Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias über Joh 4, 5-30

Liebe Gemeinde!
Über die Gemeinde, an die sich das Evangelium nach Johannes ursprünglich gerichtet hat, wissen wir wenig - außer, daß es sich um ausgesprochene Jesus-Freaks gehandelt haben muß. Jesus Christus war ihr ein und alles, die Antwort auf alle Fragen. Es handelte sich wohl um Christen der zweiten oder dritten Generation nach Jesus, die sich in ihrer heidnischen Umgebung fremd fühlten, verfolgt und unterlegen - aber sie hatten ein Projekt. Das lautete: Weil Jesus der Größte ist, laßt uns neu von ihm erzählen, nicht so, wie man uns selbst erzählt hat, sondern so, daß unseren heidnischen Mitbürgern glatt die Luft wegbleibt. Die haben zwar ihre eigene Weltanschauung, machen sich tolle Gedanken über Geist und Materie, über Licht und Dunkel, über Gut und Böse - aber Jesus übertrifft das alles. Darum: Laßt uns neu ihm erzählen, und zwar so, daß er das alles, diese populäre Weltanschauung, diese Mischung von alter Philosophie und moderner Religiosität aus dem Osten noch toppt, daß er alles andere in den Schatten stellt. Als das Projekt vollendet war, gab es das Johannesevangelium und die Briefe des Johannes - der christliche Glaube war in der Welt des Hellenismus, in der Weltanschaung der Gnosis angekommen und sprach nun von Jesus in einer ganz besonderen, in einer einzigartigen Mischung von Anschaulichkeit und Anspielungen, von symbolischen Bedeutungen und einem Jesus, der buchstäblich zum Anfassen war. Und wer sollte das verstehen, wer konnte das verstehen? Nur die Insider, nur die Eingeweihten - alle anderen —verstehen nur Bahnhofž.

Ein ganz typisches Stück dieser abenteuerlichen Mischung ist das berühmte —Gesprächž zwischen Jesus und der Samariterin am Brunnen. Das Evangelium erweckt zunächst den Eindruck, als würden wir Zeugen einer für sich genommen schon ungewöhnlichen Begegnung - der zwischen Jesus und der Samaritanerin aus Sychar- hintergründig aber begegnet die Welt hier ihrem Erlöser. Verfolgen wir das Gespräch einmal Schritt für Schritt, schauen wir den beiden sozusagen über die Schulter:

Joh 4, 5 Jesus kam in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gab.
Joh 4, 6 Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich am Brunnen nieder; es war um die sechste Stunde.

Jesus steht auf historischem Boden. Nach alter jüdischer Tradition ist —Jakobs Brunnenž ein Symbol des Anfangs. Jakob, der Stammvater Israels, hat seinem Sohn Josef hier Land übergeben und damit einen Anfang gemacht, der für den jüdischen Glauben bis heute gültig ist - bei allem hin und her der Geschichte, trotz mehrfacher Vertreibung von diesem Land. Jakobs Brunnen, das ist ein Anfang, der bleibt - und natürlich auch, ganz lebenspraktisch, eine Wasserstelle für die naheliegende Ortschaft. Jesus begibt sich nun ausgerechnet dahin - zum Ursprung, zum symbolischen Wasserplatz.

Joh 4, 7 Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken!
Joh 4, 8 Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Essen zu kaufen.
Joh 4, 9 Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau?  Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern.

Recht hat die Frau - wie auffällig, daß Jesus sie anspricht - aus einem doppelten Grund: Den einen nennt sie: die schon damals jahrhundertealte Spannung zwischen der jüdischen Mehrheit in Jerusalem und den samaritanischen Minderheit, die - übrigens bis zum heutigen Tage - bei Sychar lebt. (Wer also sehen will, wie man im Alten Bunde opferte, wie man zur Zeit Jesu Pessach feierte, muß heute den Samaritanern auf dem Berge Garizim einen Besuch abstatten. Zeitweilig soll das schon ein richtiges Touristenspektakel gewesen sein.) Was noch auffällig ist: Daß Jesus eine  Frau anspricht. Sie ist ja nicht in männlicher Begleitung. Im Orient tut man so was eigentlich nicht. Aber Jesus ist ja nicht bloß ein durstiger Wanderer, sondern stellt sich der Frau als der vor, der er ist - als einer, der von Gott kommt. Und da ist es in der Tat unangemessen, daß er sie um Wasser bittet.

Joh 4, 10 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und der gäbe dir lebendiges Wasser.

Lebendiges Wasser, das meint zunächst einmal fließendes Wasser, Quellwasser - aber im Symboldenken der Johannesjünger sollen wir gleich an mehr denken: an das Wasser des Lebens, an die christliche Taufe - und vor allem daran, was sie bewirkt: Sie stellt eine Verbindung her zwischen Gott und Jesus und uns, eine Verbindung, die uns am Leben erhält. Die Gemeinde des Johannes versteht das - die Frau aus Samarien hingegen kann das nur mißverstehen:

Joh 4, 11 Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser? Joh 4, 12 Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh.

Die Frau redet scheinbar nur vordergründig: Jesus hat nicht einmal Seil und Tongefäß, um den tiefen Brunnen bedienen zu können - und verspricht Quellwasser? Das kann doch nur einer, der mehr ist als Jakob. Für den und seine Familie war der Brunnen schlicht und einfach eine Wasserstelle, eine Tränke. Die Gemeinde des Johannes aber feixt. Wie ein Krimiautor eine Spur legt, die der Leser erkennt, nicht aber die Romanfiguren, so hier Johannes: Wider Willen, ohne ihr Wissen, durch ihre bloße Frage verrät die Frau, was die Gemeinde des Johannes weiß: Jesus ist mehr als Jakob und sein —lebendiges Wasserž kommt nicht aus dem alten Jakobsbrunnen, sondern? Na, natürlich daher, woher allein das Leben kommen kann, vom Leben selbst, von Gott. Genau das offenbart Jesus mit den nächsten Worten:

Joh 4, 13 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; Joh 4, 14 wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.

Das muß ja nun wirklich ein ganz besonderes Wasser sein: Die Bilder wechseln in rascher Folge, schieben sich ineinander. Das Wasser stillt nicht nur den Durst, den Durst nach Leben, sondern wird im Trinkenden selbst zur Quelle, die anderen zu trinken gibt, ihnen zum Leben verhilft - und am Ende mündet alles wieder ins Leben, ins ewige Leben. Ewig? Wie lange ist ewig? Ewig meint nicht —langweilig langež, sondern Leben bei Gott. So schließt sich der Kreislauf. Dieser Gedanke ist —Johannes purž: Der —Kreislauf des Lebensž, von dem die östlichen Religionen schwärmen, dieses Sterben und Werden - es ist Jesus Christus, der diesen Kreislauf am Leben erhält. Hier ist weder der natürliche Lauf der Dinge noch mystische Einsicht am Werk: Es ist Jesus, der das Leben, der Gottes Gabe weitergibt, jenes Leben, das allen (Lebens-)Durst stillt.

Joh 4, 15 Spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir solches Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muß, um zu schöpfen!

Nicht nur die Frau: Auch die Welt versteht das aber nicht. Sie sieht nur das Vordergründige, den Nutzen eines solchen Durststillers. Man, nein —frauž hat weniger Arbeit und muß nicht mehr Wasser holen.

Joh 4, 16 Jesus spricht zu ihr: Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her! Joh 4, 17 Die Frau antwortete und sprach zu ihm: Ich habe keinen Mann. Jesus spricht zu ihr: Du hast recht geantwortet: Ich habe keinen Mann. Joh 4, 18 Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann; das hast du recht gesagt. Joh 4, 19 Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist.

Scheinbarer Themenwechsel: Warum fragt Jesus nach dem Mann der Frau? Damit herauskommt, daß sie erst sukzessiver Polygamie (einen Mann nach dem anderen) und jetzt —in wilder Ehež lebt? Nein, damit herauskommt, wer Jesus ist - obgleich die Frau in der uns allmählich vertraut werdenden Weise wieder nur vordergründig denkt: —Oh, ein Prophet!ž (Eher ein Hellseher, der weiß, was er eigentlich nicht wissen kann.) Und folgerichtig legt sie ihm eine religiöse Frage zur Entscheidung vor:

Joh 4, 20 Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll. Joh 4, 21 Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, daß ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Joh 4, 22 Ihr wißt nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden. Joh 4, 23 Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. Joh 4, 24 Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.

