Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt am 2. Sonntag im Advent über Lk 21, 25-33

Liebe Gemeinde!

Ich kommŽ, weiß nit woher,
ich bin und weiß nit wer,
ich lebŽ und weiß nit wann,
ich fahrŽ, weiß nit wohin:
Mich wundertŽs, daß ich fröhlich bin.

Fröhlich? Das war Gestern. Die Klagen der Kyrie-Litanei noch im Ohr, heute: allgemeine Lustlosigkeit, dazu noch persönliche Sorgen - was anders als Grabesstimmung herrscht im Lande? Grabesstimmung und Untergangsphantasien: —Für meine Zukunft sehe ich - schwarzž. Noch ist die Stimmung zwar schlechter als die Lage - aber das ist nur eine Frage der Zeit. —Mir gehtŽs ja noch so einigermaßenž, sagen die meisten, aber die Wirtschaft liegt schon danieder. Die Erwartung schlechter Zeiten bringt sie herbei. Sparen ist angesagt. Aber Kaufunlust dreht an der Steuerschraube. Im Kanzleramt treffen vorsorglich schon die —letzten Hemdenž ein - bevor sie einem genommen werden. Das Jahr 2002, das Jammerjahr. Und jetzt das noch:

Jesus sprach zu seinen Jüngern: —Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. - Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wißt ihr selber, daß jetzt der Sommer nahe ist. So auch ihr: wenn ihr seht, daß dies alles geschieht, so wißt, daß das Reich Gottes nahe ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.

Zeichen an Sonne, Mond und Sternen - hier herrscht nun wirklich Weltuntergangsstimmung. Die Ordnung der Schöpfung löst sich auf, das Chaos kehrt zurück. Und all das ist erst das Vorspiel. Aber schon das Vorspiel reicht aus, daß die Menschen sterben - vor lauter Angst. Angst ist ein schlechter Ratgeber, Angst lähmt, Angst ist tödlich. Sie tötet schon vorab. - Die so vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde, denen entgeht, was dann noch folgt: das Kommen des Menschensohns.

Der Menschensohn ist eine Gestalt der Endzeit, die schon in den jüdischen Endzeiterwartungen eine Rolle spielt - als Herrscher inmitten des Chaos. Für den Evangelisten Lukas ist dieser Menschensohn kein anderer als Jesus Christus. Darum malt er hier mit Worten ein großes Bild, sein eigenes —Jesus-Videož: Der in der Apostelgeschichte in einer Wolke gen Himmel verschwand, kehrt einst zurück: Alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Liebe Gemeinde, im Chaos naht unsere Erlösung - das ist der Punkt, den Lukas setzt. Die einen versetzt das Chaos in Todes-Angst, für uns ist es Vor-Zeichen der Erlösung. Während die einen noch jammern und vor Entsetzen wie gelähmt sind, ist für uns der Retter schon in Sicht. Zwar schwimmen auch wir im tobenden Meer, Schiffbrüchigen gleich - aber wir recken die Köpfe hoch und sehen erhobenen Hauptes den Retter kommen. Das, liebe Gemeinde, ist die gute Nachricht, die Lukas für die christliche Gemeinde hat. Das ist sein besonderer Trost. Nicht die Scheidung zwischen Gut und Böse hat Lukas vor Augen, sondern die Erlösung.

Auch anderer Trost im Chaos wäre denkbar - etwa nach Art weisheitlicher Sprüche:
—Und aus dem Chaos sprach ein Stimme zu mir: —Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen!ž
Oder:
Ich sehe Licht am Ende des Tunnels.
Oder die arabische Weisheit:
Ich klagte, weil ich keine Schuhe hatte - bis ich einen Mann ohne Füße sah.
Das ist Trost, der darauf aufmerksam macht, daß das eigene Leiden doch begrenzt ist - und so Hoffnung zu machen versucht; denn das Chaos könnte ja noch viel schlimmer sein. [Solcher Trost kann zu Taten führen: Seit einiger Zeit ist Frau Rößler unterwegs mit einer Unterschriftenliste gegen Landminen. Wer das unterstützen will, trage sich ein... Ein Schritt inmitten des Chaos gegen das Chaos.]

Chaos neulich auch in Mombasa: Die Geräusche der Explosionen hat er noch gehört, die explodierenden Raketen, die das israelische Flugzeug knapp verfehlten, und die mit Maschinenpistolen aufgeregt herumfuchtelnden Soldaten danach, dann hob sein Flieger ab. —Ich war eben noch nicht dranž, meinte mein Friseur zu mir. Schicksalsergebenheit - auch eine Überlebensstrategie.

Selbst sanfter Zynismus läßt uns im Chaos überleben:
—Und aus dem Chaos sprach ein Stimme zu mir: —Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen!ž Und ich lächelte und war froh - und es kam schlimmer!
Oder: Ich sehe Licht am Ende des Tunnels. Aber es war der auf mich zurasende Zug.

Lukas jedoch sieht etwas anderes. Er sieht Jesus Christus auf uns zukommen - als Retter aus dem Chaos. Bloß: Wann? Wann wird das sein? An einen bestimmten Zeitpunkt denkt Lukas schon nicht mehr. Darauf kommt es auch nicht an. Denn wie die Erwartung schlechter Zeiten diese geradezu heraufführt, so bringt die Erwartung des Erlösers denen, die ihn erwarten, schon ein Stück Freiheit inmitten des Chaos. Ja, das Chaos selbst ist schon Anzeichen seines Kommens, Zeichen des nahen Reiches Gottes - so wie grünende Bäume Anzeichen des Sommers sind. Und dann kommt ein geheimnisvoller Spruch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht.

Wer ist damit gemeint? Wer ist dieses Geschlecht? Man hat verschiedene Möglichkeiten ausprobiert. Es könnte die zur Zeit des Lukas lebende Generation von Menschen gemeint sein. Das wäre vom Lauf der Zeiten überholt. Ist vielleicht das Volk der Juden gemeint? Der Gedanke kommt bei Lukas allerdings sonst nicht vor. Oder ist die Christenheit, vielleicht sogar die Menschheit überhaupt gemeint? Fallen also Ende der Welt und Ende der Menschheit ineins?

Naturwissenschaftlich gesehen, könnte das im Fall einer gewaltigen kosmischen Katastrophe durchaus sein (wenn das auch äußerst unwahrscheinlich ist, wahrscheinlicher wird die Erde den Menschen um Jahrmillionen überleben) - aber macht die Bibel wirklich solche Prognosen? Was ist das eigentlich Unvergängliche an diesen Worten, wie abschließend bekräftigt wird?

Lukas überliefert dieses Wort ja als Wort Jesu. Dann können wir es auch auf ihn selbst beziehen, also auf ihn als den Beginn der Endzeit, einer Endzeit, die schon mit Jesu Tod und Auferstehung begann. Nach Lukas hat die Endzeit also bereits begonnen, vor fast 2000 Jahren - und das Chaos in uns und um uns ist Anzeichen, daß auch die noch ausstehenden Verheißungen erfüllt werden werden. Die Generation Jesus - sie wird leben!

Wieder zeigt sich, daß wir Adventsmenschen sind, Menschen, die leben in Erwartung des kommenden Christus. Weltuntergangs-Stimmung, dieses Wort bekommt nun einen besonderen Klang: Es beschreibt unser Leben angesichts des kommenden Retters, ein Leben zwar im Chaos, doch ohne Todesangst.

—Sonne, Mond und Sternež - wenn wir das hören, dann denken wir also nicht gleich an den Weltuntergang, sondern bloß an ein Lied, ein Martinslied: —Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne...ž. Mit seinem Fest begann früher ja die Adventszeit, die erwartungsvolle Vorbereitung auf die Wiederkunft Christi - ganz ohne Weihnachtsstress. (Schlimmstenfalls sorgen wir uns um die Laterne: daß sie nicht verbrennt!)

Und beim —Letzten Hemdž denken wir nicht nur an eine bevorstehende weltwirtschaftliche Katastrophe, sondern - an das Märchen von den Sterntalern. Wie war das noch gleich? Das fromme Mädchen gab auch noch das wenige, was ihm zum Leben geblieben war: das letzte Stück Brot und die Kleider auf dem Leib:

—Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel und waren lauter harte blanke Taler: und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues an, und das war vom allerfeinsten Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein Lebtag.ž

Ein Märchen, sicher, keine wirtschaftspolitische Zielvorstellung - aber auch eine Glaubensgeschichte: Dieser Reichtum stammt vom Himmel - und sogar das letzte Hemd. Was dem Kanzler geschickt oder den Armen gegeben wird - es ist lediglich das vor-letzte Hemd (eigentlich das drittletzte.) Denn auch was der Volksmund das —letzte Hemdž nennt, das keine Taschen hat - es ist nur das vorletzte. Das —letzte Hemdž in diesem Märchen von der Rettung aus größter Not hat Taschen: Es nimmt den Himmel auf. Es wird uns vom Himmel gegeben.

Ich kommŽ, weiß nit woher,
ich bin und weiß nit wer,
ich lebŽ und weiß nit wann,
ich fahrŽ, weiß nit wohin:
Mich wundertŽs, daß ich fröhlich bin.

Hans Thoma hatte das gedichtet. Sein Gedicht geht noch weiter:

Da mir mein Sein so unbekannt
gebŽ ich es ganz in Gottes Hand -
die führt es wohl so her wie hin:
Mich wundertŽs, wenn ich noch traurig bin.
Amen.
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite