Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Okuli über Lk 9, 57-62

Liebe Gemeinde!
WWJD. Wenn amerikanische Jugendliche eine Entscheidung fällen müssen - in Schule, Beruf, Familie und Freundschaft - fragen sie sich in den letzten Jahren immer häufiger: WWJD? What Would Jesus Do? Was würde Jesus tun? Und an dem, was Jesus in ihrer Situation wohl täte, orientieren sie sich dann.

WWJD. Das sollen sich auch schon gestandene amerikanische Politiker gefragt haben - in unübersichtlichen Situationen, wie nach dem 11. September, in denen sie vor lauter Für und Wider die Übersicht verloren: Was würde Jesus jetzt tun?

Dem Vernehmen nach haben sie sich das auch in den letzten Wochen gefragt.

Aber würde Jesus wirklich tun, was sie nun tun? Spekulieren wir nicht, was Jesus tun würde, hören wir lieber auf das, was er uns sagt, was wir tun sollen. Hören wir klare Worte aus dem Evangelium nach Lukas:

Drei Menschen bekommen da mit Jesus zu tun. Kommt der erste: "Ich will dir folgen." Jesus darauf: "Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege." Den zweiten spricht Jesus selbst an: "Folge mir!" Der scheint auch dazu bereit zu sein, hat aber noch die Verpflichtung, zuvor den verstorbenen Vater zu begraben. Darauf spricht Jesus das berühmte Wort: "Laß die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!" Und auch der dritte will Jesus folgen, nach dem Abschied von seiner Familie, versteht sich. Hier dann das dritte Jesus-Wort: "Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes."

Drei Menschen bekommen mit Jesus zu tun, es kommt jeweils zu einer kurzen Rede und einer kurzen Gegenrede. Und dann ist unmißverständlich klar: Gebt alles auf, was euch daran hindert, mir zu folgen! Geht hin und verkündigt das Reich Gottes! Das heißt: Vertretet nicht eure Interessen, sondern seine. Es geht überhaupt nicht um euch - sondern um Gott. Von Krieg keine Rede. Laßt Gott euer Leben bestimmen! Das aber hat Folgen, ganz persönliche: Du verlierst wichtige Bindungen. Du verlierst die Sicherheit von Wohnung und Familie. Du verlierst alles, woran du dich sonst noch klammerst, alles, was dir wichtig, ja heilig ist. Im Angesicht der nahen Herrschaft Gottes muß das alles zurücktreten. Was andere wichtig nehmen, sehen Jünger Jesu cool.

Weltfremd wirkt diese Haltung und unmodern. Modern ist was anderes. Glaubten die Menschen früher, die Sonne drehe sich um die Erde, lernten sie dann, es sei umgekehrt - so leben heute viele so, als drehe sich die Sonne um sie selbst: Was kostet die Welt? Mein Haus, mein Auto, meine Gesundheit... Autisten hat man uns genannt, krankhaft auf uns selbst bezogen, Menschen, die kaum noch zuhören können und beim Hören nur mitkriegen, was sie bestätigt. Die Folge: In der Schule nur nicht auffallen, den Konfa brav über sich ergehen lassen, beim ersten Geldverdienen aus der Kirche austreten und fleißig sein Ego pflegen, bloß nichts riskieren, aber protestieren gegen alles, was weh tut. Ein moderner Lebenslauf. Ging es bei der Schüler-Demo wirklich nur um die Opfer im Irak - oder auch um Fun? Als einige Kids dem Pommesbudenbesitzer am Pariser Platz aufs Dach stiegen, daß es fast einbrach, fragte der entgeistert: —Ist das Euer Friede?ž Ging es den Großen wirklich nur um die Opfer im Irak oder können sie das Ende ihrer —heilen Weltž nicht ertragen und demonstrieren fürs Gleichgewicht ihrer seelischen Hygiene?

Die Nachfolge Jesu aber ist so leicht nicht zu haben. Sie führt in grundlegende Auseinandersetzungen, die man sich nicht ersparen kann: "Der Fall, daß einer Christus wirklich begegnet und nicht entweder anbetet oder Steine aufliest, ist im Evangelium nicht vorgesehen." Der harte Satz eines Auslegers dieses Bibeltextes. Bei Jesus kann es nur heißen: Ja oder nein zu ihm, pro oder contra zum Reich Gottes. Also entscheidet euch! Wer Jesus nachfolgt, muß sein Leben ändern. Nicht auf mein Bauchgefühl kommt es an, Nabelschau ist nicht gefragt - sondern von sich absehen, auf den kommenden Gott.

Man kann zwar trickreich versuchen, sich vor dieser Entscheidung zu drücken: ein bißchen religiös sein, mit dem Strom schwimmen, den anderen vorschreiben, wie sie als Christen sein sollen: —Du willst Christ sein? Dann mach doch schon mal - am besten was für mich.ž

Selbst der Versuch, an Jesus Maß zu nehmen - What would Jesus do?- kann insgeheim im Dienst der Absicht stehen, sich selbst zu verwirklichen, im Bund mit der Macht Gottes zu sein und so stets auf der sicheren Seite zu stehen. Man kann der Versuchung erliegen, Jesus als Lebensberater in den Dienst der eigenen Fragen zu stellen.

