Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Ewigkeitssonntag über Mk 13, 31-37

Liebe Gemeinde!
Bitte haben Sie einen Moment Geduld ......... Quälend, so ein Warten, nicht wahr? Dabei war das jetzt nur eine Minute. So ein Warten, bis es endlich losgeht, wenn man doch zu wissen meint, es müsse jeden Augenblick losgehen - das setzt einem zu. Man fragt sich vielleicht: Was ist denn nun passiert? Was soll das denn? Warum läßt er uns denn warten? Vielleicht ist ihm ja schlecht geworden. Kann ja passieren...

Wir könnten dieses Experiment noch ausbauen: "Ich muß mal kurz weg, bin gleich wieder da. Herr Lingner, passen Sie doch so lange auf!" - Ich gehe in die Sakristei - und dieses Mal dauert es 10 Minuten, bis es weitergeht. Was passiert? Geht jemand mir nach, um mich zu suchen? Stimmt Herr Lüsch in der Zwischenzeit ein Lied an? Oder denkt die Gemeinde über das Warten nach?

Wie ist das denn eigentlich so beim unverhofften Wartenmüssen? Zunächst ist man besonders aufmerksam, es könnte ja jeden Augenblich weitergehen, aber dann - ob kurz oder lang, am Ende läßt die Aufmerksamkeit doch wieder nach, schließlich geht man zur gewohnten Tagesordnung über.

Wie hier, so anderswo: 10 Minuten - in der Schule wäre das schon zu lange. Da droht gleich die Verwaltung: Verletzung der Aufsichtspflicht. Schließlich lehrt die allgemeine Lebenserfahrung: Wenn die Katze aus dem Haus ist... (tanzen die Mäuse auf den Tischen.) Nach spätestens 10 Minuten hat der Klassensprecher zum Direktor zu gehen. Man kann doch nicht ewig warten. - Wenn sich der Vorhang zur Bühne nach einer Viertelstunde noch nicht gehoben hat, wenn der Konzertbeginn eine Stunde auf sich warten läßt, wenn der Arzt nach zwei Stunden nicht gekommen ist - dann wird es wohl Zeit, sich anders umzutun. Schrecklich, diese Warterei! Die Zeit der sozialistischen Wartebrigaden ist zwar vorbei - dafür tönt es jetzt aus vielen Telefonleitungen: —Bitte warten!ž  Schon wieder eine Warteschleife erwischt... Und dann gibt es ja noch die Wartezimmer aller möglichen Ärzte und Einrichtungen...

Warten fällt schwer. Ein neuer Werbespot der BahnAG ironisiert das prächtig: Da kommt die Ansage: —Der ICE hat drei Minuten Verspätung bei der Einfahrt.ž Es gibt Proteste auf dem Bahnsteig: —Was? Drei Minuten? Eine Katastrophe!ž - Am Ende stehen eine Demo mit lautstarken Sprechchören: —Drei Minuten, drei Minutenž - und ein Redebeitrag im Bundestag: —Wir fordern Rechenschaft über jede einzelne Minute.ž So ironisiert die BahnAG unsere Ungeduld und wirbt für sich als das pünktlichste Verkehrsmittel.

Warten - ein Problem der Menschen im Westen. Sie können einfach nicht warten - erst recht nicht, wenn wir es mit längeren Zeiträumen als nur ein paar Minuten zu tun haben: Warten, bis Gehalt und Rente überwiesen sind - da werden Tage zur Ewigkeit. Und dann das Warten auf bessere Tage, Zeiten geringerer Arbeitslosigkeit. Da denkt man schnell an den St. Nimmerleinstag. Warten macht müde, Warten läßt resignieren, Warten macht zornig: Warum müssen wir dauernd warten? Wer ist daran Schuld? Wartenmüssen macht passiv. Man fühlt sich als Opfer - und nicht jeder kann Kaviar ordern, wenn die Wartezeit zu lang wird.

Das Gleichnis, das Jesus heute in einem kleinen Abschnitt aus dem Evangelium nach Markus ausführt, dreht die Verhältnisse um. Es macht Warten zu einer sinnvollen Aufgabe: Seht euch vor, wachet! denn ihr wißt nicht, wann die Zeit da ist. Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen: so wacht nun; denn ihr wißt nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen, damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt. Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!

Hier haben die Wartenden eine Aufgabe: Sie sind Wächter. Darum können die Wartenden nicht Rechenschaft fordern, wenn der Hausherr ausbleibt - sie müssen selbst Rechenschaft darüber ablegen, wie sie die Wartezeit verbracht haben - sie warten aktiv.

Worin besteht nun die Aufgabe der Wächter im Sinne des Gleichnisses Jesu? Sie bewachen nicht das Haus wie der Türsteher, sie überwachen nicht die im Hause Lebenden - sie bewachen das Warten. Die Wächter haben dafür zu sorgen, daß das Warten nicht vergessen wird. Hätten die Wächter die Aufgabe, Haus und Häuslinge zu bewachen, droht die Talibanisierung: Alle sind gleich, aber einige sehen sich in der Pflicht, die anderen vor moralischem Versagen zu beschützen - praktisch wird ein Spitzel- und Überwachungssystem daraus. Jesus hingegen betont: Für die Zeit der Abwesenheit hat jeder Knecht seine Arbeit, der Türhüter hat die Tür zu bewachen und alle - alle! - sollen wachsam sein. Wachet also!

