Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias über Joh 2, 1-11

Liebe Gemeinde!
Aus einer Grundschule mitten im Ruhrgebiet: —Mutti, der Lehrer hat gesagt, Jesus war hier, bei einer Hochzeit!ž —Jesus? Der lebte doch in Palästina.ž —Aber der Lehrer hat uns heute die Geschichte von Jesus und der Hochzeit zu Karnap erzählt.ž

Karnap - ein Ortsteil von Essen. ... Unsere Frau Willke hingegen - einige kennen sie noch - las bei ihrem ersten Auftreten als Lektorin (Es war der 21.1.90): "Hochzeit zu Kanada." ... Was bei dem Schüler nur ein Hörfehler und bei Frau Willke ein Lesefehler war, ist wirklich eine Frage: Wo liegt denn eigentlich die Ortschaft Kana, von der Johannes in seinem Evangelium erzählt? Israelreisenden wird heute Kafr Kenna gezeigt, doch sind die meisten Gelehrten überzeugt, daß es sich beim biblischen Kana eher um die heute in Ruinen liegende Ortschaft Khirbet Kana handelt, 13 km nördlich von Nazareth.

Aber die Frage nach dem Wo ist nicht die einzige Frage, die sich an das heutige Evangelium stellt. Bis heute ist vielen Menschen Jesu Auftritt hier ausgesprochen peinlich. Sagt der doch: Was geht's dich an, Frau, was ich tue? So redet man doch nicht mit seiner Mutter! Kein —jugendfreiesž Evangelium  also.

Überhaupt, Jesus auf einer Hochzeit. Nicht, daß es bei einer orientalischen Hochzeit nicht gesittet zuginge - aber das Ganze ist doch schon ein großes Gelage, eine All-inclusive-Party für das ganze Dorf, eine ganze Woche lang, sieben Tage Ballermann in Nahost. Der Wein floß da in Strömen, auch Rabbiner waren mehr als nur angeheitert (das berichten zeitgenössische Quellen) - und dann beteiligt sich auch Jesus noch daran: mit 6 Reinigungskrügen von je zwei oder drei Maß. In unsere Maße umgerechnet sind das immerhin 480 bis 720 Liter Wein! Da hat man auch als Wanderprediger (die damals eher zur Askese neigten) schnell seinen Spitznamen weg: —Fresser und Weinsäuferž wurde Jesus später von seinen Gegnern genannt.

Überhaupt das Thema Wein: Mein Lehrer, der uns dieses Evangelium erläuterte, stammte aus der Pfalz und wand sich natürlich mit Schmerzen angesichts der —unmöglichenž Weinregel des Speisemeisters: "Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren." Was für ein Proll! Weinliebhabern tut das weh; denn unter Kennern ist das natürlich umgekehrt: Man steigert sich von Wein zu Wein, das Beste zum Schluß - außer eben bei Kampf- und Wirkungstrinkern. Das wirft dann doch wieder ein schlechtes Licht auf die Sitten bei einer orientalischen Hochzeit. Einmal Schlemmen wie am Königshofe - das ist angesagt.

Aber die Sache mit dem Wein war gar nicht das größte Problem, weshalb mein Lehrer bei dieser Geschichte Bauchschmerzen bekam. Gerade hatte er uns austreiben wollen, daß wir die Wunder Jesu wie Zauberei oder Magie verstehen, da tritt Jesus hier auf wie ein David Copperfield für Arme: Wein für alle - und dann noch vom Besten. (Immerhin beachtet Jesus die richtige Reihenfolge: Du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.)

Liebe Gemeinde, da helfen keine moralischen Bedenken oder theologischen Bauchschmerzen, auch keine Witze auf eigene Kosten (—Wasser zu Wein? Das macht bei uns in der Pfalz doch jeder schlaue Winzer.ž): Wir haben es hier mit einem klassischen Geschenkwunder zu tun. Geschenkwunder kennen wir aus dem Alten Testament: Manna und Wachteln für das Volk Israel auf seinem Weg durch die Wüste, bei Elia Mehl und Öl ohne Ende für die arme Witwe in einer Hungersnot.

Bei solchen Wundern zweifelt der Rationalist und greift nach Erklärungen: Süße, zuckerartige Ausscheidungen der Tamariske und jahreszeitliche Vogelzüge reichen dann aus, um das Wüstenwunder zu erklären - und Zahlenangaben darf man im Orient sowieso nicht glauben: Alles übertrieben. Am Ende steht wieder ein Spiegel-Artikel wie dieser hier, der alles historisch erklärt - und wir haben verstanden.

Nichts haben wir verstanden, liebe Gemeinde, wenn wir die Wunder Jesu auf diese Weise erklären. Johannes selbst zieht ja ein Resümee für seine Erzählung: Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn. Die Offenbarung von Jesu Herrlichkeit und der Glaube der Jünger - darum geht es also, aber was ist das?

Mit dem Ausdruck —Herrlichkeit Jesuž knüpft Johannes an die Taufe Jesu an. Hier zeigte Gott, wer Jesus ist: sein Bote, sein Beauftragter, sein Vertreter. (Der Stellvertreter Gottes sitzt also nicht in Rom, sondern ist der, der mit seinem Auftritt einst eine ganze Hochzeitsgesellschaft aufgemischt hat - mit Strömen von Wein.)

Ein solches Geschenkwunder kann nur Gott selbst vollbringen. Das betont Johannes. Deshalb bringt er hier den Glauben der Jünger ins Spiel. Jesus offenbart auf diese Weise Gott - die Herrlichkeit Gottes. Zu der gehört es nun, daß sie sich nicht nur in Gedanken ausdruckt. Zwar wäre das für die Rationalisten aller Zeiten kompatibler mit ihrem Weltbild - dann könnten wir sagen: das eigentliche Wunder bestehe hier darin, daß die Jünger an Jesus glaubten - aber Johannes läßt uns nicht so leicht davonkommen. Mit der Offenbarung der Herrlichkeit Jesu und Gottes auf der Hochzeit zu Kana hat es etwas ganz Besonderes auf sich. Jesu greift hier nicht ein in extremer Not. Es geht nicht nach der Devise: —Wenn die Not am größten ist, ... — Jesus bringt Luxus und Überfluß. Es beginnt hier der Anfang vom Ende. Deshalb das Weinwunder.

Denn am Ende, so glaubten die jüdischen Frommen, da wird alles gut, dann wird Gott alles gut machen. Das predigt zwar auch Hollywood in seinen Beziehungsfilmen: —Alles wird gut.ž Aber was Gott macht, wird über den Menschen und seine Beziehungen hinausgehen: Alles Volk wird Anteil erhalten an der Herrlichkeit Gottes, alles Volk - und auch die Natur. Darauf weisen die Geschenkwunder im Alten und Neuen Testament hin: Alles wird da sein im Überfluß. Gott läßt sein Volk nicht in Stich - und in Jesus beginnt der Anfang vom Ende. Wo Jesus seine Herrlichkeit zeigt, da ist mehr, als man braucht, da ist göttlicher Reichtum.

Johannes hat das noch mit einigen zusätzlichen Hinweisen unterstrichen. Sein Evangelium ist ja eine Art theologischen Bilderbuchs. Wie in einem guten Film gibt er Kennern und Mehrfach-Lesern noch etwas mehr zu erkennen:
1. Das Wunder —am dritten Tagž spielt an auf ein anderes, das Wunder des dritten Tages schlechthin: die Auferstehung Jesu.
2. Jesus sagt: Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Die Stunde der Verherrlichung Jesu ist bei Johannes nämlich betont die Stunde seines Todes. Erst sie ist die wirkliche Stunde seiner Verherrlichung.
Und 3. sagt Maria einen Grund-satz christlichen Lebens: Was er euch sagt, das tut.

So stecken eine Reihe von Anspielungen in der Geschichte. Der Hauptpunkt aber ist: Ein solches Wunder können wir nicht imitieren. Es ist ein Einzelfall und von uns nicht einzuplanen. Unsere modernen Imitationsversuche greifen zu kurz: Alles Teilen wird nicht ausreichen, daß es für alle reicht. (Denn wem reicht schon, was er bekommt?) Und wenn uns der Glühwein ausgeht wie bei der Nelson-Messe, kommt Teilen zu spät. Darum mußten Herr Korn und ich noch während des Konzertes los, um Wein nachzukaufen. Kein Wunder - sondern Lidl am Ostbahnhof.

Die Botschaft des Johannes aber lautet: Der unvergleichliche Einzelfall ist der Anfang. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Was für uns bleibt, ist die Aussicht, zu denen zu gehören, die diese Herrlichkeit erleben werden: Der christliche Glaube hofft auf das himmlische Hochzeitsmahl. Und - sagen Sie selbst! - das ist doch wohl ein stärkeres Bild, als bloß abstrakt von der Herrlichkeit Gottes zu reden! Herrlichkeit Gottes, das heißt eben auch: Wein für alle.

—Herr, sie haben keinen Wein mehrž, ist darum in bibelkundigen Familien zur geflügelten Redensart geworden, wenn der Gastgeber noch einen guten Tropfen aus dem Keller holen soll, auf daß sich alle der guten Gaben Gottes erfreuen.

Und die frommen Iren, auch sie scheuen bei ihren Glück- und Segenswünschen das Konkrete nicht. Jubilaren wünschen sie:

Du mögest die Männer des Himmels
bei Dir zu Gast haben
und große Fässer voll Fröhlichkeit
ihnen kredenzen.

Sie sollen lustig sein beim Trinken.
Auch Jesus soll mit ihnen
bei Dir zu Gast sein.

Einen großen See voll Wein
sollst du bereit haben für den König der Könige.
Du mögest die Heilige Familie
trinken sehen in alle Ewigkeit.

... G. Amen.
 
 


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