Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Estomihi über Lk 18, 31-43

Liebe Gemeinde!
Was gibtŽs heute? Die biblische Geschichte im Doppelpack. Doppelpack, d.h. zweimal die Frage —Wer ist Jesus?ž, auch eine doppelte Antwort - und dann noch ein Problem, das sich Leserinnen und Lesern der Bibel immer wieder stellt.

1. —Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem!ž spricht Jesus. Hinauf - die Straße windet sich vom Nordufer des Toten Meeres, dem tiefsten Punkt der Erdoberfläche, aus den Dunstschwaden fast 400 m unter dem Meeresspiegel, hinauf nach Jerusalem, in die klare Luft in 800 m Höhe. Am Beginn des Weges liegt die Stadt Jericho, eine der ältesten Städte der Welt. Ein legendärer Weg. Uns sicher am besten bekannt aus der Beispielgeschichte Jesu vom barmherzigen Samariter, der den umgekehrten Weg ging: hinab von Jerusalem nach Jericho. Ein gefährlicher Weg: Hinter jeder Kehre können Wegelagerer lauern. In erster Linie aber dachte man zur Zeit Jesu bei Jericho an die Stadt der Landnahme, die erste große Stadt, die das Volk Israel 1000 Jahre zuvor erobert hatte: Auch wir kennen die Geschichte von den Posaunen, die Josua ertönen ließ, um ihre Mauern zum Einsturz zu bringen. Auf diesen Weg also begeben sich Jesus und seine Jünger. Es war der naheliegende, der normale Weg von Galiläa, der Landschaft, in der Jesus wirkte, ins religiöse und politische Zentrum des Landes, nach Jerusalem - und trotzdem von der Geschichte geprägt: Programmatisch geht Jesus den Weg, auf dem sein Volk 1200 Jahre zuvor ins Land gekommen war.

Sein Programm ist dabei die endgültige Ankündigung seines Leidens: —Es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und mißhandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen.ž Jesus sagt hier nicht seine Zukunft voraus, gibt nicht den Wahrsager: Jesus betont, daß sich an ihm vollenden wird, was Gott durch die Propheten ankündigte. Wir hören, wie Lukas den Weg Jesu deutet: Er ist schriftgemäß. Was sagt das über Jesus?

Der als Verbrecher hingerichtet wird, hat die Heilige Schrift seines Volkes auf seiner Seite - gegen allen Anschein - an ihm vollzieht sich  Gottes Wille, und - das beeilt sich Lukas hinzuzufügen - keiner versteht das, keiner kann das verstehen, bis es geschehen ist, bis es Ostern ist und Gott selbst dieses Verstehen möglich macht. Obwohl Jesus wie ein Verbrecher sterben wird, ist er der Messias.

Soweit das Grundsätzliche und dann 2.: los geht's, wohl von Norden, von Peräa, nach Süden gen Jericho. Josuas Jericho liegt schon Jahrhunderte in Trümmern, drei Kilometer weiter südlich hat zuletzt Herodes der Große ein neues Jericho erbauen lassen. Vor Jericho, vielleicht im Stadttor, sitzt ein Blinder am Weg und bettelt. Als Jesus sich nähert, ruft er: —Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!ž Aus dem Alltag eines Bettlers? Nein - aber um das Ungewöhnliche daran zu erfassen, müssen wir wissen, wie beim Betteln der Normalfall aussieht. Nämlich so:

Jeder Jude ist verpflichtet, den Armen (allen Armen, nicht nur den Mitjuden) zu geben. Tzedaka heißt der Ausdruck im jüdischen Gesetz. Jeder ist dazu verpflichtet, selbst der, der von Tzedaka anderer lebt (Natürlich muß der entsprechend weniger geben.) Wieviel müssen ihm die anderen geben? So viel, daß die Bedürfnisse des Armen erfüllt werden, so viel, wie er hatte, bevor er verarmte. Diese Regel gilt für die private Hilfe, die nicht vor aller Augen stattfindet. Eine andere Regel gilt für öffentliches Betteln: Wieviel muß man geben? —Eine kleine Gabe, entsprechend seiner Würde.ž Im Klartext heißt das: genug für das Essen von zwei Mahlzeiten am Tag und für einen Schlafplatz. Das muß nicht jeder geben, so daß ein fleißiger Bettler überversorgt wäre, sondern die Gemeinschaft einer Stadt soll in diesem Ausmaß für ihre Armen sorgen. Auch für den, der in Not ist, gibt es eine Regel: Selbst sollte man bis zuletzt versuchen, ohne solche Gaben auszukommen, und lieber mit niedrigster Beschäftigung in Armut leben, als sie anzunehmen. Wer aber wegen einer Behinderung nicht ohne Hilfe auskommt, soll sie annehmen. Stolz wäre sündhaft. Innerhalb dieser - wie ich finde, recht deutlichen Regeln - gibt es keine Ausflucht: Jeder muß Tzedaka geben, ein Zehntel seines Einkommens, besser ein Fünftel.

Jetzt wäre es sicher reizvoll, vor dem Hintergrund dieser Regeln des jüdischen Gesetzes unsere heutige Sozialgesetzgebung und unser persönliches Almosengeben zu bedenken. Aber der Predigttext will etwas anderes, er will uns am Umgang Jesu mit diesen Regeln vor Augen führen, wer Jesus ist.