Rufe zur Wachsamkeit kennen wir zur Genüge - aber jeder hat seine Besonderheit. —Erwachetž rufen uns Jehovas Zeugen vom Straßenrand aus zu. Da geht es um den Tag des Gerichts, um Harmageddon. —Allzeit bereit!ž lautet der alte Pfadfinderspruch. Da geht es um gute Taten. Und die Berliner stehen sowieso in dem Ruf, besonders wach und helle zu sein - was auch immer es sei, worum auch immer es geht. Was ist das besondere des Wachauftrages Jesu?

Er macht uns zu Wartenden. Wer - von Jesus gerufen - wachen soll, lernt das Warten. Genauer gesagt: Die Parole Jesu lautet nicht: Abwarten und Tee trinken, auch nicht: Warten und wachen - sondern: Bewacht das Warten! Sorgt dafür, das das Warten auf das Kommen Jesu nicht aufhört. Das ist die Aufgabe der Kirche Jesu Christi. Sorgt dafür, daß die Menschen die Abwesenheit des Hausherrn nicht vergessen! Sorgt dafür, daß sie ihn erwarten - auch wenn das mittlerweile keine Frage von Minuten, Stunden, Tagen ist, sondern eine Großaktion von bereits 2000 Jahren Dauer!

2000 Jahre im Wartezimmer, 2000 Jahre —Warten auf Godotž - kein Wunder, das da viele des Wartens müde werden. Immer wieder haben Menschen versucht, diese Wartezeit für beendet zu erklären, sei es daß sie erklärten, die Wiederkehr Jesu Christi sei nur noch eine Frage der nahen Zukunft, sei es, daß die Frage auf ganz andere Weise für erledigt galt: Der kommt ja doch nicht wieder! Der ist tot - und von da ist bekanntlich ja noch keiner zurückgekommen. Alles andere sei ein Traum.Träume aber seien Schäume. Ich hingegen lebe jetzt. Ich will nicht vertröstet werden. Ich will alles - und das auch sofort! Warten? Kann ich nicht, will ich nicht. Warten und wachen? Ist das nicht langweilig, sterbenslangweilig?

Man tritt wohl keinem Mitmenschen zu nahe, wenn man feststellt, das so die heute bevorzugte Lebenseinstellung aussieht. Auch die Religion wird zur 5-Minuten-Terrine: Aufgießen, um-rühren, fertig. Warten, warum denn und worauf? Selbst unsere Verstorbenen - so heißt es dann - sind sie uns nicht nahe? Wenn wir an sie denken, jedenfalls - und selbst dann, wenn wir das nicht tun: Ihr Leben und Sterben bestimmt doch bleibend unser Leben. Worauf warten? Auf Zukunft? Auf so etwas wie die Auferstehung der Toten? Aus der Traum.

Dafür blüht die Gedenkkultur. Sie bestimmt unsere Gegenwart. Jeder Tag ein Gedenktag: 50 Jahre dies, 150 Jahre das. Notfalls begehen wir 75 1/2 jährige Jubiläen. Neulich las ich als Schwerpunkt einer evangelisch sein wollenden Kirchengemeinde: Vergangenheitsaneignung! - Selbst der Totensonntag scheint unter der Herrschaft der Vergangenheit zu stehen. Totengedenken statt Hoffnung auf neues Leben. Stirbt unter dem Ansturm der Vergangenheit, vor lauter Gedenken nach der Zukunft nun auch die Gegenwart?

Aber damit können wir brechen - mit dieser Herrschaft der Vergangenheit über die Gegenwart. Wir sind Wartende - wir haben noch Zukunft. Wir wissen: Der Hausherr kommt wieder! Totensonntag ist Ewigkeitssonntag! Auf Jesus Christus zu warten, bringt Leben in die Bude - auch in die alte Baracke Kirche. Hier feiern wir ja bereits das Fest seiner Ankunft. Das ist ja gerade die Aufgabe seiner Kirche: in ihren Feiern in Raum und Zeit, im Hier und Heute sein Kommen zu inszenieren. Im Rhythmus des Kirchenjahrs wandert die Kirche ihrem kommenden Herrn entgegen. Wir sind aktiv Wartende. Darum werden wir auch nicht von —ewig Gestrigenž zu —ewig Morgigenž. Auch das wäre eine falsche Zeiteinteilung. Wir werden nicht auf bloß auf eine scheinbar ungewisse Zukunft hin vertröstet. Zwar ist die Kirche Jesu Christi ein Warteraum, noch nicht der Festsaal des himmlischen Hochzeitsmahles - aber in diesem Warteraum treffen wir schon auf den Vorschein künftiger Erfüllung: In seinem Wort und in Brot und Wein ist der kommende Hausherr schon bei uns, macht er uns zu Wartenden, zu Wachen und Wächtern des Wartens, bekommen wir einen Vorgeschmack von dem, was auf uns wartet: Die Macht der Sünde ist gebrochen. —Der Tod ein Spott ist wordenž, singen wir im Osterlied.

So gesehen, können wir getrost warten. Wir leben schon jetzt, frei von den Zwängen vergangener Schuld - und dann kommt noch der große Nachschlag.

—Wir sind noch nicht im Festsaal angelangt, aber wir sind eingeladen. Wir sehen schon die Lichter und hören die Musik.ž
Amen.
 
 


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