Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Jubilate über Joh 15, 1-8

Liebe Reben!
—Wieso das denn?ž werden Sie jetzt sagen, —waren wir vorige Woche nicht noch Schafe?ž Das mit den Reben hat aber mit unserem heutigen Predigttext zu tun, und der hat mit diesem Gegenstand hier zu tun: - zeigen -

Jesus spricht: Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, daß sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, daß ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Liebe Gemeinde, wenn Jesus sich hier als den wahren Weinstock bezeichnet, wer wurde dann für gewöhnlich Weinstock genannt? Das war in der Bibel das Volk Israel. Ihm gegenüber verhält Gott sich wie ein Weingärtner: Er kümmert sich um sein Volk und erwartet natürlich, daß es Frucht bringt - was ein Weingärtner von einem Weinstock eben erwarten kann. Beispielsweise heißt es beim Propheten Jeremia: —Ich aber hatte dich gepflanzt als einen edlen Weinstock, ein ganz echtes Gewächs. Wie bist du mir denn geworden zu einem schlechten Weinstock?ž (Jer 2, 21) Bekannt ist auch das Weinberglied bei Jesaja: Im Gleichnis von einem Winzer und seinem Weinberg wird dem Volk Gottes das Gericht angedroht, weil es keine guten Trauben bringt, will sagen: Rechtsbruch statt Rechtsspruch, Schlechtigkeit statt Gerechtigkeit.

Und nun der wahre Weinstock: Jesus. Er bringt Frucht - die Frucht sind die Seinen, die Jüngerinnen und Jünger, das neue Volk Gottes. Wir die Reben, er der Weinstock.

Das sollten wir uns einmal genauer ansehen und anhören: Hier ist ein alter Weinstock mit den ersten Austrieben des Frühlings. (Genaugenommen gehören dazu noch die Wurzel, die metertief im Boden wurzelt, und der oberirdische Wurzelstock - jener Teil, der im Laufe der Jahre verholzt und so dekorativ knorrig wird.) Wir sehen das frische Grün, die ersten Blätter. Dem folgen bald die Blüte und die ersten Traubenansätze. Was ist nun der Weinstock, was sind die Reben? Ich bin da kein Fachmann. (Außerdem reden manchmal selbst die Winzer vom Ganzen als von der Rebe: wenn sie von der einzelnen Pflanze sprechen. Die kann manchmal aber auch Rebstock genannt werden.) Zum Glück hat mein Schwiegervater bei der deutschen Weinbauschule gelernt, der Forschungsanstalt für Wein- und Gartenbau Geisenheim.

In seinem alten Lehrbuch aus den dreißiger Jahren, das er uns in Auszügen vermacht hat, heißt es: —Die Weinrebe erfordert auf alle Fälle einen sorgfältigen Sommer- und Winterschnitt, da sie sonst noch rascher wie alle anderen Obstarten frühzeitig unten kahl wird.ž Und dann wird im Einzelnen beschrieben, wie das zu erfolgen hat: —Der Winterschnitt muß beim Weinstock erfolgen, bevor dieser in Saft kommt, weil er sonst zu sehr blutet, d.h. zuviel Saft verliert. Der Schnitt selbst wird bei der Rebe nicht wie bei den übrigen Obstarten dicht über dem Auge ausgeführt, sondern es muß über dem Auge ein etwa 1 cm langes Stück Holz stehen bleiben. ... Der Sommerschnitt besteht darin, daß jeder im Sommer zur Entwicklung kommende fruchtbare Seitentrieb nach der Blüte auf zwei Blätter über der obersten Traube entspitzt wirdž. Im Einzelnen geht es da ums Verzwicken (Einkürzen), Aufbinden oder Einschlaufen, ums wiederholte Entfernen der Geiztriebe (der Nebentriebe), das —Abnehmenž der Schosse, des schattenwerfenden Laubes. Auf diesen Sommerschnitt scheint das Johannesevangelium anzuspielen.

Genug vom Rebschnitt, für den Winzer ist das jedenfalls viel Arbeit. Damals mußte Jesus das aber nicht groß erklären, weil vieles allgemein bekannt war. Israel hatte ja eine Tradition im Weinbau - was man am häufigen Vorkommen dieses Themas, nicht nur als Bild, in der Bibel merkt. (In der Dienstagsgruppe haben wir uns vor Ostern mal die verschiedenen biblischen Weingeschichten angesehen.)

Hier nun ist Jesus der Weinstock, wir die Reben, Gott der Weingärtner. Was unfruchtbar ist, wird der Weingärtner wegschneiden. Das war schon damals so. Eher wird heutzutage noch mehr abgeschnitten, selbst reifende Trauben, weil man gemerkt hat, daß dadurch die Qualität der restlichen verbessert wird. Und auf die Qualität der Trauben kommt es für den Wein doch an. Aber damit hätten wir das Bild überstrapaziert: Gott ist nicht wie Christian Moueix, der durch massive Ertragsbeschränkung die teuersten Weine der Welt produziert, wahre Super-Weine. Schon en primeur, also vorbestellt, kostet eine Flasche Pétrus oder Dominus - so heißen sie (ausgerechnet) - mehrere hundert Euro, dennoch kaum erhältlich, diese Super-Hochleistungsweine.

Gott kommt es zwar schon auf das Fruchtbringen an - aber nicht auf besondere Leistungen oder Werke. Überhaupt: In erster Linie geht es hier um das Fruchtbringen des Weinstocks Jesus. Er, sein Fruchtbringen kreiert uns. An uns wird das Leben, die Lebendigkeit dieses Weinstocks sichtbar. Und auch das neue Leben aus dem Glauben ist sichtbar. Kirche ist eben sichtbar. Damit gilt auch: Wie die Lebendigkeit eines Weinstocks daran erkennbar ist, daß er Frucht trägt - ohne Reben sieht ein Weinstock ja tot aus - so erweist sich auch der Glaube darin als lebendig, daß er Früchte bringt.

Klingt das aber nicht nach Streß? —Warum müssen wir bloß immer Früchte bringen?ž klagte einmal eine katholische Theologiestudentin, und gab sich die Antwort darauf auch noch dadurch, daß sie ins Kloster gehen wollte. Da freut sich der Papst - aber das Bildwort vom Weinstock und den Reben läßt eigentlich keinen Gedanken an frommen Leistungsstreß aufkommen. Fruchtbringen - beim Weinstock ist das ja normal und natürlich, die einzelne Rebe kann auch nicht entscheiden, ob sie Frucht bringt oder nicht. Es kommt an auf die Tätigkeit des Winzers. Gott selbst sorgt für das Fruchtbringen der Reben am Weinstock seines Sohnes. Er macht sich die Arbeit - wie eben ein Winzer. (Ob deshalb, wegen dieser Nähe, die mehr ist als als ein x-beliebiger Vergleich - man denke an den Wein im Abendmahl - Winzer, die ja bodenständige Leute sind, häufig auch religiöse Menschen sind?)

Für uns aber, die Reben, geht es um Sein oder Nichtsein: Ohne den Weinstock sind wir nichts. Der Weinstock ist nicht von den jeweiligen Reben abhängig - aber die Reben sind angewiesen auf den Weinstock. Christus ist unsere Kraftquelle, unsere Lebensgrundlage, unser Lebens-Saft. Ohne ihn geht uns buchstäblich —der Saft ausž. Diese Lebens-Einheit mit ihm ist die Voraussetzung für alles Fruchtbringen. Was aber das angeht: Jesus redet seine Jünger an als die schon Gereinigten. Sie haben ja sein Wort gehört. Die Gerichtsdrohung gilt nicht den fruchtbaren Reben. (—Ich war ein wilder Reben, du hast mich gut gemacht...ž, singen wir gleich.) Der Rest ist Erziehungssache.

Ich rede jetzt zwar wieder vom Winzer, der die Reben erzieht, in die eine oder andere Form bringt: Spalier oder Pergola, Stickelbau oder Drahtbau. Wie unterschiedlich das auch ist, der Weinstock bleibt die Grundlage. Im Winter, seiner Reben beraubt, hat er zumeist die Form eines Kreuzes.

Aber indem ich jetzt wieder vom Winzer rede und auf den Rebstock und die sprossenden Reben hier schaue, denke ich an Joshua und an alle anderen, die einmal klein angefangen haben - als Reben am Weinstock Christus. Ein neuer Rebzweig. Auch die Namen unserer Konfirmandinnen und Konfirmanden veröffentlichen wir im Boten häufig mit einem Bild: als Blätter an einem Weinstock. Der Rest ist Erziehungssache - durch Gott den Winzer. —Ja - mit Gottes Hilfe.ž Das aber setzt eines voraus: Bleibt am Weinstock Christus!

Und wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Wie das? Wer so mit Jesus verbunden ist wie die Rebe mit dem Weinstock, kann nicht anderes wollen als er. Wer in Jesus bleibt, der betet wie Jesus im Heiligen Geist zum Vater: —Dein Reich komme!ž Das ist dann die Frucht der Rebe. Durch solches Fruchtbringen der Reben am Weinstock Christus wird Gott verherrlicht. Wir Jünger und Jesus haben dieses eine Ziel: Gott, den Vater zu verherrlichen. Dazu sind wir auf Erden. Und die Bild-Welt des Weinstocks macht klar: Wir haben Spaß daran.
Amen.
 
 


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