Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Jubilate über Joh 16, 16-22

Liebe Gemeinde!
Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.

Als Kind war das mein Lieblingsevangelium. Warum? Es war so schön kurz. Kaum waren wir aus den Kirchenbänken aufgestanden, da konnten wir uns auch schon wieder hinsetzen. Dieses Evangelium, das kürzeste von allen, dauerte eben nur 'eine kleine Weile' - Form und Inhalt entsprachen einander. Das war das richtige Evangelium für meine kindliche Ungeduld. Ansonsten mußte ich im Leben ja dauernd warten: bis die Eltern morgens aufgestanden waren, bis es Frühstück gab und in der Schule, ja, da passierte folgende Szene: Bittet die Lehrerin eine Mitschülerin an die Tafel. Die kramt gerade in ihrer Schultasche und antwortet: "Ja, gleich." Da rastet die Lehrerin aus und sagt: "Ja - was denn nun: Ja oder gleich? Entscheide dich!" Auch sie konnte nicht warten.

Heutzutage kann ja kaum noch einer warten. Je mehr wir warten müssen - beim Arzt, in der Telefonschleife, an der Supermarktkasse - desto schwerer fällt das den meisten. Ob deshalb so viele Menschen gar nichts mehr erwarten? Haben wir überhaupt noch etwas zu erwarten, etwas Gutes? Wurden und werden wir nicht dauernd vertröstet? Wenn ich in Italien einen Cappuccino bestelle und der Kellner antwortet: "subito!" (sofort) - dann weiß ich: Hier ist Geduld von Nöten, viel Geduld. Am besten geht man gleich in die nächste Bar. Oder diese Schilder an geschlossenen Geschäften: "Komme gleich wieder!" Ja, wann denn? Wann ist "gleich"? Meine alte Volksschullehrerin würde sich ja so was von grämen. Unsere Geduld wird überstrapaziert. Ich sage nur: Ämter!

Zugegeben, schon als Kind zeichnete ich mich nicht gerade durch Geduld aus - weshalb mir ja das heutige Evangelium so sehr gefiel. Wir nannten es das "Evangelium von der kleinen Weile." Und natürlich wußte ich, was es bedeutet - ohne daß ich die Fortsetzung hätte hören müssen. Da entspinnt sich ja ein Diskussionsgang in der typischen Machart des Johannesevangeliums:
Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater? Da sprachen sie: Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet. Da merkte Jesus, daß sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Danach fragt ihr euch untereinander, daß ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen?

Hin und her geht es, und am Ende ist man nicht schlauer als zuvor: Was ist die "kleine Weile"? Als am Kirchenjahr geschultes kleines Kind war mir natürlich klar: Jesus redet hier von seinem Tod und von seiner Auferstehung, von Karfreitag und Ostern. Daher die "kleine Weile". Oder redet er eher von seiner Himmelfahrt und der sich anschließenden Zeit der auf ihn wartenden Kirche? Ich gehe zum Vater. Dann nimmt er hier Abschied von seinen Jüngern und kündet zugleich seine Rückkehr an. Das kannte ich von meiner ersten langen Reise allein mit meiner Mutter zu ihrer Tante Margarete, genannt Tante Reti: Als es wieder nach Hause geht, verabschiede ich mich brav von Tante Reti und verspreche wiederzukommen - vielleicht ein bißchen traurig, aber nicht zu sehr: Auch für mich ging es ja zurück zu meinem Vater.

So gesehen, konnte ich Jesus besser verstehen als die Jünger in der biblischen Geschichte, die irgendwie verunsichert auf mich wirkten. Was Jesus danach noch sagt, klärt sie ja auch nicht gerade deutlicher auf, macht nur dunkle Andeutungen über Verfolgungen und Trauer, verspricht aber doch vor allem eins: große, bleibende Freude:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.  Eine Frau, wenn sie gebiert, so  hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, daß ein Mensch zur Welt gekommen ist. Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.

