Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Quasimodogeniti über Kol 2, 12-15

Liebe Gemeinde!
Im heutigen Predigtext aus dem zweiten Kapitel des Kolosserbriefes begegnen wir einem ganzen Reigen von Bildern. Ganz schnell tanzen sie an unseren Ohren vorbei und - ehe man sich's versieht - sind sie vorüber, so rasch folgen sie aufeinander, so schnell lösen sie einander ab, so sehr schieben sie sich ineinander. Es sind vertraute Worte für bekannte Erfahrungen. Es sind Worte aus dem Alltag. Doch hier werden sie zu Bildern, zu Vergleichen, die versuchen, das absolut Nichtalltägliche verstehen zu lassen: die Auferstehung Jesu Christi - und was wir damit zu tun haben. Bloß - warum macht der Brief nur so viele Worte? Warum reicht es nicht aus zu sagen, Christus ist auferstanden?

Wir hören noch einmal die Worte der heutigen Epistel:
Mit Christus seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.

Mir fällt auf die Reihe der Tätigkeitsworte: begraben - auferstehen - auferwecken - lebendig machen - vergeben - den Schuldbrief tilgen und wegtun und ans Kreuz heften - entkleiden - zur Schau stellen - einen Triumph machen. Ich habe sie Bilder genannt. Das ist nicht selbstverständlich. Ursprünglich meinen sie ja ganz konkrete Tätigkeiten, die wir sehen und kennen. Das gilt auch für Wörter wie auferstehen und auferwecken. Ihr vertrauter religiöser Gebrauch sollte uns nicht täuschen: Auch sie entstammen der Alltagserfahrung: vom Aufstehen am Morgen und nach dem Schlaf Geweckt-werden.

Bilder habe ich all diese vertrauten Wörter genannt, weil die Bibel sie verwendet, um Gottes Handeln an Jesus Christus und an den Christen auszudrücken. Und dadurch bedeuten sie etwas anderes als im Alltag. Jedenfalls ist Vorsicht geboten bei ihrer ungehemmten Ausdeutung, wenn wir uns sagen: "Kenn ick doch allet." Natürlich verstehen wir was vom Schlafen und vom Schuldenmachen - aber kann man auf der Ebene dieser Erfahrungen bleiben und wirklich Gott verstehen? Dann verstehen wir das Lebendigwerden des gekreuzigten Jesus so, als ob sein Herz wieder schlage, der Körper wieder funktioniere - das wäre Jesus als Terminator, diese unkaputtbare Filmfigur. Anders die Bibel: Ihr geht es um Vergleiche, um Bilder aus Worten, um Worte als Bilder. Warum?

Gott ist größer und anders als unsere Erfahrungen von ihm. Wir haben lediglich Bilder, bei denen wir nicht sagen können, eines sei wahrer oder wirklicher als ein anderes. Vielleicht sollte ich sie gar nicht Bilder nennen, weil das eine viel zu allgemeine Bezeichnung ist. Bildliche Rede kennen wir ja auch aus dem Alltag. Wir sagen beispielsweise im Ärger "Tante Mathilde? Die ist für mich gestorben", obwohl (und weil) sie höchst lebendig ist. Hier hingegen geht es darum, daß die Bibel mit Worten aus unserer Welt - und es gibt für Menschen keine anderen Worte - bezeugt, was nicht von dieser Welt ist. Mit ihrer Hilfe können wir dann entdecken, wie Gott an uns handelt.

Als erstes heißt es da: Wir sind begraben. Was ist das? Die Taufe bringt uns so mit Christus in Verbindung, daß sein Schicksal - nach dem Tod in ein Grab gelegt zu werden - sich an uns vollzieht: Wer getauft ist, wurde begraben. Ein stimmigeres Bild wäre es vielleicht, wegen des bei der Taufe verwendeten Wassers vom Ertränkt-werden zu sprechen, aber es geht hier nicht um passende bildliche Rede, sondern um das Zusammenkommen mit Jesus Christus: Seinen Tod haben wir in der Taufe mitgemacht. Wir sind 'in Christus', sagt Paulus immer wieder. (Und das ist natürlich auch ein Bild.) Weil wir 'in Christus' sind, gilt auch die Fortsetzung des Gedankenganges: Jesus stand auf, wurde geweckt - der Tod lag hinter ihm. Auch wir sind so auferstanden, wurden so auferweckt. Die Kraft Gottes, die das am toten Jesus bewirkt hat, hat das auch an uns bewirkt: denn wir glauben.

 Für uns geht es hier und jetzt nicht um einen neuen Körper. Das neue Leben ist der Glaube. Er ist die lebensspendende Kraft Gottes. Auferstehung, Auferweckung beginnt bereits als Glaube.

