Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr über Lk 11, 14-23

Liebe Gemeinde!
"Wenn zwei dasselbe tun...." (ist es noch lange nicht dasselbe.) - Das meinten jedenfalls die Gegner Jesu bei ihrem Vorwurf, Jesus treibe böse Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten. Nichts gegen Dämonenaustreibungen im allgemeinen - das kannten sie ja - aber dieser Jesus: Woher hat er seine Autorität? Jesus hat leichtes Spiel mit diesem Argument: Wenn aber ich die bösen Geister durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Das hält Jesus seinen Gegnern entgegen und beruft sich dazu auf die Praxis von Dämonenaustreibungen durch Zeitgenossen. Das Böse kann nur vom Guten ausgetrieben werden. Bedeutet das: Wenn zwei dasselbe tun, muß es wohl doch dasselbe sein? Oder ist das alles viel komplizierter, als daß man es zur Erklärung bei einem volkstümlichen Spruch belassen könnte? Was geht bei sogenannten Dämonenaustreibungen eigentlich vor sich? Einigkeit scheint schon damals nicht darüber bestanden zu haben. Jedenfalls fordern einige ein zusätzliches Zeichen vom Himmel. Das soll Jesu Wirken beglaubigen. Dämonenaustreibungen sind also zweideutig. Welche Mächte und Gegenmächte sind hier am Werk?

Vielen Menschen heute mag gewiß schon die bloße Diskussion darüber gespenstisch vorkommen. Wir wissen doch (vermeintlich) ganz genau, daß es keine Dämonen gibt. Und wir sind vielleicht sogar peinlich berührt, daß Jesus sich hier auf eine Ebene begibt mit Wundertätern und Scharlatanen. Gewiß kennen wir ähnliche Phänomene wie die, die im Zusammenhang mit Dämonenaustreibungen beschrieben werden. Aber das sind doch Krankheiten, zumeist psychischer Art - und vieles davon kann medizinisch kuriert werden, ganz einfach mit Psychopharmaka. Dämonen - ein klarer Fall für den Psychiater (oder für Hollywoods Unterhaltungsindustrie: Poltergeist, Der Exorzist, Halloween und andere Gruselschocker für die, die harte Kost lieben. Für zartere Gemüter dann Charmed oder Bernds Hexe.)

Skurril mutet es viele an, daß die katholische Kirche bis heute in der Tat das Amt des Exorzisten kennt und daß Wunderheiler nicht nur im Verborgenen Hochkonjunktur haben. Neulich trat einer in der Agneskirche auf. Das könnte man zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen vielleicht ja noch durchgehen lassen (falls Wunderheiler wirklich billiger sind: Da gibt es auch Risiken und Nebenwirkungen - und Folgekosten) - aber kann man sich wirklich Jesus von Nazareth in diesem Milieu vorstellen? Oder gilt die Weisheit eben doch: "Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht dasselbe"?

So sieht es aus. Denn wenn Jesus Dämonen austreibt, dann zieht Gottes Herrschaft ein. Für das Wirken Jesu gilt: Heilung ist mehr als das Fehlen von Krankheit, guter Geist mehr als das Verschwinden des Bösen. Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. Darauf also zielt das Heilen Jesu - auf Gottes Herrschaft.

Fast schade, wie nüchtern und sachlich das bei Jesus so daher kommt. Dabei wäre es sicher spannend, einmal allgemein über das Wesen des Bösen nachzudenken oder auch nur konkret über einen bösen Geist, der stumm ist und stumm macht. Wo schweigen wir, wo wir reden müßten? Wie sagte Franz Müntefering nach seinem Rücktritt: "In keinem Gremium der Partei kann man mehr offen reden." Und warum ist das so? Hinter solchem Verhalten steckt doch anderes als eine psychische Erkrankung, solche Stummheit ist anders begründet denn als Folge eines Schocks oder Traumas. Sind wir Menschen manchmal nicht auch in einem anderen als einem pathologischen Sinn wie besessen - von fixen Ideen, ideologischen Vorstellungen, zwanghaften Einflüssen? Da fragt man sich: Kommt das nun von innen oder von außen, wirken hier Endorphine oder mißlungene Erziehung? Ganz unübersichtlich wird eine solche Fragestellung, wenn wir dabei nicht nur an einzelne denken, sondern an Gruppen, Völker, Epochen - an die Stimmung in den USA vor dem Irakkrieg, an die aktuellen Unruhen in Frankreich. Und welcher Ungeist beseelt uns hier und heute? Resignation und Reformstau - das Wort Angst muß man nicht ins Englische übersetzen. So deutsch ist Angst, the german Angst. Da kann man doch auf die Idee kommen: Nichts brauchen wir dringender als Exorzisten.

So pauschal behauptet, fällt es leicht zuzustimmen und zu nicken. Konkret zu werden aber hieße jetzt, Gottes Gebote in Stellung zu bringen gegen das, was sich bei uns als Lebenswirklichkeit breitmacht: die vielen Lebenslügen, das unausgewogene Geben und Nehmen, das Weglaufen vor Problemen. Die große Politik bildet ja nur ab, was auch in der Nachbarschaft geschieht. Der Teufel steckt im Detail, er versteckt sich hinter dem Guten. Vielleicht ist das sogar die tiefste Einsicht in das Wesen des Bösen.

