Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Rogate über Kol 4, 2-4

Liebe Gemeinde!
Kennen Sie das Geheimnis der ASPIG? Das ist nichts zum Essen. Es heißt nicht Aspik, sondern ASPIG, A-S-P-I-G. Das ist die Abkürzung für Anti-sport-interessen-gemeinschaft. Das war ein Geheimbund, der an meiner alten Schule kurzzeitig Furore machte. Wir wandten uns gegen Schulstreß im Sportunterricht - mit Flugblättern und anonymen Artikeln in der Schülerzeitung. Große Begeisterung unter den Mitschülern. Ich wurde deshalb sogar zum Direktor bestellt. Der wollte wissen, wer da alles mitmacht. —Sagen Sie, Hauke, stimmt das, daß bald die ganze Oberstufe dazugehört?ž Das Geheimnis dieses Bundes habe ich fast 40 Jahren lang gehütet - bis heute. Und jetzt interessiert sich kein Menschen mehr dafür.

Dabei sollen die Menschen doch so wild auf Geheimnisse sein. Seit Jahrhunderten enträtseln sie die Geheimnisse der Natur. Sie scheuen dabei weder Kosten noch Mühen. Und egal, ob es um ihre Geschichte, die Geschichte des Menschen im allgemeinen oder die Geschichte der Völker, geht oder um ganz persönliche Geschichten - Geheimnisse wollen ans Licht. Um das zu befördern, haben wir sogar Spezialisten: den Beruf des Journalisten - und andere Geheimdienste. Und der Volksmund weiß: —Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen.ž

Ein Geheimnis aber kriegen Menschen einfach nicht raus. Es ist nicht irgendein historisches Rätsel. Es ist das größte Geheimnis der Welt. Seine Besonderheit besteht darin, daß es sich überhaupt nicht versteckt. Im Gegenteil: Jeder kann es lesen und hören. Es wird seit Generationen weitererzählt - und dennoch, mit menschlichen Kräften und Methoden kriegen wir einfach nicht raus, worin es wirklich besteht. Es ist dies das Geheimnis, für das schon der Apostel Paulus im Gefängnis saß. Unsere Lesung hat kurz davon erzählt:

Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, daß Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das  Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muß.

Das Geheimnis, von dem ich spreche, ist das Geheimnis Christi. Das Geheimnis Christi - das ist nicht die Geschichte, ob oder wieviel Kinder er hatte, ob er mit Maria Magdalena (oder mit wem auch immer) überhaupt etwas hatte oder nicht - das Geheimnis Christi, Paulus will es ja öffentlich machen. Was aber hindert ihn daran? Daß er als einer, der die öffentliche Religionsausübung stört, im Gefängnis sitzt, ist nur ein kleines Hindernis. Das eigentliche Problem ist: Dieses Geheimnis kann nur von Gott selbst gelüftet werden. Der Kolosserbrief sagt es mit einem für Paulus traditionellen Bild: Gott muß die Tür öffnen.

Vor dem Geheimnis Christi steht also eine verschlossene Tür. Kein Wunder, daß da die menschlichen Phantasien wuchern, was sich wohl alles hinter der Tür befinden könnte. Wer im Alltag vor einer verschlossenen Tür steht, macht sich ja meist die tollsten Gedanken, was wohl dahinter los sein konnte - und was ihn erwartet, wenn sie sich öffnet. Jeder, der viele Besuche macht - besonders bei wildfremden Menschen - weiß das. Und was lauert nun hier? Vielleicht das Geheimnis, was Jesus wirklich wollte, was er wirklich gesagt und gelehrt hat? Unsere Gelehrten haben doch festgestellt: —Jesus verkündete das Reich Gottes - und was kam, war die Kirche.ž Damit kommen wir der Sache schon näher, dem Geheimnis auf die Spur. Es wird warm, wärmer, heiß. Jetzt brauchen wir nur noch den Schlüssel für die Tür. Den gibt uns der Brief an die Kolosser in die Hand, das Schlüsselwort zu dieser Tür: Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Das Gebet also ist der Schlüssel zum Geheimnis Christi. Wie das? Heißt das, daß wir jetzt so lange beten müssen, bis einer von uns eine Eingebung hat und des Rätsels Lösung gefunden hat? Nein, hier hilft uns nicht die eigene Leistung, um die Tür zu überwinden, auch keine fromme. Alle eigene Anstrengung steht nur im Wege und ruft nach der Art eines Türstehers: —Du kommt hier nicht rein, du kommst hier nicht rein...ž

