Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Kantate über Kol 3,12-17

Liebe Gemeinde!
Was anziehen? Diese Frage stellt sich nicht nur jeden Morgen neu - wer es morgens eilig hat, legt sich deshalb die Kleidung schon am Abend vorher raus - diese Frage stellt sich auch je nach Anlaß neu: Was trägt man im Beruf, in der Freizeit, in der Philharmonie - was zu "Frau Luna"? Was trägt man zu einer Hochzeit, zu einer Beerdigung? Alles schwarz? Wenn die Kleiderordnung auch nicht mehr so streng ist wie früher, die Zeiten des bewußten Durchbrechens aller Regeln sind auch schon wieder vorbei, wie auch die Zeiten der allgegenwärtigen und alles vereinheitlichenden Jeans. In der Berliner U-Bahn sieht man Herren wieder im Anzug. Zur Konfirmation macht man sich fein, zur Disco auch - nur eben jeweils anders. Kleider machen Leute. Junge Leute definieren sich durch Kleidung - leider meist wieder so szenetypisch einheitlich, daß der Schritt zur Schuluniform nicht mehr weit ist. Und tatsächlich: Auch die scheint im Kommen zu sein.

Was ziehen eigentlich Christinnen und Christen an? - Ich denke bei meiner Frage nicht an die Moralprediger der 60er Jahre, die vor kurzen Röcken und knappen Leibchen warnten, sondern an eine satirische Kurzgeschichte, die auch schon 50 Jahre alt ist: Damals pflegte man in katholischen Kreisen auf jedes Husten des Papstes zu hören und im vorauseilenden Gehorsam seine Wünsche zu erfüllen. Das erklärt die weltweite Resonanz auf eine Meldung in der Zeitung des Vatikans, im Osservatore Romano: "Papst wünscht eine katholische Uniform - Katholiken sollen sich von ihrer Umgebung unterscheiden und deutlich als solche erkennbar sein." Die Nachricht schlägt hohe Wellen: Papsttreue machen sofort Vorschläge, wie eine solche Uniform aussehen könnte, Liberale halten dem die Kosten entgegen, Progressive wollen die katholische Uniform auf ein Abzeichen beschränkt sehen. Polen und Irland preschen vor, Deutschland hält sich zurück und sucht nach einer ökumenischen Lösung. - Am Ende entpuppt sich das Ganze als Scherz, als Studentenulk - wie ja auch die ganze Geschichte eine selbst für Katholiken fehlgeleitete Papsttreue entlarven will. Verfaßt hat sie übrigens ein Benediktinermönch. Für Evangelische hatte die Geschichte noch ihre besondere Pointe: Der trug sie ja schon, seine katholische Uniform: das schwarze Habit.

Um kirchliche Kleiderordnungen ist es seitdem stiller geworden. Soutanen hat man in den letzten Jahren selten gesehen, schwarze Anzüge sind normale Herrenoberbekleidung geworden. Was davon geblieben ist, sind die Hinweise in südlichen Kirchen, daß man sich hier nicht am Badestrand befinde. Und allmählich gibt es wieder einen neuen Dresscode (Frauen in Führungsspositionen beispielsweise tragen kein rosa, Werder-Fans tragen grün.). Das passende outfit ist in so manchen Berufen wieder Thema geworden. In Strandhotels der gehobenen Klasse ist abends keine Freizeitkleidung mehr erwünscht, sondern wenigstens Jackett und Cocktailkleid. Die entsprechende Ratgeberliteratur verkauft sich wieder.

Und passend dazu kommt sie, hier und heute morgen, in unserem Predigttext aus dem Kolosserbrief: die christliche Kleiderordnung: So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld ...  Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.

Liebe Gemeinde! Zieht an Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld, kurzum: die Liebe, das Band der Vollkommenheit! In Tugenden also seien die Christen gekleidet! Sie werden jetzt sagen, das sei doch bildlich gemeint. Genauso ist es, liebe Gemeinde, aber bildlich heißt nicht, daß es nicht so genau gemeint sei. Das Bild will verstanden werden.

