Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt am Karfreitag 2005

Gedanken über das, was es heißt, den Tod Jesu zu feiern

Liebe Gemeinde!
Was feiern wir am Karfreitag? - Den Tod Jesu. Ist das nun mehr eine traurige Angelegenheit oder doch eher nicht? Immer wieder denken wir darüber nach.

Kann man überhaupt den Tod feiern? Ist der Tod eines Menschen nicht viel eher zu beklagen und zu betrauern? Wir kleiden uns in Schwarz und stimmen Gesänge an in Moll. Es wird still, alles geht langsamer - es wird feierlich. Beim Tod eines Prominenten steht die Welt ein wenig stille. Große Musik ist bei dem Versuch entstanden, dem Tod in der Sprache der Musik Ausdruck zu verleihen. So hat der Tod eines Menschen Einfluß auf seine Umgebung. Er verändert. Nichts ist mehr so, wie es vorher war. Der Tod erscheint wie eine große, schreckliche Macht, stärker als das Leben.

Aber beim Tod eines lieben Menschen wird doch nicht nur geweint, sondern wir erzählen aus seinem Leben, schmücken das Grab mit Blumen, zünden Kerzen an. Was bedeuten unsere Bräuche?

Eigentlich ist der Tod ja stumm. Und erst einmal macht er auch stumm. Er läßt nicht nur den Verstorbenen verstummen, auch uns Überlebende - oder aufschreien, uns unseres Lebens vergewissern. Gegen solchen Schrecken, den der Tod auslöst, versuchen wir anzugehen, setzen wir Leben gegen den Tod: Blumen, Kränze, Licht - gute Worte, Umarmungen. Daß wir gegen den Tod angehen, hat dazu geführt, angesichts des Todes zu feiern: Wir würdigen den Verstorbenen und bekunden unsere Dankbarkeit.

Von gewaltsamem Tod geht zudem eine eigene, eine eigenartige Faszination aus. Zur Macht des Todes tritt die Macht des Bösen hinzu. Häufig geben wir solchem Tod einen Sinn und reden dann vom Helden- oder Märtyrertod, vom Opfer. Manchmal - wie unmerklich - führt das dazu, den Tod selbst zu feiern. Unsere Erinnerungskultur hat auffällig viel mit Jahrestagen großen Sterbens zu tun: die Weltkriege, Hiroshima, der 11. September - demnächst der Tsunami. Was geschieht da? Wir versuchen, solchem Sterben nachzuspüren, es geradezu immer wieder mitzuerleben, es im psychologischen Sinne zu —bearbeitenž, um von seiner Macht freizuwerden. Aber dazu muß man sich ihm wiederholt aussetzen, Jahr für Jahr.

Ähnlich sind Menschen - in unserer Kultur jedenfalls - mit dem Tod Jesu umgegangen. Das prägte auch die Kirchen. Es gibt eine traditionelle Karfreitagsfeierlichkeit, die sich bis in die Kleidung und Mienen der Gottesdienstbesucherinnen und -besucher hinein auswirkt. Karfreitag, der höchste Feiertag  der Protestanten - sagt man.

Da haben wir es wieder: Feiertag. Aber was feiern wir da, wenn wir den Tod Jesu feiern? Was heißt es eigentlich, den Tod Jesu zu feiern? Ist das nicht was anderes als die Bearbeitung eines psychologischen Traumas? Wie werden wir dem gerecht, was damals - wahrscheinlich an einem 14. Nisan jüdischer Zeitrechnung des Jahres 30 christlicher Zeitrechnung - geschehen ist?

Jesus von Nazareth, der Prediger des nahen Reiches Gottes, wird am Kreuz hingerichtet. Ein in den Details unklares Zusammenwirken der römischen Besatzungsmacht und Teilen der mit ihr kollaborierenden jüdischen Oberschicht bringt ihm den Tod, den Tod im Namen des Gesetzes. Des Gesetzes? Welches Gesetz ist da gemeint? Schon da fängt die christliche Deutung an, denn sie sieht hinter dem weltlichen Todesurteil ein Urteil ganz anderer Art. Ist der Tod am Kreuz nach dem jüdischen Gesetz nicht ein besonders schimpflicher, Strafe für den, den Gott verlassen hat, weil er Gott verlassen hat? Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.

Auch seine Anhänger stellt der Tod Jesu von Anfang an vor die Frage nach Gott. Bis zur letzten Sekunde seines Lebens stand alles noch auf des Messers Schneide, da konnte man die apokalyptische Hoffnung haben: Wo die Not am größten ist, Gottes Hilfe am nächsten ist. Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!

