Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 1. Sonntag nach Ostern über Joh 20, 19-29

Liebe Gemeinde!
Wenn man sich einmal so richtig freut, dann sagt man: Heute ist für mich wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten an einem Tag. Von einem solchen Tag erzählt unser Abschnitt aus dem Johannesevangelium. Fast wie bei der Redensart fallen hier Ostern und Pfingsten auf einen Tag, auch Himmelfahrt, selbst der Gedanke an Weihnachten ist nicht fern.

Es handelt sich um den ersten Tag der neuen Woche nach Jesu Tod, den Sonntag. Jesus erscheint seinen Jüngern: Trotz verschlossener Türen ist er auf einmal in ihrer Mitte mit dem Friedensgruß; die Wundmale an seinem Körper lassen erkennen: Es ist der Gekreuzigte. Da wurden die Jünger froh, daß sie den Herrn sahen.
Liebe Gemeinde, das kennen wir aus den anderen Ostergeschichten: die große Freude. So erzählen wir sie auch den Kindern: Die über Jesu Tod Betrübten freuen sich, ihn lebend wiederzusehen. Bloß stellt sich die Frage: Warum erkennen sie ihn gleich?

Maria sieht Jesus stehen und weiß nicht, daß es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!

Maria muß angesprochen werden - erst da erkennt sie ihn. Die Emmausjünger müssen den unbekannten Fremden beim Brotbrechen erleben, bevor sie ihn erkennen. Und die Jünger im heutigen Evangelium, sie erfahren den Friedensgruß - dann erst erkennen sie Jesus. In jedem Fall muß erst noch eigens etwas von Jesus Christus her geschehen, bevor er erkannt wird. Und dann das hier: Jesus kommt durch verschlossene Türen und läßt sich anfassen.
Schon als Kind hat mich das an dieser Geschichte fasziniert. Einerseits, ist das nicht der Beweis für die Auferstehung Jesu von den Toten? Jesus lebt, die Jünger haben ihn gesehen - und sogar angefaßt. Andererseits ist das nicht einfach eine Rückkehr ins alte Leben, sonst hätten die Jünger ihn doch gleich erkennen müssen. Was ist hier los?

—Ist Jesus ein Gespenst?ž habe ich meine Religionslehrerin gefragt. Gespenstergeschichten kannten wir doch alle. Für Gespenster sind verschlossene Türen kein Hindernis. —Neinž, sagte sie uns damals, —Gespenster sind Phantasiegebilde, Jesus aber war wirklich da.ž —Ja, aber wie kam er durch die verschlossenen Türen?ž —Jesus ist ein Geist, kein Gespenst.ž —Aber kann man Geister denn anfassen?ž —Du ungläubiger Thomas!ž

Viele Jahre später, es war am Sonntag Quasimodogeniti, hatte ich selbst diese Geschichte auszulegen und habe mich in der Predigt sehr bemüht, verständlich zu machen, was die Eigenart des Johannesevangelium ist: Johannes hat erst die Idee, den Begriff - und macht dann eine anschauliche Geschichte dazu, eine symbolische Darstellung. Er erzählt nur scheinbar Erlebnisse, auch nicht solche der Jünger, so daß sie nicht als Beweismaterial verwendet werden können, sondern umgekehrt ist sein Evangelium verkündigendes Wort, in dem die Ereignisse zu Bildern geworden sind. Allmählich verheddere ich mich immer mehr, drücke Einfaches kompliziert aus. Nachher kommt eine Frau aus der Kita zu mir und sagt: —Ist doch ganz einfach: Das Johannesevangelium ist ein theologisches Bilderbuch - mit Worten.ž - Recht hatte sie.

Ein theologisches Bilder-Buch: Ostern und Pfingsten fallen zusammen: Der Auferstandene sendet den Heiligen Geist. Wie kann er das? Der Weihnachten Mensch geworden ist, lebt nun wieder im Machtbereich Gottes. Da ist also nicht nur Ostern zu feiern, da ist auch Christi Himmelfahrt schon geschehen. Von dort her kommt Gottes Geist und macht den toten Jesus in der Gemeinde wieder lebendig, nicht als wiederbelebte Leiche, doch wirklicher als ein Gespenst oder ein Geist - Jesus zum Anfassen. (Streng genommen wird ja eigentlich nicht gesagt, daß Thomas Jesus wirklich angefaßt habe. Jesus hat ihm das nur angeboten.) Der sprichwörtlich gewordene sogenannte —ungläubigež Thomas ist bereits derart überwältigt von der Gegenwart des Herrn, von der machtvollen Realität Gottes, daß er in das Bekenntnis ausbricht: Mein Herr und  mein Gott!

