Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis über Lk 19, 1-10

Liebe Gemeinde!
Auf der Durchreise nach Jerusalem kehrt Jesus in Jericho beim Zollpächter Zachäus ein. Hören wir diese biblische Geschichte aus dem Evangelium nach Lukas als Nacherzählung - für Kinder:

Auf dem Weg nach Jerusalem kam Jesus durch die Stadt Jericho. Als sich die Nachricht von seinem Kommen verbreitete, da liefen viele Menschen auf der Straße zusammen. Sie alle wollten Jesus sehen. Unter ihnen war auch ein Mann mit Namen Zachäus. Der war ein Oberster der Zöllner und ein reicher Mann. Auch er wollte sehen, wer Jesus wäre. Aber daraus schien nichts zu werden, dann er war klein. Und da er ganz hinten stand, konnte er nichts sehen. Da lief er vor, wo Maulbeerfeigenbäume standen. Die hatten breite Äste, so daß man bequem hinaufklettern konnte. Das tat Zachäus dann auch. Dort oben hatte er einen wunderschönen Platz. Nun wartete er drauf, daß Jesus kommen sollte.
Und Jesus kam. Aber als er ganz nahe war, da hatte Zachäus trotz seines guten Platzes gar keine Gelegenheit mehr, Jesus zu betrachten; denn er hatte gar keine Zeit mehr dazu. Jesus sah nämlich auf und sah ihn an, wie er da auf dem Baume saß. Und er sprach zu ihm: —Zachäus, steig eilend hernieder; denn ich muß heute in deinem Hause einkehren.ž Zachäus hatte gar keine Zeit mehr, sich zu überlegen, was er dazu sagen sollte. So kletterte er schnell von dem Baum herunter, ging mit Jesus in sein Haus und nahm ihn dort mit Freuden auf.

Als die Leute das sahen, da murrten sie alle, daß Jesus in das Haus des Sünders ging. Zachäus aber war von dieser Stunde an ein neuer Mensch. Als sie im Hause waren, trat er zu dem Herrn und sprach zu ihm: —Siehe, Herr, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen. Wenn ich jemand betrogen habe, so gebe ich es ihm vierfach wieder.ž Jesus aber sprach zu ihm: —Heute ist diesem Haus Heil wiederfahren, weil er auch Abrahams Sohn ist; denn des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.ž

Die Geschichte vom Zöllner Zachäus - ist das wirklich eine Kindergeschichte? Das Evangelium nach Lukas erzählt diese Begebenheit als Geschichte einer Ankunft, als Adventsgeschichte: —Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit!ž Jesus kommt an als der rettende Gesandte Gottes. Diese Geschichte erzählt Lukas so, daß er viele andere Aspekte miterzählt.

Da ist die Stadt Jericho, stolz auf ihr Alter als vermeintlich älteste Stadt der Welt. Über Jericho nahm das Volk der Israeliten das Gelobte Land in Besitz, seine befestigten Mauern waren gefallen, als man nach Jerusalem hinauf zog. Die Posaunen brachten sie zum Einsturz, wird erzählt. —In welcher Tonart waren sie gestimmt?ž fragt der Witz. Antwort: —In d-moll. Weil sie die Mauern de-moliert haben.ž Eine Erfolgsgeschichte - wie im Märchen.

Jericho - das ist auch die Oase in der Wüste, fruchtbar und bunt, alle möglichen Früchte wachsen hier. Hier ist die Gastfreundschaft zu Hause - bis heute. Ich erinnere mich an eine köstliche Mahlzeit in Jericho, mit allem, was die palästinensische Küche zu bieten hat, als wir dort zu Sylvester 1996 auf dem Weg nach Jerusalem hindurchzogen. Und auch unser israelischer Reiseleiter war von seinen palästinensischen Freunden eingeladen - eine Erholung nach der stressigen Reise duch die Wüste: Timna, Massada, Qumran, Jericho.

Jericho, das ist auch die Grenzstadt, heute wie damals. Damals die Stadt des Zachäus. Das war sie wohl wirklich, denn Zachäus war Generalpächter der römischen Steuerbehörde. Wahrlich kein kleiner Mann, eher schon ein gefürchteter; denn er hatte sich nicht nur mit den römischen Besatzern eingelassen, in deren Auftrag er die Steuern einzog, sondern er war auch reich geworden dabei. Was er den Römern vorstreckte, mußte er als Betreiber der Zollstation erwirtschaften. Alles darüberhinaus ging in die eigene Tasche. Das zahlte sich aus, ein System mit Gewinn.

Zachäus war also ein Banker, Jericho ein Finanzplatz von Rang. Seine Zugehörigkeit zum Volk Israel hatte Zachäus darüber verloren - meinten jedenfalls seine Mitbürger. In der Synagoge ließ er sich besser nicht blicken. Klein aber war er lediglich an Gestalt. Klein, aber oho, denn um Jesus zu sehen, klettert er auf einen Baum. Gute Idee.

Daß man diesen Baum heute noch in Jericho gezeigt bekommt, gehört wieder zur touristischen Vermarktung dieser Begebenheit, die Lukas beileibe nicht als Kindergeschichte erzählt. Zachäus ist kein Kind, sondern lediglich —vertikal herausgefordertž. Der Baum gleicht seine geringe Körpergröße aus.

