Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Pfingstsonntag zur Konfirmation

Tanz, Lärm, Begeisterung - Feuerzungen, Sturm, Ekstase: Was will das werden? Das ist Pfingsten. Gottes-Begeisterung. Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.- So früh am Morgen schon? fragt Petrus zurück und erläutert den Bewohnern von Jerusalem und ihren Gästen, was da gerade geschehen war. Gottes Geist war in die kleine Schar der verängstigten Anhänger Jesu gefahren - und die sind nun außer sich. Er erzählt die Geschichte Gottes mit den Menschen, wie sein Volk sie seit alters erlebt hat, neu, er erzählt von Jesus von Nazareth: Gott hat ihn von den Toten erweckt, er hat sich auf seine Seite gestellt - nicht auf die Seite der Machthaber, die ihn ums Leben brachten. Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht. M.a.W.: Petrus erteilt sozusagen den ersten Konfirmandenunterricht.

Und —Was sollen wir tun?ž fragen seine Zuhörer. Petrus antwortet: Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des heiligen Geistes.

Liebe Gemeinde - was damals begonnen wurde, haben wir fortgesetzt. Was Sie als junge Leute einst erfahren haben, das habt auch ihr nun erfahren: die Geschichte Gottes mit den Menschen, die Geschichte auf Tod und Leben - und die von der Rettung im Glauben an Jesus Christus. In der Taufe habt ihr den Heiligen Geist empfangen. Damit habt ihr etwas, was nicht alle haben. Denn der Heilige Geist, er macht, daß ihr an Gott glauben könnt. Und jetzt beten wir für euch, daß Er in euch diesen Glauben bewahre - auch dann, wenn man an nichts mehr zu glauben vermag.

Was bleibt uns denn? Das fragen sich ja zweifelnde und manchmal verzweifelte Erwachsene - im Angesicht all des Bösen in der Welt. In die Zeit eures Konfirmandenunterrichts fallen ja der 11. September, der Krieg in Afghanistan, Selbstmordattentate und alles zermalmende Panzerattacken, Erfurt. Bleiben angesichts solcher Erfahrungen des Ungeistes nicht bestenfalls nur Spuren des Glaubens - oder sogar weniger als das?
Konkret gefragt: Werden wir uns je wiedersehen - in der Gemeinschaft des Glaubens, im Gottesdienst?

Noch sind die Spuren frisch, die Erinnerungen an die gemeinsam verbrachte Zeit des Unterrichts. Da ist FrancisŽ Schrei: —Seid doch endlich mal ruhig!ž Da ist die Taufe in der Ostsee, der Knochen vom Pessachmahl, der Fisch als Zeichen der Jünger Jesu. Wie war das noch? —Ein Zeichen ist etwas, was ich sehe, um etwas zu sehen, was ich sonst nicht sehe.ž Und da klebt irgendwo in Zingst immer noch Nutella. Und da ist - hier ist - der letzte Zehner: von der Oma, die sich so von den Berliner Halloween-Gespenstern freikaufte.

Erinnerungen, Spuren, die sich bei vielen Erwachsenen verlaufen haben, bei Erwachsenen, die ihren Glauben, ihre Hoffnungen, ihre Lebensphilosophie mittlerweile an anderen Dingen und Gestalten festmachen als an Jesus  Sind wir nicht längst von Gott und allen guten Geistern verlassen? Wo ist Gott? Doch da gibt es überraschende Erlebnisse. Mein vor genau 50 Jahren in der DDR konfirmierter Friseur - einst zum DDR-Kader der Weltmeisterschaft der Friseure gehörig - kann die 10 Gebote heute noch besser auswendig als so mancher hier. Spuren.

Eine alte Legende erzählt von einem Menschen, der am Ende seines Lebens Gott begegnete und ihm gleich heftige Vorwürfe machte: —Wo warst du, als es mir schlecht erging? Hast du nicht versprochen, immer bei mir zu sein?ž Gott läßt ihn Rückschau halten. Und der Mensch sieht im Rückblick auf sein Leben eine doppelte Fußspur. Tatsächlich, da war einer bei ihm, am Anfang, bei Taufe und Konfirmation, im Kindesalter. Aber dann: —Sieh nur!ž ruft er aus, —später, da war ich ganz allein. Da hast du mich in Stich gelassen. Siehst du, Gott, da ist nur eine Spur zu sehen! - Und da habe ich dann nicht mehr an dich geglaubt.ž - —Mein Kindž, antwortet der Herr, —damals habe ich dich getragen!ž

Spuren. Seht diesen Anhänger, mein Geschenk für euch zur Konfirmation! Zwei Füße am Beginn eines weiten Feldes. —Du stellst meine Füße auf weiten Raumž, heißt es in Psalm 31. Euer Lebensweg mag euch aus der Kirche herausführen - aber Gott läßt euch nicht fallen, sein Geist gibt euch Halt. Hin und wieder aber werdet ihr ihn auch wiederentdecken, diesen Geist Gottes - weil er euch begleitet. Zwei Füße - Schritte auf eurem Lebensweg, Gottes Spuren in eurem Leben. Die bleiben. Das macht den Schritt ins Unbekannte leichter. Man muß dazu nicht immer gleich so abheben vor Gottes-Begeisterung wie unsere Gäste aus Brasilien mit ihrem getanzten Evangelium. Wieviel Begeisterung darf in unseren Breiten sein - ohne für betrunken oder unseriös gehalten zu werden? Manchmal muß das aber sein - z.B. heute, am Feier-Tag des Pfingstwunders, als Gottes Geist die Kulturen der Welt im Verstehen seiner Botschaft vereinte. Solche Zeichen machen sichtbar, was wir sonst nicht sähen.

—Komm, Herr, segne uns, daß wir uns nicht trennenž. Bevor ihr gleich abhebt (oder vielleicht auch nur die Fliege macht) bitte ich euch deshalb noch, hier eine Spur zu hinterlassen: Jeder und jede von euch möge jetzt seine und ihre Fußabdrücke hinterlassen - zwei Füße am Beginn eines weiten Feldes. Die bleiben dann hier in der Kirche.
Amen.
 
 


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