Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Exaudi über Joh 14, 15-19

Liebe Gemeinde!
—Herr Lehrer, darf ich mal eine dumme Frage stellen?ž Wer in der Schule so fragt, der bekommt meist die ermunternde Auskunft: —Nur los, es gibt schließlich keine dumme Fragen, höchstens dumme Antworten.ž (Insgeheim mag sich der Lehrer allerdings denken: —Der schon wieder, na, das wird ja was werden.ž) Pädagogisch aber ermutigt, stellen wir heute einmal dem Evangelisten Johannes einige vermeintlich «dumme FragenŽ- er hat ja wirklich etwas von der Art eines Lehrers an sich, und wir sind in diesem Kirchenjahr schon häufiger in seine «JesusschuleŽ  gegangen:
- Wie können wir Jesus lieben? Was heißt das?
- Ist Jesus nach seiner Himmelfahrt noch bei uns? Wie kann das sein?
- Warum erkennt die Welt Jesus Christus nicht?
- Hat das Christentum in der Welt etwas verändert?
- Wann kommt Jesus wieder?

Unser heutiger Predigttext gibt auf diese Fragen Antwort- nennen wir sie die Himmelfahrtsproblematik. Lassen wir uns nicht gleich entmutigen, weil sie ungewohnt klingen! Denken wir nicht gleich: —Wer viel fragt, kriegt viel Antwort.ž Nein, fragen wir ruhig! Johannes ist ein im besten Sinne frag-würdiges Evangelium. Jesus spricht im 14. Kapitel:

—Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, daß er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.ž

Die Antwort auf unsere erste - im Text allerdings unausgesprochene - Frage: Wie können wir Jesus lieben? kommt stracks: indem wir seine Gebote halten.

Liebhaben und Gebote halten, hm. Das kommt uns vertraut vor: —Habt ihr mich lieb, Kinder? Dann tut auch, was ich sage!ž Das klingt nach Eltern und Erziehern, nach unbeliebten Lehrern. Haben wir Jesus durch diesem Vergleich mit menschlichen Beziehungen richtig verstanden? Nein, denn wenig später erfahren wir, was Jesus mit dem Halten der Gebote meint: nichts anderes als das Halten seiner Worte - und das wiederum meint bei Johannes: Es geht um den Glauben. Die Liebesbeziehung ist die Beziehung des Glaubens. Der ist mit dem «Halten der GeboteŽ gemeint. Das Liebesband zwischen den Christen und Jesus ist also weder eine bloße Gefühlsbeziehung noch bloß äußerliche Pflichterfüllung - es ist der Glaube an Jesus. Dabei sind die Worte Liebe und Glaube austauschbar. Auf die Beziehung zum Offenbarer kommt es an. Es gibt so etwas wie eine christliche «BeziehungskisteŽ.

Die nächste Frage, bitte: Ist Jesus nach seiner Himmelfahrt noch bei uns? Wie kann das sein?

Johannes erläutert, wie er Himmelfahrt und Pfingsten versteht: Jesus geht davon als einer, der in der Welt erfahrbar wäre, der weltgeschichtlich erkennbar wäre. So gesehen, ist Jesus weg. Und was kommt nach Jesus? Nach Jesus kommt der Paraklet. Luther übersetzt dieses griechische Wort mit Tröster. Wir könnten auch sagen: Fürsprecher, Beistand, Helfer. An anderer Stelle spricht Johannes vom Geist der Wahrheit. Dieser neue Helfer, der an Jesu Stelle kommt, der bringt nun aber nichts Neues, sondern er bringt Jesus wieder, er sorgt dafür, daß wir im Glauben an ihm festhalten können, daß die Beziehungskiste stabil bleibt. Der Paraklet, der Heilige Geist also, er garantiert die Fortdauer der Offenbarung Gottes in Jesus Christus - für die die Jesus jetzt nicht mehr live erleben können und für die, die ihn gar nicht live erleben konnten.

