Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis über Joh 5, 1-16

Liebe Gemeinde!
Jeden Sonntag hören wir einen biblischen Text ganz besonders aufmerksam: den Predigttext; besonders dann, wenn er wie der heutige anfängt, nämlich wie ein Märchen. Er handelt ja von einem wundertätigen Teich. Die frommen Leute sagten damals: Wenn sein Wasser in Wallung gerät, wird man gesund, allerdings nicht jedermann, sondern nur einer, der erste, der dann ganz schnell in den Teich hineinsteigt. Dann aber kommt Jesus - und alles kommt anders. Ich lese den Text:

Es war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank. Als Jesus den liegen sah und vernahm, daß er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. Es war aber an dem Tag Sabbat. Da sprachen die Juden zu dem, der gesund geworden war: Es ist heute Sabbat; du darfst dein Bett nicht tragen. Er antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin! Da fragten sie ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin? Der aber gesund geworden war, wußte nicht, wer es war; denn Jesus war entwichen, da so viel Volk an dem Ort war. Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden;  sündige hinfort nicht mehr, daß dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre. Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe. Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte.

Liebe Gemeinde, was für ein Themenwechsel! Statt einer Geschichte vom wundertätigen Teich hören wir von Streit und Verfolgung. Jesus hat sich unmöglich gemacht. Er hat am Feiertag etwas Neues geschaffen: Gesundheit statt Krankheit. Wieso er sich damit unmöglich macht? Wer etwas dagegen haben könnte? Es ist das Gesetz, Gottes Gesetz. Am Sabbat hat Ruhe zu herrschen, weil Gott selbst geruht hat. Wer hingegen am Sabbat Neues schafft, stellt sich Gott gleich.

Deshalb erzählt Johannes die Geschichte vom wundertätigen Teich auch nicht als Märchen, sondern als Offenbarungsgeschichte: In der Tat, ist seine Botschaft, Jesus ist Gott gleich. Und weil das gut so ist, gibt es Wichtigeres als den Wettlauf zum wundertätigen Wasser. Wichtiger ist es, Jesus zu begegnen. Der aber macht sich auf den Weg zu uns - wie zu dem Gelähmten, den er erst am Teich und dann, geheilt, im Tempel aufsucht. Auch der ist anschließend in die Sabbatfalle gelaufen, als er am Ruhetag mit seinem Bett durch die Gegend schleppte - ein Bild nicht ohne Komik. Nun ist er geheilt und muß sich von Jesus sagen lassen, es gibt Schlimmeres als die Krankheit, die ihn 38 Jahre lang ans Bett fesselte. Was ist das? Die Sünde. Und was ist das, die Sünde? Nein, nicht Naschen, nicht die Portion Griesbrei zuviel oder Sachertorte satt - aber bitte mit Sahne - sondern: Gott nicht die Ehre zu geben, Schöpfer und Geschaffenes verwechseln. Darum: Besser als Gesundsein ist es, solche Schuld vergeben zu bekommen. Und das feiern wir nun bei der Taufe im Namen Christi.

Die Bibel hat einige Bilder geprägt, die veranschaulichen, was in der Taufe geschieht. Wir lassen sie uns mal zeigen.
- Aktion -
Die Taufe ist wie...
? eine reinigende Dusche, d.h. sie nimmt die Macht der Sünde weg;
? zu einem Kreis zusammengeschlossen werden, d.h. sie stiftet eine neue Gemeinschaft;
? das Anziehen eines neuen Kleidungsstückes, d.h. sie bringt uns den Schutz durch Christus.

Oder noch einmal anders:
Taufe ist wie ... eine ausgestreckte Hand, wie die angebotene Hand Gottes, d.h. wer getauft wird, läßt sich von Christus ergreifen.

Wer also aus dem Wasser der Taufe kommt, ist ein neuer Mensch. Er hat die Lähmung überwunden, die ihn immer wieder vergeblich auf Rettung warten ließ. Und damit wir sie auf solche Rettung nicht so lange warten lassen müssen wie der Gelähmte am Teich Betesda gewartet hat, darum taufen wir schon Kinder. Was an ihnen geschehen ist, können wir ihnen natürlich erst nach und nach erklären, wir verstehen es ja selbst erst nach und nach.

Von Martin Luther wird erzählt, daß er sich erst in den Krisenzeiten seines Lebens so richtig über die Bedeutung der Taufe klar wurde. Als er nach dem wahrhaft evangelischen Verständnis der Bibel suchte, wurde ihm klar, daß er an vielem zweifeln mußte, was man ihm beigebracht hatte: War das alles wirklich Gottes Wille, dieses Abarbeiten von Schuld durch Fasten und Gebete, durch gute Werke? Als er so an seinem Glauben zweifelte, blieb ihm eines gewiß: Ich bin getauft. Ich bin gerettet in Christus. Und als er dadurch in die Fänge der Politik geriet, vor Kaiser und Reich widerrufen sollte und die Reichsacht über ihn verhängt wurde, so daß er völlig schutzlos, buchstäblich vogelfrei war, auch da blieb ihm dies gewiß: Ich bin getauft. Ich bin gerettet in Christus. Darum soll er es sich mit Kreide auf den Tisch geschrieben haben: Ich bin getauft. Ich bin gerettet in Christus.

Daraufhin hatte ich schon mal die Idee, man könnte es mit unseren Täuflingen so ähnlich machen: Jeder Neugetaufte schreibt seinen Namen hier unter das Christusbild. (Fragt sich allerdings, was die kunstbeflissenen Architekten und der GKR dazu sagen würden, zu solchen Graffiti in der Kirche. Immerhin gibt es die Taufurkunde - zum Lesen und Vorlesen.)

In diesen gefährlichen Zeiten nach dem 11. September könnten auch wir der Bedeutung der Taufe noch einmal anders innewerden.

Im Konfirmandenunterricht lernt man, daß die Taufe nur einmal gespendet wird. Sie wird nicht wiederholt. Warum?

Weil sie von Gott her nicht widerrufen wird - egal, was wir auch tun. Wir mögen an Gott zweifeln und an der Kirche verzweifeln - wir sind getauft. Wir mögen austreten oder wieder eintreten - wir sind getauft. Wir mögen keinen Sinn mehr sehen im Leben, uns fühlen wie der Gelähmte am Teich Betesda, 38 Jahre auf dem Krankenlager, ohne Chancen - wir sind getauft. Wir sind schon gerettet - ohne gewaltsam der Erste sein zu müssen, weder am Teich noch sonst im Leben. Den Sieg über das Böse und die Dunkelheit müssen wir uns nicht erst erkämpfen, denn in unserer Taufe sind wir Christus begegnet - ein für alle Mal. Darum haben wir nicht den wundertätigen Teich im Blick, sondern ihn, Jesus Christus. Er ist die Quelle des Lebens - wie es Luzias Taufspruch verrät:
—Bei dir ist die Quelle des Lebens,
in deinem Lichte sehen wir das Licht.ž (Ps 36, 10).
Amen.
 
 


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