Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Palmsonntag über Joh 17, 1.6-8

Liebe Gemeinde!
Im Johannesvangelium hält Jesus zum Abschied von seinen Jüngern eine Rede:
Jesus hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche. ... Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. Nun wissen sie, daß alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig  erkannt, daß ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, daß du mich gesandt hast.

Eine Art Rechenschaftsbericht ist das, eine Bilanz, fast ein Rapport, jedenfalls ein Rückblick, diese Rede Jesu bei Johannes. - Im Rückblick ist man ja meistens klüger. Da sieht alles ganz anders aus. Man weiß, was einem entgangen ist. Da erkennt der Politiker den richtigen Zeitpunkt für seinen Rücktritt; da weiß der Trainer, welchen Spieler er hätte einkaufen müssen. Ach, wenn man nur beim Ausfüllen schon die Lottozahlen vom Samstagabend gewußt hätte - oder wenigstens die Entwicklung der Aktienkurse! Im Rückblick weiß man eben vieles besser, da rückt so manches Erlebte in ein anderes Licht - und muß deshalb auch noch einmal anders erzählt werden.

Johannes ist der Evangelist, der von der Sicht des Rückblicks besonders Gebrauch macht. Wenn er das Leiden Jesu erzählt, dann macht er das zwar so lebendig, als sei man selbst dabeigewesen - aber immer im Rückblick, so daß von Anfang an schon aufscheint, wer da gelitten hat: Jesus von Nazareth als Gottes Sohn. Sein Leiden wird im Rückblick als das erkannt, was es von Gott her und für uns immer schon bedeutet: Jesu Verherrlichung, Offenbarung seines Vaters - und für uns der Durchblick auf Gott. Johannes spricht also zu Gläubigen, nein: zu Wissenden. Wer glaubt, der weiß Bescheid über Jesus.

Johannes schreibt nun von Jesus wie einer, der seine Memoiren schreibt: in der dritten Person. Er bietet sie Lesern an, die seine Lebensgeschichte miterlebt haben und nun wissen wollen, welchen Reim man sich im Rückblick auf dieses Leben machen kann, welchen Linien dieses Leben ausgemacht haben, welche Höhe- und Tiefpunkte es da gab. Für Johannes kennt das Leben Jesu eine absteigende und eine aufsteigende Linie - und beide laufen einander entgegen: Äußerlich erscheint das Leiden Jesu als Abstieg, als Erniedrigung: vom Himmel bis ans Kreuz - wesentlich aber als Aufstieg, als Rückkehr zum Vater. Der äußere Tiefpunkt des Kreuzes wird im Rückblick erkannt als Höhepunkt.

Wenn eine Berühmtheit ihre Memoiren verfaßt, dann gibt es häufig etwas, was dem - auf den ersten Blick - zum Verwechseln ähnlich aussieht: der Tiefpunkt wird zum Anstoß, zum Wendepunkt. —Und dann beschloß ich, Politiker zu werden.ž Oder - harmloseres Beispiel: Aus dem Schnulzensänger Peter Maffay wird noch ein echter Rockmusiker. Und Slatko fliegt aus dem Container ? und rein in die Prominenz. Aus Pleiten, Pech und Pannen wird so neuer Erfolg geschmiedet.

Johannes zeichnet Jesu Lebenslinien nur wenig, aber entscheidend anders: Der Tiefpunkt ist hier schon der Höhepunkt, Jesu Tod am Kreuz zugleich die Stunde seiner Verherrlichung. Das Kreuz, Instrument der Folter und Strafmittel für politische Aufrührer, entpuppt sich als Siegeszeichen. Karfreitag und Ostern fallen zusammen.
 

Wie soll das Kreuz Jesu aussehen, wird es nun nicht allein mit Worten als Sieg Gottes über die Mächte der Finsternis verkündet, sondern auch bildlich so dargestellt? - Das war eine schwere Aufgabe für die christlichen Künstler. Zunächst wurde das Kreuz ja überhaupt nicht dargestellt. Fast alle Menschen kannten es nur als Marterpfahl und Hinrichtungsmethode, sozusagen als den Elektrischen Stuhl der Antike.

Erst im vierten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung wird das anders: Die erste Darstellung des gekreuzigten Jesus, die wir kennen, auf der hölzernen Eingangstür der römischen Kirche Santa Sabina (sie sieht ein wenig aus wie unsere Jacobi-Kirche) beschränkt sich auf das Sichtbare: einen Menschen am Kreuz, fast noch vor dem Kreuz - die Deutung besorgt der Glaube und erkennt die Haltung dessen, der da am Kreuz steht, als Gebärde des Segnens. Bald darauf wird die Herausforderung aufgenommen, die christliche Deutung ausdrücklich mitabzubilden: Und dann hängt der tote Jesus an seinem Kreuz - aber mit offenen Augen. Was heißt: Gott kann nicht sterben.