Danach: nichts mehr, nur noch Tod - bis auf die Frage: War Gott wirklich gegen ihn - oder litt und starb hier nicht ein Gerechter? —Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?ž Schon vor Ostern konnten sich die Jünger fragen: Ist hier nicht doch ein Gerechter gestorben, der Gott auf seiner Seite hatte? Ist das also der Tod eines großen Mannes, der das beste gewollt hat - aber scheiterte?

Gewiß, so konnte man denken - bis Ostern. Seitdem aber ist alles anders. Seit Ostern, als Gott durch die Auferweckung des Gekreuzigten in die Geschichte eingriff, trägt der Tod Jesu nicht mehr das Gesicht des bloßen Scheiterns. Dieser Tod ist nicht der Tod eines, der Gott lästerte, sondern dieser Tod verrät uns etwas Neues über Gott: Durch den Tod Jesu hat Gott den Menschen den Weg frei gemacht, den Weg zu Gott.

Eine Fülle von Bildern und Vergleichen zum Verstehen des Todes Jesu steht schon am Anfang christlichen Zeugnisses: Der Tod Jesu bedeutet so etwas wie die Zerstörung der Herrschaft des Todes, den Loskauf der Menschen aus der Gewalt des Bösen, die definitive Sühne für die Sünden, das letzte Opfer.

Besonders Jesu Sterben am Kreuz, diese besondere Todesart, wird zum Hinweis auf die Bedeutung seines Todes: Hier beginnt nicht bloß die endzeitliche Auferstehung der Toten - einer für alle: Jesus, der Erstgeborene der Entschlafenen - sondern hier endet die Macht des alttestamentlichen Religionsgesetzes. Gesetze gelten nur für die Lebenden: Wer gestorben ist, untersteht nicht mehr dem Gesetz. Jesu Tod macht ihn davon frei. Und das hat Auswirkungen für alle: Sie finden ihr Heil nicht im Halten des Gesetzes, sondern im Glauben an Jesus, den Gekreuzigten. Seine Botschaft vom nahen Reich Gottes wiegt jetzt mehr als die alte Last des Gesetzes. Jesu Tod macht frei, frei davon, Gottes Willen allein im Gesetz zu finden.

Und so hat Jesu Tod Auswirkungen auf alles Sterben: Der Gerechte starb ohne Schuld - aber an unserer Stelle, damit wir nicht mehr den Tod im Namen des Gesetzes sterben. Denn Gottes Wille will das Leben - auch für die Schuldigen, auch für uns Schuldige. Darum verstanden die, denen Gott diesen Glauben verlieh, Jesu Tod als Vergebung ihrer Sünden.

—Aber ich will nicht, daß einer für mich stirbtž, sagen manche. Wer Jesus glaubt, muß es zulassen, daß der für ihn stirbt. Das macht den Tod Jesu für immer wichtig: Darum fällt das Licht von Ostern auf das Kreuz. Darum verkünden wir Jesus den Gekreuzigten.

Seinen Tod kann man in der Tat feiern - über die bloße Dankbarkeit für das Leben eines großen Menschen hinaus - man kann ihn feiern wie einen Sieg, wie den Sieg Gottes über die widergöttlichen Mächte, wie den Sieg Gottes über die Sünde des Menschen. Man könnte ein Feuerwerk entzünden, die Glocken läuten, vor Freude ausrasten: Halleluja! Lob sei Gott!

Oder man wird still, wie erschrocken über das, was Gott tat: daß er Jesus, der ihn seinen Vater nannte, diesen Tod, den Tod der Gottverlassenheit sterben ließ, daß er sich selbst den Schmerz des Todes nicht ersparte: —O Haupt voll Blut und Wunden...ž. Man kann sich auch selbst als Täter bekennen: —... was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last, ich habe es selbst verschuldet, was du getragen hast.ž

Diese Trauer hat ihr Recht - bloß: Wer wirklich auf den Gekreuzigten schaut, kann am Ende kein Kind von Traurigkeit mehr sein - nur einer, der staunt, der staunt über die Größe Gottes, der sich am Kreuz so klein macht, daß er die Gestalt eines Gekreuzigten angenommen hat.

Das feiern wir, wenn wir den Tod Jesu feiern. Karfreitag - ein Fest Gottes, der am Kreuz unseren Tod starb, der uns in Jesus so nahe kam, daß er einer von uns war, und der in der Kraft des heiligen Geistes Brot und Wein zu Zeichen seiner heilenden Nähe macht.
Dunkle Worte des Propheten Jesaja bekommen einen frischen Klang:

Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
Amen.
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite