Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 17. Sonntag nach Trinitatis über Joh 9, 35-41

—Reinige dein Herz und befreie es von allem Schmutz und vergiß alles, was Leben genannt wird. Dein Herz sollte fröhlich sein, zwischen dir und deiner Verbindung liegen nur wenige Momente; danach beginnst du das glückliche Leben und den unendlichen Reichtum mit den Propheten, Jüngern und Märtyrern und den guten Leuten.ž

Liebe Gemeinde,
Sie kennen diese Worte aus den Zeitungen der vergangenen Woche. Es sind die geistlich-praktischen Anweisungen der Attentäter vom 11. September. Sie stellen uns vor die Frage: Sind die Attentäter nun im Paradies, wie sie glaubten - oder sind sie es nicht? Wenn es denn stimmt, daß wir alle an den einen und selben Gott glauben, dann müßten wir doch auch diese Frage beantworten können.

Allerdings habe ich in der vergangenen Woche auch den Eindruck gehabt, daß wir uns schon gar nicht mehr mit diesem Thema befassen wollen. Es sterben doch täglich so viele unschuldige Menschen auf der Welt durch Hunger und Gewalt und es hat doch schon so viele Gottesdienste und Gedenkveranstaltungen gegeben - und es wird sie weiterhin geben, besonders am 11. Oktober, jetzt Donnerstag. - Es ist also wie bei jeder anderen Katastrophe auch: Nach anfänglicher Erschütterung und Hilfsbereitschaft hat man rasch genug davon. Was soll da noch die Frage: Sind die Attentäter nun im Paradies oder nicht? Woher soll ich das denn wissen? - Na gut, reden wir von etwas anderem.

Wer ist eigentlich blind? Wer nicht sehen kann natürlich. (Ich nenne das die Stufe 1.) Und wer ist blinder? Wer nicht weiß, daß er blind ist. Er ist ja auch geistig —blindž, will sagen: in Unwissenheit (Stufe 2). Und wer ist noch blinder? Wer sagt, daß er sieht - ohne wirklich zu sehen (Stufe 3). Blindsein hat also viele Aspekte, Blindsein kann man steigern.

Da fällt mir ein. Als Studenten hatten wir zeitweilig einen ziemlich rauen Umgangston untereinander. Wer nicht so ganz linientreu war, mußte sich von den Älteren sagen lassen, er sei blind. Warum? Naiv wie er ist, läuft er Gefahr, bei denen —da obenž - den für die Ausbildung Verantwortlichen - anzuecken, und das fällt dann wieder auf die ganze Gemeinschaft zurück. Die Erstsemester wurden also immer gecheckt auf Naivlinge, eben auf —Blindež.Wer blind war, mußte lernen, sich anzupassen.

Warum ich mich heute daran erinnere? Der heutige Predigttext aus dem Johannesevangelium hat auch mit Blinden zu tun. Jesus hat einen Blinden geheilt - und das hatte noch ein heftiges Nachspiel. Im neunten Kapitel wird erzählt, was zuvor schon alles geschah (Es lohnt sich, das einmal nachzulesen.): Der Ex-Blinde wird mehrfach verhört, weil die Gelehrten sich klarwerden wollen, wer Jesus ist. Da sprachen einige der Pharisäer: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sprachen: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? Und es entstand Zwietracht unter ihnen. Da sprachen sie wieder zu dem Blinden: Was sagst du von ihm, daß er deine Augen aufgetan hat? Er aber sprach: Er ist ein Prophet. Erneut fordern ihn die Pharisäer auf: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, daß dieser Mensch ein Sünder ist. Er antwortete: Ist er ein Sünder? Das weiß ich nicht; eins aber weiß ich: daß ich blind war und bin nun sehend. Am Ende wird der Geheilte von den religiösen Behörden rausgeworfen. Wir wissen nicht genau, ob das nur meint: raus aus dem Raum, indem er verhört wurde - oder ob das eine Anspielung auf den Ausschluß aus der Gemeinschaft der Synagoge ist. Wie dem auch sei: Das hat er nun davon, von seiner Heilung. Er konnte wieder sehen, war aber blind für die Gefahr, die von dieser Heilung ausging. Johannes erklärt es uns: Denn die Juden hatten sich schon geeinigt: wenn jemand ihn als den Christus bekenne, der solle  aus der Synagoge ausgestoßen werden.

Dann begegnet der Ex-Blinde Jesus zum zweiten Mal. Und die Heilung geht weiter. Immer mehr gehen ihm die Augen auf, und er erkennt, wer Jesus ist. Jesus fragt ihn: Glaubst du an den Menschensohn? Er antwortete und sprach: Herr, wer ist's? daß ich an ihn glaube. Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen, und  der mit dir redet, der ist's. Er aber sprach: Herr, ich glaube, und betete ihn an.

Jetzt ist der Ex-Blinde erst wirklich sehend geworden. Immer mehr sind ihm die Augen geöffnet worden. Nun sieht er, wer Jesus ist - und kann das auch sagen. M.a.W.: Er ist nun ein Christ (denn das macht einen Christen aus: erkennen, wer Jesus ist - und das auch bekennen). Jesus hat sich ihm als der Menschensohn offenbart - ein Ausdruck, dessen Bedeutung auch damals nicht von jedem verstanden wurde. Gemeint ist der kommende Richter der Welt. Und Jesus sprach: Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit, die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden. - Der Menschensohn, der kommende Richter - er ist in Jesus also schon da. Aber an ihm scheiden sich die Geister. Die einen bekennen sich zu ihm, die anderen lehnen ihn ab. Die ihn nicht als ihren Richter erkennen, bleiben blind - aber er bleibt trotzdem ihr Richter, auch wenn sie die Augen davor verschließen. Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit ... die sehen, blind werden.

Das hörten einige der Pharisäer, die bei ihm waren, und fragten ihn: Sind wir denn auch blind? Jesus sprach zu ihnen: Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde. Die Pharisäer haben den Vorwurf verstanden und reagieren dementsprechend - wie beleidigte Leberwürste, empört, provozierend: —Wir sind also blind?ž Jesus sagt aber nicht einfach Ja, sondern macht gleich deutlich, welche Art der Blindheit er meint: Es ist die unserer Stufe 3, die da sagt, sie sieht - aber in Wirklichkeit doch nicht sieht.

Was folgt daraus? Nicht, wer Jesus als den Messias und Menschensohn nicht erkennt, ist mit der schlimmsten Blindheit geschlagen - dem kann es ja so ergehen wie dem geheilten Blinden, dem von Jesus zusehends auch die Augen für ihn geöffnet werden. Wer aber von sich sagt: Ich sehe, d.h. in diesem Zusammenhang: ich weiß, wer Gott ist und was er von uns verlangt, ich weiß, was ich tun muß, um ins Paradies zu kommen, ich weiß, wie ich im Gericht Gottes bestehe - der hat ein Problem, denn dessen Sünde bleibt.

Am schlimmsten sind also die dran, die schon alles von Gott verstehen, gleich ob das die sind, die an den vielen komplizierten Bestimmungen hängen, wie sie die Pharisäer lehrten, oder ob das die sind, die Gott auf den einfachen Nenner des —liebenž Gottes bringen oder die, die sich danach drängen, seine Aufgaben bei der Bekämpfung des Bösen zu übernehmen. Wer von sich sagt, er glaube, er glaube an Gott, ohne an Jesus zu glauben - der findet in ihm seinen Richter.

Allgemein gesprochen: Was ist nötig für das Heil eines Menschen? Er muß Jesus sehen - sehen, d.h. an ihn glauben, ihn anbeten, wörtlich heißt es: vor ihm niederfallen. Der Ex-Blinde wird nicht nur zum ersten Christen, sondern auch zum Modellfall: Nur der sieht wirklich, wer von Jesus angesehen wird und wer sich das gefallen läßt, von ihm zum Sehen gebracht zu werden. Das alles geht nämlich nur, wenn sich ein Mensch die Augen für Gott in Jesus öffnen läßt. Das aber fällt denen besonders schwer, die schon zu sehen meinen. Ihnen begegnet Jesus als der Richter.

Damit können wir zu unserer Überraschung nun doch die Frage beantworten, ob die Terroristen im Paradies sind oder nicht. Sie waren ja offensichtlich fromme Menschen, die mit einem Gebet auf den Lippen in den Tod gingen und Tausende mitrissen, weil sie glaubten, das sei Gottes Wille und so kämen sie selbst ins Paradies. Noch einmal die geistlich-praktischen Anweisungen: —Sei nicht verwirrt und nicht nervös. Sehe vergnügt aus und zufrieden, denn du erfüllst eine von Gott geliebte Aufgabe, du wirst das Ende des Tages im Himmel erlebenž.

Wo also sind die Terroristen? - Sie stehen vor Jesus, ihrem und unserem Richter. Denn ohne ihn kann man nicht an den einen und selben Gott glauben.

Wenn wir mit ihnen - und vor allem mit ihren noch unter uns lebenden Gesinnungsgenossen - sprechen könnten, müßten wir ihnen als Christen sagen, was der Evangelist Johannes damals in Auseinandersetzung mit dem Judentum deutlich machte: Auch ihr entgeht nicht dem Richter Jesus.
Amen.
 
 


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