Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Kantate über das Lied "Sei Lob und Ehr dem höchsten Gott" von Johann Jakob Schütz

Liebe Gemeinde!
—Am besten, man würde auswandern - oder wenigstens aus der Kirche austreten!ž Dieser heutzutage oft gehörte Stoßseufzer erklang schon vor 350 Jahren nicht selten, jedenfalls in den Kreisen, in denen sich Johann Jakob Schütz bewegte, der Dichter unseres Liedes —Sei Lob und Ehr dem höchsten Gutž, das Johann Sebastian Bach zu der Kantate vertonte, die heute im Gottesdienst erklingt. —Am besten, man würde auswandern - oder wenigstens aus der Kirche austreten!ž Einige aus seinem Freundeskreis haben das später auch getan. Und der Dichter selbst, als er im Jahre 1690 starb, wurde in Frankfurt am Main, seiner Heimatstadt, ohne kirchliches Geleit bestattet. Was war geschehen?

Fünfzehn Jahre zuvor, 1675, als Schütz das Lied in seinem »Christlichen Gedenkbüchlein zur Beförderung eines anfangenden neuen Lebens, worin zur Ablegung der Sünde, Erleuchtung des inneren Menschen und der Vereinigung mit Gott in möglichster Kürze und Einfalt die erste Anregung geschieht« herausgab, da war er noch treues Glied seiner Kirche. Aber, wie schon der Titel mit dem Wort vom —neuen Lebenž verrät, gehörte er einer damals neuen Bewegung an, die später Pietismus genannt wurde. Der Pietismus verstand sich selbstbewußt als Vollender der Reformation und hatte damals in Frankfurt in Philipp Jakob Spener sein geistiges Oberhaupt. Zu dessen Freundeskreis gehörte nun auch der junge Rechtsanwalt und Reichsrat Johann Jakob Schütz. Für den Kreis seiner Freunde verfaßte er erbauliche Schriften - und textete einige Lieder, wie dieses:

Sei Lob und Ehr' dem höchsten Gut,
Dem Vater aller Güte,
Dem Gott, der alle Wunder tut,
Dem Gott, der mein Gemüte
Mit seinem reichen Trost erfüllt,
Dem Gott, der allen Jammer stillt.
Gebt unserm Gott die Ehre!

Gebt unserm Gott die Ehre! Das ist das Leitmotiv, das sich auch durch alle weiteren Strophen hindurchzieht.

Uns Menschen von heute wird daran nichts anstößig erscheinen. Christlich gesehen, ist das doch eine Selbstverständlichkeit, geht es hier doch um das 1. Gebot: Gott, nicht der Mensch hat auf Platz 1 zu stehen. Das mit der Ehre, nun gut, das mag vielleicht dem einen oder der anderen merkwürdig aufstoßen. Schließlich leiden wir heutzutage ja wieder mächtig unter Menschen, denen ihre Ehre so wichtig ist, daß sie sich nur noch außengesteuert verhalten, sich derartig abhängig machen von dem, was andere über sie denken, daß sie diese sogenannte Ehre wichtiger nehmen als ein sachgerechtes Verhalten. Dabei denke ich keineswegs nur an unsere Mitbürger mit Migrationshintergrund und an die jungen Leute, die ohne Anerkennung durch ihre Cliquen nur ein Schatten ihrer selbst sind, nein, selbst dem Ratsvorsitzenden der EKD war es so wichtig, daß er mit dem Papst auf vermeintlich —gleicher Augenhöhež spricht, das das der Hauptsatz der Pressemeldungen darüber wurde.

—Gebt unserm Gott die Ehre!ž Für Johann Jakob Schütz hingegen war das eben nicht nur eine banale Selbstverständlichkeit, sondern das schloß die weltlichen Würdenträger und Ehrbedürftigen aus. Nein, er schloß sich von denen aus: Schon ein Jahr, nachdem Schütz das Lied publiziert hatte, begann er, sich vom Abendmahl fermzuhalten. (Eine merkwürdige Entscheidung, die aber auch heute noch manche —frommež Menschen fällen, die sowas fromm sind, daß sie Gott in sich wissen und meinen, der sakramentalen Zeichen nicht mehr zu bedürfen.) - —Gebt unserm Gott die Ehre!ž Aus dem religiösen Allgemeinplatz wurde in der Frankfurter Privaterbauungsgemeinschaft, an der anfangs nur Männer teilnahmen, erst später auch Frauen - ordentlich durch einen Vorhang getrennt - eine Obsession, eine drängende; denn man war der Überzeugung, daß Gott bald seine Herrschaft errichten werde, jenes 1000jährige Reich, von dem die Offenbarung des Johannes spricht und das bis zum Mißbrauch dieses Begriffes durch die Nazis die Hoffnung vieler Frommer war, die sich in der etablierten Kirche nicht mehr wohlfühlten.

Nach seiner Hochzeit fand Schütz mehr und mehr seinen Lebensmittelpunkt im Hause der Eleonore von Merlau, verheiratete Petersen. Dort pflegte man eine reiche schriftstellerische Tätigkeit, für eine Frau damals noch ungewöhnlich und umstritten - aber in echter Teamarbeit von ihrem Mann unterstützt.

Dort, im Haus der Petersens, traf sich der erweckte Freundeskreis. —Gebt unserm Gott die Ehre!ž Wo kann man wirklich noch Gott die Ehre geben? Bei uns nimmer. Man schmiedet Pläne, Deutschland zu verlassen, auszuwandern in die Neue Welt und korrespondiert mit Gesinnungsfreunden, so mit William Penn, dem Gründer des Quäker-Staates. Dorthin und ins später so genannte Pennsylvanien wanderten ja viele Fromme aus ganz Europa aus. Auch die Suche nach Frömmigkeit also kann Menschen aus ihrem Land und ihrer Kirche vertreiben, die Suche nach Raum für Frömmigkeit, Recht - und Gleichheit:

Was unser Gott geschaffen hat,
das will er auch erhalten,
darüber will er früh und spat
mit seiner Gnade walten.
In seinem ganzen Königreich
ist alles recht und alles gleich.
Gebt unserm Gott die Ehre!

Wer die Geschichte des Freundeskreises kennt, wird auch den sonst so harmlos und allgemein-christlich erscheinenden Text des Liedes anders hören:

Wenn Trost und Hilf ermangeln muß,
die alle Welt erzeiget,
so kommt, so hilft der Überfluß,
der Schöpfer selbst, und neiget
die Vateraugen denen zu,
die sonsten nirgends finden Ruh.
Gebt unserm Gott die Ehre!

Ich will dich all mein Leben lang,
o Gott, von nun an ehren,
man soll, Gott, deinen Lobgesang
an allen Orten hören.
Mein ganzes Herz ermuntre sich,
mein Geist und Leib erfreue dich!
Gebt unserm Gott die Ehre!

Der Autor überschlägt sich fast in seinem Lobpreis Gottes:

Ihr, die ihr Christi Namen nennt,
gebt unserm Gott die Ehre!
Ihr, die ihr Gottes Macht bekennt,
gebt unserm Gott die Ehre!
Die falschen Götzen macht zu Spott.
Der Herr ist Gott, der Herr ist Gott!
Gebt unserm Gott die Ehre!

Auffällig besonders ein Vers der letzten Strophe:

So kommet vor sein Angesicht
mit jauchzenvollem Springen,
bezahlet die gelobte Pflicht
und laßt uns fröhlich singen:
Gott hat es alles wohl bedacht
Und alles, alles recht gemacht.
Gebt unserm Gott die Ehre!

Bezahlet die gelobte Pflicht? In der Tat, auch Geld war bei diesen Gottesfreunden im Spiel. Man sammelte untereinander für das Projekt der Auswanderung - und als es am Ende für die Frankfurter Freunde scheiterte, da gab man es Krefelder Quäkern, damit die ihre Reise in die Neue Welt bezahlen konnten.

Sind die Frommen um Johann Jakob Schütz mit ihrem Projekt «austreten und auswandernŽ also gescheitert? Für uns hat die —Neue Weltž ja wohl längst ihren verlockenden Glanz verloren - und Gottes Herrschaft ist bei jenen religiösen Menschen, die sie heutzutage errichten wollen, weiß Gott nicht gut aufgehoben. Schon die Versuche der christlichen Buren in Südafrika haben nur zur unchristlichen Herrschaft von Menschen über Menschen, von Weißen über Schwarze, geführt. Vielleicht gut so, daß auch die von Gottes herannahender Herrschaft Erfüllten aus dem Kreis von Schütz ihre Vision nicht verwirklichen konnten. Zwar spricht das Neue Testament von Gottes Herrschaft oder Reich - aber nicht nur das Wort vom 1000jährigen Reich ist verbrannt und stigmatisiert, sondern alle Versuche von Menschen, sein Kommen zu beschleunigen und selbst in die Hand zu nehmen, was Gott vorbehalten bleibt. Suchen, ja brauchen wir nicht statt Herrschaft oder Herrschaft in Gottes Namen Gott selbst - zum Schutz vor den Mächtigen (und auch vor den Ohnmächtigen) dieser Welt? Genau das aber ist das ursprüngliche und grundlegende, das treffliche Anliegen der Frommen um Johann Jakob Schütz - wie es in unserer Kantate erklingt:

Der Herr ist noch und nimmer nicht
von seinem Volk geschieden;
er bleibet ihre Zuversicht,
ihr Segen, Heil und Frieden.
Mit Mutterhänden leitet er
die Seinen stetig hin und her.
Gebt unserm Gott die Ehre!
Amen.
 
 


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