Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt am Sonntag Septuagesimae über Lk 17, 7-10

Liebe Gemeinde!
Ist heute zufällig ein Journalist anwesend, am besten ein Reporter der BZ? Ich muß das mal wieder fragen. Nein? Schade, sonst hätte ich für ihn die Schlagzeile von Seite 1 am Montag:
Rückkehr zur Sklaverei 
Untertitel:
zunächst nur für kirchliche Mitarbeiter

Und die Meldung:
Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz kündigt Tarifverträge. Bischof Huber: —Kirche wird billiger - und evangelischer.ž Kommentar der GMAV: —Wir sind unnütze Knechte.ž

Wieso das zur Schlagzeile werden könnte? Davon handelt das heutige Gleichnis Jesu. Es richtet sich also in erster Linie nicht an jedermann, sondern bevorzugt an kirchliche Mitarbeiter. Aber alle dürfen mithören, was Jesus den Missionaren und Gemeindeleitern sagt:

Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und trinken? Dankt er etwa dem Knecht, daß er getan hat, was befohlen war? So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.

Dies waren die Worte des heutigen Evangeliums. Sie finden sich so nur beim Evangelisten Lukas und selbst die skeptischen Historiker sind geneigt, sie für echt überlieferte Worte Jesu zu halten. Ihre Radikalität ist nämlich typisch für Jesus. Und wenn wir hören wollen, was Jesus sagen wollte, sollten wir sie nicht umdeuten. Die suggestiven Fragen, die Jesus da stellt, wollen eindeutig beantwortet werden: Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch? Antwort: Niemand. Wer nur einen Knecht oder Sklaven hat, der läßt ihn nicht nur auf dem Acker oder auf der Weide tätig sein, sondern auch im Haus.

Konkret: Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und trinken? Antwort: Natürlich. Kochen und Servieren gehören eben auch zu dessen Tätigkeiten. Der Sklave als Mädchen für alles. Erst der Dienst, dann das Essen. Noch einmal Jesus über den Dienstherrn: Dankt er etwa dem Knecht, daß er getan hat, was befohlen war? Wieder soll die Antwort lauten: Natürlich nicht. Der Sklave arbeitet ohne Dank.

Liebe Gemeinde, natürlich ist das eine Geschichte aus einer anderen Welt, ein Gleichnis, das seinen Vergleich an etwas nimmt, was es so nicht mehr gibt. Und ist es nicht gut so, daß es das nicht mehr gibt, daß heute Tarifverträge und Arbeitsrecht an die Stelle von Leibeigenschaft und Ausbeutung getreten sind?

Andererseits: Das alte Rom verdankte einer Million von Sklaven seine wirtschaftliche Stärke. Und was verdanken wir nicht alles dem Dienst der Krankenschwestern von einst mit Kost und Logis und einem Taschengeld, bei Dienst rund um die Uhr? Oder den kirchlichen Mitarbeitern im Katechetischen Dienst Anfang der 50er Jahre? Der karge Lohn kam aus der Zigarrenkiste - falls diese durch Elternbeiträge gefüllt war und in der Höhe je nach Ermessen des Vorgesetzten.

Später wurde das bekanntlich anders. Und heute? Heute können wir das alles nicht mehr bezahlen. Manche halten deshalb eine allgemeine Dienstpflicht für die Lösung vieler sozialer Probleme der Gegenwart. Was kommt nach Hartz IV? Und hier wird der Predigttext zum Fall für die BZ - wie die gar nicht so aus der Luft gegriffene Meldung von der Wiedereinführung der Sklaverei (wenn auch vorerst nur für kirchliche Mitarbeiter). Das wäre doch wunderbar angesichts der Finanzkrise: Arbeit für fast umsonst, lediglich gegen Kost und Logis. Damit hätten wir das Gleichnis aus der antiken Wirtschaftswelt in unsere Welt gebracht: Christlich begründete Sklaverei rechnet sich, christliche Sklaverei tut gut.

Mag das für einige Menschenfreunde auch ein absurder menschenfeindlicher Gedanke sein, nützlich wären solche billigen Christen ja doch - als Schmiermittel einer Gesellschaft, in der es an allen Enden quietscht und knarrt. Überhaupt: Wenn sich nicht ein paar Leute - meist sind es immer dieselben - zerreiben, dann klappt doch gar nichts mehr. Das ist doch in jedem Betrieb so.

