Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 21. Sonntag nach Trinitatis über Joh 15, 9-12

Liebe Gemeinde,
so beginne ich, wie gewöhnlich - und halte gleich ein: Liebe Gemeinde..., hmm, sind Sie denn eigentlich lieb? So richtig liebenswert und liebenswürdig? Wie halten Sie es mit der Liebe, mit der Nächstenliebe? Nicht allein, daß Sie von anderen geliebt werden möchten - natürlich, wer will das nicht - aber lieben Sie auch selber die anderen? Lieben Sie sie gar im Sinne des Jesus-Wortes, das in unserem Predigttext aus dem Johannesevangelium im 15. Kapitel so vielfach variiert wird?

Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe. Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde. Das ist mein Gebot, daß ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.

Siebenmal Liebe. Sind Sie so lieb? Klar bin ich lieb, sind wir doch alle. Liebe - ein Allerweltswort, inflationär gebraucht, besonders gern und häufig in der Kirche. Lieber Gott, liebe Gemeinde, alles lieb - eben. —Wie in der Kirche über Liebe geredet wird - das ist doch nur noch Kitschž, meinte neulich eine junge Frau.

Mag sein. Liebe ist eben das Allerbekannteste - zugleich aber auch das Allerunbekannteste. Sie ist die alltägliche kleine Münze und die große Banknote, die man so selten in den Händen hält. —Liebe Gemeindež. Fangen wir einfach mal hier an: Wieso denn das, diese Anrede?

Wer sein Gegenüber Lieb nennt, der mag ihn gut kennen oder auch nicht, jedenfalls setzt der eine Beziehung voraus (oder will sie herstellen), die nicht einfach geschäftsmäßig ist. Und wenn der Angesprochene das akzeptiert, dann ist solch eine Beziehung da. Liebe setzt Gegenliebe voraus und setzt sie frei - theoretisch jedenfalls. Praktisch hapert es allerdings häufig mit der Gegenliebe.

Sitzt da im vorletzten Winter ein etwas verwahrloster und betrunkener Mann im Schnee vor der Kirche. Hilflose Person, die Polizei wird alarmiert. Inzwischen rufen mich ein paar junge Leute aus der Gemeinde dazu. Zusammen versuchen wir, ihn zum Sprechen zu bringen. Mit etwas Mühe ist zu verstehen, was er will. Kein Geld, keinen Schnaps - er will Liebe. Warum er sich dazu vor die Kirche setzt? Die ist doch für die Liebe da. —Gott ist doch die Liebe - aber keiner liebt michž, sagt der Mann. Meine Frage, ob er denn selbst jemanden liebe, scheint er nicht recht zu hören. Oder doch? Als die Polizei kommt, ist er auf einmal auf den Beinen und macht sich davon.

Kein Einzelfall, dieses Erlebnis. —Herr Pfarrer, sagen Sie doch mal, daß die Leute lieb zu mir sein sollen!ž Alle wollen geliebt werden - bloß: Wer liebt selber seinen Nächsten? —Die Menschen sind gar nicht so schlecht - wenn bloß die Leute nicht wärenž, sagte der große Spötter Tucholsky. Oder: —Die Menschen sind schlecht, sie denken nur an sich. Nur ich bin anders - ich denk an mich.ž Woran mag das liegen, dieses Ungleichgewicht zwischen Liebeserwartung und Liebeserfahrung?

Liebe hat damit zu tun, etwas anderes als anderes wahrzunehmen - und gelten zu lassen. —Liebe ist die Anerkennung des anderen als des anderenž, meinte der große Berliner Philosoph Hegel im 19. Jahrhundert. Um aber anderes als anderes anerkennen, gelten lassen zu können, müssen wir es erst einmal anderes als anderes wahrnehmen. Wir finden aber immer häufiger nur eigenes, uns selbst. Alles beziehen wir auf uns. Alles hat uns zu dienen. Bei jungen Leuten ist das besonders stark ausgeprägt. K o A, knights of Armageddon - Schlachtruf einer Clique von Konfis, mit denen ich letzte Woche unterwegs war. Nur für Eingeweihte verständlich, diese Anspielung auf ein Computerspiel, auf Kämpfe zwischen Gut und Böse. Das ist eben ihre Welt. Sicher, solche persönlichen Traumwelten gehören zur Entwicklung und zum Heranwachsen - bloß: Da gibt es ja noch diese andere Welt, in der Wunden wirklich bluten und Schmerzen real sind - und in der Geld erst einmal verdient werden muß, bevor man es ausgibt. —Aufwachen, kommt in unsere Welt!ž möchte man ihnen zurufen - wenn wir sie denn hätten, unsere Welt. Denn was ist das - unsere Welt?