Damit aber kommt man auf dem Weg der Nachfolge Jesu auch nicht weiter als die, die sich für Ihr Leben an den Sternen orientieren oder einen decision maker zulegen - dieses formschönes Gerät nach Art einer Roulettschüssel: Man versetzt es in Bewegung und wartet das angezeigte Ergebnis ab: Ja, nein, warte, kaufe, verkaufe, frag Mutter, bete! So gesehen, funktioniert Jesus wie ein Therapeut und bringt Wohlbefinden.

Jesus live dagegen - das ist die volle Härte: Geh hin und verkündige das Reich Gottes! Wer diesen Weg wirklich geht, wird bald merken, was das heißt. Nie ist man ganz eins mit den anderen, irgendwie immer im Streit, bildlich gesagt: ohne den Schutz einer sicheren Wohnung.

Der Christ - also wohnungslos, ein Obdachloser, ohne Familie? Ist Jesus noch ganz bei Trost? Warum wendet er sich so scharf gegen die Familienbande?

Von vielen Gemeindegliedern weiß ich, wie sehr sie darunter leiden, daß ihre Kinder nicht zum Evangelium gefunden haben; und einige müssen sich sogar von Angehörigen den Vorwurf machen lassen, wie blöd sie seien, sich für die Kirche einzusetzen. Die Einrede durch die Familie ist also wirklich etwas, was sich damals wie heute dem Evangelium in den Weg stellt, manchmal drastisch, manchmal ganz unauffällig, bei jungen Leuten und bei Alten.
Die müssen sich obendrein noch sagen lassen, nur Omas und Opas gingen noch in die Kirche. Ein Kollege hat mal ein Wortspiel daraus gemacht:
Als jünger gelten, das wollen alle,
doch wirklich Jünger sein,
seine Jünger -
wer will das schon?

Doch wer in Jesu Sinne Jünger sein will, kann Brüche und Abbrüche in Kauf nehmen. Und um das wirklich zu können, muß man schon ein gewisses Alter haben. Es hilft jedenfalls dabei. Ich muß mir nicht mehr Stephan Raab antun, um meinen Humor zu beweisen, und Dieter Bohlen hören, um up-to-date zu sein. Ich verpasse nichts wesentliches, wenn das Handy streikt und ich nicht im Mittelpunkt des Interesses stehe. Übrigens: Junge Jünger können das auch.

Früher wäre man seinen Angehörigen - egal ob Kinder den Eltern oder Eltern den Kindern - da vielleicht mit einem Bibelwort gekommen: "Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen!" Das ist heutzutage nicht gerade Berliner Umgangsstil. Jesus ist eben radikaler, als erlaubt ist. Jesus nimmt mehr als Hans Eichel - er nimmt alles. Billiger ist Nachfolge nicht zu haben: nicht ohne diesen Zwangs-Umtausch aller Bindungen: alle weg - bis auf die an Gott. Für den aber gilt: Wer sein Jünger ist, sieht niemals alt aus.

Also doch die Frage: WWJD. Die Antwort: Wer Jesus nachfolgt, hat nur Gott und seine Herrschaft vor Augen - also kommen keine anderen Interessen, weder eigene noch die seines Landes, dem gleich. Das beweist die Radikalität von Jesu Worten: Laß die Toten ihre Toten begraben! Der Verzicht auf militärische Ehren für die gefallenen Soldaten wäre weltlich ein Skandal, entlarvte aber den Kult des Todes, der Opfer in Kauf nimmt und glorifiziert - und macht so frei für das Kommen des Reiches Gottes. Denn würden die Toten wirklich nicht begraben, berührte das ein Tabu, eines der ganz, ganz tiefsitzenden menschlichen Gefühle: Der Anblick unbestatteter Leichen - in CNN und n-tv - er gäbe dem Krieg jenes Gesicht, das er verdient. Und dann wäre er wohl schnell zu Ende.
Der Krieg in Somalia war das traurige Beispiel dafür: Als die Leiche eines amerikanischen Soldaten vor den Kameras der Welt durch den Staub gezogen wurde, brach die Selbstgerechtigkeit des Kampfes um die Neue Weltordnung zusammen, die Truppen zogen ab. Der Preis war zu hoch.

Was hingegen kostet das Reich Gottes?

Das Reich Gottes ist nicht nur unbezahlbar - es ist kostenlos. Gewiß, man verzichtet schon mal auf Dinge, die einem auch wichtig sind (Fußball, Freunde, Feten), weil man Prioritäten setzen muß, wenn nicht alles, sondern allein Gott zählt. Aber wenn man sich auf Jesus einläßt, hat man auch einen Riesenvorteil: Das Leben wird spannend, weil man da ist, wo nicht alle sind, weil man Sachen erlebt, die sonst keiner erlebt. Das Leben bekommt Farbe. Man hat einen, mit dem man sich herrlich streiten kann, der einen fordert und eine Aufgabe gibt: Geh hin und verkündige das Reich Gottes! - Dann ist auf einmal selbst der Konfa nicht mehr langweilig.
Amen.
 
 


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