Und wirklich: Manche unter uns Christen gehen gern auf diese Rolle ein. So spielt man wenigstens noch eine Rolle - und wenn es die es nützlichen Idioten ist. Selbstausbeutung ist in der Kirche jedenfalls nicht selten - und nach Ansicht derer von außen auch christliches Programm. Ist die Folge also in diesen Krisenzeiten der knappen Gelder die gar nicht so absurde Schlagzeile: Rückkehr zur Sklaverei - für kirchliche Mitarbeiter?

Jesus hat sie ja geliebt, diese Gleichnisse mit Bildern aus dem Wirtschaftsleben, er wußte, damit spricht er die Menschen an, da packt er sie, trifft einen Nerv. Und damit packt er sie auch in ihrem Verhältnis zu Gott. Denn viele gestalteten - und gestalten bis heute - ihr Verhältnis zu Gott nach Art einer Arbeitsbeziehung: Wer etwas leistet, hat auch Anspruch auf Lohn - auch von Gott.

Mein katholischer Patenonkel, dessen Frau sich jahrzehntelang in ihrer Gemeinde als Vorsitzende der Frauen- und Müttergemeinschaft engagierte, sprach immer - gut evangelisch - davon, daß er sich damit natürlich nicht den Himmel verdienen könnte, aber - und jetzt wirdŽs katholisch - vielleicht doch das Sitzpolster auf Wolke Sieben. Das sagen sich doch viele: Es kann doch vor Gott nicht alles gleich sein, egal sein, ob sich hier eine oder einer aufreibt oder die anderen für sich machen läßt. Was sollen wir uns klein - und unsere Werke schlecht machen lassen?

Aber darum geht es hier gar nicht. Jesus wechselt die Blickrichtung: Nicht der Herr nennt uns Knechte, macht uns klein, wir selbst sollen uns so nennen. Warum das? Meint er damit vielleicht einen Akt der Demut, der Bescheidenheit? Geht es ihm darum? Ich bin zwar was und leiste was, soll mir aber nichts darauf einbilden, damit Gott dann meine Demut und Bescheidenheit belohnt.

Soll es also nach Art der Leute gehen, die sich auf den letzten Platz vordrängen, bloß damit sie nach vorne geholt werden? Nein, auch damit blieben wir in der Logik des Arbeitsverhältnisses: Wir sollen uns aber als Sklaven verstehen! Sind wir als Christen also doch Masochisten, die es lieben, sich gegenseitig zu quälen oder gequält zu werden - und Tag und Nacht darauf warten: "Ruf mich an!"?

Wir merken - schon lange ist nicht mehr nur von kirchlichen Mitarbeitern die Rede, es geht um unser aller Christsein: Jesus kündigt mit seinen Worten von der christlichen Sklaverei nämlich jedes Arbeitsverhältnis in der Beziehung zu Gott. Das Gleichnis handelt von der Beziehung zu Gott nach Art des 1. Gebotes: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir. Nichts darf sich in diese Beziehung einmischen, sonst wird sie gestört: keine Leistung, kein Wunsch nach Ausgleich, kein mehr oder weniger. Gott allein ist Gott. Und der Mensch hat es gar nicht nötig, in dieses Verhältnis durch Arbeit oder Werke einzugreifen, das geht nur schief - bei aller gespielten oder wirklichen Demut. Das ist der Grundsatz, den Jesus mit seinem Gleichnis von der Sklaverei deutlich macht. Und als Grundsatz gilt er für jede Christin oder Christen. - Sein Engagement muß deshalb niemand lassen, seine oder ihre guten Werke sind wirklich etwas wert - aber nicht für die Beziehung der Menschen zu Gott, sondern für die Beziehung der Menschen untereinander.

Dank sei deshalb den Menschen, die hier ohne Lohn und Erwartung von Gegenleistung arbeiten! Wir brauchen sie, die - vielleicht mit einiger Übertreibung gesprochen - die kirchliche Sklavenarbeit machen. Aber sie, diese Menschen, brauchen das heutige Wort Jesu von den unnützen Knechten, damit sie nicht wieder ein Arbeitsverhältnis zu ihm aufbauen.

Anscheinend hatte schon Jesus hier besonders die Apostel im Blick, die Missionare und Gemeindeleiter. Die waren nämlich besonders gefährdet. Die pharisäische Lohnlehre war ihnen nicht fremd, der Gedanke, daß gute Werke Lohn verdient haben. Konkret: Sie hatten schließlich ihre Familien verlassen. Was gab es nun dafür? Die Antwort Jesu: Da ist nichts, was sie sich damit verdient hätten, sondern es ist alles gratis: die Gemeinschaft mit Gott und die neue Gemeinschaft der Christen.

Das alles hätten sie und wir ja schon dem ersten Gebot entnehmen können. Schon damals lehrte nicht nur Jesus, sondern auch Rabbi Antigonos: —Seid nicht wie Knechte, die ihrem Herrn unter der Bedingung dienen, daß sie Lohn empfangen; seid vielmehr wie Knechte, die dem Herrn dienen unter der Bedingung, daß sie keinen Lohn empfangen.ž Das ist deutlich und verständlich.

Aber enthält das demgegenüber schärfer formulierte Gleichnis Jesu nicht noch mehr? (Schließlich wollten wir nichts umdeuten von dem, was Jesus sagt.) Gehört zum Christsein nicht doch, daß man in seinem Leben dieses Sklave-Christi-Sein irgendwie darstellt? Vielleicht doch durch Verzicht auf Tarifverträge und schützendes Arbeitsrecht für kirchliche Mitarbeiter? Ein Streikverbot gilt ja schon immer. In diesen Tagen kommt Lohnverzicht für Religionslehrer hinzu. Kommen wir auf die alten Diakonissen zurück mit ihrem Wahlspruch: "Mein Lohn ist, daß ich dien."?

Manche waren und sind dieser Überzeugung, z.B. die Mönche, die das ideale Leben der Erlösten schon in dieser Welt darstellten wollten. Oder einer wie Pater Mofid, von dem Der Tagesspiegel heute berichtet. Unter Einsatz seines Lebens hilft er verfolgten Mitchristen im Irak und macht so seinem Namen alle Ehre: Mofid heißt nützlich. Für solch nützliche Christen können wir dankbar sein.

Dennoch die Gegenfrage: Kann die Kirche dem Gleichnis Jesu Christi nicht auch als Anstalt öffentlichen Rechts gerecht werden? Meinen Jesu Bilder aus dem Wirtschaftsleben denn wirklich, daß wir wieder die Sklaverei einführen sollen? (Manche kirchlichen Mitarbeiter fragen sich, ob das denn wirklich so schlecht wäre: Sklaven würden von ihrem Herrn doch wenigstens geschützt. Aber das ist ein anderes Thema.)

Kann nicht auch eine Kirche, die qualifizierte Mitarbeiter für gutes Geld anständig bezahlt, die Kirche der unnützen Knechte sein - mit gleichem Lohn in Ost und West?

In der Logik des Gleichnisses war es ja nicht Gott, der uns Knechte oder Sklaven nennt, sondern wir selbst sollen uns so einschätzen, die wir unser Tun angesichts des Reiches Gottes bedenken. Da ist es unnütz, gr. achreios, nicht zu gebrauchen. Das Arbeitsverhältnis von Gott und Mensch ist und bleibt in Jesus Christus gekündigt. Zu tun aber gibt es mehr als genug - und immer mehr, als uns möglich ist.

Diese Erkenntnis soll uns aber nicht lähmen, sondern nur zu einer realistischen Selbsteinschätzung veranlassen und zum selbstverständlichen Dienen - wie ein selbstbewußter britischer Butler. Das ist ein Diener! Wir verrichten gute Werke, ohne daß wir uns dafür schlechtmachen lassen müßten und klein - oder weltlich ausbeuten. Ein Arbeitsvertrag steht dem Kommen Gottes also nicht entgegen. Kirche wird zwar in Zukunft billiger werden müssen - aber evangelischer wird sie dadurch nicht automatisch, auch nicht durch Rückkehr zur Sklaverei für kirchliche Mitarbeiter.

Also wird's wohl nichts mit der knalligen Schlagzeile, aber es war ja eh keiner von der BZ hier. Dem würde ich jetzt eine andere zum Mitnehmen anbieten: Schwere Turbulenzen auf dem religiösen Markt: Kirchen bieten allen kostenlose Erneuerung ihres Gottesverhältnisses. Das ist dann der BZ vielleicht keine Schlagzeile wert, käme höchstens auf die Seite der Meldungen zum WSV - dennoch: Welch gute Nachricht!
Amen.
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite