Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt im Konfirmationsgottesdienst am Pfingstsonntag 2003

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Goldene Konfirmandin, liebe Gäste, liebe Gemeinde!
—Wie viele Konfirmanden haben Sie denn, Herr Pfarrer? Nur fünf? Bei uns sind es aber 80 - und früher, da waren wir selbst fast 40.ž Diese Bemerkung habe ich so - oder so ähnlich - in den letzten Wochen mehrfach gehört. Und wirklich: Vor fünfzig Jahren gab es auch in St. Jacobi und in Luisenstadt weitaus mehr Konfirmandinnen und Konfirmanden als heute, sogar zwei Gruppen: 1953 wurden am 22. März 53 junge Leute und weitere 39 am 29. März konfirmiert. ... Anlaß zum Nachdenken? Spiegel unserer Welt, in der so vieles anders geworden ist? Schauen wir nur auf die letzten anderthalb Jahre zurück:

Januar 2002. Eine neue Konfagruppe steht vor der Tür - und auch der Teuro ist da. Mit ihm geht es bergab und bergauf. Auch die Gruppe nimmt zu und wieder ab - es geht zu wie an der Börse. Unter Berücksichtigung aller (Zahn-)Arzttermine, Schularbeiten und zahlloser Geburtstagsfeiern findet auch Unterricht statt. An der Ostsee schaffen wir es, bis zum Darßer Leuchtturm zu radeln - und zurück. Das war schon was. Allmählich schält sich ein fester Kern heraus, der am Ende dann mit Glanz und Gloria die Prüfung besteht. Herzlichen Glückwunsch! Das war eine Leistung. Mein Kompliment und meine Gratulation - besonders einem unter Euch, der - nach mehreren Anläufen - durchhielt! Eben noch lag sie einem wie eine kleine Ewigkeit vor Augen - auch mir - und nun, vorbei, die Zeit. Hinter Euch liegen knapp 1 1/2 Jahre Unterricht, hinter Ihnen gut 50 Jahre Leben mit dem Glauben - und hinter Euch, liebe Gäste, liebe Gemeinde ... ? Ihr wißt es manchmal nur ganz persönlich, was die Jahre Euch gebracht haben. Viel ist jedenfalls geschehen, was davon bleibt?

In die Zeit Eures Unterrichtes jedenfalls fallen nicht nur die wirtschaftliche Talfahrt unseres Landes und seine Reformunfähigkeit, auch Kriege, darunter ein besonders unerhörter Krieg. Was fällt einem da zu den 10 Geboten noch ein? Was vermag der Glaube im Hier und Jetzt?

In die Zeit Eures Unterrichtes fällt auch das Ende einer populären Fernsehsendung. (Ich gestehe, daß ich die einzelnen Folgen nur ungern verpaßte und froh war, wenn ich montags nach zwei Gruppen Konfa schon am frühen Abend Zeit dazu fand. Irgendwann habe ich allerdings den Anschluß verpaßt und weiß bis heute nicht, warum einer der Hauptdarsteller lange Zeit aus der Sendung verschwand.) Wovon ich rede? Natürlich von Akte X, der Serie um zwei sehr unterschiedliche FBI-Agenten.

Akte X hatte verschiedene Handlungsfäden, aber immer unterlegte der Autor Chris Carter seinen Hauptfiguren eine fast religiöse Suche nach —dem Glaubenž. Was das für ein Glaube war, darüber hat er seine Zuschauer lange im Unklaren gelassen. Einige dachten, es ginge darum, ob man an Ufos  glaube oder nicht - oder an irgendwelche Regierungsverschwörungen. Aber weit gefehlt. Immer deutlicher wurde die Rolle des Glaubens, besonders als Mulder und Scully die Rollen tauschten, die Zweifelnde wurde zur —Gäubigenž, der —Gläubigež zum —ungläubigen Thomasž, der Beweise suchte.

Am Ende, eines Montags dann, nach dem Konfa, die letzte Folge mit der Auflösung: Mulder und Scully geben auf. Außerlich müssen sie sich geschlagen gaben. Ihre Suche nach dem Geheimnis um Außerirdische, ihr Versuch, die Menschheit vor ihrem Schicksal zu warnen, ist gescheitert. Die politischen Kräfte sind stärker, der Job verloren. Alles ist aus. Keine Zukunft mehr. Machtlosigkeit. Da sagt Mulder: —Ich möchte glauben können - an etwas, das uns die Kraft gibt, uns zu retten, das größer ist als wir.ž Scully antwortet: —Daran möchte ich auch glauben können.ž Und die Kamera zeigt in Großaufnahme das Kreuz um ihren Hals. Er nimmt es in die Hand, beide umarmen sich - na, kriegen sie sich endlich? Der letzte Satz: —Vielleicht gibt es doch Hoffnung...ž

Die Serie ist zu Ende, die Wirklichkeit hat uns wieder. Und auch die Hoffnung nach der Hoffnung, der Glaube an den Glauben. Durchgehen (h)offen, Motto des Abends der Begegnung beim Kirchentag, —ich glaube zu glaubenž, neue Suche nach dem Glauben - und neues Finden, auch in unserem Land, das anders als fast der ganze Rest der Welt noch dem alten Atheismus verbunden ist. Old Europe eben - Donald Rumsfeld hatte auch Recht.

Noch sind es vielleicht nur wenige, die sich vom Geist Gottes wieder neu ins Abenteuer des Glaubens führen lassen - aber es sind mehr als nur diese fünf. Zum ersten Pfingstfest hat es ja auch nur mit wenigen begonnen. Lassen wir darum Gottes Geist wieder wirken - wie damals, dann werden sich die vielen Sprachen der Menschen im Bekenntnis des Glaubens vereinen.

Bei Mulder und Scully und ihrem —Schöpferž Chris Carter, der einmal bekannte, daß er sich mit dieser Serie seine ganz persönlichen Lebensängste vom Leibe schreiben konnte, war es am Ende nur noch das Zeichen des Kreuzes, das Halt versprach: —Ich möchte glauben können - an etwas, das uns die Kraft gibt, ... das größer ist als wir.ž

Darum schenke ich Euch jetzt ein Kreuz - zum Tragen, und - wenn nötig - um sich daran festzuhalten. Es zeigt Tod und Auferstehung Jesu Christi: das Kreuz und die Sonne, den Tod und das Leben, das Kreuz als Weg zum Leben, als Botschaft für die ganze Welt. Denn wie sagte Petrus in seiner Predigt damals, am Pfingstfest? Christus ist nicht dem Tod überlassen, und sein Leib hat die Verwesung nicht gesehen. Diesen Jesus hat Gott auferweckt; dessen sind wir alle Zeugen. Da er nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr hier seht und hört.

Und wenn Euch in Eurem Leben irgenwann einmal Hören und Sehen vergehen, dann haltet Euch an das Kreuz, das Kreuz Christi. Daran kann man sich halten - weil es uns hält.
Amen.
 
 


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