Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Invokavit über Lk 22, 31-34

Liebe Gemeinde!
Was haben der Teufel und Dieter Bohlen gemeinsam? .... Beide —siebenž, d.h. sie rütteln und schütteln Menschen, sie suchen aus, sie trennen, sie selektieren - wie man das Korn nach der Ernte schüttelt, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Der eine sucht den Superstar, der andere testet Glauben. Gemeinsam ist beiden, daß sie die Brauchbaren herauszufiltern suchen oder - im Bild vom —Siebenž gesprochen: Gesucht wird, wer nicht durchs Raster fällt. Uns sind Fragen wie diese also nicht fremd: Bringst duŽs ? Hast duŽs drauf? Und der Streß beginnt, die Auswahl. Als ich aufs Gymnasium kam, wurde das noch offen ausgesprochen: —34 in einer Klasse? Das sind zu viele. Da werden wir noch gehörig sieben müssen.ž Am Ende blieben nur 16 übrig. Gesiebt zu werden ist also nicht gerade eine schöne Erfahrung. Das haben wohl alle von uns schon erlebt - ob in der Schule, im Sport, in der Ausbildung oder im Beruf. Jetzt klagen zwar viele - bis hin zu unserem Bischof - über Dieter Bohlens starke Sprüche (—Dich haben sie wohl bei der Mülltrennung in den falschen Eimer gesteckt.ž), andere aber sagen: Da muß eben durch, wer ein Star werden will. Per aspera ad astra, sagten die alten Lateiner: Nur durch harte Zeiten gehtŽs zu den Sternen. Aber muß es denn gleich so sein, so hart, so unbarmherzig? Britney Spears und Robbie Williams sind in der vergangenen Woche daran zerbrochen, an dem beständigen Druck - und das sind nur die, die wir kennen. Was ist mit den vielen Unbekannten und Ungenannten, auch in unseren Reihen?

Der Begriff der Selektion, der Auswahl, erinnert dabei an die dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte. Und er bestimmt auch unser Leben: Warum ich? Wer hätte sich das noch nicht gefragt - bei einer Krankheit vielleicht oder bei einem anderen Schicksalsschlag. Als Charles Darwin den Mechanismus der Selektion im Sinne des Überlebens der Tüchtigsten zum Motor der biologischen Evolution erklärte, hat das das menschliche Selbstbewußtsein mächtig angekratzt. Die Menschen sahen sich einer Macht ausgeliefert, die über sie bestimmte und ihnen nicht wohl gesonnen war. Selektion - ein anderes Wort für den Teufel? Bedrohlich ist das. Und nun auch noch Jesus:
Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen.  Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder. Er aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. Er aber sprach: Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, daß du mich kennst.

Auch Petrus und die Jünger werden gesiebt. Und sie fallen durchs Raster. Aber anders als bei der biologischen Selektion oder bei der Schoah ist damit nicht Schluß für die Opfer. Es gibt Umkehr, Bekehrung, eine neue Chance. Darüber habe ich diese Tage mit den Konfis gesprochen - über die alte Tradition der Beichte. Beichten - wie geht das? Als Kind habe ich dazu die 5 bs kennengelernt - besinnen, bereuen, bekennen, bessern, büßen. Daraus setzt sich die christliche Beichte zusammen (zu finden im Gesangbuch ab Nr. 792). Ein Konfirmand verbesserte gut biblisch: büßen?, nein: bekehren. In der Tat, liebe Gemeinde, das paßt besser zum heutigen Predigttext am Sonntag Invokavit, dem ersten Sonntag der Passionszeit, der —österlichen Bußzeitž, wie sie unsere katholischen Mitchristen nennen: die Umkehr. Jesus kündigt an, für Petrus zu beten, daß sein Glaube nicht aufhört, daß er sich bekehrt und anschließend seinen Jüngern zur Stütze wird.

Zuvor aber fällt auch Petrus durch Raster, wird er gesiebt. Trotz seiner kräftigen Worte - Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen - trotz der beim Evangelisten Johannes überlieferten Verteidigungsaktion mit dem Schwert und dem «appenŽ Ohr - der Knecht hieß Malchus - verleugnet er Jesus: Ich kenne ihn nicht - und das dreimal, also vollständig, im Sinne der geläufigen Bekräftigungsformel, die wir noch aus Goethes Faust kennen: —Du mußt es dreimal sagen.ž

Auch dieser Petrus also fällt durch Raster - Hochmut kommt vor dem Fall - aber durch Jesu Fürbitte kann er umkehren, wird er umgekehrt und wird für die ersten Christen die große Leitungsfigur. Bis zum heutigen Tage wird der Petrusdienst des Papstes von vielen bewundert, der Dienst, mit klaren Weisungen zu sagen, was christlich gesehen —Sachež ist.

Andererseits hat dieser Dienst auch die Kirchen voneinander getrennt - und selbst von den Bewunderern des Papstes sind nur die wenigsten bereit, sich von ihm wirklich etwas sagen zu lassen. Dabei müssen wir gar nicht so weit gehen, um den Petrusdienst wirklich erleben zu können, den Dienst des - wie hieß es noch gleich? -Stärke deine Brüder. Liebe Gemeinde, ich denke dabei an Sie selbst, an Euch alle und ganz besonders an die, die diesen Dienst mit großer Regelmäßigkeit versehen, jeden Sonntag: Ich meine nämlich diese Veranstaltung sonntags um Zehn: den Gottes-dienst. Daß es jeden Sonntag Menschen gibt, die ihre vielfältigen Verpflichtungen oder ihre Freizeit vom Gottesdienst unterbrechen lassen, das ist ein Dienst, der die anderen stärkt. Ohne die Gottesdienstgemeinde als Trägerin des Gottesdienstes ginge es nämlich nicht - nicht weil Herr Lüsch und ich dann allein wären, sondern weil die anderen es wären, wenn sie einmal in die Kirche wollen. Wenn dann keiner da wäre, wenn sie sich einmal einklinken wollen, sich der Gemeinschaft der Glaubenden anschließen wollen - aber die unsichtbar bliebe. Gottesdienst stärkt die Schwestern und Brüder. Danke dafür, denn Sie stärken die Schwestern und Brüder, leisten den Petrusdienst - mehr als jene Kulturschaffenden es tun, die in halboffenen Briefen über schlechte Gottesdienste klagen. Was haben sie davon? Sie haben ein paar Spalten in der Presse gefüllt und siebzehn Zeilen Antwort vom Bischof. Aber: Haben sie die Schwestern und Brüder gestärkt - oder haben sie sich selbst schon aus dem Sieb der Anfechtungen verabschiedet in die sichere Position des Kritikers? Und einer ihrer Kollegen präsentiert uns ab Morgen einen Film über das ultimative Grab Jesu und seiner Familie - das wer-weiß-wievielte. Als Höhepunkt wird der Deckel des Sarkophages geöffnet: leer - oder voll? Das ist hier die Frage - und wieder einmal sollen Fakten den Glauben widerlegen. Dazu wird auch immer wieder all das Leiden der Welt beschworen: Wie kann Gott das zulassen? Auf die Antwort, eine Antwort wie die des heutigen Predigttextes vom Sieben durch den Teufel aber hören sie nicht - weil sie zu Hause bleiben. So ist die geringe Zahl der Teilnehmer am evangelischen Gottesdienst keine geringe Anfechtung für all jene Menschen, die auf der Suche sind, auf der Suche nach einem Ort, wo der christliche Glaube noch deutlich bekannt wird. Und vielleicht quält Sie das ja auch...

Denn auch wir müssen uns fragen: Können wir ein solcher Ort, ein Ort des Glaubens sein? Wie lange noch? Zu meinen schmerzlichsten Erlebnissen gehören Begegnungen mit Menschen, denen wir nicht gut genug sind, die es gern schöner haben wollen oder einfach nur eine volle Kirche und die uns deshalb meiden oder nur kommen, wenn es besonders —schönž ist. Oder dann, wenn sie den Gottesdienst —brauchenž. Dabei braucht der Gottesdienst sie. Warum? Der Teufel siebt immer noch...

Die fromme Überlieferung in Jerusalem (einige erinnern sich an den vorigen Sonntag) hat darum auch für dieses Ereignis einen Ort gefunden, am Ölberg, und hat dort eine Kirche gebaut: San Pietro in Gallicantu, also etwa: Sankt Peter zum krähenden Hahn. Und was der nachdenkliche Besucher als erstes sieht, wenn er das Gelände des Kirchleins betritt, ist... ein prächtiger Hahn, lebendig und krähend (frühmorgens jedenfalls) - und er mag denken an seine eigene Verleugnung Jesu. Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Simon Petrus ist kein Einzelfall, sondern ein Modell, ein Modell für die Christen, für ihre Umkehr. - Und da ist ja noch einer, der siebt, —der Diederž. Dieter Bohlen erklärt den Sieger von DSDS zum —Superstarž. (Andere mögen aufgrund der Erfahrungen mit anderen Superstars - kennt sie noch einer? - in ihm schon jetzt eher ein künftiges Opfer der Musikbranche sehen.) Superstars? Ach, nee. So voll brauchen wir den Mund nicht zu nehmen, wir Gläubigen. Wir haben ja den Superstar - Jesus Christ, Superstar (wie ihn das alte Musical nennt). Selber brauchen wir keine Superstars zu sein - auch wenn wir - rein menschlich gesprochen - und uns jetzt und hier sicher über die Anwesenheit von Superstars freuen würden, über ein wenig Glanz in unserer Hütte, über JLo und Robert de Niro -  nicht als Gäste bei der Berlinale, sondern in unserer Kirche. Einmal nicht in der Minderheit sein, sondern im Trend zu liegen, ja den Trend bestimmen, ach ja... - aber wie schnell könnten wir dabei wieder durch das Sieb fallen, durchs teuflische Raster. Denn —wenn der Mensch Gott spielt, geht er durch die Höllež (Zitat aus einem Krimi). Halten wir es also lieber mit jenem Steppke aus dem alten Berlin, der vom König gefragt wurde: —Na, Kleiner, was willst du einmal werden?ž Seine schlichte Antwort: —Groß.ž
Amen.
 
 


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