Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis über Lk 17, 11-19

Liebe Gemeinde!
Zehn Aussätzige hat Jesus geheilt, nur einer sagt Danke. Pfui, wie undankbar von den anderen. Hat ihnen denn keiner Benimm beigebracht? Sollten wir deshalb jetzt nicht vor allem über das Thema Dankbarkeit reden? Aber: Uns kann das ja nicht passieren. Uns hat man von Kindesbeinen an dressiert: —Sag immer schön Danke, wenn Du etwas bekommst.ž Wir sind ja ein höfliches Volk - meint jedenfalls ein alter, sehr alter Witz über die Deutschen (ich habe ihn von einem Türken gehört):

Kommt ein Gastarbeiter nach Deutschland und macht einen ersten Spaziergang durch seine Straße. Plötzlich hört er ein Geräusch: tsch, tsch, tsch - tsch, tsch, tsch. Das muß eine neue Maschine sein, denkt er sich und geht neugierig näher. Das Geräusch wird lauter. Er biegt um die Ecke. Da sieht er die «MaschineŽ und versteht das Geräusch: Eine Arbeitskolonne beim Bau reicht von einem zum anderen Mauersteine weiter: Bitte schön, danke schön, bitte schön, danke schön, tsch, tsch, tsch.ž
Ein böser Witz: Deutscher Dank ist mechanisierter, maschineller Dank, kein Dank aus tiefem Herzen. Dank? —Undank ist der Welt Lohn.ž Thema beendet. Noch Fragen?

Sollen wir vielleicht lieber über das Thema —Heilung durch Glaubenž sprechen? Darüber gibt es viel zu Lesen - und im Fernsehen hat schon vor Jahren Margarete Schreinemakers (wer kennt sie noch?) darüber gehandelt. Ihr amerikanischer Talkshowgast Herbert Benson meinte zum Thema —Heilung durch Gebetž: —Ein physiologisch heilkräftiger Glaube (ist) angeboren. ... Glauben Sie einfach. ... Wenn sie können, glauben Sie an das Gute. Oder glauben Sie an etwas, das besser ist als alles, was Menschen sich vorstellen können. Für uns Sterbliche ist ein solcher Glaube eine ausgezeichnete Medizin.ž In der Tat beurteilen empirische Studien Glauben als einen für die Gesundheit positiven Faktor, wenn auch nur als einen unter anderen. Schreinemakers propagierte damals den «Glauben für UngläubigeŽ: Heilung durch die Kraft des Glaubens: ja ­ Gott: nein.

Da liegt der Hase im Pfeffer. Im Evangelium geht es weder um Heilung und Glaube allgemein noch um Dankbarkeit allgemein - sondern um Gott. Das Kommen von Gottes Herrschaft wird begleitet von der Heilung von Kranken.

—Sollt ich meinem Gott nicht singen? Sollt ich ihm nicht dankbar sein?ž Im Lied ist das eine fast rhetorische Frage, die dennoch sofort beantwortet wird: —Denn ich seh in allen Dingen, wie so gut erŽs mit mir meinŽ.ž

Was aber, wenn einer das nicht sieht? Was nützen dann alle Belehrungen über die schuldige Dankbarkeit und das Gesundwerden im Allgemeinen, wenn 1. Gott nicht als Urheber meines Wohlergehens erkannt wird und 2. es mit dem Wohlergehen so eine Sache ist? Man hat doch auch jede Menge Kummer und Grund zum Klagen. Dann muß man doch wie ein Konfirmand am letzten Montag sagen: —Was soll ich das Vaterunser lernen, er hilft mir ja doch nicht?!ž

Der Aussätzige, der zu Jesus zurückkehrte, der aber hatte verstanden. 1. hat sein Leben eine totale Wende genommen - vom Ausgestoßenen, vom outlaw, wurde er wieder zu einem normalen Mitglied seiner Dorfes. Und 2. wußte er, wem er seine Gesundheit verdankte. Denn was tut er? Er kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Er dankt Jesus und Gott. Er hat verstanden: Jesus hat ihn geheilt in der Kraft Gottes. Und der Dank gegen Gott ist bei Jesus an der richtigen Adresse - nicht allein beim Tempel und seinen Priestern. Er hat mehr verstanden als die anderen. Für die einen war es ein bloß ein Wunder, modern gesprochen: ein Fall von Spontanheilung - für den Samariter Beginn der Wende zur Herrschaft Gottes in Jesus.

