Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Reminiszere über Joh 8, 21-30

Liebe Gemeinde!
Ich bin es. Das ist die Antwort - aber wie lautet die Frage?

Wenn eine Predigt so beginnt, kann es sich beim Predigttext eigentlich nur um einen Abschnitt aus dem Johannesevangelium handeln. Wir wissen ja, Johannes ist der irgendwie besondere Evangelist. Er hat sein eigenes Jesusbild. Was daran als erstes auffällt: Jesus redet und redet. Seine Gesprächspartner sind dabei eigentlich nur Stichwortgeber, und der Gesprächsgang ist nicht gerade folgerichtig. Hören Sie darum noch einmal auf das folgende Gespräch:

Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Ich gehe hinweg, und ihr werdet mich suchen und in eurer Sünde sterben. Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen. Da sprachen die Juden: Will er sich denn selbst töten, daß er sagt: Wohin ich gehe, da könnt ihr nicht hinkommen? Und er sprach zu ihnen: Ihr seid von unten her, ich bin  von oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt. Darum habe ich euch gesagt, daß ihr sterben werdet in euren Sünden; denn  wenn ihr nicht glaubt, daß ich es bin, werdet ihr sterben in euren Sünden. Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Und Jesus sprach zu ihnen: Zuerst das, was ich euch auch sage. Ich habe viel von euch zu reden und zu richten. Aber der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt. Sie verstanden aber nicht, daß er zu ihnen vom Vater sprach. Da sprach Jesus zu ihnen:  Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, daß ich es bin und nichts von mir selber tue, sondern, wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich. Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er läßt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt. Als er das sagte, glaubten viele an ihn.

Worum es geht? Um Sünde und Tod, um diese Welt und eine andere, um Gott den Vater - vor allem aber um Jesus: um Jesus und den Glauben an ihn. Der Gesprächsverlauf ist dabei alles andere als übersichtlich, er erinnert an ein Labyrinth aus Worten, einen Irrgarten. Die Worte verwirren einen, so daß man sich nur mühsam einen Weg hindurch bahnen kann - eben wie bei einem Labyrinth, einer Aufgabe wie dieser hier:
- zeigen -
Das könnten wir jetzt zu lösen versuchen, also kurz Pause machen, Stifte austeilen und den Weg suchen, vom Anfang bis zum Ende. Aber wir haben jetzt doch nicht Zeichenstunde oder Kindergottesdienst, sondern ich möchte einen Weg durch den Irrgarten des Johannesevangeliums finden.

Kennen Sie übrigens den alten Pfadfindertrick, wie man am besten durch einen Irrgarten geht? Man markiert die Wege, die man vergeblich gegangen ist - so daß man die falschen Abzweigungen wenigstens nicht mehrfach laufen muß. Den Klitschkos in der Werbung scheint das allerdings auch nicht weiterzuhelfen... Und so bleibt es bei der falschen Behauptung: Ich kenne den Weg. Man bräuchte wohl eher eine Art Ariadnefaden - wie in der griechischen Sage vom Minotaurus: Da nahm der Held Theseus auf seinem Weg durch ein verschlungenes Labyrinth eine Strippe mit, um den Weg zu markieren und mit ihrer Hilfe wieder zurückzufinden. Seitdem gebrauchen wir die Redewendung vom roten Faden.

Gibt es für das Johannesevangelium etwas Ähnliches? Ja, aber um diesen Leitfaden zu finden, muß man sich schon ein gehöriges Stück weit in das sich wie ein Irrgarten schlängelnde Gespräch hineinbegeben. Dann findet man die Frage zu der Antwort. Wie war die Antwort? Ich bin es. Und wie lautet die Frage? Mitten im Text steht sie. Sie lautet: Wer bist du?

Wer bist du? Ich bin es. Frage und Antwort.

Das klingt - gelinde gesagt - seltsam. Das soll der Leitfaden sein? Oder haben wir uns jetzt doch im Labyrinth der Worte verlaufen? Lassen Sie uns einen anderen Trick anwenden, den simplen Trick, mit dem man durch jeden Irrgarten kommt. Wie macht man das? ...
(zugegeben, es ist nicht die feine Art - aber jeder von uns hat das schon gemacht... - bei Schulaufgaben etwa oder auf der Rätselseite der Zeitung...)

Richtig, man fängt am Ende an und geht dann den Weg rückwärts. Wenn das Ziel nämlich bekannt ist, kann man sich die Irrwege sparen und kann sich auch ohne Leitfaden zurechtfinden. Und wie endet das Evangelium des Johannes? Es endet mit dem Glauben, mit dem Glauben an Jesus als den Erhöhten, der wieder bei Gott ist.
Und wenn wir jetzt auch das Gespräch Jesu mit dem Volk, den heutigen Predigttext, vom Ende her lesen, wird vieles klarer: Dann stellt sich Jesus hier vor als der Bote Gottes, der von sich sagt, was Gott von sich sagt; Ich bin es. Das ist die Antwort, die Mose erhielt, als er bei seiner Gotteserfahrung in der Wüste nach Gottes Namen fragte: Ich bin, der ich bin. - Ich bin, der ich bin. Oder: Ich bin es. So stellt sich Gott bei den Menschen vor. Geheimnisvoll, wie nicht von dieser Welt. Wie der Vater, so der Sohn.

Jesus tritt hier so auf wie Gott: Der Glaube an den Sohn ist der Glaube an den Vater. Nur wer so glaubt, ist der Sünde entronnen. Das ist der Sinn der Antwort: Ich bin es - und die Antwort auf die Frage: Wer bist du? Jesus - wie Gott. Mit diesem Anspruch ist Jesus in die Welt gekommen, mit diesem Anspruch geht er im Evangelium des Johannes auch in jedes Gespräch hinein.

Erkannt haben das die Menschen gewiß erst nach Ostern - und das auch nicht etwa alle, sondern nur die, denen Gott die Augen für seinen Sohn geöffnet hat. Wer dann aber wie die Jünger des Johannes einmal erkannt hat, wer Jesus ist, der kann ihn wie einen Leitfaden verwenden - durch das Labyrinth der johanneischen Gespräche, vor allem aber durch den Irrgarten der Welt. Da vor allem weiß man ja manchmal wirklich nicht mehr, wo oben und unten ist, wo rechts und links, wo gut und böse, wo man gerade ist. Manchmal möchte man meinen, unsere ganze Welt hat die Orientierung verloren, ja sie sucht nicht einmal mehr danach.

In der Tat, wir Menschen irren durch die Welt wie durch ein Labyrinth. Und was wunderts? Im wirklichen Leben kann man ja nicht mit dem Labyrinthlösetrick vom Ende her kommen, mit dem ganzen Überblick sagen, wo es langgeht. Das Leben leben kann man nur vorwärts.

Nein, meint nun der Evangelist Johannes, so ganz stimmt das nicht. Wir Christen haben es schon leichter. Mit dem Glauben an Jesus haben wir einen Leitfaden für das Labyrinth des Lebens, eine Orientierungshilfe. Und wenn wir auf ihn sehen, haben wir auch schon einen Blick auf das Ende getan - denn wenn Gott die Welt richten wird, trägt der Richter das Gesicht Jesu. Wir kennen also den Herrn der Welt. Und das ist ein beruhigendes Gefühl. Gewiß können auch wir das Leben nur vorwärts leben. Aber wir sind dabei nicht allein. Und das Ziel zu kennen, verleiht Sicherheit, gibt Orientierung. Und das ist genug, meint Johannes. Genug fürs Leben, genug für heute, genug für die Predigt.
A...

Ach, nein, wir haben doch noch etwas Zeit, Zeit für dieses Rätsel hier, diese Zeichnung mit dem Thema: Wie kommt der Mensch zu Gott? Auch das hier ist eine Art Irrgarten, mit vielen Irrwegen... Und wie ist die Lösung? ... Auf die Schnelle geht es nicht. Geht es überhaupt? Möchten Sie es zu Hause versuchen? ...

Johannes hat uns schon die Lösung verraten: Es gibt keine. Es geht nicht. Weder mit Ariadnefaden noch mit dem Trick vom Ende her. Wie sagte Jesus bei Johannes? Wohin ich gehe, dahin könnt ihr nicht kommen. Der Weg zu Gott hin kann nur von Gott selbst gebahnt werden - durch Jesus Christus als den Mittler. Darum läßt Johannes Jesus sagen: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Jesus ist das Ziel, das sich zu uns auf den Weg gemacht hat, um uns wieder heimzuholen. Er ist des Rätsels Lösung. Wer bist du? Ich bin es. Und dazu können wir nur sagen:
G. Amen.
 
 


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