Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt am Sonntag Lätare über Joh 12, 20-26

Liebe Gemeinde!
Frohe Ostern! Schon heute rufen uns das die Gleichnisworte Jesu im heutigen Evangelium zu: Frohe, gesegnete Ostern!

Frohe Ostern, diese Botschaft versteckt sich in dem Wort: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein;  wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wie ist das gemeint? Nehmen wir doch ein paar Weizenkörner in die Hand: - verteilen - Jedes Korn hat eine harte Hülle, wir können es zerreiben, mahlen, um Mehl zu erhalten. Oder wir pflanzen es, es keimt und wächst zu einem Halm, einer Ähre mit neuen Körnern darin.

"Ah, verstanden", könnte jetzt jemand sagen, das sozusagen tote Korn bringt neues Leben hervor - und das in einer endlosen Kette von Tod und Leben, von Sterben und Werden."

Tatsächlich ist ein solches Verständnis weit verbreitet. Die alljährliche Wiederkehr des Frühlings bietet reiches Anschauungsmaterial. Wie sagte mir mal ein Nachbar? "Darüber müßte Ostern in der Kirche gepredigt werden: über das Wunder der auferstehenden Natur."

Mal abgesehen davon, daß das - wie jeder weiß - kein Wunder ist, wenn auch etwas Wunderbares, auf das wir uns jedes Jahr neu freuen, darauf, daß es endlich wieder grünt und blüht, besonders nach einem langen, kalten Winter wie in diesem Jahr - das Bildwort vom Weizenkorn hat eine andere Pointe: So, wie wir es in der Hand halten, ist es ja gerade nicht tot, sondern steckt versteckt (virtuell, sagten die Alten, bevor das ein Ausdruck für die Computerwelt wurde) voller Leben. Bloß: Damit dieses Leben sichtbar wird, muß das Korn als Korn "sterben", in die Erde gepflanzt, "begraben" werden. "Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht."

"Na eben", würde mein früherer Nachbar jetzt sagen, "das meinte ich doch mit dem Wunder der auferstehenden Natur zu Ostern: die wunderbare Kette von Sterben und Werden - nicht nur bei den Pflanzen: auch bei Tieren und Menschen. Überall gilt das Lebensgesetz: Stirb und Werde. Und das, diese Lebensweisheit, lehrt uns ja auch Jesus."

Liebe Gemeinde, geht es Jesus wirklich um diese allgemeine Lebensweisheit? Stutzig machen könnte uns schon, daß das Wort vom Weizenkorn gar kein origineller Satz ist. Auch andere Rabbis haben es benutzt. Und schon bei ihnen bedeutete es etwas anderes. Es war Bild für die Totenerweckung, für die allgemeine Erweckung der Toten zu Gottes Gericht am Ende der Zeiten (Zitat): "Wenn schon das Weizenkorn, das nackt in die Erde gelegt wird, in vielen Umkleidungen wieder hervorwächst - um wieviel mehr werden dann die Gerechten, die ja in ihren Gewändern bestattet werden, auferstehen."

Sehen wir also genauer hin: Wenn Jesus dieses gut verständliche Bildwort benutzt, geht es ihm nicht um Tod und Leben allgemein, auch nicht um seinen eigenen Tod im Sinne persönlicher Krisenbewältigung angesichts des bevorstehenden Leidens (ich weiß, daß ich leben werde, auch wenn ich sterben muß), sondern es geht Jesus um den Sinn seines Todes. Der Satz zielt auf das Fruchtbringen. Jesus will sagen: Mein Tod ist notwendig, um Frucht zu bringen.

Welche Frucht das ist, macht der Zusammenhang dieses Bildwortes klar, in dem es um die Nachfolge Jesu geht: Es ist die Jüngerschaft, es sind die Gläubigen. Wir sind die Früchte von Jesu Tod. Er starb für uns - in dem Sinne von: Er starb, damit es uns gibt, Menschen, die ihm nachfolgen: Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

Wir hören hören also nicht einfach eine Ankündigung von Jesu Leiden, Sterben und Auferstehen , so daß wir beruhigt sagen könnten: Jesus hat das alles kommen sehen und die Ereignisse im Griff - sondern es geht um uns:

Wir sind die Früchte von Jesu Tod. Wir verdanken uns seinem Sterben. Er starb für uns, d.h.: Sein Sterben ist unser Leben. Sein Sterben und Auferstehen macht Christen.

Das Bildwort vom Weizenkorn macht also aufmerksam auf den tiefen Zusammenhang von Christus und den Christen und erinnert insofern an ein anderes, das vom Weinstock: "Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben." Gemeint ist: Wir sind mit Jesus verbunden, auf Biegen und Brechen, auf Tod und Leben, im Leben und Sterben: Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt haßt, der wird's erhalten zum ewigen Leben.

Das ist eine Folgerung, die das Johannesevangelium aus dieser engen Verbindung zieht. Sie ist allerdings mißverständlich. Sie meint nicht, daß wir uns nun alle in den Tod stürzen sollen wie die Lemminge oder terroristische Selbstmordattentäter - Jesus ist nicht der Rattenfänger von Hameln - das Wort deutet vielmehr unser Leben: Nur mit Jesus verbunden verdient dieses Leben den Namen Leben, für sich genommen ist es ein Tod auf Raten.

Leben in der Nachfolge ist dann allerdings wie Leben als Weizenkorn. - Betrachten wir noch einmal die Weizenkörner: Das sind wir! Das Leben aus dem Tod Jesu wird uns geschenkt, um es an andere weiterzugeben. Wir geben es an andere weiter, indem wir uns an andere weitergeben. Aus vielen Körner wird Brot: Brot für die Welt. Mit den Worten eines Kirchenliedes:

"Die Menschen müssen füreinander sterben. Das kleinste Korn, es wird zum Brot, und einer nährt den andern."

Füreinander sterben?

Füreinander sterben hat in der Regel nichts mit Krieg und Gewalt zu tun. Operation Iraqi Freedom: Für wen sterben die Menschen denn jetzt - wirklich füreinander, für die Freiheit des Irak? Oder doch nur für Saddam Hussein oder George W. Bush? Operation Iraqi Liberation konnten die Militärs den Krieg nicht nennen, die Abkürzung hätte gelautet: OIL. Sarkasmus?! Der politische Witz bringt es auf den Punkt: "Rumsfeld will nach dem Krieg die Teilung des Irak in vier Zonen. Die heißen dann: Normal, Super, Superplus und Diesel." - Füreinander sterben?

Im Sinne des Johannesevangeliums heißt füreinander sterben etwas anderes als Menschenopfer: voneinander leben, geben und empfangen, füreinander sein wie Brot - wie Jesus es für uns war und ist. Sein Sterben und Leben vor Augen können wir uns schon heute zurufen: "Frohe und gesegnete Ostern!" Und: "Lätare - freu dich!" - nicht im Kasernenhofton, sondern so wie eben am Sonntag Lätare:

Da machte der Papst eine Prozession mit einer Goldenen Rose in der Hand, und alle Leute kamen angelaufen, um so etwas Wertvolles zu bestaunen, mitten in der Fastenzeit, in der es sonst keinen Prunk gab. Anschließend bekam sie der Päpstliche Kämmerer als Geschenk. Machen wir heute einen evangelischen Brauch daraus, der alle, die Jesus nachfolgen und denen heute schwer ums Herz ist, erfreuen soll:

Nehmen Sie sich gleich eine kleine Rose mit, mitten in der Passionszeit, nicht ohne Dornen, aber Vorbote von Ostern. Lätare - freu dich!
Amen.
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite