Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis über Lk 9, 10-17

Liebe Gemeinde!
Es geschah am vergangenen Mittwoch, nach Aufhebung des Rabattgesetzes und der Zugabenverordnung, am ersten Tag des neuen Wirtschaftslebens. Ich habe die Handwerker im Haus. Wir scherzen über das künftige Feilschen. Nach getaner Arbeit unterschreibe ich die Rechnung und sage: —Na, wo bleibt denn jetzt die neue Waschmaschine als Zugabe?ž Sagt der eine, fast schon auf der Straße, mit plötzlichem Ernst: —Und was kriege ich jetzt vom lieben Gott?ž Ich antworte, ernsthaft-scherzend: —Alles, das ganze Leben - und dann noch einen großen Nachschlag!ž Der Handwerker zögert und entgegnet dann: —Dann will ich den Nachschlag auch nicht.ž Nachdenklich bleibe ich zurück. Seine Antwort, für sich genommen unlogisch, wird verständlich, wenn man einen Satz einfügt, den er nicht aussprach, aber offensichtlich dachte: —Dieses ganze Leben kriege ich von Gott? Na, wie das aussieht, bescheiden/beschissen, da verzichte ich gern drauf, das vom lieben Gott zu bekommen - und mehr will ich dann auch nicht.ž Einer der vielen vom Leben und von Gott Enttäuschten. Meine Reaktion darauf - ebenfalls unausgesprochen: Ja, kriegt ihr denn nie genug? Oder will er ein Trinkgeld? Laut: —Na, aber denn einen schönen Tag noch!ž

Anschließend lese ich die biblische Geschichte vom Wunder der Brotvermehrung. Da war es wieder, dieses Thema —Was kriege ich von Gott?ž Und auch die Antwort: —Alles, das ganze Leben - und dann noch einen großen Nachschlag!ž ist nicht fern. Aber unser Handwerker hätte wohl auch an dieser Geschichte wenig Freude, denn selbst wenn er es für glaubhaft hielte, daß Jesus hier mit fünf Broten und zwei Fischen mehr als 5000 satt machte - wie ein Zauberer, der Kaninchen ohne Ende aus dem Hut zaubert - was hätte er selbst denn schon davon?

Wenn es ihm nun wirklich dreckig ginge und er säße hier unter uns, dann könnten wir ihn ja trösten, daß es hier ja eigentlich um unser Teilen gehe. Wenn alle Menschen teilen, dann werden alle satt.

Aber geht es hier wirklich ums Teilen, um immer wieder satt zu werden - wie in den vielen alten und neuen Märchen vom Griesbrei ums Schlaraffenland, vom Dukatenesel, vom nie versiegenden Mehlvorrat? Auf diese Art, durch Teilen, Einteilen und Sparen, hat ja - letzte Woche stand es in der Zeitung - ein italienisches Ehepaar, eingesperrt in einem Fahrstuhl, mit Hilfe selbstgemachter Kartoffelklößchen immerhin acht Tage überlebt. Wird das aus dem wunderbaren Jesusbrot? Wird es aufs Gnocchiformat zurechtgestutzt? Trifft das den biblischen Nagel des Brotwunders so richtig auf den Kopf?

Der Sache näher kommt ein Kinderlied:

Fünf Brote und zwei Fische,
fünftausend werden satt.
Wenn Jesus lädt zu Tische
den, der da Hunger hat.

Er läßt, der Not zu wehren,
der Not in aller Welt,
die Brote sich vermehren,
die er in Händen hält.

Er sagt: Ihr sollt den steilen
Weg gehen bis ans Ziel,
sollt mit dem Bruder teilen,
aus wenig machen viel.

Er sagt: Geh, sei mein Bote,
teil aus an meiner statt,
zwei Fische und fünf Brote,
und alle werden satt.

Was aber sättigt die Menschen da in Wirklichkeit, von denen Lukas in seinem Evangelium erzählt? Sie essen Brot mit Bedeutung. Das macht sie satt. Wie so häufig beim Erzählen bringt uns erst der Schluß der Geschichte auf die Spur, sie so zu verstehen: Und sie aßen und wurden alle satt; und es wurde aufgesammelt, was sie an Brocken übrigließen, zwölf Körbe voll.

Am Ende bleiben also mehr Reste, als zuvor Vorräte da waren. Witzbolde sagen, das sei kein Wunder, das sei zumindest bei Fisch und Artischocken immer der Fall. Aber solche Scherze lenken nur von den 12 Körben ab. Was bedeutet die Zwölfzahl?

Es sind die zwölf Stämme Israels, für die die Reste bestimmt sind, für die hier also gesammelt wird, um sie satt zu machen. Was Jesus in der Tischgemeinschaft aus Jüngern und Nichtjüngern beginnt, hat darin sein Ziel: Die von Gott verheißene (endzeitliche) Sammlung der über die Welt verstreuten Stämme seines Volkes zum großen Mahl - sie hat mit Jesus begonnen. Von diesem Schluß her wird deutlich, daß es beim Wunder der Brotvermehrung von Anfang an um Jesus geht. Er soll uns nahegebracht werden, als Geber und Gabe.

Dazu wird von Lukas nun eine Geschichte erzählt, die Verborgenes sichtbar macht. Er erzählt hier ganz ähnlich, wie es das Johannesevangelium tut: Alles Wunderbare ist verhüllt, nur für die Jünger und die christlichen Leserinnen und Leser erkennbar. Ihnen gehen die Augen auf - und was sie sehen, ist Jesus, der Heilsbringer. Er bringt Heil, indem er Brot verteilen läßt.

Die Geschichte bildet also nicht etwa Sichtbares ab, wie eine Fotografie aus Worten es täte. Es geht also nicht darum abzustimmen - anzukreuzen a), b) oder c):
o Hat dieses Wunder stattgefunden?
o Hat dieses Wunder nicht stattgefunden? Oder
o Hat dieses Wunder in Wirklichkeit vielleicht anders als erzählt stattgefunden?
Wir haben nicht darüber zu entscheiden, wie «wirklichŽ die Geschichte ist. Wunder wollen nicht entschieden, sondern verstanden werden. Darum habe ich gesagt: Die Tischgemeinschaft in der Wüste bei Betsaida ißt Brot mit Bedeutung. Welche Bedeutung hat dieses Brot?

Es ist ein Bedeutungsgemisch aus verschiedenen biblischen Brotgeschichten, das Lukas uns hier anbietet: Eine ist das tägliche Mannawunder auf der Wüstenwanderung des Volkes Israel ins Gelobte Land, die wir als Lesung aus dem AT gehört haben.
Dazu gehören auch die Wundergeschichten der Propheten Elia, den in der Wüste Raben und in der Stadt eine Witwe mit nicht versiegendem Mehlvorrat mit Brot versorgen, und Elisa. Die ist der von der Brotvermehrung in der Wüste besonders ähnlich und besteht aus zwei Teilen: Während einer Hungersnot läßt Elisa für seine Schüler ein Gemüse kochen. Einer bringt ein unbekanntes Rankengewächs - Luther übersetzt: wilde Gurken - und schneidet es in den kochenden Topf. Elisa fügt Mehl hinzu, damit die Leute das unbekannte Gemüse auch essen, denn die stehen da und schreien: —O Mann Gottes, der Tod im Topf!ž (2 Kö 4, 40: Daher unsere Redensart.) Danach bringt ihm jemand zwanzig Gerstenbrote und Getreide zum Verteilen unter die Leute. —Sein Diener sprach: Wie soll ich davon hundert Mann geben? Er sprach: Gib den Leuten, daß sie essen! Denn so spricht der Herr: Man wird essen, und es wird noch übrigbleiben- Und er legte es ihnen vor, daß sie aßen; und es blieb noch übrig nach dem Wort des Herrn.ž

Jesus - ein neuer Elisa? Ja - und noch mehr, denn bei der Wundergeschichte vom Brot mit Bedeutung, das in der Wüste verteilt wird, hat Lukas auch noch die urchristliche Feier des Herrenmahls vor Augen. Die idyllische Szene in der Wüste - war es bei Tabgha am See Genezareth, an dem Platz, wo heute die Kirche deutscher Benediktiner mit dem wunderschönen Mosaik der fünf Brote und zwei Fische steht? - sie spielt sich ab in ordentlichen Tischgruppen à fünfzig. Die reale Situation der Jungen Kirche mit ihrer Mahlfeier nach Tod und Auferstehung Jesu Christi in der Erwartung seiner Wiederkunft scheint durch in diese Szene vor Ostern. Die Welt der Herrschaft Gottes, die —alles, das ganze Leben - und dann noch einen großen Nachschlag!ž bringt, hat hier bereits begonnen.

Damit haben wir die Geschichte fast schon entschlüsselt, haben wir verstanden, was sie uns zu verstehen aufgibt. (Das meint Legende wortwörtlich: Sie gibt uns etwas zu lesen, auszulegen auf - und ist keine falsche Wirklichkeit.) An Jesus werden wir satt. Sein Brot kommt von Gott. In unserer Welt ist es wirkliches Brot. Aber dieses Brot verbindet uns mit Gott. Satt werden wir durch die Welt Gottes, aus der dieses Brot kommt. Und im Jesus-Brot kommt das Reich Gottes in unserer Welt zum Vorschein, wird unsere Welt zu einem Ort, an dem man satt wird - auch wenn wir noch hungern.
Ein Schritt fehlt aber noch bei der Auslegung dieser —Legendež. Wie sagte das Kinderlied? —Geh, sei mein Bote, teil aus an meiner statt.ž Es ist die Feier des Abendmahls selbst. Sie erst legt vollends aus, was Lukas verkündet, indem wir tun, was dort erzählt wird: den Anbruch der Zeit der göttlichen Sorglosigkeit feiern. Ist das nicht unmöglich - inmitten des Chaos dieser Welt?

Martin Luther meinte zu dieser Geschichte: —Eines Christen Amt und Kunst aber ist, daß er mit unmöglichen Dingen umgehe, die dennoch künftig möglich sind. Wer nicht das Unmögliche möglich zu machen lernt, der ist kein Christ.ž Andere Menschen hingegen erwarten, —daß das Evangelium ihnen zu weltlichen Gütern hülfe, Nahrung, Geld, Ehre [und gut Gemach] ihnen brächte, ... sie haben Gott lieb nicht anders denn wie die Läuse den Bettler lieb haben, auf daß sie ihn fressen und das Blut aussaugen und nicht sein Bestes suchen.ž

Vielleicht hätte ich das dem guten Handwerker erzählen sollen, der wissen wollte, was er vom lieben Gott kriegt. Weltliche Güter nämlich nicht. Und wenn er wirklich zu den vom Leben und von Gott enttäuschten Menschen gehört, weil er nicht satt wird oder weil er zu denen gehört, die nicht genug kriegen können, dann hilft nur dies: das Jesus-Brot. Es ist ja noch nicht der Nachschlag, sondern erst Vorspeise, es bringt einen Vorgeschmack von Gottes Welt, die in unsere Welt hineinkommt.
Amen.
 
 


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