Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 2. Sonntag nach Ostern (Miserikordias Domini)

Liebe Gemeinde!
Es war in der Osterwoche vor 6 Jahren: Terroranschlag in Oklahoma, der größte in der Geschichte der Vereinigten Staaten. 168 Tote: Männer, Frauen und Kinder. Der Verdacht geht sofort in die Richtung rechtsextremer Weißer einer rassistischen Miliz. Die Bevölkerung ist schockiert, sprachlos, wie gelähmt. Aber schon bei der offiziellen Trauerfeier geht durch ein Ruck die Anwesenden, nein, durch die Nation. CNN sendet live in die ganze Welt, was da geschah: Präsident Bill Clinton gelingt das Kunststück, die passenden Worte zu finden. Seine Ansprache wird zur Predigt. Nach ihm kommt der eigentlich vorgesehene Prediger, Billy Graham - und macht dem Präsidenten ein Kompliment. Er riskiert in dieser traurigen Stunde Amerikas sogar eine scherzhafte Bemerkung: —Mr. President, Sie haben gesprochen wie der Papst. Wenn Sie so weitermachen, werden Sie eines Tages wirklich noch Papst.ž

Bill Clinton wird natürlich nicht Papst. Er ist ja nicht katholisch. Aber wie wird man eigentlich Papst? Ich spreche nicht vom Wahlverfahren, sondern von den Voraussetzungen, die dazu nötig sind. Was muß man mitbringen, welche Fähigkeiten, welche Einstellungen? Da könnten wir schnell eine lange Liste erstellen: Ein angehender Papst muß gläubig und fromm sein, die Tradition wahren und der Welt zugewandt sein, er muß Leitungsqualitäten besitzen und Menschen begeistern können. Das alles trifft auf Johannes Paul II. durchaus zu. Aber schon wenige Jahre nach seiner Wahl kursierte in katholischen Kreisen ein papstkritischer Witz:
Fragt Gott, der Herr, den Papst: —Wann wirst Du den Zölibat aufheben?ž - —Solange ich Papst bin - niemals.ž —Und wann wirst Du Frauen zu Priesterinnen weihen?ž —Solange ich Papst bin - niemals.ž
Dann fragt der Papst Gott, den Herrn: —Und wann wird wieder ein Landsmann von mir Papst werden?ž Anwortet Gott: —Solange ich Gott bin - niemals.ž

Ein negatives Gottesurteil also, folgt man den vom jetzigen Papst enttäuschten Kritikern, die auf grundlegende Reformen gehofft hatten - und nun auf den nächsten Papst hoffen müssen.
Wie wird der wohl sein? Das fragen sich die Menschen schon lange. Fragen wir einmal allgemeiner und grundsätzlicher: Wie sollte einer sein, der ein kirchliches Leitungsamt ausübt?

Da gibt der heutige Predigttext Aufschluß, den wir als Evangeliumslesung gehört haben. Dreimal fragt der Auferstandene den Petrus: —Hast du du mich lieb, lieber als mich diese haben, die anderen Jünger?ž Und Petrus wird traurig. Wie er verstehen wir die Anspielung auf seinen vorausgegangenen Verrat. - Als Kind hat mich diese biblische Geschichte immer sehr berührt, diese Magie der dreimaligen Frage und Antwort. Und dann kommt das erlösende Wort: Weide meine Schafe! Berufung eines Verräters - die verwandelnde Kraft des Auferstandenen. Und ich habe gelernt: Der Papst, die Bischöfe, die Priester - alle Hirten in der Kirche - sie müssen Jesus ganz doll lieb haben. Und wenn man Jesus besonders lieb hat, kann man dann auch Papst werden.

Diese kindlich-naive Einstellung vergeht einem naürlich, wenn man sich die Geschichte und Gegenwart der Kirchen ansieht, wie da Menschen in Führungspositionen gekommen sind und kommen. Schon in der Alten Kirche hieß es machtbewußt: Wer das Bischofsamt anstrebt, strebt ein gutes Amt an. Und erst, als das Papsttum im Mittelalter an seinem weltlichen Machthöhepunkt und geistlichen Tiefpunkt angekommen war, suchten die Kardinäle wieder kindlich-naiv einen sogenannten Engelpapst und wählten Cölestin V., einen unbedarften Einsiedler. Nach drei Monaten trat der völlig überfordert zurück - als bisher einziger Papst der Geschichte. Jesus zu lieben, qualifizierte ihn nicht hinreichend fürs Papsttum.

Was ist daraus geworden? Bei der Besetzung von Ämtern in der Kirche geht es bis heute nicht viel anders zu als mit Führungspositionen in der Welt. Na ja, ein paar Unterschiede gibt es schon: Man darf beispielsweise nicht zu sehr zu erkennen geben, daß man ein bestimmtes Amt anstrebt. Einer meiner Lehrer meinte deshalb einmal humorvoll-bissig: In der Kirche muß man sich immer auf den letzten Platz vordrängen.
(Er selbst war übrigens wirklich sehr bescheiden, wurde tatsächlich Bischof - und starb schon nach wenigen Jahren Amtszeit.) Bleibt die Frage: Wie sollte einer sein, der ein kirchliches Leitungsamt ausübt?

Dazu macht Jesus noch eine geheimnisvoll klingende Anspielung: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst. Führen, wohin du nicht willst - man denkt dabei ans Älterwerden und Altsein. Dann übernehmen ja andere die Regie und sagen, was man wann tun und lassen soll. Deshalb sind Krankenhäuser und Heime ja so gefürchtet, weil man Angst hat, nun fremdbestimmt leben zu müssen: geführt, wohin man nicht will. Ein geistlicher Dichter knüpft daran an und drückt diese Angst mit einem Wortspiel aus:
Alt werden wollen alle,
doch alt sein -
wer will das schon?

Als jünger gelten,
das wollen alle,
doch wirklich Jünger sein,
seine Jünger -
wer will das schon?

Ein Wortspiel also: jünger sein, ja bitte - aber nur solange man das Wort nicht großschreibt. Denn wer will wirklich Jünger sein, großgeschrieben, Jünger Jesu? Wer will ihm nachfolgen? Unser Predigttext schließt nicht nur mit der Aufforderung an Petrus: Folge mir nach! Er gibt noch eine Erklärung für den geheimnisvollen Satz: Führen, wohin du nicht willst, das sei ein Hinweis auf den Märtyrertod des Petrus, auf seinen späteren Tod als Jünger Jesu. Am Ende holt Petrus also ein, was er sich durch seinen Verrat am Anfang zu ersparen glaubte.

Das Geführtwerden aber, den eigenen Weg also nicht bestimmen können - das ist keine Frage des Alters, das gilt auch nicht nur exklusiv für Petrus, sondern ist eine Beschreibung dessen, was uns allen auf dem Weg der Nachfolge Jesu widerfährt. Wir wissen nicht, woŽs langgeht. (Auch wenn die Kelly-Familie unsere Herzen anrührt mit dem romantischen Liedchen: We know the way, wir wissen den Weg.) Wir wissen das nicht. Wir müssen uns von Gott führen lassen. Und das fällt Menschen nun einmal schwer.

Am schwersten fällt das aber wohl denen, die dauernd Führungsqualitäten beweisen müssen, den Amtsträgern der Kirchen: den Päpsten, Popen und Pastoren. Und deshalb fragt Jesus den Petrus, was er zwar alle fragt, die ihm nachfolgen wollen, besonders aber die, die in seiner Kirche ein Amt innehaben: Hast du mich lieb?

Liebe ist die entscheidende Voraussetzung - aber es geht nicht darum, das Führungspersonal mit einem besonderen Treueeid zu binden, wie das die katholische Kirche jetzt praktiziert, auch nicht um den Akt der Einweihung in einen inneren Zirkel wie bei einer Sekte. In der Theologie des Johannesevangeliums ist das nicht die Frage nach emotionalen Qualitäten - das ging schon bei der Suche nach dem Engelpapst schief und auch bei den modernen Führergestalten, die in den Medien so toll rüberkommen, weil sie so begeistern können - hier geht es um das Erste Gebot.

Wenn Jesus bei Johannes fragt, hast du mich lieb, dann fragt er, ob ein Mensch ihm das zukommen läßt, was allein Gott zuzukommen hat: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Darum geht es: für Petrus, die geistlichen Führer - und für uns alle: Wer Jesus liebt, wie er Gott liebt, der ist ein Jünger Jesu - und der erfüllt von Jesus her die nötigen Voraussetzungen, in seiner Kirche ein Amt zu bekleiden. Folgerichtig gründet sich die evangelische Kirche auf dem sogenannten Allgemeinen Priestertum: Von Gott her kann hier jeder Priester sein, alles andere ist eine Frage menschlicher Ordnung. (Die sieht dann gegenwärtig eine bestimmte Ausbildung und für den Bischof eine Wahl vor, bei der es dann natürlich auch sehr, sehr menschlich zugeht.)

So gesehen, könnte - evangelisch verstanden - auch Bill Clinton durchaus noch Papst werden. Bloß: Warum eigentlich? Seine große Predigt hat er ja schon in Oklahoma gehalten.

Und was hat er da nun eigentlich gesagt, was Billy Graham so lobte? Er gab die Antwort, die Jesus von Petrus hören wollte; dieselbe Antwort, die Jesus auch von uns hören will, wenn er fragt: Hast du mich lieb? —Love will outlast hate.ž (—Liebe wird den Haß überdauern.ž Liebe - die verwandelnde Kraft des Auferstandenen. Sie vermag Jesus zu geben, was Gott gebührt - und kann sich so Gott überlassen, von ihm führen lassen. Und in dieses Amt der Nachfolge kann man nur gerufen werden.
Amen.
 
 


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