Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Palmsonntag über Joh 12, 12-19

Liebe Gemeinde!
Einige Jahre ist es her, auch da zogen wir am Palmsonntag wieder in die Jacobi-Kirche ein und kamen dabei an einem Holzschnitt vorbei. Ein christlicher Künstler aus Armenien hatte die Szene vom Einzug Jesu in Jerusalem in ein Stück Holz geschnitzt, nicht groß, etwa 1 m mal 1/2 m. Wir mußten es nach vorn holen, um das Bild genauer betrachten zu können: Jesus war da zu sehen, auf einem Esel, im Hintergrund die Stadt Jerusalem und eine Gruppe von Leuten, die ihm zujubelte. Nichts Besonderes war an dem Bild, bis auf eines - ein Einfall, auf den der Künstler besonders stolz war: In den Vordergrund hatte er einen Kameramann geschnitzt. Sein Kommentar: Wenn das heute passiert wäre, dann wäre doch eine Kamera dabeigewesen und er wolle zeigen, daß Jesus auch heute noch zu uns käme, bei uns Einzug hielte.

Liebe Gemeinde! Wie Bilder von einem Einzug aussehen, das konnten wir am Mittwochabend beobachten: Menschen jubeln und tanzen - ja, Jugendliche zogen sogar ihre T-Shirts aus, um die Sieger zu begrüßen. Hochrufe auf George W. Ein Plakat pries Bush als peacekeeper, die Statuen des Diktators wurden gestürzt. Das zeigten die Kameras. Sie zeigen auch die anschließende Anarchie, die Plünderungen, die Zerstörung ziviler Infrastruktur, das Faustrecht. Wir haben die Bilder - aber wir wissen nicht, wie es jetzt weitergehen wird. Wir verstehen das Chaos nicht und fragen uns: Warum?

Vom Einzug Jesu in Jerusalem haben wir keine vergleichbaren Bilder - was der armenische Künstler zu bedauern schien - und doch haben wir verstanden, was damals geschah, mehr verstanden als seine Zeitgenossen, für die der Einzug Jesu in Jerusalem - aus der Kameraperspektive betrachtet - lediglich eine kleine Episode war: Da kommt ein populärer, aber umstrittener Prediger aus Galiläa zum alljährlichen Pessachfest in die Hauptstadt. Einige verknüpfen damit Hoffnungen auf eine Wende und begrüßen ihn als den Messias: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!

Der König von Israel? Das muß in den Ohren der Mächtigen nach Aufruhr klingen. Taktisch halten sie sich zurück. Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, daß ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach. Der Evangelist Johannes aber weiß mehr, er sieht die Szene nicht aus der Perspektive eines Live-Mitschnitts, er schildert sie im Rückblick von Ostern. Deshalb kommentiert er: Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, daß dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte.

Was —standž denn —geschriebenž? »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«  Dieses Wort aus dem Propheten Sacharja zieht Jesus auf sich. Dadurch wird sein Einzug in Jerusalem eine Aktion mit symbolischer Bedeutung: Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9). Der Herrscher kommt nicht gepanzert und bewaffnet auf einem modernen römischen Streitroß, sondern auf einem Esel, dem Transportmittel des Volkes, das auch der alte König David benutzte. Nur wenige aber verstehen laut Johannes die Bedeutung dieser Szene, es sind jene, die schon eine andere Osterdemonstration miterlebt hatten, die Auferweckung des Lazarus: Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.

Jesus setzt also ein Zeichen - eine Kamera hätte das nur übermitteln können, verstehen muß es der Betrachter. Was sollen wir bei solchen Zeichen, solchen symbolischen Handlungen verstehen? Damals - und heute?

Der Sturz der Saddam-Statue vor dem Hotel Palestine in Bagdad war ja auch ein Zeichen, allerdings ein schlecht inszeniertes. Erst der Flaggenwechsel von der US-amerikanischen zur irakischen verdeutlichte die gewünschte Botschaft vom Sturz eines Diktators. Wir sollten verstehen: Hier kommen die Retter.

Die Retter?