Aber Jesus ist doch wirklich gestorben. Und dennoch war Gott in ihm. Das sagt der christliche Glaube. Also kann man die Darstellung auch verändern. Das Kreuz Jesu selbst wird dargestellt als Siegeszeichen. Es wird zum Siegesbanner, das dem unterlegenen Herrscher des Totenreiches in den Nacken gedrückt wird. Erzählt mit den Bildern der damaligen Weltanschauung, sieht das so aus: Durch seinen Tod bekam Jesus Zutritt zum Reich des Todes, um die Toten ins Reich Gottes zu führen. Der Kreuzstab wird zum Machtinstrument - wie einst der Stab des Mose, der das Rote Meer teilte. —Hinabgestiegen in das Reich des Todesž, sprechen wir im apostolischen Glaubensbekenntnis.

Heute kennen wir die Darstellung des Kreuzes Christi in den evangelischen Kirchen überwiegend nur als Symbol, reduziert auf das bloße Zeichen, so daß viele, die dieses Zeichen sehen, es mißverstehen: Ein Kreuz bedeutet ihnen Tod, ein Sternchen Geburt - wie in einem Lebenslauf. Da war neulich die Schülergruppe, die zum ersten Mal in ihrem Leben eine christliche Kirche besucht hat. Sie kannte das Kreuz nur in der Bedeutung: als Zeichen des Todes - von den Straßen in Brandenburg her: —Hier starb ein Mensch! Gedenket seiner! Fahrt vorsichtig!ž

Was aber ist ein Symbol? —Ein Symbol ist ein Zeichen, das ich sehe, um etwas zu sehen, was ich sonst nicht sähe.ž Was wir hier nicht sehen, ist die Bedeutung des Kreuzes als Zeichen des Sieges Christi über den Tod. (Und nur deshalb muten wir uns den Anblick dieses antiken Folterinstrumentes ja zu.)
Diese Bedeutung kennen wir erst im Rückblick, von Ostern her, weil Gott sie uns durch den Glauben an Jesus als seinen Sohn, den auferweckten Gekreuzigten, selbst gezeigt hat. So wird das Todes- zum Lebenszeichen - und beispielsweise als Anhänger getragen.

Um nun wie Johannes, der - wie gesagt - im Rückblick schreibt, das Kreuz Jesu von Anfang an als das zu erkennen, was es wirklich ist, der Tiefpunkt als Höhepunkt, als Kreuzungspunkt von absteigender und aufsteigender Linie im Leben Jesu, sind christliche Künstler auf verschiedene Ideen gekommen. Sie machten die Darstellung des Kreuzes Christi mit zusätzlichen Symbolen unmißverständlich (z.B. fügte man einen Lorbeerkranz hinzu, das Zeichen für den Sieg). Am verbreitetsten war die Darstellung mit einem Kranz von Strahlen, mit der Sonne als Symbol universaler Herrschaft. Das Folterinstrument ist verklärt, nicht die Folter - aber Christi Tod wird durch-schaut. Er bedeutet unser Leben. So erblicken wir hinter dem Kreuz des Leidens den Glanz Gottes: Nun wissen sie, daß alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. - So schaut Johannes zurück - wie ein Verfasser von Memoiren. Denn im Rückblick rückt so manches Erlebte in ein anderes Licht - und das Ver-rückte muß deshalb auch noch einmal anders erzählt werden: um zur Verherrlichung zu führen..

Diese typisch johanneische Erzählweise treffen wir übrigens auch im deutschen Volksmund an, Mundorgel Nr. 220, Worte und Weise mündlich überliefert - heutzutage der leicht verrückte Lobgesang auf einen Jubilar, wenn ihm das übliche Ständchen dargebracht wird: —O hängt ihn auf! O hängt ihn auf!ž Schrecken beim Jubilar - aber der Schrecken löst sich im Rückblick in Wohlgefallen auf, wenn das Liedchen seinen Fortgang genommen hat: —O hängt ihn auf, den Kranz von Lorbeerbeeren. Ihn unsern Fürst, ihn unsern Fürst, den wollen wir verehren.ž
Verherrlichung - ironisch gebrochen.

Das Lied hat dazu noch weitere Strophen. Aber genug davon; denn ein anderes Lied wartet auf uns, das auf seine Weise das Kreuz Jesu besingt.
Amen.
 
 


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