Und jetzt kommt die Adventsgeschichte: Jesus spricht Zachäus an und lädt sich bei ihm ein. Freudig wird er von ihm aufgenommen. Warum? Gastfreundschaft nach Art von Jericho? Noch dazu von einem Reichen - sie umgeben sich ja gern mit Leuten, die das Volk sehen will, um ihr eigenes Image aufzupolieren? Für Lukas ist die Sache anders: Zachäus klettert auf den Baum, weil er - wörtlich - Jesus zu sehen sucht, wer er sei - und Jesus kehrt bei ihm ein, weil er es muß. Es ist das göttliche Müssen, seine Sendung, die ihn dazu veranlaßt: Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. In Jesu Sendung kommt Gott wieder an bei Zachäus - und der kommt wieder an bei seinem Volk: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. Advent - der Herr ist angekommen.

Die scheinbar so harmlose, lustige, kleine Geschichte eines kleinen Mannes - —Zachäus ist ein kleiner Mann, keiner will ihn habenž - ist die Geschichte einer Heimsuchung: Gottes Gesandter macht sich auf, um einen Verlorenen wiederzuholen. Gott holt sich sein verlorenes Eigentum wieder. Zachäus? Den will ich haben, den hol ich mir - und: Diese Freiheit nehm ich mir.

Denn diese Heimsuchung erregt Anstoß. Alle sagen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Und das ist mehr als ein Verstoß gegen die Kleiderordnung, gegen gesellschaftlichen Benimm, sondern ein Verstoß gegen das Gesetz Gottes, das gebot, mit einem Sünder keinen Umgang zu pflegen, mehr noch: —Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegtun.ž (5. Mose 22) Weg mit ihm! Mußte man nicht als Frommer so mit einem Kollaborateur der Römer umgehen? (Jedenfalls wurde noch vor sechs Jahren die Ermordung des Premierministers Rabin - Land für Frieden, war seine Politik - durch einen fanatischen Juden von einzelnen radikalen Rabbinern auf diese Weise zu rechtfertigen versucht.)

Jesu Verhalten muß also geradezu Anstoß erregen. ZachäusŽ Sinneswandel ist ja erst die Folge seiner durch Jesus erneuerten Zugehörigkeit zum Volk Israel. Die Hälfte seines Besitzes will er den Armen geben, Betrug vierfach wiedergutmachen. Das ist eine ganze Menge, das Gesetz verlangte nur Eineinfünftel bis zu Eineinviertel, aber strenge Pharisäer hätten von Zachäus noch mehr verlangt, nämlich: allen Schaden wiedergutzumachen - ein Ding der Unmöglichkeit für einen Steuereintreiber. Das wäre einem Berufsverbot gleichgekommen. (Eine vergleichbare Entschädigungszahlung für unsere Zwangsarbeiter beispielsweise würde die deutsche Volkswirtschaft glatt ruinieren.) Aber nicht um Entschädigungsleistungen geht es hier, sondern um die Rettung eines Reichen. Der die Armen selig pries, geht auch an einem Reichen nicht vorbei: Wie schwer kommen die Reichen in das Reich Gottes! Denn es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher in das Reich Gottes komme. Gerade an den hoffnungslosen Fällen zeigt sich Gottes Gnade.

Jesus belohnt also nicht die Umkehrleistung des Zachäus - er macht sie möglich. In Jesu Mission nimmt Gott auch von den reichen Gliedern seines Volkes wieder Besitz, zu allen Verlorenen weiß Jesus sich gesandt: Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Jesus sucht die Verlorenen auf - und nimmt sie für Gott wieder in Besitz. Das Heil besteht nicht in der persönlichen Bekehrung, sondern im Kommen Jesu:

Martin Luther sprach darum betont von der zuvorkommenden Gnade Gottes, von der gratia praeveniens. Das ist nun ein theologischer Begriff, eine Formel. Anschaulicher gesagt: —Gott ist ein alter Gauner, der hinter mir her ist, bis er mich kriegt!ž

Jürgen Fliege hatte gar nicht so unrecht, als er dieses umstrittene Bekenntnis zu Gottes aufdringlicher Gnade ablegte. Denn Gott läßt sein Eigentum nicht verlorengehen - ein Banker hingegen schreibt seine Verluste ab, ganz cool. Die anderen zahlen ja. Gott aber jagt hinter seinen Verlusten her - eher nach Gangstermanier als nach Art eines vornehmen Bankers. So behält auch das Kinderlied Recht: —Jesus will ihn haben!ž Den Zachäus aus Jericho, die Posaune blasenden Priester von Jericho, uns hungrige Touristen - und auch den israelischen Reiseleiter.

Und darum, liebe Gemeinde, liebe Mitmenschen und besonders ihr hoffnungslosen Fälle: Ihr geht nicht zum Teufel, Gott kriegt euch! Die Botschaft der Adventsgeschichte des Lukas lautet: So spricht der Herr: —Ich kriege euch noch alle!ž - Und das ist auch gut so.
Amen.
 
 


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