Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Kantate 2001 über das Lied "Was Gott tut, das ist wohlgetan..."

Liebe Gemeinde!
—Kantate!Singt!ž ruft uns der heutige Sonntag zu. Schön und gut - aber müssen es denn gleich so viele Strophen sein? Doch, das mußte sein - denn das Lied, das wir gerade gesungen haben, soll jetzt Gegenstand der Predigt sein. Prediger ist heute also sein Verfasser, Samuel Rodigast aus der Gegend von Jena. Da er vor mehr als dreihundert Jahren lebte, von 1649-1708, brauchte seine Predigt unsere Stimmen, um heute zu erklingen.

Bevor wir uns seinen Worten zuwenden, will ich Ihnen unseren Prediger ein wenig vorstellen. Gestorben ist er hier in Berlin, gegen Ende seines Lebens gut befreundet mit Spener, einem der Väter des Pietismus. Seine Wirkungsstätte lag nicht weit von hier: Ab 1680 war er Konrektor, später Rektor des Gymnasiums Zum Grauen Kloster. Seine Zeitgenossen beschrieben ihn als fromm, gelehrt und geduldig - eine durchaus seltene Kombination von Eigenschaften. Fromm, gelehrt und geduldig - das sind Eigenschaften, die auch in seinem Lied zum Ausdruck kommen.

Geschrieben hat er es schon 1675, in seiner Jenaer Zeit, als er begann, Vorlesungen an der Philosophischen Fakultät der Universität Jena zu halten. Ein dichtender Philosoph... Anstoß für dieses Lied war wohl die Bitte seines Freundes, des Kantor substitutus Severus Gastorius. Der war schwer erkrankt und erbat sich von Samuel ein Lied für seine Beerdigung - und hat es selbst noch vertont. Als er doch wieder genas, soll Gastorius die Kantorei der Stadtschule von Jena, die er mittlerweile übernommen hatte, veranlaßt haben, ihm dieses Lied jede Woche einmal zu vorsingen - sozusagen als regelmäßiges Ständchen vor den Chorproben.

Ein Lied mit Ohrwurmcharakter also, das sehr schnell in ganz Deutschland populär wurde, später eines der Lieblingslieder von König Friedrich Wilhelm III. Der bestimmte es zur Musik bei seinem Begräbnis. Seitdem (und wohl bis in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein) war es ein beliebtes Lied bei Trauerfeiern, obwohl die Melodie gar nicht typischer Friedhofssound ist.
—Was Gott tut, das ist wohlgetan...ž Diesen zu Beginn jeder Strophe immer wiederkehrenden Vers hat Rodigast nicht selbst geprägt, sondern geklaut, sagen wir feiner: zitiert. Er findet sich schon vierzig Jahre früher in Michael Altenburgs Gedicht:
—Was Gott tut, das ist wohlgetan,
kein einzig Mensch ihn tadeln kann,
ihn soll man allzeit ehren.
Wir machen mit der Ungeduld
nur immer größer unser Schuld.
daß sich die Strafen mehren.
Rodigast nimmt die erste Zeile, aber nur die, denn nicht Schuld und Strafe ist sein Thema, sondern Vertrauen. Er setzt fort mit Gedanken, die er im fünften Buch Mose 32, 4 findet. Schon dort nennen die Herausgeber unserer Lutherbibel diese Abschiedsrede des Mose, aus der Rodigast zitiert, ein Lied über Gott:
—Er ist ein Fels. Seine Werke sind vollkommen; denn alles, was er tut, das ist recht. Treu ist Gott und kein Böses an ihm, gerecht und wahrhaftig ist er.ž
Diesen Gedanken variiert Rodigast nun immer wieder, auf vielfältige Weise - und das macht eigentlich schon das ganze Lied aus, mit all seinen sechs Strophen. Unterscheiden sich auch die dichterischen Bilder, die inhaltliche Mitte des Liedes ist der Satz: —Es bleibt gerecht sein Wille.ž Einen Kerngedanken des Glaubens Israels nimmt der Dichter hier auf: Im Auf und Ab der Zeitläufe, im Wohl und Wehe des Volkes, im eigenen Leben und Leiden hält sich der Beter zu Gott, bekennt: —Was Gott tut, das ist wohlgetan...ž, und endet darum auf: —... dabei ich ich verbleiben.ž

—Was Gott tut, das ist wohlgetan...ž Aus dem Mund eines dichtenden Philosophen, der einen Lehrstuhl für Logik und Metaphysik an der Universität Jena ausschlug, klingt das erst einmal logisch: Gott, der Inbegriff des Guten, handelt auch gut. Der Gute ist gut. Metaphysiker entdecken in allem, was geschieht, selbst im Unglück oder im Bösen, daß es keine eigenständige widergöttliche Kraft gibt. Und sie denken in den Wechselfällen des Lebens, angesichts der Vielfalt der Erscheinungen und der Geschichte immer nur an das Eine: an Gott als den Einen.

—Wenn nur ein guter Gott ist, woher dann aber das Böse?ž Diese moderne Frage war Rodigast wohlbekannt - aber im Unterschied zu seinem Zeitgenossen und Jenaer Kommilitonen Leibniz, suchte er in seinem Lied keine philosophische Antwort auf die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes angesichts des Bösen.

Leibniz meinte ja, aus unendlich vielen an sich möglichen Welten habe Gott mit der unsrigen noch die beste ausgesucht. Wir müssen einfach davon ausgehen: Das Beste war es, was seinen Willen bestimmte, denn —sonst hätte Gott keinen Grund gehabt, überhaupt eine zu erschaffen.ž Und das Übel? Manchmal ist es Strafe oder Erziehung, stets aber —kleineresž Übel, es gehört einfach zum Leben: Selbst die beste von allen Welten kann nicht ohne auskommen. Soweit Leibniz (der damit eine Flut kritischer Fragen ausgelöst hat).

Der Philosoph Rodigast aber bleibt mit seinem Lied viel dichter an der Bibel. (Es ist wahr: Manchmal kann man sich ja nur noch an der Bibel festhalten.) Er beantwortet die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes angesichts des Leids mit dessen Treue. Von der ist er nicht nur im Kopf überzeugt, er lebt darin, er geht ganz darin auf - in diesem Raum der göttlichen Treue. Er fühlt sich darin geborgen und sicher - wie bei Sturm und Wetter in einem guten Mantel. Darum argumentiert er nicht, jedenfalls nicht in seinem Lied. Das tat er in seinen Veröffentlichungen, in einer Schrift mit dem Titel Todes-Verwandlungen und einem Traktat über den Jüngsten Tag. Spuren davon finden wir in seinem Lied. Da heißt es in der vierten Strophe über Gott: —Es kommt die Zeit, da öffentlich erscheinet, wie treulich er es meinet.ž Die Treue Gottes muß also erst noch öffentlich werden - aber sie ist schon da. Die Leiden der Menschen halten Gottes Treue zwar verdeckt, aber sie heben sie nicht auf.

Die Leiden der Menschen - für Samuel Rodigast ganz persönlich war da nicht nur die Krankheit seines Freundes, des Kantors, sondern auch das psychische Leiden seines Vaters, des Pfarrers von Gröben, der sich 1680 das Leben nahm. Der Dichter des Liedes —Was Gott tut, das ist wohlgetan...ž war also auch ganz persönlich ein Leid-Tragender - und hat es nicht verdrängt:
—... muß ich den Kelch gleich schmecken, der bitter ist nach meinem Wahn, laß mich doch nicht schrecken, weil doch zuletzt ich werd ergötzt mit süßem Trost im Herzen, da weichen alle Schmerzen.ž
Der Kelch ist bitter - in seiner Wahrnehmung. Wahn meint hier nicht krankhafte Einbildung, sondern der Sprachgebrauch steht noch dem althochdeutschen Wort für Meinung nahe: Für Rodigast ist der Kelch des Leidens jetzt wirklich bitter - aber die Gewißheit künftigen Trostes läßt ihn schon jetzt aufatmen: —O Schreck, laß nach.ž

Wie Samuel Rodigast persönlich mit dem Kelch des Leidens umging, haben wir jetzt vor Augen: fromm, gelehrt und geduldig. Aber was machte wohl den Erfolg seines Liedes aus? Und was kann es uns sagen? Auch —Was Gott tut, das ist wohlgetan...ž kann ja ein grausam quälender Satz sein, nicht trösten, sondern weh tun, zur Waffe werden, die Leid überspielt.

—Was Gott tut, das ist wohlgetan...ž ist ein Lied in der alten Trosttradition von —Wer nur den lieben Gott läßt walten...ž und —WieŽs Gott gefällt, so gŽfällts mir auch...ž, ein populäres Lied voller Zitate in Wort (Paul Gerhardt und Georg Neumark) und Ton (Pachelbel?), ein dreihundert Jahre alter Popsong, Ausdruck eines bestimmten Lebensgefühls wie heute —We shall overcomež oder jetzt Michelles —Wer Liebe lebt...ž. Und etwas hat es gemeinsam mit dem gregorianisch singenden Mönch, mit dem gottgläubigen Rapper und den multireligiösen Klang-Teppichen der New-Age-Musik  (weshalb sie sich auch so häufig zitieren, Texte und Noten «klauenŽ): Menschen ziehen Trost daraus, sich im Erleben von Leid nicht in das Leid zurückzuziehen, sondern sich - von ihrer Musik getragen - im Raum der Treue Gottes aufzuhalten. Sie singen dazu diese Lieder, immer wieder, in den verschiedensten Lebenslagen - selbst bei Beerdigungen. Die Musik und die Worte stellen für sie einen Raum her, in dem der Schmerz des Lebens auszuhalten ist. So entsteht vor Gott ein neues Lebensgefühl: Im Raum der Töne werden auch unsere problembeladenen Worte Klang, umhüllen uns wie ein guter Mantel. Menschliche Stimmen schaffen uns Lebensraum, wenn sie hier auf Erden singen, was den himmlischen Gottesdienst schon erfüllt: —Was Gott tut, das ist wohlgetan...ž.
Amen.
 
 


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