Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis über Lk  7, 36-50

Liebe Gemeinde!
Jesus und die Sünderin oder auch: Jesus, die Sünderin und ein Pharisäer - das ist von Anfang an eine biblische Geschichte mit vielen Wendungen und Weiterungen. Lukas hat sie noch ausgemalt, und seither malen sie sich die Christen immer weiter aus. Sie beginnt schlicht und einfach: Es bat Jesus aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch. Ungewöhnlich daran ist allenfalls, daß ausgerechnet ein Pharisäer Jesus zu sich einlädt, mit denen war er doch überkreuz, uneins in der Auslegung des Gesetzes Gottes. Wir merken gleich, das Essen ist nur der Auftakt für das, was kommt.

Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, daß er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Glas mit Salböl und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küßte seine Füße und salbte sie mit Salböl.

Was für ein Auftritt! Im Orient geht doch - damals wie heute - keine anständige Frau von sich aus auf einen Mann zu. Aber es ist ja auch keine anständige Frau, sondern eine stadtbekannte Prostituierte, die da ins Haus eines Pharisäers eindringt - des Hüters der Tugend und des Gesetzes Gottes. Und so eine schmeißt sich nun an Jesus ran und inszeniert eine Liebesszene. Noch heute ist so was für einen Skandal gut, und jeder Promi würde erst einmal einen Fall für die Versteckte Kamera vermuten. Auftritt von hinten: Aufgelöste Haare, Tränenfluten, Küsse auf die Füße. Das sind Körper-Welten! Fußsalbungen - so was gibt's sonst nur privat: zu Hause, in der Familie, durch Frau oder Tochter, oder bei "Lüstlingen und Weichlingen", wie Schriftsteller von damals die Sitten beschreiben. Jesus - behandelt wie ein Weichei? Ganzkörpermassage? Jedenfalls läßt er sich das gefallen.

Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüßte er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.

Menschen wie diese Frau sind dem Pharisäer ein Greuel - nicht nur, weil sie moralisch verwerflich sind oder weil ihr Erscheinen ein schlechtes Licht auf ihn werfen könnte, nein, viel schlimmer: Menschen wie diese Frau, Menschen, die das Gesetz Gottes nicht halten, sind schlicht und einfach an allem schuld. Sünder wie sie verhindern das Kommen des Messias. Gottes Herrschaft hätte sich schon längst auf Erden durchgesetzt, gäbe es nicht Menschen wie diese Frau. Ihre Sünde steht Gott im Wege. So ist diese Frau eine Attacke auf alles, was dem Pharisäer lieb und wert ist. Diese Frau bedroht die Zukunft der Welt. Und Jesus? Der kriegt davon anscheinend gar nichts mit, ein schöner Lehrer!

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es! Genau diese Rolle spielt Jesus jetzt aus, die Rolle eines Lehrers des Gesetzes.

Jesus erzählt ein Gleichnis: Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig. Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er's beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben? Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt.

Liebe Gemeinde! Wie hätten Sie im Fall des erzählten Gleichnisses geurteilt? Hat nicht jeder der beiden Schuldner alles erlassen bekommen, so daß jeder für den Schuldenerlaß gleich, nämlich total dankbar ist? Jesus aber will auf etwas anderes hinaus, er will erreichen, daß der Pharisäer sich selbst überführt und sein Verhalten zu Jesus mit dem Verhalten der Frau vergleicht. Dazu braucht Jesus das Thema "mehr oder weniger" - und die Frage: Wer liebt am meisten?

Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuß gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt.

Der Pharisäer, dieser ehrwürdige Lehrer des Gesetzes, muß sich nicht nur den Vergleich mit einer Hure gefallen lassen - er schneidet auch noch schlecht ab. Jesus sagt doppelt betont: "Sie hat mehr getan, als das, was du nicht getan hast." Aber das Gleichnis rückt den Liebesbeweis jetzt noch in ein anderes Licht: Nun geht es um Liebe und Vergebung. Jetzt konkurrieren zwei Lehrer des Gesetzes um dessen richtige Auslegung. Jesus interpretiert die Liebes-Szene katechetisch als Buß-Akt, als Handeln aus Dankbarkeit.

Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.

