Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Okuli über Mk 12, 41-44

Liebe Gemeinde!
Jesus wußte seine Zuhörer da zu packen, wo es sie traf - beim Geldbeutel. Wer kennt nicht sein wohl bekanntestes Wort zum Thema Geld: "Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich Gottes komme"? Und nun, zum Abschluß seines öffentlichen Wirkens nach dem Evangelisten Markus, vor seinem Leiden, die Geschichte vom "Scherflein der armen Witwe", die wir eben als Evangeliumslesung gehört haben.

Jesus erzählt hier ein Beispiel, vielleicht ist es eher eine Anekdote; denn ähnliche Geschichten waren damals weit verbreitet - bis nach Griechenland und Indien. Von einem Rabbiner beispielsweise wird erzählt, er habe eine Witwe zurückgewiesen, als sie ihm eine Handvoll Mehl als Gabe bringen wollte. Daraufhin habe Gott ihm im Traum gesagt: "Verachte sie nicht; es ist, als hätte sie sich selbst geopfert."

So wie Jesus nun diese Geschichte erzählt, klingt das beim ersten Hören nach gesenkten Preisen für Arme. Ich erinnere mich, wie es bei uns zu Hause war, damals in den 50er Jahren im Haushalt eines kleinen Beamten: Für die Sonntagskollekte gab mir mein Vater stets einen Groschen und legte selbst zwei ins Kollektenkörbchen. In den 60ern stieg sein Beitrag auf eine Mark. Sein aktueller Finanzbeitrag ist mir unbekannt - aber wir alle kennen ja unsere Kollektenergebnisse: Da gibt es Niedrigpreise für Arme, Kollekten mit Mengenrabatt, nur Steuerzahler zahlen Kirchensteuer (also weniger als die Hälfte der Kirchenmitglieder), aber Rabatt für Reiche, die sogenannte Kappungsgrenze. Andere opfern wirklich so viel, daß es ihnen weh tut - und halten das für das gewünschte Ideal.

Wie aber war das mit dem Scherflein der armen Witwe? Zwei Lepta, heißt es im Griechischen, römisch ein Quadrans. Das wird von den Auslegern heute umgerechnet (genauer, als Luther es tat) mit lediglich einem Eurocent - oder besser: zwei Pfennigen: Denn da es sich um zwei Münzen handelte, die kleinsten, hätte die arme Witwe sehr leicht wenigstens eine davon für sich behalten können. Daß sie nicht einmal das tut, spitzt Jesu Pointe zu: Diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt. Ihre ganze Habe? Alles? Da lob ich mir die alte Tempelsteuer, die war zwar auch umstritten - beispielsweise lehnten die Sadduzäer und die Leute von Qumran sie ab - sie gab aber klare Regeln vor, jährlich etwa zwei Tageslöhne. - Beispielrechnung vornehmen: mit 25.000 EUR Durchschnittseinkommen - Immerhin: Alles zu geben war also nicht nötig, obendrein galt sie nur für Männer. Dennoch: Steuern sind nun einmal unbeliebt.

Wie umstritten etwa die Kirchensteuer ist, weiß jedes Kind. In der Regel ist sie der erste und der wichtigste Anlaß zum Kirchenaustritt. Wer Lohn- oder Einkommensteuer zahlt, kann sich auf diese Weise leicht 9% davon sparen. Bei Ihrem Steuerberater ist das die erste Wahl. Und beim Thema Sparen und Kirche  geht ja noch mehr: Wenn wir uns den Religionsunterricht sparen - knapp die Hälfte der Deutschen ist bundesweit dieser Meinung -  können unsere Kinder mehr Informatik lernen. Und das braucht man doch fürs Leben. Nichts gegen die Kirche, die muß dann eben billiger werden und endlich einmal lernen, mit Geld sparsam umzugehen. (Zugegeben: Das sollte sie wirklich. Aber wie soll das gehen? Der armen Witwe von heute soll sie natürlich ein persönliches Dankschreiben zukommen lassen - auch wenn das ein Vielfaches der gespendeten Summe kostet. Der Teufel steckt eben im Detail.) Ach ja, das ewige Thema Religionsbetrieb und Geld. Da kommt man leicht vom Hundertsten ins Tausendste. Jedenfalls: Die zwei Lepta der armen Witwe in allen Ehren - aber der prächtige Tempelkult hätte vom Opfer armer Witwen jedenfalls nicht finanziert werden können. Dazu brauchte man dann doch die Reichen. Die aber kriegen immer wieder ihr Fett ab, in der öffentlichen Kritik damals - und auch von Jesus. Mal angenommen, die Reichen entreichern sich selbst, weil sie auf Jesus hören (oder sie werden solidarisch entreichert) - wie soll der Laden in Zukunft dann laufen? Wer unterstüzt dann die Armen? Versteht Jesus, obwohl der Sohn eines Zimmerers, wirklich nichts von Geld? Jesus der wohl ungewöhnlichste Anlageberater aller Zeiten: "Sammelt euch aber  Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen"? Oder packt er seine Zuhörer nur deshalb beim Geldbeutel, um noch mehr von ihnen zu verlangen als bloß Geld - wie so häufig bei seinen Beispielen aus der Finanzwelt? Diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt.

Wenn das die Pointe ist, klingt das ja schon anders als beim ersten Hören, alles andere als nach gesenkten Preisen: Die arme Witwe gab ja alles. Will Jesus also mehr als die Tempelsteuer, mehr als die Kirchensteuer, mehr als Hans Eichel? Will er wirklich alles?

Genau so ist es, liebe Gemeinde. Und er will noch mehr als unser Bestes, das Geld: Er will uns selbst.

Und was ist das konkret? Was hätte ich Gott zu geben, um sagen zu können: Ich gebe alles? Was müßte ich geben - also auch: aufgeben! - "in den Opferstock legen"? Jedenfalls das, womit ich mein Leben sichere: Meine berufliche oder familiäre Position, meinen guten Ruf, mein Engagement, mit dem ich mich unersetzlich mache... und vieles mehr. Diese Fragen laufen hinaus auf Gewissenserforschung im Sinne von Fragen nach dem 1. Gebot: "Worauf verläßt du dich in deinem Leben? Auf deine Arbeitskraft, dein Geld, deine geistigen Gaben, deine Beziehungen, deine Anständigkeit und Frömmigkeit? Wem gehört dein Herz? ... Und wenn Gott dir das nimmt, was dann?"

Hätten wir damit endlich alles aufgenommen, was Jesus mit dem Beispiel von der armen Witwe sagen will? Nicht ganz, denn Jesus setzt noch eins drauf: Er nimmt die arme Witwe zum Beispiel für sich selbst. Er will alles - geben. Jesus zeichnet im Beispiel der armen Witwe seinen eigenen Weg. Da spitzt sich nun alles zu. Sein Einsatz für Gott wird lebensgefährlich. Er gibt alles. "Ans Kreuz mit ihm." Nach Ostern haben die Jünger verstanden: Jesus treibt die Logik des Tempelopfers auf die Spitze: Am Kreuz fließt nicht mehr das Opferblut von Lämmern, sondern Jesu Blut - zur Vergebung der Sünden. Wie beim Kamel und dem Nadelöhr oder auch bei der Begegnung Jesu mit dem reichen Jüngling geht es jetzt um die totale Hingabe an Gott: Die aber leistet allein Jesus selbst. Er allein.

Erzählt Jesus die Anekdote von der armen Witwe dann bloß, um die Preise kaputt zu machen, um die Latte geforderter Hingabe so hoch zu legen, daß man sie nicht mehr nehmen, sondern nur noch reißen kann?

Jedenfalls müssen wir uns eingestehen, daß wir mit unserer Hingabe schon unter der Meßlatte nur hindurchlaufen, die mit dem Beispiel der armen Witwe gegeben ist. Das würde auch durch ein drastisch steigendes Kollektenaufkommen nicht anders; denn Jesus geht es darum, daß wir für unsere Lebenssicherung allein auf Gott setzen: weder auf den Staat noch auf die Gesellschaft noch auf uns selbst. Harte Worte - aber nicht Jesu letzte Worte zum Thema.

Geben ist seliger als nehmen, sagt der Volksmund, und so steht es auch in der Bibel (Apg 20, 35). Aber Nehmen-können ist noch einmal seliger als geben. Das sagte zwar nur mein theologischer Lehrer Jüngel, aber damit traf er den Nagel der Finanzgeschichten Jesu auf den Kopf: Unsere Unfähigkeit, mit unseren Verdiensten den eigentlich von Gott geforderten Totaleinsatz zu leisten, sollte uns nicht mit der Routine des Kollektengroschens zufrieden sein lassen, uns aber auch nicht verzweifeln lassen und zum eigenen Ganzopfer treiben, sondern dazu, das Opfer Jesu, sein Verdienst anzunehmen. Weil er alles gab, können wir nehmen.

Die Alte Kirche sprach deshalb von den Früchten des Werkes Jesu - und sah das sehr konkret: in Brot und Wein im Abendmahl. Da können wir nehmen, was Jesus erwarb: Leben. Wir können leben, weil er alles gab: Christi Leib, für dich gegeben. Christi Blut, für dich vergossen.

Über die Höhe Ihrer Kollekte entscheiden Sie dann weiterhin selbst - nach Ihren Möglichkeiten und Wünschen. Und danach richtet sich dann eben, was die Kirche in finanzieller Hinsicht tun kann - oder lassen muß.
Amen.
 
 


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