Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis über Lk 14, 15-24

Liebe Gemeinde!
Uns könnte das wohl kaum passieren, was die Parabel im heutigen Evangelium erzählt: Eine Einladung zum Essen schlägt man bei uns doch nicht aus. —Wenn es was (umsonst) zu essen gibt, kommen doch allež, höre ich in Jacobi immer wieder. Und das nicht genug, wir in Berlin feiern ohne Ende: Kirchentag, Karneval der Kulturen, Chorfest, Christopher-Street-Day, Love Parade. Dazu dann noch die Straßenfeste. Wer hat da noch ein freies Wochenende? Und das ist nur das öffentliche Feiern. Schließlich feiern ja noch die Vereine, Nachbarschaften und - o je - beinahe hätten wir Tante Friedas Geburtstag vergessen. Wir aber lassen nichts aus. Der Kapitalismus ist ein einziges großes Fest, hat schon Walter Benjamin beobachtet.

Käme uns die Einladung zu einem großen Abendmahl da etwa ungelegen? - Hm, an diesem Wochenende kann ich allerdings nicht, da ist erst Sommercafé, und Sonntag mache ich eine Dampferfahrt. Vielleicht nächste Woche? Aber da ist Grillfest im Garten. Schließlich muß ich auch noch meinen Urlaub nehmen. Manchmal kann es einem schon zu viel werden. Wird es schwierig, muß man eben Prioritäten setzen. Schließlich kann man nicht zu jeder Hü-, Ho-, Hitparade laufen. Und sich zu Tode feiern. Man hat ja noch ein Privatleben. Die Folge: In der Gastronomie werden Tische bestellt - aber die Gäste bleiben aus, die Luftverkehrsgesellschaften leiden unter den no shows, Reisende, die buchen, aber nicht erscheinen.

Ups, jetzt geht es doch zu wie in Jesu Parabel: Mein Land, meine Ochsen, meine Frau, das alles geht vor. Und dann kommen die Ausreden: Ich kann da nicht, da muß ich zum Zahnarzt. Oder ich muß zum Geburtstag der Oma. Ich kann nicht? —Das heißt in Wirklichkeit: Ich will nicht,ž sagte schon meine Volksschullehrerin.

Tja, liebe Gemeinde, die Einladung zu einem großen Gastmahl hat es auch bei uns schwer. Und je mehr Einladungen aller Art auf uns einprassseln, desto schwerer wird es. Einladungen können ja auch Druck auf einen ausüben: Wer sich bei seinem Verein eine Zeitlang nicht blicken läßt, muß damit rechnen, scheel angesehen zu werden. Wer an Sitzungen - und mögen sie noch so langweilig und überflüssig sein - nicht teilnimmt, hat keinen Einfluß.

Trotzdem, trotz solchen Drucks auf die Gäste, haben auch Gastgeber es immer schwerer. Die vielen Einladenden stehen ja in Konkurrenz zueinander. Alle wollen ihr Publikum. Darum machen sie noch mehr Druck. Jeden Morgen brüllt eine Stimme auf 100,6: —Ich lade sie ein...ž Und wenn man dann anruft und richtig begeistert tut, kriegt man Karten für den Quatsch-Comedy-Club. Ich frage mich bloß: Was soll ich eigentlich da? Ist doch nur mäßig lustig. Und in meiner Mailbox nervte gestern eine Tina. (Wozu sie mich da einlud, kann ich von der Kanzel nicht sagen. Das ist nicht jugendfrei.)

Und dann gibt es noch die (scheinbar) persönlichen Einladungen: U.A.w.g. (Um Antwort wird gebeten.) Bitte kreuzen Sie an: —Ich  komme mit ... Personen.ž Oder: —Ich kann leider nicht kommen.ž Hat sich eigentlich schon mal einer die Mühe gemacht, Nein anzukreuzen und die Karte so abzusenden? Es sei denn, man will damit sicherstellen, auf dem Verteiler des Gastgebers und damit im Gespräch zu bleiben. Man kann ja nie wissen... Es heißt, das sei die wahre Währung des 21. Jahrhunderts: ob und wie man wahrgenommen wird. Nicht Euro oder Dollars entscheiden, was jemand wert ist - obwohl sie sehr dabei helfen -  sondern der sogenannte Aufmerksamkeitswert, wie häufig beispielsweise die Medien über einen berichten. Das treibt schon seltsame Blüten: Mein Friseur steht im WhoŽs who.

Bei der Kirche ist es übrigens ähnlich: Man muß sich sein Publikum suchen. Mitten im Trubel des Kirchentags wollte mich jemand in seine Kirchentagsveranstaltung locken - mit einer persönlichen Einladung. Moralischer Druck. Ich war fassungslos. (Als hätte es hier nichts zu tun gegeben.)

Der Kampf ums Publikum, der Kampf um die Quote, der Kampf um Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die eigene Veranstaltung ist ja auch hart. Mit Essen allein kann man die Leute nicht mehr ködern, nicht einmal mit besonderen Köstlichkeiten (obwohl das Jubiläumsbuffet der Weberbank schon ziemlich gut war - aber das war vor dem Niedergang der Bankgesellschaft Berlin). Darum werden die Methoden verfeinert. Exklusive Kreise sind attraktiv: Dahin gehen können, wo die anderen nicht hinkommen. Autohäuser werben mit Musikveranstaltungen im kleinen Kreis, Kaufhäuser mit persönlichen Einkaufszeiten für ausgewählte Kunden, Einlaß nur mit Gesichtskontrolle. Toll. Oder backstage die Rolling Stones treffen. Harald Schmidt bot dazu schon die passende Lebenshilfe an: —Meinen Zuschauern verhelfe ich zu Karten für solche events.ž Anderes kann man bei ebay ersteigern - oder durch Happy Digits-Sammeln.