Liebe Gemeinde, das war jetzt vielleicht ein bißchen zuviel auf einmal. Jedenfalls für uns, die wir es nicht gewohnt sind, so vollmundig, so überzeugt, so begeistert von Jesus zu denken und zu reden. Anders ist es mit der Gemeinde des Johannes, mit diesen Jesus-Freaks - die suchen keine Beweise für ihren wackelnden Glauben, die brauchen keine Argumente, um sich oder andere zu überzeugen. Haben denn je Argumente einen Menschen zum Glauben an Jesus geführt? Wer führt zum Glauben? Ja, wer glaubt im Gläubigen? Es ist der Geist, der von Gott kommt. Der läßt uns glauben. Nur durch ihn kommt es zur Anbetung im Geist und in der Wahrheit. Gegenüber der Frau gibt Jesus jetzt den Propheten: Es kommt die Zeit. Aber in ihm ist sie ja schon da: und ist schon jetzt - diese Zeit, in der die Menschen sich nicht mehr um Berge als Orte für ihre Religionsausübung - Jerusalem oder der Garizim - streiten werden, die Zeit, die alles Alte, alles bisher Dagewesene - auch den Jakobsbrunnen und seine Bedeutung für die Territorialansprüche eines Volkes - überholt. Vers 22 verrät alles - die Unwissenheit der Welt und den Glauben der aus dem Judentum stammenden, aber durch Gottes Geist neu eingestellten Jesusgläubigen: Ihr wißt nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden.

Joh 4, 25 Spricht die Frau zu ihm: Ich weiß, daß der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen.
Joh 4, 26 Jesus spricht zu ihr: Ich bin's, der mit dir redet.

Das ist der Höhepunkt, der Höhepunkt des Gespräches und der Selbstoffenbarung Jesu: Jesus outet sich als der Messias. Ich bin's. Ich binŽs - das heißt es im Evangelium des Johannes immer wieder - und eigentlich ist das alles, was uns Jesus von sich sagen kann. Er ist die Antwort. Ich bin's. Und wie lautet die Frage? Sie wissen, liebe Gemeinde, das Evangelium nach Johannes spielt Jeopardy mit uns, das umgekehrte Frage- und Antwort-Spiel. Wenn Jesus die Antwort ist, wie lautet dann de Frage? Die Frage lautet: Wo gibt es Leben? Wo kommt Gott zu uns? Und wie komme ich mit ihm in Kontakt, hinein in den heilsamen Kreislauf des Lebens? Der Gemeinde des Johannes aber reicht die Antwort, richtige Fans brauchen das Frage- und Antwort-Spiel nicht - und sind manchmal sogar ganz verwundert, daß andere Menschen anders denken. Fans sind eben Fans. Sie können gar nicht sagen, warum. Das ist eben so. Wenn das schon mit Schalke oder Bayern München oder Hertha der Fall ist - wieviel mehr mit Jesus.

Joh 4, 27 Unterdessen kamen seine Jünger, und sie wunderten sich, daß er mit einer Frau redete; doch sagte niemand: Was fragst du? oder: Was redest du mit ihr? Joh 4, 28 Da ließ die Frau ihren Krug stehen und ging in die Stadt und spricht zu den Leuten: Joh 4, 29 Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei! Joh 4, 30 Da gingen sie aus der Stadt heraus und kamen zu ihm.

Vor dem —Amenž noch ein kleines Nachspiel. Die Szene hat Auswirkungen. Man kommt zu Jesus. Und ein letztes Mal für heute hören wir hier die ganze Doppelbödigkeit des —Kommens zu Jesusž - für die einen ist es bloße Neugierde oder ein Messiastest, für die anderen das Sicheinlassen auf Jesus, den Weg, die Wahrheit und das Leben. Zwei Welten, die in den Augen der alten Denker und der alten Frommen grundsätzlich nicht zusammenpassen, die für Juden, Muslime und im fernöstlichen Denken Geschulte nur Gegensätze bleiben können - in Jesus kommen sie zusammen: die Welt Gottes und die Welt der Menschen. Und darum können wir leben. Und die Gemeinde des Johannes fügt hinzu: Beweisen kann man das nicht, beweisen braucht man das aber auch nicht. Denn es beweist sich selbst. Wie? Menschen kommen zu Jesus. Glaube als der einzige, der ultimative Gottesbeweis.

Im Alten Gesangbuch, dem EKG, gibt es dazu ein Lied:
—Lebendig Wasser quillet aus Gottes Brünnlein klar,
die Durstgen labt und stillet, heilt alles Volk fürwahr.
Der Herr hat angeschauet, die saßen im Elend,
sein Reich er wieder bauet durchs Wort und Sakrament.
G. Amen.
 
 


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