Wenn die Christinnen und Christen aufgefordert werden, sich mit Tugenden zu bekleiden, sie 'anzuziehen', dann bedeutet das zunächst einmal, daß sie als Christinnen und Christen nackt sind. Sie stehen nackt da, so wie der liebe Gott sie geschaffen hat - wie Adam und Eva im Paradies. Und das ist auch gut so. Als Sünder und Sünderinnen fingen wir Menschen nämlich an, uns mit unseren Taten zu bekleiden, uns einen Namen zu machen, uns unsere eigene Identität zu erschaffen.

Die Rechtfertigung allein aus Glauben aber hat uns vor Gott wieder frei gemacht - von allen Schalen und Hüllen, von allen Masken und Kostümen. Für Gott tragen wir "des Kaisers neue Kleider" - wie in Andersens Märchen. Da sieht ein Kind, daß der Kaiser nichts anhat - christlich gesehen, ist es allein Gott, der uns so durchschaut. Und dann haben wir - so heißt es bei Paulus an anderer Stelle - in der Taufe Christus angezogen. Jesus Christus ist uns so nah wie ein Kleid, er schützt uns wie ein Kleidungsstück. Und er schmückt uns auch so. Er steht uns gut zu Gesicht. Das ist die christliche Grundbekleidung, das sind die basics. Mehr an Modeberatung ist nicht Sache des Evangeliums.

Gegenüber unseren Mitmenschen aber gilt es, sich noch weiter zu bekleiden, um ihnen gegenüber den Sieg Christi zu bezeugen. Und darum gibt es nun im Kolosserbrief doch noch eine neue, eine christliche Kleiderordnung. - Welche Kleidung ist da passend? Gute Taten, tugendhaftes Leben - das sind die christlichen Kleider. - Gewiß wird solche Kleidung auch von anderen Menschen getragen - weshalb Tugenden weder eine evangelische noch eine katholische "Uniform" ergeben und sich nicht zur Unterscheidung, zum Sichabheben von anderen eignen - aber Christsein hat eben auch eine sichtbare, eine leibliche Seite. Darum ist der Streit um das Tragen eines Kreuzes im öffentlichen Dienst auch nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Da will uns der Staat unsichtbar machen, jedes Bekenntnis ... Bei den Muslimen regt sich schon Widerstand, die Zahl der Kopftuchträgerinnen nimmt zu.
Andererseits befürchte ich, daß (wenn der allgemeine Drang zur Zurschaustellung und neuen Äußerlichkeit weiter zunimmt) wir in einigen Jahren auch wieder eine kirchliche Kleiderordnung bekommen werden. Junge Theologen (nicht nur katholische) tragen jedenfalls schon wieder den weißen Priesterkragen, den Dog collar. Auch neugewählte Bischöfe kaufen sich den als erstes - oder gleich einen Lutherrock. Folge der Globalisierung: Im Ausland trägt man das nämlich. So mag da wieder manche Übertreibung auf uns zukommen. Aber im Grundsatz gilt: Christliches Bekennen ist eben auch leiblich und sichtbar - und hörbar:

Darum schließt der heutige Predigttext mit der Aufforderung zu herzhaftem Singen: Laßt das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Auch Töne kleiden uns ja wohl, auch sie gehören zur "christlichen Kleiderordnung".

Was also anziehen? Worauf es dabei dem Grunde nach ankommt, sagt der Kolosserbrief am Schluß: Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn. Alles Sprechen und Tun geschehe im Namen des Herrn Jesus! Dieses "im Namen des Herrn" bekleide uns! Der alte Brauch des Sich-Bekreuzigens macht das sichtbar. Oder das weiße Kleid, das es in manchen Familien zur Taufe gibt. Aber nicht was wir anziehen, sondern Christus macht uns dankbar und stark!

Und so bitten wir den Herrn Jesus, er möge Gottes Stärke ins Spiel bringen, sich selbst mit seiner Macht zum Guten bekleiden: "Zieh an die Macht, du Arm des Herrn, wohlauf und hilf uns streiten!"
Amen.
 
 


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