Kann man so den Wettlauf um die Gäste für sich entscheiden? Entscheidet am Ende, wer da einlädt? Eine Einladung des Bundeskanzlers zum Gartenfest würden wohl alle annehmen, aber eine Einladung in den Jacobi-Garten? Selbst von den zum Johannisfest persönlich Eingeladenen kamen nicht alle. Ja, ja, die moderne Einladungsgesellschaft...

Liebe Gemeinde, vor lauter weltlichen Problemen zum Thema Einladung, wann kommt endlich die Botschaft des Gleichnisses, die Parabel Jesu von der Einladung zu einem großen Abendmahl?

Sie war schon die ganze Zeit zu hören: Jesu Botschaft muß sich ja Gehör verschaffen inmitten der Einladungskultur der Welt mit ihren eigenen Problemen. Sie trifft auf Menschen, die ganz in der Welt aufgehen und sucht unter ihnen die Gäste fürs Gastmahl des ewigen Lebens. - Die der Einladung Folge leisten, fragen sich da häufig: Warum zieht die Person des Gastgebers so wenig? Kann es denn einen bedeutenderen Gastgeber geben? Und wie steht er denn da, wenn keiner kommt? Das kennen wir doch aus eigenem Erleben: Nichts ist schlimmer, als wenn keiner zu meinem Geburtstag kommt. Was für eine Beleidungung! Bloß, daß Gott daraufhin nicht etwa die Feier abbläst, sondern sich seine Gäste neu sucht. Sein Gastmahl wird stattfinden.

In ihre Zeit gesprochen, meinte die Parabel einen ganz konkreten Fall, die Absage vieler Juden zum Glauben an Jesus. Ihnen war das Bild von großen Gastmahl Gottes mit seinem Volk am Ende der Zeiten vertraut - aber die Einladung Jesu lehnten sie ab. Sie, das war vor allem die Führungsschicht, die Reichen und die pharisäischen Gesetzeslehrer. Ihnen wird nun gesagt: Gottes Einladung bleibt bestehen. Wenn ihr sie ablehnt, dann kommen eben die anderen, die kleinen Leute, die Armen, die —Zöllner und Sünderž. Und dann geht die Parabel noch einen Schritt weiter: Mit der erneuten Einladung des Gastgebers kommen die von draußen, die von der Straße. Gemeint sind die Heiden. So geht die Einladung Gottes von den Juden zu den anderen Völkern: Nötige sie hereinzukommen, daß mein Haus voll werde. Gott akzeptiert nicht, daß sein Haus leer bleibt - mag sich auch der Einzelne seiner Einladung entziehen. Darum sprengt Gott die Rolle eines reichen orientalischen Gastgebers: Auch unwürdige Leute, unvorbereitet, von der Straße weg sind ihm willkommen.

Nicht verschweigen will ich, wie der große Kirchenlehrer Augustin die Worte nötige sie verstanden hat: als Erlaubnis zu Druck, ja Gewalt bei der Ausbreitung des Evangeliums. Mission mit Feuer und Schwert? Ein dunkles Kapitel der Kirchengeschichte - obgleich nicht die kleinen Missionare, sondern eher die jeweils politisch Mächtigen hierin einen Freibrief für ihre Machtgelüste sahen.

Jedenfalls ist die Botschaft der Parabel mit jenen Anfängen und jenem Mißbrauch nicht erledigt. Wie sie die Frommen damals und die Gewalttäter mit dem Kreuz auf Rücken oder Bauch überführt - ihre Ausreden sind in zweitausend Jahren Kirchen- und Weltgeschichte nicht besser, kaum anders geworden - so überführt sie auch uns. Sie stellt vor das 1. Gebot: Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Nimm darum meine Einladung an - oder laß es, aber dann laß dir gesagt sein: Mein Haus wird voll werden - auch ohne dich. Denn ich sage euch, daß keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.

Es gilt also, Gottes Einladung anzunehmen - ohne Berechnung, ohne eine Gegenleistung. Darum sagt der, der mit Jesus zu Tisch sitzt: Selig ist, der das Brot ißt im Reich Gottes! Und darum nimmt die christliche Vorwegfeier dieses großen Mahles, das kirchliche Abendmahl, das Einladungswort des Gastgebers aus der Parabel auf: Kommt, denn es ist alles bereit!

Übersetzt in die heutige Feierkultur heißt das: Geht nicht zur falschen Party! Setzt für Euer Leben nicht auf eine Bank: weder auf die Deutsche Bank noch überhaupt auf Geld oder Gut. Schiebt aber auch nicht alles auf die «lange BankŽ, denn - ihr wißt schon - «wer zu spät kommt, ...Ž.

Wer als sogenannter moderner Mensch Gottes Existenz allerdings rundweg leugnet, dürfte sich zwar fragen, was soll das für eine gespenstische Einladung werden? Was soll da auf mich warten? - Aber gerade das könnte doch auch neugierig machen, neugierig auf solch einen geheimnisvollen Gastgeber und seine Einladung, ein exklusives und perfektes blind date. Vergeßt nicht: Dieser Gastgeber sorgt ja selbst für das Kommen seiner Gäste. Er hat wirklich etwas Bezwingendes an sich.

Auch für die Christinnen und Christen soll das übrigens so sein: am Ende die große Überaschung durch den Gastgeber, der noch größer ist als alle unsere Erwartungen. Darum: Kommt...!ž
Amen.
 
 


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