Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Lätare über Joh 6, 47-51

Liebe Gemeinde!
—Was können wir noch essen?ž Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, wem Sie sie stellen: Fragen Sie in diesen Zeiten von BSE, Schweinepest und Maul- und Klauensuche einen Bauern, der Viehzucht betreibt, werden Sie nur noch verzweifelte Blicke ernten. Fragen Sie einen Vegetarier, dann rät er zu Gemüse - wenn nicht auch da schon die ersten individuellen Unpäßlichkeiten auftauchten (Neulich beim Frühlingssingen: —Gemüse aus Holland vertrage ich einfach nicht.ž). Ganz zu schweigen vom Geschmack: Vor Ostern mögen die Erdbeeren zwar schon recht preiswert sein, aber dafür fühlen sie sich im Mund an wie Gurken - bloß ohne Geschmack. —Was also können wir noch essen?ž

Schon die Kochlehrerin meiner Frau war der Überzeugung, daß es eigentlich gar keine absolut gesunden Lebensmittel gibt. Wenn die Schülerinnen sie verwundert fragten, wieso denn, dann machte sie süffisant darauf aufmerksam, daß der menschliche Körper mit jeder Nahrung auch für ihn Giftiges aufnimmt, weshalb er es wieder ausscheiden muß. Falls nicht, wären wir in kurzer Zeit vergiftet. Zu unserem Glück klappt das Geben und Nehmen in der Regel aber problemlos - ohne daß wir zu dem Ergebnis kommen müßten, man könne ja eigentlich nichts mehr essen.

Dennoch stellt sich die Frage —Was können wir noch essen?ž in vielen Zusammenhängen unseres Lebens: Wer eine besondere Diät halten muß, gibt natürlich eine andere Antwort als die, die bloß abnehmen will; wer fasten will, entscheidet sich anders als die Tropenreisende. Hier heißt die Devise: —Cook it, peel it - or forget it.ž (Koch es, schäl es - oder vergiß es.) Die Antwort hängt also von der genauen Frage ab - wie beim Jeopardy, jenem Gesellschaftsspiel, bei dem das Spiel darin besteht, daß die Antwort vorgegeben ist, die zu stellende Frage aber gesucht werden muß.

Ums Essen und um Frage und Antwort geht es auch im Johannesevangelium, im heutigen Predigttext. Von zwei Lebensmitteln ist da die Rede. Von dem einen hat das Volk Israel auf seiner Wanderung durch die Wüste gegessen, als das andere bietet sich Jesus selbst an.

Mit dem ersten Lebensmittel erinnert der Evangelist an den Auszug aus Ägypten und die lange Wanderung Israels durch die Wüste. Auch da stellte sich die Frage —Was können wir noch essen?ž Man sehnte sich zurück nach den Fleischtöpfen Ägyptens. Die Antwort gab das Manna, die tägliche Ration fürs Überleben in der Wüste, zugleich die beständige Erinnerung an die totale Abhängigkeit des Volkes von Jahwe.

Jesus benutzt diese Erinnerung im Evangelium des Johannes nun nicht, um daran bloß zu erinnern - als die vermeintlich gute alte Zeit. Im Gegenteil. Nüchtern macht er darauf aufmerksam: Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Auch Manna, dieses Lebensmittel von oben, diese Gabe Gottes an sein Volk in der Not, hatte also seine Grenzen - wie eben jedes Lebensmittel. Jedes? Nein, es gibt nach Johannes ein ultimatives Lebensmittel, das jeden probiotischen Joghurt mit linksdrehenden lebenden Kulturen in den Schatten stellt. Dieses Lebensmittel ist Jesus selbst.

Diese Aussage, liebe Gemeinde, ist seltsam. Jesus, ein Lebensmittel? Jesus ist doch nichts zum Essen, wie kann er da sagen: Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot ißt, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt? Das muß doch irgendwie symbolisch gemeint sein.

Sicher ist das symbolisch gemeint - aber nicht so, wie wir das so häufig verstehen: im Sinne von nur symbolisch, nicht wirklich, sondern so wie Johannes Symbole, bildliche Redeweise versteht: Symbole sind für ihn wie Tore, Tore zu einer anderen Welt. Genauer gesagt: Tore, durch die sich Gottes Welt Zugang verschafft zur Welt der Menschen.
Johannes sagt: Jesus selbst ist dieses Tor. Durch ihn haben wir Kontakt zu Gott, weil Gott durch ihn Kontakt zu unserer Welt aufgenommen hat. So haben wir Kontakt bekommen zum Leben selbst. Und darum ist Jesus ein Lebens-Mittel, das Lebensmittel, das ultimative Lebensmittel. Was geschieht da genau?

Mit Jesus, der sich von uns verzehren läßt wie Brot, kommt Gottes Leben in uns. Mit Essen ist hier nicht nur vordergründig das Kauen und Schlucken gemeint, sondern Essen bedeutet: in sich aufnehmen. Johannes kann auch glauben dazu sagen: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. Gott findet Zugang zum Menschen durch Jesus und Jesus findet Zugang zu uns. Am Ende ist das ganz konkret gemeint: in Brot und Wein, der symbolischen Speise, die an den Auszug aus Ägypten erinnerte, schafft sich Gottes Lebensenergie Zutritt in die Menschen dieser Welt. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon ißt, nicht sterbe.  Das Abendmahl, die Eucharistie ist die Antwort.

Wie aber lautet die genaue Frage? Lautet sie: —Was können wir noch essenž? Müssen wir sie nicht genauer stellen? Ist Jesus selbst als Bringer des Lebens von Gott her die Antwort, wie lautet dann die präzise Frage? Eine Minute Jeopardy also. Ich bin das Brot des Lebens.  Und die Frage?

Was bist du für uns? Was passiert, wenn wir an dich glauben? Was haben wir von dir, Jesus? Was sollen wir essen, um zu leben, ohne zu sterben? - Mit diesen Fragen kommen wir der Sache recht nahe. Und dann bleibt es nicht beim Frage- und Antwortspiel. Dann heißt es: —Das will ich haben!ž Dann wird die Frage zur Bitte: Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast - das bekannte Tischgebet, traditionell von Kindern gesprochen und für viele das erste Gebet, das sie gelernt haben. Sei unser Gast, das erinnert an die Emmaus-Jünger, die einen Wanderer in ihr Haus und an ihren Tisch einladen und ihn beim Brotbrechen als den erkennen, den Gott von den Toten erweckt hat: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. (Lk 24, 29)

Dem Bibelkundigen ist noch eine andere Situation vor Augen, die der Wiederkehr Christi: Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. (Offb 3, 20) Und: Komm, Herr Jesus - das letzte Wort im Neuen Testament.

Weil Jesus kommt, darum können wir ihn ansprechen und bei uns aufnehmen und ihn so unser Mittel zum Leben, unser Lebens-Mittel werden lassen. Das kleine Gebet faßt damit wie in einem Brennspiegel zusammen, worum es auch Johannes in seinem Evangelium geht. Das Leben Gottes kommt durch die Gaben, durch das Essen: Segne, was du uns bescheret hast.

—Was können wir noch essen?ž Präziser: Was sollen wir essen, um zu leben, ohne zu sterben? Christi Leib für dich gegeben - Christi Blut, für dich vergossen. Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.
Amen.
 
 


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