Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis über Mk 12, 28-34

Liebe Gemeinde!
In den jüdischen Gemeinden wird heute Simchat Thora gefeiert, das Fest der Thorafreude. Würdige Herren tanzen ausgelassen wie die Kinder durch die Synagoge - aus Freude an Gottes Gesetz. Dabei tragen sie in ihren Armen die Schriftrollen mit der Thora, den fünf Büchern Mose. Das alles ist "das Gesetz". Insgesamt zählen die Rabbiner 613 Gebote. Das ist eine ganze Menge - was aus den 10 Geboten alles geworden ist! - und nur noch Fachleute kennen sich damit aus. Schon zur Zeit Jesu gab es darum die Frage nach einem 'höchsten' Gebot: Läßt sich die kaum noch überschaubare Fülle von Einzelvorschriften, die das Verhalten der Menschen regeln sollen, in eine sinnvolle Ordnung bringen, kurz und knapp zusammenfassen?

Alte Texte berichten, daß zwei der größten jüdischen Gelehrten diese Frage vorgelegt wurde: Schammaj und Hillel. Schammaj weist die Frage zurück: Gottes Gebot läßt sich nicht auf eine handliche Faustformel bringen, jedes einzelne Gesetz muß in gleicher Weise gehalten werden. Es geht ja nicht darum, die Vorschriften zu verstehen, sondern darum, sie zu halten. Darum hatten sich die vielen Auslegungen entwickelt, aus Sorge, eine der Vorschriften - und sei es auch nur aus Versehen oder in Unkenntnis - zu verletzen. Um das Gesetz im engeren Sinn - die Zehn Gebote - hatte sich so etwas wie ein 'Zaun' gesetzt. Dann beginn man die Sabbatruhe sicherheitshalber ein wenig früher und endet später, dann gibt man mehr in die Kollekte als das, wozu man verpflichtet ist.

Rabbi Hillel argumentiert anders: Das Gesetz muß doch unterrichtet werden, die Juden sollen es kennenlernen. Dabei ist es hilfreich, wenn sie in der Fülle der Einzelgesetze eine Ordnung, eine Hierarchie erkennen, und Hillel gibt die klassisch gewordene Antwort: Im ganzen umfangreichen Gesetz geht es um Gottes- und Nächstenliebe. Es ist die Antwort, die auch wir vor Augen haben, wenn wir bei den Zehn Geboten an zwei Tafeln denken: Die ersten drei Gebote auf Tafel 1 regeln das Verhältnis Mensch-Gott, die restlichen sieben auf Tafel 2 das Verhältnis der Menschen untereinander.

Der griechische Jude Philo von Alexandrien lehrt in ähnlicher Weise und erweitert den enggefaßten Begriff des Nächsten vom Mitjuden auf alle Menschen. Gottesliebe und Nächstenliebe - für ihn ist das eine vernünftige Sache, die eigentlich jedem frommen Menschen einleuchten müßte.

Wie Hillel und Schammaj wurde auch Jesus gefragt. Es fragt ein Schriftgelehrter, dessen Namen wir nicht erfahren. Was wir aber erfahren: Es ist eine echte Frage -  wie in der Schule, wie in einem Seminar, nicht zur bloßen Provokation eines Statements wie in einer Talkshow. Jesu Antwort: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften« (5. Mose 6, 4.5). Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19, 18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. Der Fragende stimmt ihm begeistert zu und erweist sich damit als rechter Vorläufer Hillels: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Wie Hillel und manch anderer seiner Zeitgenossen kritisiert der unbekannte Schriftgelehrte damit den Tempelkult - im Namen des Gesetzes. Das Größte für einen Juden ist es, das Gesetz Gottes zu beachten - und die Quintessenz des Gesetzes ist eben das Doppelgebot von der Liebe zu Gott und zum Nächsten.

Wie der Evangelist Markus die Begebenheit erzählt, will er betonen, daß Jesu Predigt und Gesetzesauslegung mit den modernen zeitgenössischen jüdischen Auslegungen übereinstimmt. Jesus für die Juden, das ist hier seine Devise. - Doch erhält der Schriftgelehrte von Jesus nicht einfach bloß Zustimmung und Lob, sondern die autoritative Zusage: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Kein anderer Schriftgelehrter wird von Jesus mit einer vergleichbaren Zusage bedacht. Die Nähe des Reiches Gottes, diese Quintessenz des Wirkens Jesu, die er geradezu sprichwörtlich an 'Zöllnern und Sündern' demonstriert, gilt auch diesem Gelehrten. Dessen Zusammenfassung der Gebote zur Gottes- und Nächstenliebe brachte ihn in die Nähe von Gottes Herrschaft: das Doppelgebot als Tor zum Himmel.

Bei Markus ordnet Jesus die beiden Gebote noch sozusagen 'nebeneinander' an: Es ist kein anderes Gebot größer als diese. Aber bald wird man von der Einheit von Gottes- und Nächstenliebe sprechen und sie als als das unterscheidend Christliche bezeichnen. So gilt das Christentum bei Religionswissenschaftlern als "die Religion der Einheit von Gottes- und Nächstenliebe" - wobei im praktischen Leben das Gebot der Gottesliebe häufig hinter der Nächstenliebe verschwindet. Gott kann man schließlich nicht sehen, und Liebe verstehen wir heute im Unterschied zur Antike fast ausschließlich als menschliche Emotion. Die aber gilt als großer Schritt in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Und wirklich: Als wir in der Gemeinde vor Jahren eine neue Mitarbeiterin bekamen und im Gemeindekirchenrat auch nach ihrem Verständnis von Christsein fragten, da antwortete sie ganz in diesem Sinn: Sie sei zwar keine Kirchgängerin, aber doch Christin im Sinne der Nächstenliebe.

Jesus aber hat hier bei Markus einen interessanten Punkt anders gesetzt. Nicht nur, daß er die Liebe zu Gott zuerst nennt, er zitiert auch aus Israels Glaubensbekenntnis, dem Schema: "Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft." (5. Mose 6, 5) Mit diesem Bekenntnis auf den Lippen lebt und stirbt ein frommer Jude. Gott lieben heißt demnach, ihn bekennen, sich zu ihm zu bekennen. Und die Liebe zum Nächsten?

"Ach, bleiben Sie mir doch mit dem Gerede von Nächstenliebe vom Hals, das ist doch die schlimmste Erfindung des Christentums." So sprechen manche Stimmen, denen die wirkliche Herkunft des Gebotes völlig egal ist. Sie haben seine fürchterlichen Auswirkungen vor Augen. Sie sagen: "Nächstenliebe bedeutet praktisch nichts anderes als die permanente Überforderung des Menschen, garantiert ein dauerndes schlechtes Gewissen - weil man doch nicht alles schaffen kann, was man eigentlich soll. Mit diesem Gebot haben vor allem die Männer die Frauen fertiggemacht und tyrannische Mütter lebenslange Dankbarkeit ihrer Kinder eingefordert. Ja, und mehr noch: Dieses Gebot hat die Kirche mächtig gemacht. Sie hat diejenigen, die das Gebot sowieso nicht erfüllen konnten, es aber brav versuchten, durch ein ausgefuchstes System von Sündenvergebung bis in den Tod und darüber hinaus von sich abhängig gemacht. Und praktisch hat das Gebot auch nicht viel dazu beigetragen, daß es auf der Welt besser zugeht - weil es von vorneherein viel zu viel verlangt. Es ist ein Gebot, das Menschen zum Scheitern verdammt. Darum ist es selbst zum Scheitern bestimmt."

Solche herbe Kritik an der christlichen Idee der Liebe hat die modernen Schriftgelehrten auf den Plan gerufen. Sie fangen an, das auf den ersten Blick so klare Gebot auseinanderzunehmen. Im Sinne jüdischer Tradition könne das gar kein Anspruch auf Überforderung sein. Jüdische Gebote seien lebbar, praktikabel. Und Nächstenliebe habe ihren Maßstab an der Eigenliebe: "...wie dich selbst", laute es doch im Text. Bevor ich einen anderen lieben kann, müsse ich mich selbst lieben. Und der 'Nächste' sei eben nicht die ganze Welt, sondern der, der einem gerade vor die Füße falle, der - wie in Jesu Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter - im Augenblick gerade hilfsbedürftig sei. Und schließlich sei auch die Gottesliebe keine Gefühlsduselei. Gott sei ganz anders als die Menschen. Keine Affekte müssen für ihn mobilisiert werden, keine Zärtlichkeit - die solle man sich für die Menschen aufheben. Und wenn da etwa von 'Gemüt' die Rede sei, sei das ein Übersetzungsfehler, es ginge um 'Kraft'. Das sei etwas sehr Konkretes, Materielles: der Verdienst der Menschen, also Schafe, Ziegen und Rinder damals - und heute das Geld. Wir opfern Gott, indem wir dem Nächsten Geld geben. Die praktische Verbindung beider Teilgebote bestehe im karitativen, diakonischen Einsatz für andere. (Dann wäre die Kollekte geradezu der Höhepunkt des Gottesdienstes.)

Liebe Gemeinde, das alles klingt ganz schön ernüchternd - die Kritik am Doppelgebot der Liebe wie auch die gelehrte Interpretation. Wie sollen wir damit umgehen? Der Eindruck von Selbstverständlichkeit, von "das Gebot sei doch völlig klar" dürfte uns vergangen sein, vielleicht konnten wir auch Teile der Kritik daran nachvollziehen - aber wie sollen wir es denn nun verstehen, wie handeln?

Mit unserem Verhältnis zu den Mitmenschen soll es - allgemein gesprochen - so sein: Was ihr Wohl angeht, darf mein Wohl nicht zu dem ihren in Konkurrenz treten, bloß weil sie nicht ich sind. Was heißt das? Nächstenliebe kennt auch Unterschiede. Ungleichbehandlung ist erlaubt.

Kranke müssen z.B. anders behandelt werden als Gesunde, mit Kindern muß ich anders umgehen als mit Erwachsenen, Eltern haben andere Pflichten gegenüber ihren Kindern als Kinder gegenüber ihren Eltern. Das Gebot der Nächstenliebe macht nicht alles gleich, verwischt nicht die unterschiedlichen sittlichen Regeln, die die menschliche Vernunft erkennen kann, bloß: Es erlaubt keine Unterschiede zu machen, die nur darin begründet wären, daß der andere nicht ich ist. Das meint das: "lieben wie dich selbst." Als Faustregel in Anlehnung an die biblische Goldene Regel formuliert: "Behandle die anderen so, wie du es für ihre Pflicht hieltest, dich zu behandeln, befändest du dich in ihrer Lage!"

Entscheidend ist diese Erläuterung: befändest du dich in ihrer Lage, denn nur sie bewahrt mich vor Überforderung durch die maßlosen Wünsche meiner Nächsten - oder umgekehrt gesagt: Ich kann als Handlung der Nächstenliebe nur erwarten, wozu ich, wäre ich an der Stelle des anderen, also in seiner Lage, selbst auch willens und auch in der Lage wäre. Wer z.B. finanzielle Hilfe erwartet muß selbst auch bereit sein, sie zu gewähren - wenn er dazu die Mittel hat. Wer eine Hilfeleistung erwartet, muß auch bereit sein, sie zu gewähren - sobald er das kann.

Das Gebot der Nächstenliebe ist eben unteilbar; wer es ins Spiel bringt, kann sich nicht heraushalten wie jene Leute, die von der Kirche erwarten, was sie selber nie täten. Wer so die Nächstenliebe als Waffe zur Durchsetzung eigener Interessen einsetzt, ist in Wahrheit nichts als eigennützig und egoistisch. - Das Gebot der Nächstenliebe ist - so verstanden - keine Lebensregel mit eingebauter Überforderung, sondern ein Prüfstein für sittliches Handeln: Helfen muß, wer helfen kann, egal, wer der Hilfsbedürftige ist. Allein seine Hilfsbedürftigkeit und mein Helfen-Können entscheiden. Ob man konkret helfen kann und wie man das dann am besten tut, ist mit der bloßen Forderung von Nächstenliebe nicht zu entscheiden, darüber muß immer wieder neu nach Prüfung der Situation realistisch entschieden werden. Der heilige Martin gab dem Bettler seinen halben Mantel - heute sind halbe Arbeitsplätze gefragt: Wer so teilt, sollte aber mit seiner Hälfte noch leben können! Wer hilft, muß sich damit nicht zum Sozialfall machen. Der Grundsatz lautet: Nächstenliebe ist nicht parteilich.

Und die Liebe zu Gott? Sie meint schlicht und einfach, daß wir Gott anerkennen - im Sinne des 1. Gebotes.

Nicht Giganten also brauchen wir zu sein, sei es in Sachen Gottes- oder Nächstenliebe, bloß Menschen, die nichts und niemanden - bei aller Zuwendung zu den Mitmenschen - in Konkurrenz treten lassen zu Gott.

Und dabei sind wir bereits einen entscheidenden Schritt weiter als der unbekannte Schriftgelehrte, für den das Doppelgebot noch so etwas wie das Tor zum Himmel war. Er war nicht fern vom Reich Gottes, d.h. aber auch: Er gehörte noch nicht dazu. In Jesus Christus, in seinen Tod getauft, aber sind wir nicht nur nicht fern vom Reich Gottes, sondern leben wir bereits im Raum seiner Herrschaft. Nicht das Halten des Gesetzes zwingt Gottes Herrschaft herbei, sondern in Jesus kam sie den Menschen nahe. Da kommt so richtig Freude auf - nach der Freude über Gottes Gebot nun die Freude über Gott selbst. Nicht die Kollekte, sondern die Freude an Gott steht im Mittelpunkt des christlichen Gottesdienstes.

Von der Nähe zum Reich Gottes in das Reich Gottes hinein war es nur ein kleiner Schritt: für den Menschen Jesus, den er durch seinen Tod gegangen ist - aber ein großer Schritt für die Menschheit.
Amen.
 
 


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