Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Karfreitag 2002 über "O Haupt voll Blut und Wunden"

Liebe Gemeinde!
—Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen...!ž Seht sein —Haupt voll Blut und Wunden...ž! Wir schauen auf den Gekreuzigten.

Paul Gerhardt hat dazu ein Lied geschaffen, das Passionslied schlechthin. Sein Vorbild hat es in einer mittelalterlichen lateinischen Dichtung, einem Passionssalve: —Sei gegrüßt...ž Der Gruß richtet sich an —die einzelnen Glieder des leidenden Christusž. 7 Teile dieser Dichtung gab es: für 7 Tage, 7 Andachten. Teil 5 richtet sich an das Angesicht Jesu Christi. (Der Dichter ist Arnulf von Löwen aus dem Orden der Zisterzienser. Entstanden ist das Werk wohl in den dreißiger oder vierziger Jahren des 13. Jahrhunderts, im sogenannten Hochmittelalter also.) Die anderen Andachtsteile betrachten die Füße, die Knie, die Hände, die Seite, die Brust und das Herz Jesu Christi.

Diese eigentümliche Weise, in den einzelnen Körperteilen Jesu Christi das Ganze der Erlösung in jeweils besonderer Brechung zu betrachten, war damals neu und hoch modern. Diese Andachtsform geht zurück auf Bernhard von Clairvaux, den eigentlichen Begründer der Zisterzienser. Er ist der Weltgeschichte unrühmlich in Erinnerung als Prediger, ja Einpeitscher für die Sache der Kreuzzüge, der Frömmigkeitsgeschichte rühmlich in Erinnerung als Begründer einer neuen verinnerlichten Frömmigkeit, der —Christusminnež. Dafür ist die lateinische Dichtung, die Pate gestanden hat für unser Passionslied, das beste Beispiel. Sie war beliebt. Schnell gab es viele Zusatzstrophen und Variationen - und noch vier Jahrhunderte später war es so bekannt, daß der junge Paul Gerhardt es schon in der Schule kennengelernt hat.

Betrachten wir sein Lied, das uns anleitet zur Betrachtung des Gekreuzigten. Am Anfang fallen die vielen Hauptwörter auf: Haupt, Blut, Wunden, Schmerz, Hohn, Spott, Dornenkron - Worte wie Hammerschläge.

Es ist nicht die Kirche, sondern der einzelne Beter, der Jesus Christus hier grüßt: ein sehr persönliches, privates Lied. Gleich am Anfang sieht der Sprechende im Haupt des leidenden Jesus nicht nur einen Körperteil Jesu, sondern erblickt im Haupt den ganzen Herrn, den Herrn der Welt und seiner Kirche, das Haupt, dessen Glieder die einzelnen Gläubigen sind: —O Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zierž. Es ist dieser Herr, der nun —schimpfieretž wird, verunglimpft, verächtlich gemacht. Paul Gerhardt sieht das Haupt des leidenden Jesus und des Weltherrn ineins.

Vor diesem Herrn, bei seinem Anblick erschrickt —das große Weltgewichtež - ein Ausdruck, der biblische Anklänge aufkommen läßt und den meint, —vor dessen Majestät sich sonst Himmel und Erde, der ganze Kosmos, beugenž. Paul Gerhardt dichtet hier kein Lied menschlichen Mitleids - wie schrecklich, daß es Jesus so schlecht geht - sondern er steht im Blick auf den Gekreuzigten geradezu fassungslos vor der Tiefe der Entäußerung der göttlichen Majestät: Was ist aus dem Licht der Welt (—dem sonst kein Licht nicht gleichetž) geworden?

[1656 erschien dies Gedicht in der Sammlung —Praxis Pietatis Melicaž (lyrische Frömmigkeitspraxis) und war somit schon eine Generation vor dem Pietismus Ausdruck einer verinnerlichten Frömmigkeit - aber ganz getragen von lutherischer Theologie.] Paul Gerhardt geht bei der Schau der einzelnen Körperteile über die lateinische Vorlage noch hinaus und nennt auch Lippen und Wangen des Herrn - und entdeckt auch auf ihnen die Macht des Todes. Gott und der Tod - hier kommt zusammen, was sonst nicht zusammenkommen kann.

- Strophen 4 bis 6 -

Hier kommt das Schuldbekenntnis - gut reformatorisch: —Was du getragen hastž, es war meine Last; das Zornesurteil, das ich auf mich gezogen habe, —ich hab es selbst verschuldetž. Das Schuldbekenntnis kommt im Wissen um das Erbarmen des Herrn (—o mein Erbarmerž), als Bitte, seine Gnade schauen zu dürfen. Damit kommt Gerhardt, vor dem Kreuz stehend (—schau her, hier steh ich Armerž), durch den Anblick des Gekreuzigten auf die Bitte um endgültige Begnadigung.

Die Strophen 5 bis 7 verdeutlichen das Rettende des Kreuzes Jesu Christi: Der sterbende Herr bekommt Bitten mit auf den Weg. Der Beter heute spricht wie einst der neben Jesus gekreuzigte Schächer: —Erkenne mich, nimm mich an.ž Die Sprache Paul Gerhardts ist gesättigt mit biblischen Anklängen. Es ist das Annehmen aus Ps 73: Du —nimmst mich am Ende mit Ehren an.ž Der Beter will am liebsten dabeisein beim Tod des Herrn und ihn umarmen - ein Bild nach Art der Darstellungen von Maria mit ihrem toten Sohn, der Pietà. Und wenn er schon selber so nicht an der Passionsgeschichte teilnehmen kann, dann will er wenigstens unter dem Kreuz des Herrn sterben. Todessehnsucht? Nekrophilie? Alles andere als das: —Es dient zu meinen Freuden und tut mir herzlich wohl, wenn ich in deinem Leiden, mein Heil, mich finden soll.ž

- Strophen 7 und 8 -

Der Herr ist mein Heil. Das Kreuz als Gegenstand tritt jetzt in den Hintergrund zugunsten der Person Jesu Christi und der Beziehung des Beters zu ihr: Es ist ein Akt der Selbstfindung. Wer sich dem Betrachten des Leidens Jesu Christi hingibt, der gibt sich nicht auf, der verliert sich nicht, der findet sich (sich heißt es, nicht: dich, Jesus). So mystisch, wie alle sagen, kann ich das nicht finden. Es geht nicht um mystische Selbstaufgabe, sondern um persönliche Selbstfindung. Ganz betont ist dieser Gedanke: Ich habe was vom Leiden des Christi, ich habe mich, ich habe mich wieder.

Daraus erwächst Dank: —Ich danke dir von Herzenž. Die Anrede wird sehr persönlich, gewagt: —O Jesu, liebster Freund.ž Aber was für ein Freund ist das? Er hatŽs nicht nur gut gemeint - wie die anderen, sondern auch gut gemacht. Und dann wird es noch persönlicher, die nun folgenden Verse haben das Lied für Ungezählte zum Sterbegebet gemacht: —Wenn ich nun erkalte, in dir mein Ende sei.ž Der Dank wird am Ende wieder zur Bitte; denn die Zuwendung des Menschen zu Christus muß von ihm selbst bewirkt werden. Wenn ich bete, dann betet er; wenn ich ihn bitte, dann hat er die Bitte gegeben.

- Strophe 9 -

Ein Wortspiel ums Scheiden - im Hintergrund die Stimme des Apostels Paulus: Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.ž Bleib da, Jesus, geh nicht weg!

Seine Angst vermag uns aus unseren Ängsten zu reißen. Damit tritt am Schluß noch einmal in ganzer Fülle das Geheimnis des Leidens Jesu vor unsere Augen: Es ist Trost im eigenen Tod und Schild, dieses Bild des leidenden Herrn, weil es das Leiden des Herrn ist. Nur darum ist dieser Tod mein Leben, ist dieses —Haupt voll Blut und Wundenž ein anderes Bild als das all der anderen Leidenden, deren Bild ich tagtäglich sehe, und meinem eigenen Leidensgesicht - bei aller Ähnlichkeit - so unähnlich, wie es unähnlicher nicht sein könnte.

Am Schluß erklingen Luthers Worte beim Tod seiner Lieblingstochter Lenchen: —Wer so stirbt, der stirbt wohlž - nun verallgemeinert, für jeden von uns, der den Herrn und sein Kreuz anschaut und für sich da sein läßt, im Leben und im Sterben: —Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll dich fest an mein Herz drücken.ž Summa summarum: Laß mich erkennen, daß mich dein Kreuzesopfer der Macht des Todes entreißt!

Von Bernhard von Clairvaux zu Paul Gerhardt: Christusminne wird evangelisch.
Auch die Melodie ist älter als Paul Gerhardts Text. Es war ursprünglich ein weltliches Lied, ein Liebeslied. Dann bekam es diesen Text, dem wir heute am Karfreitag gefolgt sind, und die Überschrift: —An das liebende Angesicht Jesu Christiž. Seht sein —Haupt voll Blut und Wunden...ž! —Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen...!ž

- Strophe 10 -

Amen.
 
 


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