Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt (von Angelika Thol-Hauke und mir) am Sonntag Reminiszere über Joh 8, 21-29

Liebe Gemeinde!
Entschuldigung, mit wem habe ich es zu tun? Wer sind Sie?

Wenn mich jemand das fragte, könnte ich antworten: Ich heiße Angelika Thol-Hauke, habe Theologie studiert, bin Professorin an der Evangelischen Fachhochschule, mit einem Pfarrer verheiratet, der in St. Jacobi-Luisenstadt tatig ist. Meine Hobbies (wenn ich dazu Zeit habe): Kochen und Garten.

Wer bist du? wird im heutigen Evangelium und Predigtext auch Jesus gefragt. Er könnte antworten: Jesus aus Nazareth, mein Vater heißt Joseph, meine Mutter Maria. Ich bin im Lesen der Heiligen Schriften unterwiesen, manche nennen mich Rabbi-Lehrer. Ich bin nicht verheiratet.

All das war wahrscheinlich den meisten seiner Zuhörer bekannt. Sie wollten aber mehr wissen: Wer bist du eigentlich, zeige dein Gesicht, sag die Wahrheit über dich! Nur die Wahrheit zählt, die ganze Wahrheit über einen Menschen wollen wir wissen, alles! Wir versuchen, der ganzen Wahrheit auf die Schliche zu kommen, indem wir Menschen in den Big-Brother-Container stecken und ihnen dort zuschauen, die Aktionen und Gespräche verfolgen, die Bewohner in der Dusche und im Bett beobachten. Zeige dein Gesicht!

Stecken wir also Jesus einmal ins Big-Brother Haus: Die Bewohner wollen wissen: "Wer bist du?" Erste Antwort nach Johannes: "Ihr werdet erkennen, daß ich es bin." Was für ein Satz! Um das zu verstehen, muß die family eine Nachtschicht einlegen.

Ich bin es. Und was? Aber das Jesus sagt nicht. Es klingt irgendwie geheimnisvoll, aber diese Antwort macht ratlos. Sag, gibt es besondere Erlebnisse in deinem Leben, Brüche, Grenzerfahrungen, intime Details, so daß wir wissen, was du meinst und wie du darauf kommst?

Und er sprach zu ihnen: "Ihr seid von unten her, ich bin von oben her; ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt ..."
Aha, du hältst dich also für was Besonderes, kommst aus dem Jenseits, vielleicht bis du eine Reinkarnation? Wie lebst du damit?

"Ich gehe hinweg, und ihr werdet mich suchen und werdet in eurer Sünde sterben." Klar, gehst du wieder weg, bist ja nur zu Besuch in unserem Container, aber das Thema Sünde ist interessant, da erfährt man endlich etwas über jemanden, sieht sozusagen sein wahres Gesicht.

"Der, welcher mich gesandt hat, ist wahrhaftig und was ich von ihm gehört habe, das rede ich zur Welt."
Wir wissen, daß RTL 2 dich geschickt hat - daß die aber wahrhaftig sind, na, das mußt du wohl sagen.

"Wohin ich gehe, dahin konnt ihr nicht kommen."
Wieso - wir kommen doch alle hier einmal heraus, der eine früher, der andere später. Oder haben sie dich etwa fürs Girlscamp angeworben?

"Ihr werdet in euren Sünden sterben, wenn ihr nicht glaubt, daß ich es bin."
Das hört sich gefährlich an, warum gibst du dich so aggressiv, wer bist du?

Die Sache scheint sich länger hinzuziehen. So kommt ihr nicht weiter, ruft uns der Evangelist Johannes zu. Schalten wir also mal zwischendurch ab und gehen bei Johannes in die Schule, in eine Schule des Sehens: Wer Jesus ist, erkennt man nicht zuerst an außergewöhnlichen Taten Jesu, sondern am Kreuz: "Wenn ihr den Sohn des Menschen erhöht haben werdet, dann werdet ihr erkennen, daß ich es bin." Bei Johannes ist der Tod Jesu nicht wie bei den anderen Evangelisten in das dunkle Licht des Leidens getaucht, sondern in das strahlende Licht der Herrlichkeit Gottes. Die Kreuzigung ist Jesu Erhöhung, seine Inthronisation als König.

Meint Johannes, es komme auf das Leiden gar nicht so sehr an? Eine Religionslehrerin erklärte mir einmal, Evangelisch sei ein Kreuz ohne Kruzifixus, ohne den leidenden Christus daran, weil die Evangelischen betonen wollten, daß das Kreuz leer ist, daß Christus auferstanden ist. Ging es dem Evangelisten also darum, das Leiden angesichts der Auferstehung zu vernachlässigen oder zu verdrängen?

Manche verstehen ihn so, und in der Geschichte des christlichen Glaubens gab es immer die Versuchung, das Kreuz schönzureden, nur als Durchgang zur Auferstehung zu betrachten. Das hatte Folgen fur das Leben der Christen. Was bedeuten dann irdische Leiden angesichts künftiger Herrlichkeit? Alles wird gut? Das Kreuz - nicht so schlimm. Will das Johannes sagen?

Da melden sich andere Stimmen im Namen der Menschlichkeit und der geschichtlichen Redlichkeit: Dieser Tod war grausam, Jesus ist jämmerlich verreckt. Da war nichts Erhabenes, Frommes, schon gar kein Glorienschein. Jesus, ein gescheiterter Rebell, der seiner Sache bis zum Schluß treu blieb. Jesus, einer von vielen Gefolterten, an dem man sehen kann, wozu Menschen fähig sind. Jesus, der in Gottverlassenheit starb, mit einem Verzweiflungsschrei auf den Lippen. Der in seinem Tod keinen Sinn entdecken konnte. Ist das nicht die Wahrheit, die über Jesus bleibt?

Wer mit diesen Augen den Gekreuzigten betrachtet, empört sich zu Recht über die Kruzifixe im Lande: "Wieso müssen christliche Kinder vom ersten Schultag an vor Augen haben, was Kreuzigung körperlich bedeutet?", meinte ein Berliner Philosoph.  Ein Kreuz am Hals kann dann ja nur von Zynismus zeugen. Salopp ausgedrückt: Jesus ist tot, Karl Marx ist tot - und mir geht es auch schon ganz schlecht.

Und Johannes, hat er all das verdrängt? Zur Zeit des Evangelisten gab es da nicht viel zu verdrängen. Man wußte, was eine Kreuzigung war und was sie bedeutete. Johannes sagt es sehr bewußt: Das Kreuz, die grausamste der damaligen Hinrichtungsarten, ist Jesu Erhöhung. Das war auch damals eine Zumutung.

Wie kommt Johannes dazu? Wir erinnern uns an das Gespräch: "Wer bist du - ich bin es". Ich bin es: So stellt sich Gott vor, wenn er als Retter für Israel eintritt. Ich bin, der ich bin. Der am Kreuz hängt, ist der "Ich bin es", ist Gott als Retter auf Erden, ist sein Sohn als Rettergott. Größeres läßt sich über Gott nicht sagen: Der Unbegreifliche steigt ins Irdische bis ans Kreuz, um zu retten. Wer im Gekreuzigten nur den furchtbar Leidenden sieht, sieht zu wenig, sieht noch mit weltlichen Augen. Und auch wer versucht, das Kreuz zu überschlagen und immer schon bei der Auferstehung ist, der bekommt nach Johannes Entscheidendes über Gott nicht mit. Wer mit ungeschulten Augen den Gekreuzigten betrachtet, sieht nicht, welche Ungeheuerlichkeit von Gott her geschieht. Wer den Gekreuzigten sieht, soll nach Johannes im gekreuzigten Jesus Gott sehen, der rettet. Gott rettet nicht von oben her, aus der Distanz. Er rettet in seinem Sohn, der am Kreuz hängt. Das ist das Geheimnis der Größe Gottes: —Wenn ihr den Sohn des Menschen erhöht haben werdet, dann werdet ihr erkennen, daß ich es bin.ž

Das Johannesevangelium - eine Sehschule. Es lehrt das, das Geschehen genau zu betrachten und dabei tiefer und weiter zu sehen, als menschliche Augen reichen. Wer Jesus ist, läßt sich nach Johannes nicht mit biographischen Daten aussagen, auch nicht von Erlebnissen und Erfahrungen, nicht von einem besonderen Werdegang oder Fähigkeiten herleiten. Wer Jesus mit einer solchen menschlich-neugierigen Brille betrachtet, versteht nichts. Üben wir uns darum an einem kleinen Beispiel in dieser Sehschule.

Vielleicht besitzen Sie selbst ein Kreuz. Wie sieht es aus? Haben Sie dieses Kreuz bewußt gewählt? Warum dieses? Oder besitzen Sie keines? Warum? Was sehen Sie, wenn Sie dieses Kreuz betrachten? Leitet das Kreuz Sie an, mehr zu sehen, als dargestellt ist? Nach der Sehschule des Johannes ist jeder Blick, der am Äußeren hängenbleibt, falsch und mißverständlich. Jedes Bild, das geheimnislos ist, führt in die Irre.

Der Rettergott ist im Kreuz zu finden. Das ist die Wahrheit über Gott, das ist die Wahrheit über Jesus. Der Retter ist in dem, was wir am meisten fürchten. Die Sehschule des Johannes läßt auch unser Leben anders sehen: Wir sehen die Welt, wie sie ist, sehen genau, was Menschen einander antun. Aber in dem, wo menschlich alles aus ist, alles verdorben ist, hat Gott immer noch Handlungsmöglichkeiten. Gott kann handeln, wo weltlich nichts mehr drin ist. Diese Wahrheit macht frei von Lebensangst.

Mit derart geschultem Blick können wir uns  noch einmal kurz zurück wagen ins Big-Brother-Haus. Da hören wir einen Song:

Nur die Wahrheit zählt für uns in dieser Welt.
Deine Ehrlichkeit ist das, was mir gefällt.
Jeder Augenblich mit dir ist Zauberei;
denn ich fühle mich gefangen und doch frei.

Nach welcher Wahrheit wird da gesucht, bei der Suche nach der Wahrheit über den Menschen? Wer mit Johannes weiter sieht, könnte in diesem Lied ein ungewolltes oder unbewußtes Bekenntnis zum ihm, dem Erhöhten, erkennen - als die rettende Wahrheit. Nur die Wahrheit zählt... Und die Wahrheit wird euch freimachen.
Amen.
 
 


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