Jeder lebt ja in seiner Welt: Du lebst in deiner Welt, ich leb in meiner Welt. Ein alter Schlager hat das schon besungen. (Und dann gab es noch Veronas Welt.) Die Welt - mein Wohnzimmer. —Hinter jedem Radiosender sitzt ein eigener Indianerstammž, stellte der Medienkritiker Peter Glotz fest, —und hört nur noch sich selber trommeln.ž Mir kommen selbst Gemeindegruppen vor wie das bloße Nebeneinander von Einzelwesen und -interessen. (Nicht nur viele meiner Konfirmanden flüchteten beispielsweise gleich, sobald es um Arbeit ging.) Immer mehr erwarten, versorgt zu werden - aber wer soll sie noch versorgen? Die da etwa? —Wenn die da kommt, dann bleibt meine Tür gleich zu. Die paßt nicht zu uns.ž Die Folge: Die Menschen zu Beginn des dritten Jahrtausends werden zu Autisten. Jeder lebt nur in seiner Welt. Er sieht oft nicht einmal, was er damit anrichtet, wenn er alles nur aus seiner Perspektive sieht. Jedenfalls richtet er die Liebe zugrunde. Denn Lieben, das heißt: aus der Sicht des anderen sehen können. Das aber muß man üben. Ganz praktisch: Höre ich z.B. wirklich, was der andere sagt? Oder sind seine Worte, wenn sie bei mir ankommen längst zu einem Echo der eigenen Gedanken geworden?

—Was ist Liebe?ž fragte mich vor Jahren ein trauriger türkischstämmiger Jugendlicher aus unserer Jugendetage - und gab sich und mir gleich die richtige Antwort: —Liebe heißt, man muß jemand anderes vertrauen können.ž Seine Freundin hatte ihn gerade schwer enttäuscht. Das war also keine Liebe. Jemand anderes vertrauen können - das ist es also. Das macht eine Beziehung aus.

Von einer Liebes-beziehung, von Liebe als Beziehung, handelt auch das Wort Jesu. Seine Liebe zu uns ist die Liebe Gottes. Hier ist die Liebe wirklich Beziehung zu einem anderen, nämlich Beziehung von Gott zu Mensch, Beziehung des Heiligen zum Sünder. Gottes Liebe ist die Macht, die die denkbar größte Distanz besteht, die Distanz von Tod und Leben: Gott hat Jesus vom Tode erweckt. Daran haben die Christen Gottes Liebe erkannt, eine Liebe, die auch uns Menschen aus dem Tod herausführt. Nur wer die Liebe so versteht, kann auch Jesu Weg in den Tod, seinen schrecklichen Tod am Kreuz,. als Weg der Liebe verstehen. Nur durch solch eine Liebe kommen Gott, Jesus und die Christen in Beziehung zueinander, in eine Beziehung mit dem Namen Liebe.

Johannes verdichtet das erklärungsbedürftige Allerweltswort Liebe zu einem Begriff, der Mensch und Gott verbindet. Zwischen Gott und Mensch ist etwas - nicht nur Abgrund, Kluft, das große Nichts, sondern Gottes unbegreifliche Annahme des anderen, des Geschöpfes, des Sünders. Martin Luther sagte: Gott liebt uns, nicht weil wir liebenswert sind - sondern seine Liebe macht uns liebenswert.

Und wie sieht unsere Gegenliebe aus? Jesu Gebote halten, ist die Antwort des Evangelisten. - Ups, wie sieht es denn damit aus? Das bleibt noch eine Frage der Gewissenserforschung - für die Wochen am Ende des Kirchenjahres, für den Bußtag - auch für heute: Liebe Gemeinde, sind wir eigentlich lieb?

Wir sind lieb, weil Jesus uns geliebt hat, weil Gott über die Kluft von Schöpfer und Geschöpf, von Heiligem und Sünder hinweg Beziehung aufbaut - wie der Blitz von einem Spannungspol zum anderen springt. Darum muß ich Sie in der Tat so anreden: Liebe Gemeinde....
Amen.
 
 


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