—Gorbi, hilf unsž, erklang es 1989 auf den Straßen Berlins, und der Sieger im Yom-Kippur-Krieg, Ministerpräsident Menachem Begin, wurde von seinen Anhängern bejubelt als Melech Jisrael, als König von Israel. Nur wenig haben sich die Zeiten gewandelt. Auch Jesus wird begrüßt, wie Retter eben begrüßt werden - wie schon der Perserkönig Kyros, als er einst das alte Babylon eroberte: Hosianna! - d.h.: —Hilf uns!ž Auch Jesus wird begrüßt wie ein neuer Machthaber: Palmzweige, Symbole des Sieges halten die Menschen in den Händen.

Anders als eine Kamera überliefert das Evangelium nach Johannes mit den Bildern aber auch ihre Bedeutung: Hier kommt wirklich ein Sieger, sagt Johannes. Sein Einzug sieht darum aus wie die siegreich umjubelte Heimkehr in seine Stadt. Die Aktionen der Menschen mögen denen gleichen, mit denen Sieger seit allen Zeiten begrüßt werden, Fußballer, Popstars, Soldaten. Zwar mögen diese Aktionen zweideutig sein und ihre Akteure auch wankelmütig (dem —Hosiannaž folgt ja bald das —Kreuzigt ihn!ž) - aber hier kommt er wirklich, der legitime Herrscher, er kommt im Namen Gottes. Johannes deutet die kamerageeignete kleine Szene —ein Prediger wird von hoffnungsvollen Anhängern begrüßtž als Epiphaniegeschichte, als Ereignis vom Kommen Gottes, als Adventsereignis.

Darum haben wir heute Adventslieder gesungen, Lieder vom Kommen Gottes. Der christliche armenische Künstler hatte ja nicht unrecht: Auch heute gibt es ein Kommen Jesu in dem Namen des Herrn. Es ist sein Kommen, das wir im Gottesdienst begehen, wenn wir ihn mit den alten Zeichen begrüßen und mit dem Kommen Jesu in Wort und Sakrament die Herrschaft Gottes unter den Menschen ausrufen: Hosianna - hilf uns!

Nicht laut und häufig genug kann dieser Ruf erklingen, denn Gottes Herrschaft in Jesus Christus hat ja erst begonnen, hat sich noch nicht durchgesetzt. Noch herrschen andere Herrscher, Herrscher von eigenen Gnaden und solche, die ihre Herrschaft von der Zustimmung ihrer Völker ableiten können. Aber Herrscher im Namen Gottes sind sie darum noch lange nicht - auch nicht die christlichen Fundamentalisten mit ihrem Weltrettungsbewußtsein.
Der christliche Weg sieht hier nur einen, diesen einen, der ans Kreuz geschlagen wird. Er allein kommt im Namen Gottes. Ein Palmsonntag, sein Palmsonntag ist genug!

Jesu Weg ans Kreuz deutet das Johannesevangelium darum als Erhöhung - wir können das heute Abend in Johann Sebastian Bachs Johannespassion buchstäblich hören. Gottes Macht erscheint hier am Ort tiefster Erniedrigung - und nur deshalb stellen wir uns ein Kreuz vor Augen und feiern wir Jesu Tod. So taucht der Palmsonntag die kommende Woche ins rechte Licht. Was die Kamera nicht zeigt - auch nicht die des armenischen Künstlers auf seinem Holzschnitt vom Einzug Jesu in Jerusalem - das zeigt der Palmsonntag.

Und haben wir dann anderen Tod vor Augen - wie in den Bildern aus dem Irak - oder fehlen uns die Bilder - wie die vom millionenfachen Sterben im Kongo, des von der Weltöffentlichkeit übersehenen Krieges - Johannes läßt uns verstehen: Dieser eine Tod, der Tod Jesu, hat seine Auswirkungen gehabt auf alles Sterben. Er verhindert es nicht, aber er hat die totale Macht des Todes gebrochen. Der Tod kann uns nicht mehr von Gott trennen. Darum kann er uns nicht mehr ums Leben bringen. Jesu Tod ist unser Leben.

Darum beginnt diese Woche, die Karwoche, die stille Woche, die Leidenswoche, mit dem Paukenschlag des Palmsonntags: mit Bildern vom Advent, mit Bildern und Botschaften vom Kommen Gottes, mit dem Durchblick in Gottes Leben: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel! »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«
Amen.
 
 


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