreten können."

Liebe Gemeinde, was für ein Predigttext erwartet uns da? Ich lese ihn:

Und als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goß es auf sein Haupt.
Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
Jesus aber sprach: Laßt sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis.
Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.

Was für eine Geschichte! Was für ein Akt der Verschwendung für Jesus! Und - wie Sie wissen, liebe Gemeinde - das Beispiel der Frau hat Schule gemacht. Sie kennen die Pracht mancher Kirchen. Da ist alles vom Feinsten. Selbst das Beispiel mit dem goldenen Dach für die Jacobi-Kirche ist gar nicht so absurd, wie es Ihnen vorkommen mag: Der Architekt, der vor langen Jahren ein Gutachten zur Sanierung unserer Kirche erarbeitet hatte, schlug damals - nun kein goldenes, aber doch ein glänzendes - ein Kupferdach vor. Das wäre natürlich teuer gewesen. "Was soll diese Verschwendung?", fragte sich mancher schon damals, "darf Denkmalpflege heutzutage noch so aussehen?" Aber wie sieht die Entscheidung aus, wenn wir sie verstehen als Verschwendung für Jesus? Fordert der Predigttext nicht dazu auf?

Uns mag ein solcher Gedanke fremd sein, und ich rechne nicht im Ernst damit, daß die erfundene Meldung der BZ Wahrheit werden könnte. Trotzdem wissen wir, daß die Idee mehr ist als nur ein etwas gewollter Predigtaufhänger: Die reichgeschmückten Kirchen der orthodoxen Christenheit, die Dome des Mittelalters, sie verdanken sich einer Frömmigkeitshaltung, die man als 'Verschwendung für Christus' bezeichnen könnte: Gläubige, reiche und arme - besonders die Armen - gaben buchstäblich ihr letzes Hemd zum Bau und Schmuck einer Kirche, 'für Christus'.

Wir hier werden uns vielleicht denken: Sollte nicht, wer 'für Christus' gibt, eher den Armen geben? "Was ihr getan habt einem von diesen meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan." Steht das nicht auch in der biblischen Geschichte vom heutigen Sonntag, diese geradezu 'lutherische' Wendung: "Ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun"?

Andererseits: Käme Jesus bei uns zu Besuch, da würde meine Frau doch auch das beste Geschirr aufdecken, sich beim Kuchenbacken alle Mühe geben - und ich würde die beste Flasche Wein öffnen... Wie sagte der mittlerweile verstorbene Erbonkel eines Gemeindegliedes, wenn er alle Jahre wieder zu Besuch kam: "Macht Euch Umstände...!"

Zugegeben Was diese Frau da mit Jesus macht, das ist noch von einem ganz anderen Kaliber. Diese Verschwendung, die sie treibt, das ist doch wirklich unmöglich. Was ist das für eine Frau? Wie kommt sie eigentlich dazu? Und woher hat sie das Geld? -Nardenöl, das haben damals gutverdienende Prostituierte verwendet. Was soll das also bedeuten, ein Sympathiebeweis - oder mehr? Macht sich da eine Frau an Jesus ran? Während die Exegeten noch hin und her überlegen, das Musical 'Jesus Christ - Superstar' wußte es schon genau: Es ist die ehemalige 'Sünderin' Maria von Magdala, Jesu Freundin. Droht da nicht ein Skandal - einer, der auch heute noch einer wäre? Kirche und ihr Umgang mit Geld, das ist ja immer für eine schlechte Meldung gut - und wenn dann noch eine Frau ins Spiel kommt, die nicht ins bürgerliche Schema paßt, dann ist der Skandal so gut wie fertig.

Manche sind allerdings fasziniert, wie souverän sich Jesus und die Frau über die Konventionen ihrer Zeit hinwegsetzen, wie Jesus sich das umstrittene Tun der Frau gefallenläßt, ja sie ausdrücklich lobt: Man wird immer erzählen, was sie getan hat, zu ihrem 'Gedächtnis' - ein seltener Wortgebrauch, er erinnert ans Abendmahlsgeschehen. Und Jesus heißt die ungeheure Verschwendung für ihn ja auch noch gut. Dabei hat die Tat der Frau ja wirklich etwas Übersteigertes, fast Absurdes an sich: Es war ein Glas mit Nardenöl für mehr als dreihundert Silbergroschen, dem Jahresverdienst eines Tagelöhners, also ein Fläschen Parfüm im Wert von mehr als 10 000 Euro. Ist seitdem 'Verschwendung für Jesus' also erlaubt, erwünscht, vielleicht sogar unser Auftrag?

Manche Christen haben das so verstanden, besonders jene Kirchen, denen in ihrem Glaubensleben, in ihrer Theologie und Frömmigkeit die Gegenwart Jesu näher ist als seine Ferne, wie etwa die römische Kirche. Wenn Jesus zu Besuch kommt, dann wird wirklich nur das Beste aufgeboten: Kelch und Patene, die Gefäße für die Feier des Abendmahls, müssen zumindest vergoldet sein, nur das kostbarste Material ist würdig für Leib und Blut Jesu Christi.

Martin Luther hat demgegenüber den Einsatz von Geld, die Kollekte, das Dankopfer nicht Jesus Christus zugedacht - für ihn können wir nichts tun und brauchen wir auch nichts zu tun - unser Einsatz für ihn ist der Einsatz für die Armen. Das, was die Frau tat, war einmalig, ist mit Jesu Opfer am Kreuz abgeschlossen. Zudem hat ihr Tun mehr symbolische  Bedeutung: "Sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis", sagt Jesus. Damit ist vorab an ihm doch geschehen, was nach seinem Tod wegen des beginnenden Sabbats nicht mehr geschehen konnte - die Salbung des Toten. Als sie ja nachgeholt werden sollte, da fanden die Frauen den Leichnam nicht mehr und hörten die Botschaft: "Er ist auferstanden!" Die vorab geschehene Salbung macht in den Augen des Osterglaubens sichtbar, wer Jesus ist: der Gesalbte, der Messias, der Christus.

Was heißt das? Gesalbt wurden im alten Israel die Könige - und zwar von einem Propheten, im Auftrag Gottes. Erst danach konnten sie ihre Herrschaft antreten. Aber Jesus wird von einer Frau aus dem Volk und für sein Begräbnis gesalbt. Damit ist er ein ganz anderer Gesalbter als die, die man bislang kannte. Der Evangelist Markus will sagen: Seht - so ist der Messias in Wahrheit! Seine Herrschaft ist nämlich nicht die eines weltlichen Königs, seine Herrschaft ist anders: Sie beginnt im Reich des Todes. Sie ist die Herrschaft dessen, der den Tod erlitten hat. So ein Christus, so ein Messias, so ein Gesalbter ist Jesus. Das ist die Pointe der Geschichte.

Diese Pointe stürzt Erwartungen um. Dieser Messias ist kein weltlicher König wie David. Einen weltlichen Herrscher zu salben - dazu wäre diese Frau ja auch gänzlich ungeeignet gewesen. Daß die Tat der Frau nun mehr war als nur ein Akt der Verschwendung, mehr als nur ein Liebesbeweis, darauf konnte zunächst keiner kommen. Der Evangelist sieht also weiter: Für Markus war die Tat der Frau eine prophetische Zeichenhandlung. Erst Markus weiß: Durch ihre öffentliche Salbung hat die Frau Jesus als den Messias proklamiert. Für die anderen war es bloß Verschwendung - aus unklaren, vielleicht auch aus anrüchigen Motiven heraus. Für den Evangelisten Markus war die unbekannte Frau die erste, die die Bedeutung des Leidens für den Messias Jesus deutlich machte - ohne daß das jedoch auch nur irgendjemand gleich verstanden hätte. Soweit Markus und seine Botschaft des Evangeliums.
Und die Frage nach einer 'Verschwendung für Jesus' heute?

Bei allem Einsatz für die Armen: Vielleicht ist ja doch was dran an diesem Gedanken, an dem Versuch einer Zeichenhandlung. Natürlich kein goldenes Dach für die Jakobikirche. Die BZ wird, wenn dieser Predigttext in sechs Jahren wiederkehrt, keine Jacobi-Meldung dieser Art auf dem Ticker haben, und auch bei anderen gutgemeinten kirchlichen Projekten werden wir besser aufs Geld achten müssen, als das bisher geschehen ist - aber: Daß Jesus der Gesalbte ist, der allein über uns herrschen darf, das sollte uns schon Worte und Taten wert sein - und vielleicht sogar einen kleinen Akt der Verschwendung. Nur - was könnte das sein, ein solches Zeichen der Verschwendung für Jesus Christus? Das hier? - Geld hervorholen und Streichhölzer - Einen fünfzig Euro-Schein zu verbrennen statt ihn den Armen zu geben, ist zwar eine Provokation - aber doch keine Verschwendung für Jesus. Zeichen für Jesus Christus ist alles, was dem Glauben dient, was Zeugnis für ihn ablegt:
- ganz allgemein diese Kirche, ihr großer und weiter Raum,
- dieses Mosaik (auch wenn es nur goldfarben ist),
- die Musik von der "Königin der Instrumente",
- der Blumenschmuck. Dazu ein Vorschlag: Laßt uns am Karfreitag das Kreuz mit Blumen schmücken. Wer mag, bringt eine mit und stecke sie dann ans Kreuz -Christus dem Sieger.

Dies alles sind Zeichen, die nach den Regeln der Marktwirtschaft fast schon an Verschwendung grenzen. Fürs bloße Unterbringen der Teilnehmerinen und Teilnehmer am Gottesdienst reichte ja auch der Saal der Winterkirche. Man sieht da heute eben manches anders als im Mittelalter, wo für den Größten nur das Beste gut genug war. Aber selbst in protestantischer Nüchternheit gestaltet macht dieses Haus nur als Bekenntnis Sinn - als Zeichen, als sprechender Raum für das, was in ihm geschieht, besonders an einem Tag wie heute, da wir zeichenhaft Zweige in unseren Händen tragen, um unseren Glauben zu bekennen: "Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!" Und so die Worte des Propheten deuten: "Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen."
Amen.
 
 


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