Es ist die einzige Stelle im Johannesevangelium und darüber hinaus im ganzen Neuen Testament, an der Jesus so direkt und ohne Umschweife als «GottŽ angesprochen wird. —Ausgerechnet den machte der Volksmund  zum «ungläubigenŽ Thomasž, meinte mal ein Freund von mir - leicht genervt sagte der das, denn er trug selbst den Vornamen Thomas und hatte sich immer als «ungläubigerŽ Thomas frotzeln lassen müssen.

Mein Herr und mein Gott! Der da den Jüngern begegnet, ihren Unglauben, ihren Zweifel geradezu überrollt, ist der Erhöhte, der in der Macht Gottes lebt, der bei Gott ist, der auferstandene Gott. Und zugleich ist sein Geist in der Gemeinde lebendig. Und darum können die Jünger, was allein Gott kann: Sünden vergeben.

Die Jünger, die Gläubigen, setzen Jesu Sendung fort: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Das ist nach Johannes die Aufgabe der Kirche: Jesu Sendung fortzusetzen. Sie besteht in der Ausübung der Vollmacht der Sündenvergebung. Nehmt hin den heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlaßt, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

Mittwoch gab es in der Küsterei eine heftige Diskussion: Wie kann der Papst bloß Sünden vergeben? Was maßt er sich da an? Überhaupt: Was soll noch Ökumene, was soll noch der Ökumenische Kirchentag, nachdem er die Tür zum Gemeinsamen Abendmahl krachend zugeschlagen hat? Das mit dem Ökumenischen Kirchentag ist eine Frage für sich - aber in der Tat wäre Sündenvergebung Gotteslästerung, wäre die Kirche Jesu Christi ohne Vollmacht ihres Herrn.

Ihre Vollmacht besteht aber nicht darin, eigenmächtig zu handeln, diese einzuladen, jene abzuweisen, sondern den Geist Gottes und Jesu Christi wirken zu lassen: Wer sich von Gott in die Nachfolge Jesu rufen läßt, dem sind die Sünden vergeben, wer nicht, dem sind sie behalten. Es ist Gottes Geist selbst, der Sünde vergibt, indem er in die Nachfolge ruft.

Und Sünde behalten? Darf die Kirche das überhaupt? Für Johannes geht es darum, Jesu Sendung, seine Botschaft vom nahen Reich Gottes, aufzunehmen, zu glauben - oder das eben zu unterlassen. Wer Jesus nicht folgt, dem ist die Sünde —behaltenž. Johannes meint damit nicht die, die sich grundsätzlich zu Jesus halten, dabei aber mehr oder weniger genau Gottes Gebote halten, sondern die, die sich überhaupt nicht zu Jesus bekennen.

Die Zahl der Menschen allerdings, die sich in unserem Land von Gott, dem Vater Jesu, zu diesem Glauben rufen lassen, nimmt gerade noch einmal heftig ab - Kardinal Lehmann hat das in der vergangenen Woche eingestanden und beklagt. Woran mag das liegen? Sicher auch an den Kirchen, die das Schicksal aller Großorganisationen teilen, daß sie eigene Interessen entwickelt haben und genausowenig reformierbar sind - aber: Viele unter uns glauben eben nur das, was sie sehen. Wenn sie dann eine Ostergeschichte wie die des Johannes heute hören, denken sie, was schon ungezählte Konfirmanden gesagt haben: —An Gott glaube ich erst, wenn ich ihn sehe.ž Ostern im Johannesevangelium? Jesu Erscheinung vor Thomas und den Jüngern? Was für eine bizarre Geschichte! Da vergeht ihnen Hören und Sehen.

Leider noch nicht gründlich genug. Sie wollen ja immer noch erst sehen, dann glauben. Dabei glauben wir doch schon in weltlichen Angelegenheiten nicht alles, was wir sehen. Wie wenig man Bildern auf seiner Netzhaut glauben kann, hat uns in den vergangenen Wochen die Kriegsberichterstattung ja ehrlicherweise immer wieder gesagt. Im theologischen Bilder-Buch des Johannesevangeliums sehen wir nur, was wir glauben: Jesus - weder belebte Leiche noch Gespenst noch Geist, sondern: Mein Herr und mein Gott!

Ostern im Johannesevangelium meint: Da sollte einem wirklich Hören und Sehen vergehen, und zwar gründlich - so wie dem gläubig gewordenen Thomas, der von der Begegnung mit Christus geradezu überwältigt wurde. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Wer so glaubt, der erfährt zu Ostern große Freude, für den ist wirklich Weihnachten, Ostern und Pfingsten an einem Tag - weil er das größtmögliche Geschenk bekommen hat: Gottes Geist.
Amen.
 
 


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