Was stand auf dem Schlüssel? Beten, danken, wachen. Das sind nur andere Namen für den Glauben. Und Glauben heißt nichts anderes als: Gott machen lassen, Gott selbst das Geheimnis Christi lüften lassen. Und wie lautet dann des Rätsels Lösung?

Es lautet Gott. Gott ist das Geheimnis Jesu Christi. Wer Jesus verstehen will, stößt unweigerlich auf Gott. Im Bild von der Tür gesprochen: Jesus selbst ist diese Tür zu Gott - und sein Geist, den wir den Heiligen nennen, ist der Türöffner, der sich gegen unseren, den menschlichen Geist durchsetzt. Das Geheimnis Jesu Christi wird also nicht mühsam und durch Anstrengungen gelüftet wie eine zuvor geheime Information, in dieses Geheimnis wird man eingeweiht - durch die Taufe. Sie verleiht den Türöffner, den Geist, der uns öffnet für das Geheimnis Jesu Christi: Gott den Schöpfer und Herrn der Welt. Sesam, öffne dich.

Das hat sich eben an Jolanda vollzogen - aber begonnen hat es schon früher, mit dem Glauben ihrer Eltern und Großeltern und dem ihrer Paten. (Und natürlich mit ihrer Rolle als Christkind im Krippenspiel.) Jolanda ist nun Teil des Geheimnisses Gottes geworden. Ihr ist ein Licht aufgegangen, Jesus Christus, der spricht: —Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.ž

Als Getaufte sind wir nämlich Teil des ultimativen Geheimnisses, des Geheimnisses, warum das alles da ist - das Leben, der Tod, die Liebe, der Haß. Alles, was wir erleben und erdenken, hat ein Ziel, von dem uns nichts auf der Welt abbringen kann: Gott. Das erleben wir als Beter - im Beten, danken, wachen.

Liebe Gemeinde, Sie werden jetzt sagen, das alles sei doch eigentlich kein Geheimnis, das predigen die Christen der Welt doch schon bald 2000 Jahre. Richtig, das ist die Besonderheit dieses Geheimnisses. Deshalb nannte ich es das größte der Welt. Es versteckt sich nämlich nicht, es wird von tausend Kanzeln gepredigt, es ist öffentlich - aber damit es wirklich ankommt, müssen wir den Schlüssel zur Tür auch gebrauchen, Gottes Geist.

Er macht aus menschlich möglichem Vertrauen in den Urgrund der Welt den lebendigen Glauben an Jesus Christus als das Geheimnis der Welt. Und Beten heißt, sich der Anziehungskraft dieses Geheimnisses auszusetzen: —Ruf mich an!ž

Das ist kein Beitrag aus einem nicht jugendfreien Nachtprogramm, sondern war im vergangenen Sommer auf vielen Plakatwänden zu lesen: —Wir müssen wieder miteinander reden! Gott.ž

Reden mit dem Geheimnis der Welt... Was ist dagegen schon das Geheimnis der ASPIG gewesen?

Ach, ich habe es ja noch nicht gelüftet. Wollen Sie es wirklich wissen? Ich dachte schon, keiner interessiert sich mehr dafür: Ganz einfach, wir - vor denen die Schule zitterte und kurzzeitig ihre Ordnung bedroht sah - wir waren gerade einmal zu siebt.

Aber nun Amen - zu Gott als dem Geheimnis der Welt:
G. Amen.
 
 
 


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