Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt am drittletzten Sonntag im Kirchenjahr über Lk 18, 1-8

Liebe Gemeinde!
Hören Sie noch einmal die Parabel vom Richter Gnadenlos, vom Recht schaffenden Unrechtsrichter:
Jesus sprach: "Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und schämte sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher! Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen schäme, will ich doch dieser Witwe, weil sie mir soviel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage."

Liebe Gemeinde! Was für ein Richter, dieser Richter Gnadenlos! Gnadenlos ist nicht sein Urteil, sondern seine Pflichtvergessenheit! Recht zu schaffen ist doch sein Beruf - aber im Fall der Witwe: nichts geschieht, er will nicht. Wir erfahren nicht, was seine Beweggründe sind, ob er ganz einfach faul ist oder ob er seinen Beruf leid ist, ob er den Fall einfach aussitzen will, ob es ihm an Bakschisch fehlt - schließlich spielt die Geschichte im Orient - wir erfahren: Er will nicht. Ein Organ der Rechtspflege versagt. Der Richter kaschiert sein Nichtwollen durch Aufschub des Falles - wie das auch unsere Verwaltungen nur allzu häufig tun. Aber hier liegt ein besonders ernster Fall vor: Die Witwe hat niemanden, der ihr beistehen kann; ohne ihren verstorbenen Mann ist sie rechtlos, einem Widersacher ausgeliefert, nur der Richter kann ihr zu ihrem Recht verhelfen. Sie ist ganz auf ihn angewiesen. - Aber der Richter, heißt es, schämt sich vor keinem Menschen: Schamlosigkeit? Arroganz der Macht! Und er ist ohne Gottesfurcht. Das ist für einen jüdischen Richter ein Ding der Unmöglichkeit, das geht ganz einfach nicht: Ein Richter hat sich nach der Torah zu richten, im Namen Gottes Recht zu schaffen. Gott gilt doch als Anwalt der Witwen und Waisen. Kurz: Dieser Richter ist einfach unmöglich. Skandalös dieser Mann. Richter Gnadenlos.

Dann kommt die überraschende Wende: Der dem Recht gegenüber gleichgültige Unrechtsrichter kommt ins Grübeln. Ganz unerwartet bahnt sich die Wende an, ganz überraschend faßt er den Entschluß: Ich will ihr Recht schaffen. Warum? Die Witwe - denkt er sich - macht mir Mühe, am Ende kommt sie noch an und wird mich prügeln, mich, der doch keine Angst vor niemand hat.

Da frage ich mich aber, liebe Gemeinde: Der soll auf einmal einer Witwe nachgeben, bloß weil sie beharrlich nervt und ihm ein blaues Auge schlagen könnte? Der? Wenn es nur darum ginge, die Devise: "Beharrlichkeit führt zum Ziel", zu illustrieren, müßte Jesus den Richter nicht so negativ beschreiben. Dann reichte es aus zu sagen: —Es war einmal ein Richter, dem die dauernden Klagen einer zur Gewalttätigkeit neigenden Witwe so auf den Geist gingen, daß er ihr schließlich doch zu ihrem Recht verhalf.ž Hier aber geht es um mehr. Hier ist ein großer Schuß Ironie im Spiel. Die Witwe - mit Verlaub gesagt - kann dem Richter doch bloß ans Bein pinkeln. Eigentlich hat sie doch gar keine Chance, sich bei ihm durchzusetzen, so unterlegen ist sie dem selbstherrlichen, schamlosen Richter. Und genau das soll der Hörer der Parabel deutlich vor Augen haben. Ein Verhältnis wie zwischen der Maus und dem Elefanten. Sie kennen die Geschichte: Tritt der Elefant der Maus auf die Füße und sagt: —Entschuldigung!ž Da sagt die Maus: —Aber bitte, bitte, das macht doch nichts, das hätte mir ja auch passieren können.ž

Wirklich, die Witwe kann dem Richter gar nicht auf die Füße treten. Er selbst ändert sein Verhalten. Gänzlich unerwartet will er ihr Recht verschaffen. Auf einmal tut er seine Pflicht. Wir Hörer der Parabel sollen in erster Linie diesen Kontrast empfinden, diese überraschende Wende, auch die fast absurde Komik des Ganzen. Der Wandel des Richters kommt unerwartet und unmotiviert - so als ob Osama Bin Laden sich plötzlich taufen ließe und ins Kloster ginge. Darum nannte ich das Gleichnis Jesu die Parabel vom Recht schaffenden Unrechtsrichter. Der Richter, nicht die Witwe, steht im Vordergrund. Er ist der unmoralische Held dieser Parabel.

