Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 1. Sonntag im Advent über Lk 1, 67-79

Liebe Gemeinde!
Ein außerirdischer Besucher kündigt sich an. Abseits der großen Städte der Welt will er in einem kleinen Dorf einigen irdischen Auserwählten erscheinen und schickt zur Vorbereitung seiner Ankunft einen Boten, der unter wundersamen Begleiterscheinungen diese Menschen zu Zeugen des außerirdischen Besuches machen soll.

Stellen Sie sich nun einmal vor, Sie seien Filmproduzent, irgendwo hier in Berlin oder auch in Hollywood, und was sie gerade gehört haben, sei die Idee eines Autors für ein Projekt. Als alter Profi im Geschäft wissen Sie natürlich, daß diese Idee nicht gerade originell ist, aber der Autor läßt nicht locker. Immer wieder reicht er sein Drehbuch ein, unter verschiedenen Titeln: —Der Besucherž oder —Ich kommež oder  —Subitož. Subito - was soll denn das? Sie erinnern sich an ein leidiges Urlaubserlebnis in Italien: Immer wenn Sie endlich erfolgreich einen Kellner herbeigewinkt hatten, ihre Bestellung losgeworden waren und die mit dem Wort subito (sofort) kommentiert worden war, dann, ja dann hat es echt lange gedauert, bis der Cappucino endlich kam. Aber gekommen ist er immer. —Subitož - der Filmtitel, eine Anspielung darauf? Sie werden neugierig. Vielleicht kann aus dem Projekt doch noch was werden - mit viel Tricktechnik, Licht- und Soundeffekten, viel Mystery. Mit den richtigen Schauspielern und guter Werbung unter einem geheimnisvollen Titel. Subito - das könnte gehen.

Bald sitzt der Autor ihnen gegenüber. Bei der Vorstellung hat er nur seinen Vornamen genannt, Lukas, und als sie sein Projekt hören, verschlägt es ihnen die Sprache. Lukas sucht nämlich keinen Produzenten, keinen Filmemacher, der seine Idee zu einem Science-Fiction Film verarbeitet, Lukas sucht Sie - als Mitspieler, als Akteur in der Handlung, von der er behauptet, es sei das Drama Ihres Lebens. Ihr Leben hinge davon ab, ob Sie dabei mitspielten oder nicht. Lukas stellt sich vor als Bote Gottes.

Liebe Gemeinde, wie würden Sie jetzt reagieren? Den Mann rauswerfen und den Sicherheitsdienst alarmieren? Ihm die Adresse Ihres Psychiaters weitergeben? Oder nach der «Versteckten KameraŽ suchen? (Verdacht: Da will Sie einer vorführen.) Solche Geschichten vom Kommen eines Außeriridischen sind ja schließlich so verbreitet, als mehr oder minder unterhaltsame Geschichten, daß das wirklich Mysteriöse dabei leicht untergehen kann. Bin ich jetzt im falschen Film - oder ist das die Wirklichkeit? Und das ist nicht erst heute so, in der Zeit der medienhaft vervielfältigten Mythen - schon in der Antike sind Geschichten vom Kommen eines Außerirdischen nicht unbekannt. Immerhin: Damals wußte man noch: Wenn da einer von Außen kommt, dann ist er ein Götterbote, ein Besucher mit einer Botschaft von Oben. Und darauf sollte man durchaus hören.

Auch der Evangelist Lukas erzählt eine solche Geschichte, aber seine Geschichte ist nicht die Geschichte eines Götterboten wie in den Mythen seiner Zeit. Sie will wirkliche Geschichte sein, Geschichte der Menschen, unsere Weltgeschichte. Lukas erzählt das Kommen Jesu so, daß reale Menschen dabei eine Rolle übernehmen müssen. Sonst geht die Geschichte nicht. Aber es ist trotzdem kein menschlich inszeniertes Spiel, da lauert keine «versteckte KameraŽ, sondern ein von Gott her inszeniertes Stück Welttheater, das auf der Bühne meines eigenen Lebens spielen will. Sofort - oder eben italienisch verzögert: Subito. Wie ist das gemeint?

Das Drama beginnt mit einer längeren Vorgeschichte, ganz nach biblischer Art, voller Anspielungen auf die Geschichte des Volkes Israel. Ein frommes Ehepaar, der Priester Zacharias, von der Ordnung Abija, also Rang 8 in der Hierarchie, bloß zwei Wochen Tempeldienst im Jahr, und seine Frau Elisabeth, aus dem Priestergeschlecht der Aaroniten, mit Kinderlosigkeit geschlagen, bekommen im hohen Alter noch ein Kind - wie einst Abraham und Sara. Zacharias hat es daraufhin die Sprache verschlagen. Er verstummt - aber nicht wie neulich Pavarotti, sondern er verstummt, von Gott dafür gestraft, daß er der Botschaft des Engels keinen Glauben schenkte, der Botschaft vom Kommen eines außergewöhnlichen Kindes.
 

Das Kind wird geboren, da löst sich Zacharias die Zunge. Bei der Feier der Beschneidung des Kindes stimmt er ein Lied an, einen Lobpreis auf das Handeln Gottes:
Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils im Hause seines Dieners David - wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten -, daß er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen, und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund und an den  Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben, daß wir, erlöst aus der Hand unsrer Feinde, ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang  in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.
Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, daß du seinen Weg bereitest, und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Ein Lied vom rettenden Handeln Gottes: Gott kommt und rettet sein Volk. Er ist der außerirdische Besucher, der endlich seine Verheißungen an Abraham wahrmachen wird: lange erwartet, endlich angekündigt, bald ist er da, der Besucher, wann?, ich komme, subito. Wahnsinn! Wie Worte finden? Wortfetzen rufen alte Hoffnungen auf. Worte sind zu wenig, Lobrufe brechen aus Zacharias hervor. Alles wird gut, endlich, und das macht Gott durch seinen Boten. Das Kind mit Namen Johannes - bald Wegbereiter des Höchsten. Ist Gott schon da? Oder kommt er erst noch? Hat sein Handeln nicht schon begonnen, als Zacharias wieder reden konnte? Oder zuvor, als der Engel kam? Jedenfalls deutet das Loblied des Zacharias das Wirken des Johannes - und weist voraus auf Jesus Christus. Er ist das Licht, das —aufgehende Licht aus der Höhež, das uns besucht hat wie im Osten die Sonne aufgeht.

Licht ist in der Sprache der Bibel Gottes erstes Geschöpf: —Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.ž (1. Mose 1, 3) Licht ist aber auch - besonders in der Dichtung der Psalmen - ein Bildwort für Gott selbst: —Der Herr ist mein Licht und mein Heil.ž (Ps 27, 1) Gott, der —Lichtž ist, öffnet uns die Augen und läßt uns das geschaffene Licht sehen: —In deinem Licht sehen wir das Licht.ž (Ps 36, 10) Die alten Philosophen sprachen vom unerschaffenen und vom erschaffenen Licht. Licht wird ein von der Bibel bevorzugter Vergleich für das, was von Gott kommt und beim Menschen ankommt. Licht ist also ein treffender Ausdruck für Gott, wie er unserer Welt nahe ist. Licht verbindet Gott und Mensch. Aus der —Höhež, dem Raum Gottes, kommt es und besucht uns. Das Johannesevangelium bringt den Lichtvergleich auf den Punkt und spricht im Zusammenhang mit der Sendung Jesu davon, —daß das Licht in die Welt gekommen ist.ž (Joh 3, 19) Uns ist also in Jesus Christus ein Licht aufgegangen, Gottes Licht. In seinem Licht erst können wir sehen - auch das Dunkel. Zwar ist der tröstliche Spruch wahr, daß alle Finsternis der Welt nicht ausreicht, das Licht einer einzigen Kerze auszulöschen, aber auch seine Umkehrung: Erst im Schein einer Kerze nehmen wir die Finsternis als Finsternis wahr.

Schon die Alte Kirche betete den Lobgesang des Zacharias alle Morgen - im Wissen darum, daß Jesus Christus uns besucht hat wie das am Morgen im Osten aufgehende Licht und wiederkehren wird als das Licht, das die Finsternis endgültig vertreibt. Seitdem hat die Kirche nicht aufgehört es zu beten und zu singen - ein Lied geht um die Welt. Besonders in Zeiten der Verfolgung hatten die Christen dadurch den Trost vor Augen: Christus wird kommen, bald - oder eben: subito.

Und genau in dieser Absicht erzählt der Evangelist Lukas diese Geschichte vom Kommen Gottes wie ein Drama, in dem wir eine Rolle spielen, die Rolle unseres Lebens. Wir übernehmen unseren Part, indem wir wie Zacharias das Lob Gottes verkünden, der sein Volk besucht hat. Zacharias —wurde vom heiligen Geist erfülltž, sagt Lukas. Auch wir. Darum blicken wir nicht wie Zuschauer zurück auf eine alte mysteriöse Geschichte, sondern wir spielen mit - und zwar live. Die Geschichte geht weiter als unsere Geschichte.
So hat Lukas, der Bote Gottes, auch heute wieder Menschen gefunden, die auf der Bühne ihres Lebens das Drama Gottes zum eigenen machen - und ist nicht abgeblitzt wie einer, der bloß eine Phantasiegeschichte erzählen lassen will. Hängt nicht alles davon ab, ob wir dabei mitspielen? Wir jedenfalls haben unsere Chance genutzt - so daß auch andere ihre Chance bekommen können, die Rolle ihres Leben zu spielen. Gott sei Dank, der uns mit dem heiligen Geist erfüllt hat, so daß wir das Lied vom Kommen Gottes sprachen, statt stumm zu bleiben.

Und wann kommt er denn nun endlich, um alle seine Verheißungen wahrzumachen? Bald? Kann sein. Kann aber auch sein, das wir noch lange warten müssen. Egal: eben Subito.
Amen.
 
 


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