Erneut eine Wendung und Weiterung. Es geht um die Vergebung von Sünden. Damit bringt Jesus Gott ins Spiel. Über diese zwei Sätze wird seit Jahrhunderten gegrübelt: Sind der Frau ihre vielen Sünden vergeben, weil sie erst einmal Liebe bewiesen hat oder wird ihr schon zuvor Vergebung zuteil, sozusagen in Anbetracht ihrer Liebe? Anders gesagt: Ist ihre Liebe die Ursache oder die Folge der Vergebung? Oder darf man gar nicht so fragen: entweder - oder? Jedefalls liegt hier ein theologisches, ein dogmatisches Problem ersten Ranges vor, bis heute ist es zwischen den Kirchen der Reformation und der römisch-katholischen Kirche strittig. Worum geht es? Es geht um die Frage nach den Werken: Zählen sie vor Gott, als Werke der Liebe - oder geschehen sie schlichtweg aus Dankbarkeit? Gegen-Liebe ist schließlich keine Gegen-Leistung. Lukas sieht hier zwar noch nicht den möglichen scharfen Widerspruch, den spätere Zeiten erkannt haben, aber schon der zweite Satz (wem ... wenig vergeben wird, der liebt wenig) läuft unmißverständlich auf die Auslegung hinaus: Liebe ist erst Folge der Vergebung.

Der Pharisäer aber ist auf einem völlig anderen Gleis. Wie kommt dieser Wanderprediger überhaupt dazu, ihm mit dem Thema Vergebung zu kommen? Das ist doch Gottes Sache! Eben. Denn nun nimmt die Begebenheit noch eine weitere Wendung und Weiterung. Schon im Handeln Jesu nämlich kommt Gott ins Spiel. Und Jesus sprach zu der Frau: Dir sind deine Sünden vergeben. Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, der auch die Sünden vergibt? Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!

Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden! Das ist die kirchliche Formel für das, was geschieht, wenn Jesus kommt: Mit ihm kommt Gott zu den Menschen und bringt das Heil. Ohne daß wir die theologisch-dogmatischen Einzelheiten erfahren, wie das zustandekommt, die unvorstellbare Kluft zwischen der stadtbekannten Sünderin und Jesus ist überwunden - und der Pharisäer in die Schranken gewiesen, in die Schranken des Gesetzes.

Erst wenn wir uns das so vor Augen führen, rückt das Handeln Jesu ins rechte Licht. Jesus ist hier nicht bloß nett zu einer Außenseiterin - das wäre eine (religions)pädagogische Verharmlosung. Und er tritt nicht bloß ein für eine Frau in verachteter Stellung, weil nicht sie, sondern die Freier das gesellschaftlich-moralische Problem sind - das wäre eine moderne gesellschaftskritische Verharmlosung (Prostitution als Dienstleistungsberuf). Die biblische Situation ist anders: Jesus bringt das Heil, die Herrschaft Gottes. Wer fern von Gott geglaubt wurde, ist nun dabei. Sünde verhindert nicht nur Gottes Kommen, sondern provoziert geradezu sein heilsames Eingreifen. - Eine so enge Gemeinschaft eines Menschen mit Jesus wird im Neuen Testament kein zweites Mal erzählt: Mit Haut und Haar hängt die Frau an Jesus, die Erotik des Salbens, des Füßeküssens und Badens mit ihrem Haar ist unübersehbar. Persönlicher und eindrücklicher kann nicht gesprochen, ein sympathischeres Bild nicht gefunden werden. Diese Frau drückt ihre Liebe aus mit den ihr als Prostituierte zur Verfügung stehenden Mitteln, so, wie sie es am besten kann. Die erlösende Begegnung mit Jesus - auch so kann sie aussehen.

Und ganz am Ende wird die Liebes-Szene noch zum Bild christlich-missionarischen Lebens: Wer Jesus liebt wie diese Frau, wer seine Anhänglichkeit an ihn beweisen will, seine Anhängerin geworden ist - wird zum Gehen veranlaßt. Diese schlichte Beobachtung steht am Schluß und zeigt uns ein Element christlichen Lebens, das wir so verzweifelt nach Halt und Gemeinschaft suchenden Menschen der Gegenwart leicht übersehen: Wer in Jesus Heil gefunden hat, wird von ihm wieder fortgeschickt, ins Leben entlassen. Nicht Klammern oder Klucken, sondern gehen ist der Auftrag, gehen in Frieden. - Wir erhalten ihn bei der Feier des Abendmahls: "Gehet hin in Frieden!"

Aus ganz frommen Kreisen in Süddeutschland, ausgerechnet aus dem ländlichen evangelischen Franken habe ich die dazu passende - durchaus selbstkritische - Bemerkung gehört: "Christen - und ganz besonders die Berufschristen, die Pfarrer - sind wie ein Misthaufen auf dem Bauernhof. Zu einem großen Haufen aufgetürmt, stinkt es fürchterlich, erst verteilt aufs Land sind sie erträglich - und nur so sind sie fruchtbar!"
Amen.
 
 


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