Und das größte Problem der vielen problematisch gewordenen Rede von Dämonen ist dann nicht die Frage, ob es Dämonen gibt oder nicht, sondern, ob man sie nicht verharmlost, wenn man sie als 'von außen kommend' versteht - wie Aliens oder die grünen Männchen vom Mars - anstatt als Teil von uns, die uns im Griff haben können, obwohl sie doch "nur menschlich" sind. Welch Ungeist kann in einer Gruppe herrschen - bis ihn einer austreibt! (Weshalb Fußballtrainer immer auf dem Schleudersitz sitzen - als Exorzisten schlechten Teamgeistes, die aber nun selber für alles verantwortlich gemacht werden.) Das Böse - ein Rätsel. Wie selbständig ist es? Läßt es sich vielleicht doch psychisch integrieren - durch Begreifen und Analysieren, durch geistige Auseinandersetzung mit der dunklen Seite der Macht? Kann der Mensch seine persönlichen und kollektiven Dämonen in den Griff bekommen? Fragen über Fragen.

Das alles aber wird von Jesus gar nicht groß bedacht. Er tut alles andere, als den Teufel an die Wand zu malen. Er treibt das Böse aus im Namen - und das heißt: in der Kraft - Gottes. Nicht Ursachenforschung ist sein Bestreben, sondern Heilung und Befreiung. - Wo das wirklich geschieht, ist es da nicht egal, ob der Pfarrer am Niederrhein mit dem Weihwasserkessel in den Kuhstall geht, um die 'verhexten' Tiere gesundzumachen - wie mir ein katholischer Kollege mal erzählt hat - oder ob sich bei Taufen in Afrika getreu wiederholt, was die biblische Geschichte heute berichtet - was ein nüchterner Kirchenrat aus Bielefeld einmal mit allen Anzeichen der Verblüffung erlebte. Bei allem Schindluder, der mit dem Thema Exorzismus getrieben wurde und wird - "wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht dasselbe" - daß es hier auch wirkliche Befreiung gibt, müssen wir nicht leugnen.

Auch ich habe gelegentlich mit Menschen zu tun, die ich lieber zum Arzt schicken möchte, wenn sie mir erzählen, daß sie verfolgt werden - vom chinesischen Geheimdienst oder von ganz normalen Mörderbanden. Andere brauchen psychologische Hilfe, um das, was sie als dunkle Bedrohung erleben, am Ende dann doch als zu ihnen gehörig annehmen zu können - und so zu gesunden. Nichts also gegen Ärzte, Psychiater und Psychologen. Aber auch ich habe einmal einem von Angst besessenen Menschen, dem das alles nicht geholfen hatte, geraten, sich taufen zu lassen - und fügte hinzu: "Ich weiß nicht, ob Ihnen das dann die Angst nimmt - aber ich weiß, daß sie als Getaufter vor Ihrer Angst keine Angst mehr zu haben brauchen." Ich dachte dabei an Luthers Anfechtungen. Wenn er sich vom Teufel verfolgt, verlockt und verführt sah, dachte er an seine Taufe: "Ich bin getauft", schrieb er dann auf die Tischplatte und gab es sich damit sogar schriftlich. Die Taufe - kein Allheilmittel, aber ein Mittel gegen die Angst vor dem Bösen.

In der Alten Kirche gab es vor der Taufe den Exorzismus, die Absage an das Böse - und am heutigen drittletzten Sonntag im Kirchenjahr begann jeweils die Taufvorbereitung für die, die zu Epiphanias getauft wurden - mit diesem Thema. Und auch unsere Taufliturgie kennt Sätze wie diese: "Wer sich taufen läßt, will seinem Leben eine neue Richtung geben: Wort und Geist Jesu sollen seinen Weg bestimmen. Darum sagt er ab allen Mächten, Gedanken und Kräften, die uns von Gott trennen wollen. So frage ich dich: Sagst du ab der Macht des Bösen und willst du Christus als deinem Herrn zugehören?" Der Täufling antwortet: "Jesus Christus soll mein Herr sein. Darum sage ich ab der Macht des Bösen."

"Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht dasselbe". Diesen Spruch sollten wir jetzt wirklich nicht überstrapazieren, doch kann er helfen, Jesu exorzistisches Wirken von dem eines x-beliebigen Wunderheilers sonst zu unterscheiden - denn darum, um diese Unterscheidung, geht es Jesus schlußendlich: Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut. Jesus geht es hier also weder um eine Theorie des Bösen im Allgemeinen noch um eine Beurteilung exorzistischer Tätigkeit im Besonderen, sondern um seine Botschaft vom Reich Gottes.
An der aber scheiden sich die Geister. Und diese Entscheidung ist unausweichlich - eine große Koalition mit dem Bösen geht nicht. Das wirklich Böse kann nicht integriert werden - nur ausgetrieben.

Mit dem Wirken Jesu damals hat eine Art Adventszeit begonnen - das Kommen der Herrschaft Gottes. Sie löscht das Böse nicht aus - aber sie vermag den Gläubigen von der Herrschaft des Bösen zu trennen. Der Gläubige sagt nicht mehr zu allem Möglichen Ja und Amen, sondern nur noch zu Gott und seinem Wort. Ungeist ist damit aus der Welt zwar nicht verschwunden - aber in seinem Wirken und in seinen Auswirkungen begrenzt. Das ist ein Anfang - immerhin. Was also sagen wir an diesem drittletzten Sonntag im Kirchenjahr, dem traditionellen Sonntag der Absage an das Böse zu Jesu Wirken? Ja und...
G. Amen.
 
 


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