Warum erzählt sie Jesus? Er liebt anscheinend Gleichnisse mit solch unmoralischen Helden. Da gibt es ja noch das vom ungerechten Verwalter und die Geschichte vom Schatz im Acker. Aber was will Jesus damit sagen?
Schon bei dem Stichwort Richter denkt der Zeitgenosse Jesu nicht allein an weltliches Recht und nicht nur an den altisraelischen Richter im Namen Gottes, er denkt auch an Gott. So gesehen meint die Parabel: Gott wird euch Recht verschaffen! Auch wenn es jetzt nicht so aussieht: Wider alles Erwarten kommt ihr kleinen, machtlosen Leute zu eurem Recht! Gottes Hilfe wird nicht ausbleiben. Er wird eure Existenz sicherstellen. Der Heilige Rest Israels, der die Hoffnung auf das Kommen des Messias nicht aufgibt, wird Recht behalten.

Die christlichen Hörer der Parabel vom rechtschaffenden Unrechtsrichter erwarten das Kommen Jesu Christi als des endgültigen Richters am Ende der Tage. Und das wird bald sein, sagen sie sich. Aber die Zeit vergeht. Jahre gehen ins Land, Jahrzehnte. Daraus ergibt sich eine neue Frage: Was ist für die Gläubigen in dieser Zwischenzeit nötig? Der Evangelist Lukas meint: Warten, beten - und sich nicht irre machen lassen.

Das Gleichnis will aber nun nichts sagen über besondere Erfolgsaussichten des Betens, so daß es eine falsche Konsequenz wäre, daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, je mehr man bete, desto eher sei der Erfolg garantiert. Recht schaffen wird Gott nicht, weil er so inständig darum gebeten wird, Recht schaffen wird er, weil er es so will - sogar wider alles Erwarten. Garantiert. So sicher, daß man sich zu der Äußerung versteigen könnte: Sogar trotz unseres Drängens und Betens, obwohl wir ihn so nerven, wird Gott Recht verschaffen.

Die Parabel hat eine Botschaft für Beter und Nichtbeter. Glückliche Beter dürfen wissen: Wenn sie Erhörung erfahren, dann erleben sie schon was im voraus: Advent, die Ankunft, den Beginn der Herrschaft Gottes. Und wer nicht erfährt, daß seine Gebete erhört werden, auch der kann ein Glaubender bleiben, denn Glaube gilt ja dem, was noch nicht sichtbar ist. So bleibt er ein Wartender.

Für alle gilt: Gegen den Unglauben, der nicht mit Jesus Christus rechnet, bestenfalls mit irgendeinem Gott, der nach Armageddon die Scherben unserer Zivilisation aufsammelt - wir behalten Recht, wir bekommen Recht! Er kommt!
Und wenn er dann da ist, dann bestraft er nicht bloß die Bösen und belohnt er nicht einfach die Guten - wie es ein schlichtes islamisches, aber auch jüdisches und christliches Verständnis vom Kommen Gottes als des Richters sich vorstellt, sondern dann gibt es die unbegrenzte Gerechtigkeit, infinite justice, die Jesus Christus - nicht menschliches Bemühen - bringt. Sie ist neue Schöpfung, sie macht uns gerecht und die Welt zu einem lebenswerten Ort.

Noch aber haben wir es mit Menschen vom Schlage des Richters Gnadenlos aus der Parabel zu tun, müssen wir um Recht gegen unsere Widersacher betteln. Lange ließ sich ja anbetteln und bitten. Ein wenig ähnelt er damit dem Heiligen Martin. Auch der ließ sich betteln und bitten: Als man ihn unbedingt zum Bischof machen wollte, versteckte er sich im Gänsestall. Als die Gänse durch ihr lautes Schnattern seinen Aufenthaltsort verrieten, war es aus mit seiner Ruhe, er mußte Bischof werden, das schwere Amt der Gemeindeleitung antreten.

Unsere neuen Ältesten hingegen haben sich nicht einmal versteckt - auch wenn manche das meinten ("Den kenne ich nicht."). - Das haben sie nun davon. - Und was haben wir als Gemeinde davon? Eine neue Gemeindeleitung auf jeden Fall und - so Gott will, können sie uns Recht schaffen gegen unsere Widersacher.
Amen.
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite