Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias über Johannes 4, 5-14

Liebe Gemeinde!
Was trinken Sie? ... Heute gibt es nämlich etwas Besonderes, außer Kaffee oder Tee und Früchtetee für die Kinder - heute will jemand einen ausgeben. Was sollen wir trinken?

—Was sollen wir trinken?ž (gesungen) Kennen Sie das noch? Wer so um die fünfzig ist und eine Vergangenheit nach Art von Joschka Fischer hat, der hat bei dieser Frage wehmütige Erinnerungen, Erinnerungen an damals, als diese Frage wie eine Litanei gesungen wurde, hundertfach wiederholt, aus Tausenden von Kehlen, im Rhythmus wandernder Füße in Tennisschuhen, die nach Wackersdorf pilgerten oder nach Gorleben oder nach Bonn, um den Herrschenden klarzumachen: —So nicht!ž und: —Ohne uns.ž Gegen Atomenergie und für Abrüstung ging es da, als die Bots sangen und am Ende Hunderttausende einstimmten: —Was sollen wir trinken? Sieben Tage lang. Was sollen wir trinken? Wir haben Durst.ž Sieben Tage, Symbol für geheilte Welt. Und jeder Bürger unseres Landes wußte: Hier singen sich Menschen ihren Durst nach Leben aus dem Leibe, nach Leben ohne die Gefahr des Todes durch Strahlung oder Bomben. Kein Trinklied also - das Verlangen nach unversehrtem Leben meldet sich da zu Wort, bei diesen Demonstrationen an Orten, die für die allerjüngste deutsche Geschichte zu Symbolen wurden.

Im heutigen Abschnitt aus dem Evangelium nach Johannes ist auch Jesus unterwegs und macht Rast an einem symbolischen Ort. Es ist eine Wasserstelle bei Sychar - wohl die heutige Ortschaft Askar in Samarien. Bei der Ortschaft liegt ein Brunnen, eigentlich zu weit entfernt, um sich dort das täglich benötigte Wasser zu holen, aber der etwas längere Gang ist der Mühe wert, denn der Brunnen hat Geschichte: Kein geringerer als der Patriarch Jakob soll ihn angelegt haben. Ein uralter Brunnen also, sein Wasser etwas Besonderes. Es ist Mittagszeit. Jesus macht Pause, die Jünger sind im Dorf, kaufen ein. Eine Frau aus dem Dorf kommt, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht sie an und bittet um Wasser.

Diese Bitte ist gleich doppelt ungewöhnlich: In den orientalischen Kulturen spricht kein Mann eine Frau ohne Begleitung an. Und: Ein Jude spricht nicht mit einem Samaritaner. Der gehört zu einer seit Jahrhunderten vom Hauptstrom jüdischen Lebens abgespaltenen Gruppe, die vom Tempelkult ausgeschlossen ist. Eine ungewöhnliches Verhalten also - aber Jesus kann man das schon zutrauen.

Jesu Antwort auf die erstaunte Rückfrage der Frau klingt dann aber wie aus einer anderen Welt: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und der gäbe dir lebendiges Wasser. Jetzt geht es um die Gabe Gottes und darum, zu erkennen, wer Jesus ist. Und der um Wasser Bittende bietet sich als Geber von Wasser an, als Spender lebendigen Wassers.

Eine Szene erst mitten aus dem Leben - aber wie anders istŽs weitergegangen, voller Symbolik: Die Frau will beim Thema Wasser bleiben - schließlich meint —lebendiges Wasserž in der Sprache der Beduinen Quellwasser und wird gegenüber Brunnenwasser natürlich bevorzugt, Beduinenchampagner sozusagen. Sie fragt ganz praktisch: Wie willst du ohne Schöpfgerät an das Brunnenwasser herankommen - und erst recht an Quellwasser? Bist du etwa —mehr als Jakobž? Da deutet sich schon an, worauf die Begebenheit hinausläuft. In der Tat, Jesus ist mehr als Jakob, der einst einen Brunnen grub, aus dem seitdem Generationen ihren Wasserbedarf gestillt haben. Jesus offenbart sich der Samaritanerin als Wasserspender besonderer Art. Sein Wasser löscht den Durst, ein für alle Mal. Und wer sein Wasser empfängt, der wird selbst zur Quelle. Jesus wechselt nicht das Thema, sondern die Richtung. Der um Wasser bittende müde Wanderer offenbart sich als der Spender des Wassers des Lebens. Das kann aber nur verstehen, wer - wie die Christen der Gemeinde des Johannesevangelisten - weiß, wer Jesus ist.

Längst haben auch wir ja gemerkt, daß die beiden am Brunnen sich auf verschiedenen Ebenen unterhalten. Jesus handelt von der Stillung des Durstes nach Leben, die Frau spricht vom Trank für den durstigen Wanderer.

Aber die beiden reden nicht einfach aneinander vorbei. Das macht uns das vom Evangelisten kunstvoll aufgebaute Gespräch deutlich. Während die Frau anfänglich noch die Besonderheit der Situation darin sieht, von einem jüdischen Mann angesprochen zu werden, geht ihr bald die Frage auf: Ist er mehr als Jakob? Und Jesus in seiner Rolle als Offenbarer hat die Schranken bereits von Anfang an eingerissen: Er spricht die Frau an und offenbart sich ihr als Gabe Gottes - ausgerechnet ihr, die als Frau nicht nur ausgeschlossen ist von allem Studium der heiligen Schriften, sondern auch ausgeschlossen aus der Gemeinschaft frommer Juden. Und 3. kehrt er die Richtung um: In Wahrheit ist er der Geber des Lebens und 4.: selbst die Gabe. Was sollen wir trinken? Die Antwort: Wasser des Lebens.

Aber warum erzählt Johannes diese Begegnung so kompliziert, so voller Mißverständnisse? Er will uns zeigen: Jesus ist der Weg vom Mann zum Anfassen zum Offenbarer Gottes. Der Weg von Gott zum Menschen geht nur über ihn, er ist Weg, Wahrheit und Leben. In Jesus geht Gott auf die Menschen zu, der umgekehrte Weg vom Menschen zu Gott ist voller Mißverständnisse, strenggenommen gar nicht möglich. M.a.W.: Zwei Welten stoßen aufeinander, nur von Gott her gehtŽs zum Menschen - und wieder zurück.

Und das Wasser ist dabei ein Bild, ein Bild für Leben. Weltlich kein Leben ohne Wasser. Das wissen nicht nur Beduinen. Darum kann Wasser für mehr stehen als nur für die Stillung von Durst. Wasser bedeutet wirklich: Leben. Wasser ist paradiesisch. Darum kann man sagen: Wer Durst hat, der will nicht nur Wasser, sondern mehr: Leben. —Was sollen wir trinken? Sieben Tage lang. Was sollen wir trinken? Wir haben Durst.ž ... Da ist er, dieser Durst nach Leben. Wer stillt unseren Lebensdurst, wer ist der ultimative Durstlöscher, wer gibt Lebenswasser, aqua vitae? Wer gibt mehr als Aquavit und Punica Oase?

Es gibt eine auf den ersten Blick ähnliche, etwas ältere Geschichte aus dem Raum des Buddhismus. Da heißt es: Buddhas Lieblingsjünger Ananda bittet, müde von langer Wanderung, an einem Brunnen ein wasserschöpfendes Mädchen der Candala-Klasse um einen Trunk. Als sie ihn warnt, sich mit ihr dadurch (weil sie doch einer niedrigen Kaste angehört) zu verunreinigen, erwidert er: —Meine Schwester, ich frage dich nicht nach deiner Kaste noch nach deiner Familie; ich bitte dich nur um Wasser, wenn du es mir geben kannstž.

Hier bleibt es bei der Überwindung sozialer und religiöser Grenzen - Jesus aber überwindet die Grenze von Leben und Tod: —Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.ž Am Ende fließen hier zusammen der Geber des Lebens und der Empfänger, Christus und die Christen. Wasser ist Verbindung, Weg, Medium, Strom des Lebens von Gott her zu Gott hin. Es nimmt uns mit, trägt uns fort ins Leben selbst.

Was aus der Sicht späterer Zeiten uralt und mystisch klingt, ist in der Umwelt des Evangelisten Johannes ein topaktuelles Thema. Man fragt sich: Wie kann der Mensch leben in einer dem Untergang geweihten Welt, wie kann er überleben, wenn alle Dinge vergehen, eher nichts als etwas sind, auf das man sich verlassen könnte? Und findet Antwort im Gedanken vom Wasser des Lebens. In einem Lied aus jener Zeit sagt der Sänger:
—Redendes Wasser kam an meine Lippen
aus des Herrn Quell überreichlich.
Ich trank und ward trunken
von dem Quell der Unsterblickeit;
doch meine Trunkenheit ward nicht die der Unwissenheit,
sondern ich verließ die Nichtigkeit.ž
Auch das kein Trinklied, sondern ein Siegeslied. Der Sänger hat sein Lebenswasser gefunden.
 

Heute entdeckt die Werbung dieses uralte Lebensgefühl wieder. Nehmen wir die für den Stromversorger eon: Veronica Ferres macht sich mitten im Regen auf die Suche nach einem neuen Kleid, passend zu ihrem neuen eon aus Wasser. Hat sie es gefunden, taucht sie wieder ein in dieses Element und Lebenselixir. Die Botschaft: Wasser - ihre Energie.

Und was sollen wir trinken? Wie kommen wir ins Leben? Was trinken Sie?

Über die Samariterin, deren Gespräch mit Jesus ja noch weitergeht, heißt es am Ende: Da ließ die Frau ihren Krug stehen und ging in die Stadt und spricht zu den Leuten: Kommt, seht einen Menschen, ..., ob er nicht der Christus sei! Sie scheint Jesus als das Lebenswasser erkannt zu haben. Dabei wollte sie doch nur Wasser holen.

Eine ungewöhnliche Szene war das - und doch wie im wirklichen Leben. Neulich bei Karstadt: In der Computerabteilung sehe ich einen IMac - den tollsten Computer der Welt (sagen seine Fans) - mit neuer Tastatur und neuer Maus. Ich probiere. Funktioniert prima. Kommt ein junger Verkäufer und redet irgendetwas Technisches über das Modem. Spricht er zu sich oder zu einem Kollegen? Ich denke, frag doch mal nach der Maus. Der Mann aber redet und redet vor sich hin - oder doch zu mir? - über den schnellen Prozessor usw.. Ich lasse mir doch nichts andrehen, denke ich, und knurre: —Hab ich schon.ž —Was, Sie haben einen IMac? Prima!ž sagt der, —die neuere Version? Dann haben sie ja Glück und können auch die billige Speichererweiterung nutzen.ž Ich komme endlich dazu, nach der Maus zu fragen. —Ja, großartig, und diese neue Tastatur erst mal. Die meisten säubern ihre alte Maus ja so, daß sie nachher gar nicht mehr funktioniert, Sie müssen sie schon ganz aufschrauben.ž Ich werde allmählich ungeduldig. Das ist ja alles sehr interessant, was ich da erfahre, aber ich will doch nur die neue Maus. Vielleicht sollte ich sie gleich kaufen, wenn sie so gut funktioniert. —Ja, sehr preiswert, aber lassen SieŽs mit dem Kauf sein. Das wird demnächst alles noch billiger im Bundle.ž Dann spricht er vom isostatischen RAM (oder so).

Spätestens da driftet das Gespräch völlig ab in Regionen, in die ich nicht folgen kann. Es wird hymnisch: —Toll, das Internet, was da alles möglich ist! Eine neue Welt.ž Mühsam kann ich mich aus dem Verkaufsgespräch lösen. Was heißt hier Verkaufsgespräch? Mein unbekanntes Gegenüber wollte mir ja gar nichts verkaufen. Es war wie die Offenbarung des Neuen an jemanden, der ganz im Alten steckt, eine Begegnung zweier Welten, fast ein Gespräch nach Art dessen der Samariterin am Brunnen - mit mir in der Rolle der Samariterin. Der andere sprach vom —Neuen Lebenž - und ich wollte doch nur den Gegenstand, die neue, optische Maus. - Mit der ist es übrigens nichts geworden. Bis heute habe noch die alte. Zwei Welten fanden nicht zusammen. Pech gehabt.

Glücklich hingegen die Samariterin, die nur zum Brunnen ging, um Wasser zu holen - und Wasser des Lebens fand, mitgerissen wurde ins Leben, von Gott zu Gott. So kannŽs eben nur gehen, wenn zwei Welten zusammenstoßen - und eine davon die Welt Gottes ist, der —einen ausgibtž. —Dann wollen wir trinken sieben Tage lang, dann wollen wir trinken, wir haben Durst.ž
Amen.
 
 


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