Wir fragen uns ja häufig, warum andere Menschen nicht an Jesus Christus glauben und erfinden seltsame Antworten: Sie seien eben unwillig oder gar böse oder wie mit Blindheit geschlagen. Johannes hingegen stellt und beantwortet die viel grundlegendere Frage: Wie kann ein Mensch an Jesus Christus glauben? Wie kann er ihm begegnen, wenn Jesus doch nicht mehr so da ist, wie er einmal da war?

Die Antwort des Johannesevangeliums: Der Paraklet setzt Jesus gegenwärtig. Deswegen müssen wir Nachgeborenen Jesus gar nicht vermissen. Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus geschah zwar nur einmal, aber ein für allemal. Das reicht, damit Offenbarung Gottes heute geschehen kann. Und Offenbarung heißt: Jesus erleben. Möglich macht das der Paraklet, der Heilige Geist. Das hat er mit dem alten Werbeslogan gemeinsam: Der Paraklet macht's möglich. Weltlich gesehen, rein menschlich genommen ist die Gegenwart Jesu nämlich unmöglich. Johannes meint also, die Welt kann Gott in Jesus Christus nicht erfahren. Nur der Heilige Geist, der Paraklet, er kann Jesus gegenwärtig machen - und dieser Geist ist nicht der Welt gegeben, er ist allein der Gemeinde Jesu Christi gegeben, trägt ihre Verkündigung, sorgt fürs Gelingen. Der Wirkungsbereich des Parakleten ist nicht die Welt, sondern allein die Gemeinde.

Damit hat Johannes schon unsere dritte Frage beantwortet: Warum erkennt die Welt Jesus Christus nicht? Sie erkennt ihn nicht, weil sie nicht den Parakleten hat. Das heißt nun nicht, ein Ungläubiger könne nicht zum Glauben kommen, das heißt nicht, es gebe hier keine Bewegung, alles sei festgelegt. Im Gegenteil! Wer zum Glauben kommt, ist wie verwandelt, ist mit dem Heiligen Geist begabt, der hat ihn empfangen, ist mit ihm getauft. Er ist dann aber nicht mehr «WeltŽ. Das heißt: Die Welt kann Jesus als den Offenbarer deshalb nicht erkennen, weil sie - wenn sie ihn erkennt - nicht mehr Welt ist, sondern Gemeinde Jesu Christi.

Das, liebe Gemeinde, ist nun eine typisch johanneische Wendung. Es klingt ein bißchen wie ein Spiel mit Worten, hat aber seine eigene Logik. Johannes nimmt die Jesusgeschichten der anderen Evangelien beim Wort und denkt neu darüber nach. Er wird dazu veranlaßt, weil seine Gemeinde vor neuen Problemen steht, wie z.B. dem, wie das eigentlich möglich sei, daß wir an Jesus glauben. Heute klingt das im ersten Augenblick irgendwie abstrakt oder akademisch - und ich denke, so war es auch in gewisser Weise: Die Gemeinde des Johannes kommt einem vor wie ein Kreis von Leuten, die Lust am Denken haben - aber: Sie haben gute Gründe, das zu tun. Sie erleben sich nämlich als verfolgte Minderheit, der die Luft auszugehen droht.

Der große Schwung des Anfangs läßt nach, konkurrierende Weltanschauungen kommen in ihrer Umgebung viel besser an. Wir kennen das ja auch. Und darin liegt vielleicht auch ein Grund, warum das Johannesevangelium heute wieder stärker beachtet wird, nachdem das Mittelalter vor allem Matthäus las und die Reformation Paulus. Johannes bringt eine neue Nachdenklichkeit in die Botschaft von Jesus Christus, stellt und beantwortet Fragen nach dem Warum. Mit einfachen Worten beantwortet er grundlegende Fragen. Und er beantwortet sie logisch, theo-logisch, d.h. von der Botschaft selbst her, auf der Grundlage, die sie selbst legt, nicht mit weltlichen Argumenten.

Z.B. unsere vierte Frage: Hat das Christentum in der Welt etwas verändert? Selbst so gefragt, würden wir sicher von unseren Erfahrungen ausgehen und historisch argumentieren, um diese Frage zu beantworten, vielleicht vom sogenannten christlichen Abendland sprechen oder von der weltlich erfahrbaren christlichen Nächstenliebe - oder auch vom Mangel daran, vom Ausbleiben der Nächstenliebe, das ebenfalls Geschichte gemacht hat. Johannes argumentiert anders, vom Gegensatz von Welt und Gemeinde her. Wo der Paraklet ist, ist nicht mehr Welt, sondern Gemeinde. M.a.W.: Der Paraklet kann gar nicht die Welt verändern, weder zum Besseren noch zum Schlechteren, er kann nur eines tun: Er macht aus der Welt Gemeinde. Und das tut er. Aber das ist wiederum nur für die Gemeinde erfahrbar, nicht am Lauf der Weltgeschichte klar zu machen.

Diese eigentümliche Denkweise des Johannesevangeliums wird besonders deutlich an der Antwort auf die Frage: Wann kommt Jesus wieder? Die anderen Evangelien sprechen von der Wiederkehr Christi am Ende der Zeiten, als Richter und Retter der Welt. Für Johannes ist Jesus bereits wiedergekommen - mit der Ankunft des Parakleten, des Geist-Helfers in der Gemeinde. Der - man erinnere sich an die Antworten auf unsere ersten Fragen - der sorgt ja dafür, daß wir nach seiner Himmelfahrt Jesus wieder haben können, im Glauben: —Im Geist-Helfer kommt der Erlöser selbst wieder und ermöglicht so die Wortverkündigung der Gemeinde vor der Welt.ž - Worte eines Auslegers des Johannesevangeliums.

Genaugenommen hat sich Erwartung der Wiederkehr Jesu für Johannes schon zu Ostern erfüllt - als die ersten Jünger zum Glauben an ihn fanden. Überhaupt: Unser Alltagsverständnis von Zeit spielt da keine Rolle mehr. Wenn der Geist der Wahrheit kommt, dann ist Ostern, Pfingsten und Endzeit zugleich. Und wenn ein Mensch zum Glauben kommt, wenn er Jesus liebt, wenn er seine Gebote erfüllt, wenn er seine Worte hält - alles Variationen eines Themas - dann ist für ihn Weihnachten, Ostern und Pfingsten zugleich, dann feiert er das Fest der Feste. Denn mehr ist von Gott nicht zu haben. Der Geist bringt das alles, der Geist macht's möglich, der Geist ist Leben: —Ich lebe und ihr sollt auch leben.ž

Leben - Liebe - Geist. Was wie ein Slogan des Karnevals der Kulturen klingt, ist die Botschaft des 1900 Jahre alten Johannesevangeliums. Wir sehen: Es gibt keine dumme Fragen - auch nicht an den Lehrer Johannes. Mit dem Hinweis auf Gottes Geist, den Parakleten, beantwortet er uns die Himmelfahrtsproblematik:
- Wie können wir Jesus lieben? Was heißt das?
- Ist Jesus nach seiner Himmelfahrt noch bei uns? Wie kann das sein?
- Warum erkennt die Welt Jesus Christus nicht?
- Hat das Christentum in der Welt etwas verändert?
- Wann kommt Jesus wieder?

—Ich glaube an Gott erst, wenn ich ihn sehež, sagte mir mal ein Schüler. Der Lehrer Johannes würde ihm antworten: —Du siehst ihn, wenn du an Jesus glaubst; du glaubst an Jesus, wenn du ihn liebst; und liebst du ihn - wirst du leben.ž
Amen.
 
 


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