An diese Kindheitsgeschichten mußte ich beim Abschied des verstorbenen Papstes denken. Der hat sein Sterben ja ganz ähnlich inszeniert: "Ich freue mich. Freut ihr euch auch!" Letzte Worte, Abschiedsreden - wie bei Jesus. Von den vielen Worten, die man seitdem über Johannes Paul II. gehört hat, ist mir eines besonders hängengeblieben: Er soll sich sehr dessen bewußt gewesen sein, daß für viele Menschen - ganz besonders in den nordeuropäischen Industrieländern - Gott heute so fern ist, ja: abwesend. Jesus ist fortgegangen. Die Menschen warten, "Warten auf Godot" - oder sie warten nicht einmal mehr. In diese Lücke ist dann der Papst gesprungen, ganz persönlich und ausgesprochen programmatisch, um den fernen Gott durch seine Person den Menschen nahezubringen. Deshalb sein fast manisches Reisen. "Warten Sie hier nicht auf den Papst", soll einmal ein Schweizer Gardist in Rom zu einem Touristen gesagt haben, als der sich beklagte, der Papst sei ja wieder nicht in der Stadt, "warten Sie nicht hier, er kommt bestimmt bald bei Ihnen zu Hause vorbei."

Den fernen Gott sichtbar machen? Das ist gut katholisch, aber so nicht evangelisch, nicht im Sinne des Evangeliums. Die Lücke, die der ferne Gott hinterläßt, die sollen wir nicht mit unserer Person ausfüllen, sondern offenhalten, sollen den Menschen deutlich machen, was ihnen da fehlt. Wer in die Lücke springt, gerät in die Gefahr, selbst Gott zu spielen.

Als Dietrich Bonhoeffer vor gut 60 Jahren von seinen Angehörigen Abschied nahm, schrieb er ihnen: "Zunächst: es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann und man soll das auch gar nicht versuchen; man muß es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus, er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt...".
 
So hält die Kirche die Lücke offen für den zum Vater gegangenen Jesus. Sie erwartet ihn ja wieder. Sie erwartet seine Rückkehr. Davon lebt sie. Das verkündet sie. So gesehen, im Glauben und Vertrauen auf seine Wiederkehr, in Wort und Sakrament, ist Jesus auch bei uns - aber als Abwesender. "Gott ist in der Abwesenheit anwesend", so hat mein Lehrer Jüngel das immer wieder ausgedrückt. In der Abwesenheit anwesend. Anders gesagt: Gott ist anwesend, wo man die Lücke noch bemerkt, die sein Fehlen hinterläßt.

Darum ist der manchmal so verzweifelt klingende Satz, dieses scheinbare Totschlagargument gegen Gott: "Wie kann Gott das alles zulassen" - vom Tod mir nahestehender lieber Menschen bis zum Tsunami - bei allem Schlimmen, was dieser Satz aufruft, nicht so schlimm, wie es das Verstummen des Schreiens nach Gott wäre. Besser "Warten auf Godot", warten, bis wir schwarz werden - als gar nichts mehr zu erwarten. Wer nichts mehr erwartet, wer nicht einmal Gott mehr erwartet, der ist schon tot - und bleibt es auch. Darum brauchen wir Christinnen und Christen Geduld, darum nutzen wir diese Zeit seiner Abwesenheit, um Zeugnis von der Erwartung seiner Wiederkunft abzulegen - besonders im Interesse jener, die nichts mehr erwarten.

Nicht mit der "kleinen Weile" tröstet uns unterdessen Jesus im Evangelium nach Johannes - schon eine 'kleine' Weile kann uns sehr lang, zu lang werden - sondern mit dem Versprechen seiner sicheren Rückkehr.

"I'll be back" (ich komme zurück), das versichert nicht nur der wie eine Jesus-Gestalt gezeichnete Terminator im kalifornischen Hollywood - auch das deutsche Volkslied weiß von der Freude der Rückkehr ein Liedchen zu singen:

"Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn,
Bleib nicht so lange fort
Denn ohne dich wärs halb so schön,
Darauf hast du mein Wort.
Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn,
Das eine glaube mir:
Nachher wird es nochmal so schön,
Das Wiedersehn mit dir. "

Wer Gott nun vermißt, wer ihn nicht sieht, wer nur noch Augen und Ohren hat für das Leid der Welt - der findet im Evangelium des Johannes, in den Abschiedsreden Jesu noch einen besonderen Trost. Da heißt es ja: "Ich will euch wiedersehen." Wenn wir also blind sind und bleiben für das Kommen Jesu in der Macht Gottes - dann wird er uns sehen. Das ist die besondere Verheißung des Johannes. Wie der Hirte die verlorenen Schafe sucht und findet, so wird Jesus uns suchen, finden und wiedersehen. Das wird ein Fest. Darum reicht uns heute das "Evangelium von der kleinen Weile". Und darum dauert auch die Predigt nur - eine kleine Weile!
Amen.
 
 


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