Mit Blick auf die aus dem Heidentum kommenden Christen, die sich als Erwachsene im Namen Jesu Christi taufen ließen, sagt der Kolosserbrief: Euer Tod liegt hinter euch, es war die Zeit der Sünde, d.h. der Ferne von Jesus Christus. In ihm ist auch alle Schuld vergeben. Der Vergleich aus dem persönlichen Leben - jemand kann mir vergeben, was ich ihm angetan habe - wird sofort abgelöst von einem Bild aus der Finanzwelt: Das Verhältnis des Menschen zu Gott wird mit dem eines Schuldners verglichen, der bei einem anderen Schulden hat. Der Gläubiger hat zum Beweis seiner Ansprüche auf den Schuldner ein Dokument, den Schuldbrief. Und nun heißt es, die Schulden seien getilgt.

Müssen wir erst noch spekulieren, welches Gottes Ansprüche auf den Menschen sind, welche 'Schulden' in welcher Höhe in jenem bildlichen 'Schuldbrief' gestanden haben? Ich denke, nein. Warum? Der Schuldbrief ist ja getilgt, d.h. die Schulden sind bezahlt. Das Dokument der Schuld wurde weggetan, abgelegt, ans Kreuz geheftet. Das Kreuz Jesu Christi ist die öffentliche Proklamation der Tilgung von Schuld. ? Ein Bild für Bürokraten: Das Kreuz Jesu Christi als Ablage, Vorgang abgeschlossen, erledigt, abgelegt unter K - wie Kreuz. Ein Bild auch für Kaufleute: Der Schuldschein wird aufgespießt wie eine erledigte Rechnung.

Ein dritter Gedankengang folgt. Was sah der neutrale Beobachter? Am Kreuz wurde Jesus entkleidet, zur Schau gestellt, hat er seine Niederlage erlitten. Und was hat Gott mit dem Kreuz Jesu Christi wirklich getan? fragt der Glaubende. Der Kolosserbrief antwortet: Die 'Mächte und Gewalten' - alle Mächte der Welt - hat er entmachtet. In Wahrheit sind sie es, die entkleidet und öffentlich zur Schau gestellt wurden. Alle 'höheren (Schicksals-) Mächte' - wie Menschen sie immer wieder fürchten oder verehren - sind erledigt. Das stellt das Kreuz zur Schau. Der Glaube sieht am Kreuz den Triumph Gottes.

Begraben - auferstehen - auferwecken - lebendig machen - vergeben - den Schuldbrief tilgen und wegtun und ans Kreuz heften - entkleiden - zur Schau stellen - einen Triumph machen. Das ist der Reigen der Worte, die wir gehört haben. Sie haben ein Ziel: Das Kreuz Jesu Christi als unser Heil zu verkünden. Das ist ihre Antwort auf die Frage: Was bedeutet die Auferstehung Jesu Christi und was haben wir davon?

Sie benutzen dazu eine Vielzahl vertrauter Bilder, um das ganz und gar Unerhörte zur Sprache zu bringen. Ein Wort, ein Bild, ein Vergleich allein kann das nicht fassen. Der Glaube sucht viele Wege, um sich mitzuteilen. Die Sprache explodiert förmlich - wie es einer meiner Lehrer einmal ausdrückte. Es ist wie mit einzelnen Tönen, die erst zusammen eine Melodie ergeben. Einige dieser Bilder haben sich stärker durchgesetzt als andere, besonders das der Auferstehung oder Auferweckung - vielleicht, weil es uns existenziell am stärksten betrifft, dem Tod am deutlichsten die Macht des Lebens Gottes entgegensetzt. Aber sie alle sind dem Alltag entnommen, lassen keinen Anklang an Magie oder Zauberei aufkommen. Und: Sie schöpfen das Geheimnis Gott nicht aus, bleiben Bilder, Vergleiche, Gleichnisse für die wahre Größe seiner Göttlichkeit, frei nach Hölderlin:
"Nicht umschlossen werden vom Größten, sich umschließen lassen vom Kleinsten - das ist göttlich."

Daß Gott anders ist als unser Reden von ihm - auch wenn wir die biblischen Worte nachreden - ist eine Einsicht, die wir immer neu gewinnen müssen ? durch die Vielzahl der Bilder oder auch so: Geschehen in einer Prüfung für Religionslehrer. Thema 'Menschliches Reden von Gott'. Die Kandidatin erhält das Wort. Sie sagt einen einzigen Satz - dann schweigt sie. (Vorweg verrate ich: Nachdem dann auch die Prüfungskommission beeindruckt geschwiegen hatte, nahm die Prüfung doch noch ihren normalen Verlauf.) Der Satz, er stammt von Thomas von Aquin und lautet:
"Gott wird im Schweigen geehrt - nicht, weil wir nichts über ihn sagen könnten, sondern weil er über alle Worte erhaben ist." - Schweigen - Amen.
 
 
 
 


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