Erst beides zusammen macht die Erzählung von der Heilung der zehn Aussätzigen für uns so bedeutsam. Wir müssen entdecken, was die von Gott her kommende Wende unseres Lebens darstellt, die Heilung, die Rettung. Und was die mit Jesus zu tun hat. Dann wird sich die Dankbarkeit Gott gegenüber ganz wie von selbst wieder einstellen. Martin Luther jedenfalls war dieser Meinung. Er gibt uns auch den entscheidenden Hinweis, worin die Wende besteht.
Martin Luther hielt das Schicksal der Menschen für besiegelt. Da war keine Rettung mehr zu erwarten. Bald würde Gottes Gericht kommen - und das warŽs dann. Keiner konnte sicher sein, vor Gott zu bestehen - im Gegenteil. Luther wußte: Wir sind des Todes. Die Kirche seiner Zeit bot ihm kein Hilfsmittel an, das ihn überzeugt hätte. Gute Taten? Ablässe? Wenn man das ernst nimmt: Da weiß man doch nie, ob man genug getan hat. Und die Kirche vermittelte ihm obendrein das Gefühl, er tue viel zu wenig - ganz wie der alte Pastor, der schon die Erstkommunionkinder vermahnte, ob sie denn auch genug gespendet hätten.

Martin Luther seinerzeit zweifelte, verzweifelte fast, fühlte sich geradezu als Feind Gottes. Und dann erkannte er die Wende, da verstand er, was Gott in Jesus für ihn tat: alles, was nötig war, um im Gericht gerettet zu werden. Gott selbst würde die Gläubigen gerecht machen. Nicht um Geld und Gut oder weltliches Gelingen ging es also - da ist auch Luther noch vieles mißlungen (er selbst schätzte den Erfolg der Reformation der Kirche, die seinen Namen trug, am Ende seines Lebens für sehr gering ein) - aber um den Weg zu Gott. Den hatte Gott selbst wieder frei gemacht. Da ging es Luther wie dem aussätzigen Samariter: 1. erlebt er die totale Wende zum Guten und 2. weiß er, wem er sie verdankte: Gott in Jesus. Muß man da noch betonen, wie dankbar ihn das zeitlebens machte?

Diese Wende zum Guten ist auch uns versprochen. Und wer sich darauf verläßt, wird heute schon Dankbarkeit gegenüber Gott verspüren und auch zum Ausdruck bringen. Es ist die alte und immer wieder neue Erfahrung des Glaubens, wie sie schon die Beter der Psalmen kennen: —Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken...ž (Ps 42,6). So sicher ist die künftige Rettung, daß sie selbst die mieseste Gegenwart in einem anderen Licht erscheinen läßt und schon jetzt Grund genug ist zur Dankbarkeit. Damit ist nichts mehr so, wie es vorher war.

Leider merkt das nicht jeder. Darum üben wir das ein, z.B. indem wir immer wieder das Vaterunser beten. Wie hat Luther erläutert? —Gottes Reich kommt auch ohne unser Gebet von selbst, aber wir bitten in diesem Gebet, daß es auch zu uns komme.ž Dann klapptŽs auch mit der Dankbarkeit. Und wenn es auch nur wie bei den Aussätzigen ist: 1 zu 9 - für den Anfang eigentlich keine schlechte Quote.

Und dem, der das erlebt, dem verändern sich auch die alltäglichen Beschwerden. Der Glaube ersetzt zwar weder bittere Medizin noch den Besuch beim Onkel Doktor noch verschwindet alles Leiden - er hellt aber die Trübsal auf, die mit Krankheit zumeist einhergeht. Krankheit ist nicht die letzte Macht, die einen beherrscht.
Und vieles ach so Selbstverständliche wird daraufhin unselbstverständlich: Gesundheit, Essen, Trinken - das hat doch nicht jeder.

Und gegen Streß mit anderen Leuten hilft selbstbewußter Glaube auch. Als Studenten trösteten wir uns in solchen Fällen mit einem lockeren Spruch. —Was kümmert es den Mond, wenn ihn der Hund anbellt!ž Und wenn es uns mal wieder hart ankam, seufzten wir: —Was ist das alles angesichts der Ewigkeit...ž -
Amen.
 
 


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