Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Judika über Mk 10, 35-45

Liebe Gemeinde!
Es beginnt scheinbar ganz harmlos. Jakobus und Johannes, zwei Jünger Jesu, wollen sich klar werden über ihre Altersversorgung. Schon damals ein wichtiges Thema. Sie fragen Jesus, ob sie im Reich Gottes die beiden bevorzugten Plätze neben Jesus einnehmen können: zur Rechten und zur Linken. Als rechte und linke Hand Jesu ist man gesichert, mehr noch, man ist wer, ein wenig gleicher als die anderen Jünger. Da hat man nicht nur ausgesorgt, sondern auch gleich für sein Image gesorgt: Beim Gastmahl sitzen nach altem Brauch die Ehrengäste rechts und links vom Gastgeber.

Jesus geht zunächst allen Ernstes auf die beiden ein: "Dann müßt Ihr aber auch mein Schicksal mit mir teilen!" "Klar doch", versichern die beiden - und der Bibelleser weiß, was das ist, was Jesus erwartete und auch die Apostel: Bis zum Reich Gottes liegt noch ein langer Leidensweg vor ihnen.

Dann weicht Jesus aus: "Ich verteile hier keine Ehrenplätze." Trotzdem ist der Streit nicht weit; denn die anderen Apostel haben mitgehört und sind jetzt entsprechend sauer auf die beiden. Daraufhin wird Jesus grundsätzlich und nimmt zu ihrem Ansinnen Stellung: "Wer ist der Größte?"

Das wollen wir heute morgen auch unter uns einmal klären. Oder gibt es unter uns keine Rangstreitigkeiten? In der Gemeinde meines Freundes Uwe in Essen jedenfalls war das ganz schrecklich. Er konnte es kaum noch aushalten. Wenn er die Leute auf sich zukommen sah, die ihre Hahnen- und Hennenkämpfe um die Rangordnung in der Gemeinde aufführten, die rangen um Beachtung - durch Reden oder Schweigen, durch Loben oder Meckern - so knurrte er immer: "Da kommen sie wieder, die Talarwanzen."
Um das zu vermeiden - ans Werk. Wenn Sie bitte alle einmal aufstehen würden: Wer ist der Größte? - alle aufstehen lassen -

Oder ist die Körpergröße kein guter passende Maßstab? Dann versuchen wir es mal mit Stärke. Kevin und Hanns-Markus machen eine Vorgabe: - Armdrücken - Wer mißt sich mit dem Sieger? Oder sollen wir es mit Tauziehen versuchen: Kaffeestube gegen Dienstagsgruppe? Chor gegen Gymnastik?

Ist Ihnen das zu äußerlich? Sind Sie mehr für die inneren Werte? Bitte schön, wie wäre es mit einem Test in Klugheit? Francis hat eine Quizfrage für Sie vorbereitet. - Frage stellen - [Wer ist ein Leviathan? A) ein südländisches Gewürz, B) ein Seeungeheuer, C) ein orientalischer Kämpfer oder D) ein persisches Sofa?]

Aber gibt es nicht noch andere Maßstäbe für Größe? Wie ist es mit Ihren musischen Fähigkeiten? Herr Lüsch hat einen musikalischen Test für Sie vorbereitet. - Kantor -

Das sind schon interessante Ergebnisse. Aber - jetzt Butter bei die Fische - ist bei uns nicht der der Größte, der das meiste Geld hat? Geld regiert schließlich die Welt. Also die Geldbörsen heraus, Brieftaschen und Brustbeutel nicht zu vergessen: Wer ist hier der Größte? - zeigen lassen -

Uns fallen bestimmt noch andere Möglichkeiten ein, einzuschätzen, zu messen und zu bewerten, wer in der einen oder anderen Hinsicht der Größte ist.

Aber fragen wir doch einmal nach dem Maßstab Jesu. Damit sind wir wieder beim heutigen Evangelium.

Jesus setzt fort mit einem politischen Seitenhieb gegen die Herrscher und die Mächtigen: Sie unterdrücken und üben Gewalt aus. (Ob das heute so viel anders ist? Nicht nur der Finanzbedarf des Staates wird allmählich zur Gefahr für die Gesellschaft.) Aber verlassen wir das Feld der Politik so schnell wieder, wie Jesus das auch getan hat, und kommen wir endlich zu seinem ureigenen Maßstab. Er lautet: Dienen. "Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein."

Jetzt wird es schwierig. Wie meint Jesus das? Ist ein oberster Diener nicht genauso ein Herrscher wie alle anderen? Servus servorum Dei, Diener der Diener Gottes, ist einer der offiziellen Titel des Papstes, und unser Bischof ist mit dem "Dienst der Leitung" beauftragt. Daß die beiden nicht herrschen, wird doch wohl keiner behaupten. Daß sie sich dabei als Diener, ja Knechte fühlen und an ihrer Aufgabe auch leiden - auch das dürfte nicht nur Insidern bekannt sein. Aber ist das der ganze Unterschied: Kirchenknechte leiden mehr?

Und dann gibt es ja noch eine spezielle christliche Art, sich durch Dienst hervorzutun, die einer meiner Lehrer so ausdrückte: "Christen drängen sich immer auf den letzten Platz vor." Auch er selber stand immer so lange vor einer Tür, bis er höflich einen von uns kleinen Studenten vorlassen konnte. Und wenn er nicht gestorben wäre... Wie also ist das christliche Größenmaß "Dienst" zu verstehen, ohne daß es zur Karikatur verkommt und ohne daß "Dienst" behauptet - aber um so heftiger Macht ausgeübt wird? So daß am Ende die Plätze zur Rechten und Linken Jesu von "Oberdienern" eingenommen werden.

Das christliche Mittelalter gab diese Antwort. Auf diesem Hungertuch, einem Meditationsbild des Schweizer Ratsherrn Nikolaus von der Flüe aus dem späten Mittelalter, sehen wir die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit:
- zeigen -
die Hungrigen speisen,
die Durstigen tränken,
die Nackten bekleiden,
die Fremden beherbergen,
die Gefangenen erlösen,
die Kranken besuchen,
die Toten begraben.

[Daneben gab es noch die geistlichen Werke der Barmherzigkeit:
die Sünder zurechtweisen,
die Unwissenden lehren,
den Zweifelnden raten,
die Betrübten trösten,
das Unrecht geduldig leiden,
denen, die uns beleidigen, gern verzeihen,
für die Lebenden und Toten beten.]

Das war der praktische Maßstab fürs christliche Leben - und er ist es noch heute - nur daß er kein Maßstab für die eigene Größe ist. Martin Luther erkannte, daß hiermit nicht gemessen werden darf, um festzustellen, wer unter uns der Größte ist, sondern: Christliches Dienen ist das Selbstverständlichste von der Welt - kein Wettbewerb um Größe und Anerkennung, sondern eine Sache auf Gegenseitigkeit.

- Stift fallen lassen, einer wird ihn aufheben, danke sagen -

So unspektakulär kann christliches Dienen sein. Eine kleine Hilfeleistung - ohne Anspruch auf Gegenleistung zu erwerben. Wozu auch?

- jetzt läßt der andere etwas fallen und ich hebe es auf -

Einander zu helfen ist doch keine große Sache, sondern so alltäglich, wie die mittelalterlichen Werke der Barmherzigkeit. Wer also ist der Größte? - Jesus ist der Größte. Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.  Auf dem mittelalterlichen Meditationsbild gehen deshalb alle Werke von ihm aus und weisen auf ihn zurück.

Jesus nachfolgen heißt in der Tat, im Übernehmen seines Dienstes, der Verkündigung der Botschaft vom nahen Reich Gottes, Sein, Jesu, Schicksal zu tragen - ohne jedoch einen anderen Lohn zu erwarten als den, den alle anderen auch bekommen. Denn wir haben nur einen Diener - und der ist Jesus Christus. Wir folgen ihm ins Reich Gottes - ganz ohne Wettbewerb auf die vorderen (oder hinteren) Plätze, auch ohne als Oberdiener ein besonders weiches Plätzchen im Himmel zugewiesen zu bekommen.
Amen.
 
 


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