Der Bettler will ja kein Geld von Jesus. Er bringt ein ganz anderes Thema vor: —Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!ž Er ruft Jesus als Davidssohn an, als Messias. Vom Messias braucht man kein Geld. Der Messias bringt das Erbarmen Gottes: Hilfe aus aller Not, Vergebung von Schuld, Gesundheit, Gottes neue Welt ohne Leid und Elend. Das alles steckt hinter dem Anruf: —Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!ž Und Jesus wird dieser Erwartung gerecht. Das ist die Pointe. Er heilt den Blinden. Das ist kein isoliertes Wunder, über das wir heute mit unserer üblichen Schnoddrigkeit sagen könnten: —Na und, was hab ich denn davon? Mir hilft auch keiner.ž Falsch. Auch wir können hier 'sehend' werden. Wieso?

Die Heilung des Blinden bestätigt dessen Messiasbekenntnis. Die Heilung ist das Ja Jesu zur Erwartung des Blinden. Jesus sagt nicht: —Ich bin der Messiasž - er handelt wie der Messias. In der Situation damals heizt er damit die messianische Stimmung an, wie sie wenig später mit seinem umjubelten Einzug in Jerusalem ihren Höhepunkt findet: —Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!ž Und schon bei der Blindenheilung vor Jericho heißt es: —Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.ž Der Messias öffnet auch ihnen die Augen, die Augen des Glaubens, daß sie - und eben auch wir - erkennen: Jesus läßt Gottes Macht bei den Menschen ankommen. Glauben heißt: Ich sehe was, was du nicht siehst. Das haben wir davon - von Jesus, der uns die Augen zum Glauben an ihn als den Messias öffnet: dem blinden Bettler, dem zusehenden Volk - und eben auch uns.

Das war die doppelte Antwort des Predigttextes im Doppelpack. Das hat Lukas gesagt. Das können wir auch auf uns beziehen. Amen und fertig? Da ist noch ein Problem: Können wir den Text nicht auch ganz auf uns beziehen? So daß wir sozusagen selbst nach Jerusalem zum Ort des Leidens ziehen? So daß auch unser Leiden einen Sinn bekommt, bedeutsam wird?

In alten Jacobi-Boten las ich zum heutigen Predigttext: —Oftmals hat Christus auch seiner heutigen Gemeinde den Leidensweg vorgezeichnet. Wir haben es nicht glauben und nicht begreifen können. ... Mag auf dieser Welt für vielerlei gekämpft und gelitten werden - die Kirche Christi kämpft und leidet für die Durchsetzung der Gottesherrschaft, die in Christus angebrochen ist. Zum guten Ende, zu letzem Ziel kann dieser christliche Kampf nur kommen durch Leidens- und Sterbensbereitschaft der Kämpfenden. An der Schwelle der Leidenszeit dieses Kirchenjahres prägt Christus seinen heutigen Jüngern die Sätze wiederum ein: Sehet, wir gehen hinauf nach Jerusalem.ž So hieß es am 27. Februar 1938, zum damaligen Sonntag Estomihi. Damit will der Autor die Gemeinde auf kommendes Leiden vorbereiten. Aber spricht der Bibeltext wirklich davon?

Im März 1940 wird es noch deutlicher. —Wir gehen hinauf! Seine Jünger gehen mit. Seine Gemeinde geht mit. Seine Kirche geht mit!ž Und der Ausleger bezieht das auf die Konfirmanden, auf ihren Weg zur Stätte der Erkenntnis des wahren Gottes. Auf derselben Seite aber wird das auf den Heldengedenktag bezogen: —Es ist nichts Großes in der Welt, das nicht durch Opfer erkauft werden mußte.ž Christliche Opferbereitschaft wird in den Dienst der Wehrertüchtigung gestellt.

Wir hätten da heute gut reden, könnten leicht eine solche Auslegung als Mißbrauch durchschauen, könnte man einwenden. Wir wissen ja, wie das ausging. Hm, ich weiß nicht so recht. Das mag für dieses eine Beispiel gelten. Aber wir teilen doch als Leserinnen und Leser der Bibel auch heute häufig eine Voraussetzung mit jenen von damals. Auch wir sind sehr schnell dabei, ein Bibelwort ganz auf uns zu beziehen -und das für das frömmste Verfahren zu halten. Da ist aber Behutsamkeit angebracht. Zum Thema Leiden steht hier was anderes: Nur die Jünger von damals ziehen nach Jerusalem hinauf, und allein Christus ist der leidende Erlöser. Jede weitere Verallgemeinerung ist unzulässig. Kurz und bündig gesagt: Sein Opfer ist das letzte religiöse Opfer.

—Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem!ž Wenn ich heute hinaufziehe nach Jerusalem, dann benutze ich eine Straße, an deren Rand sich die Probleme von heute ereignen (und das sind nicht wenige) - es ist mein Weg, obwohl Jesus da auch hergegangen ist.
Ihm nachzufolgen heißt nicht, ihn zu imitieren, heißt nicht, sein Schicksal zu wiederholen. Ihm nachzufolgen ist darum auch nicht an die Straße von Jericho nach Jerusalem gebunden. Wir folgen ihm, indem wir unsere Wege durchs Leben gehen. Aber sein Weg bleibt seiner. Weil er auf seinem Weg in den Tod gegangen ist, gehen wir ins Leben. Er ging voran auf der Lebensbahn. Auch zu unserem Leben gehört zwar Bereitschaft zum Leiden, aber es ist nicht das erlösende Leiden Jesu, es ist meines. Ich lasse es nicht zum erlösenden Leiden umlügen und frommen oder politischen Zwecken dienstbar machen. Was den Weg Jesu angeht, so dürfen wir voller Dankbarkeit für die Erlösung singen:
—Das gibt' s nur einmal, das kommt nie wieder. Das ist zu schön, um wahr zu sein.ž
Amen.
 
 


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