Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt am 16. Sonntag nach Trinitatis über Joh 11, 1-45

Liebe Gemeinde!
"Gibt es ein Leben nach dem Tod?" Eine vielgestellte Frage. Wer einer Antwort ausweichen will - nach der Devise: nichts Genaues weiß man nicht - sagt häufig: "Es ist noch keiner zurückgekommen." Dem widerspricht das Evangelium von der Auferweckung des Lazarus und sagt: Lazarus ist zurückgekommen. Aber gibt das Evangelium bloß diese eine Antwort auf unsere Frage? Oder erfahren wir noch mehr über unser Leben? Hören wir die Erzählung noch einmal. Sie ist lang und vielschichtig. Stellen wir ihr unsere Fragen der Reihe nach - und hören wir ihre Antworten:

"Es lag aber einer krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Marta. Maria aber war es, die  den Herrn mit Salböl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar getrocknet hatte. Deren Bruder Lazarus war krank. Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank. Als Jesus das hörte, sprach er: Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern  zur Verherrlichung Gottes, damit der Sohn Gottes dadurch verherrlicht werde. Jesus aber hatte Marta lieb und ihre Schwester und Lazarus."

Drei Geschwister: Marta, Maria und Lazarus. Johannes spricht betont von Jesu Freundschaft mit ihnen. Wie wird es weitergehen? Jesus wird sich natürlich auf den Weg machen. Ein guter Freund ist krank. Wer ginge da nicht gleich zu ihm - besonders, wenn er sowieso unterwegs ist und Menschen heilt?

"Als Jesus nun hörte, daß er krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er war; danach spricht er zu seinen Jüngern: Laßt uns wieder nach Judäa ziehen! Seine Jünger aber sprachen zu ihm: Meister, eben noch wollten die Juden dich steinigen, und du willst wieder dorthin ziehen? Jesus antwortete: Hat nicht der Tag zwölf Stunden? Wer bei Tag umhergeht, der stößt sich nicht; denn er sieht das Licht dieser Welt. Wer aber bei Nacht umhergeht, der stößt sich; denn es ist kein Licht in ihm.
Das sagte er, und danach spricht er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft, aber ich gehe hin, ihn aufzuwecken. Da sprachen seine Jünger: Herr, wenn er schläft, wird's besser mit ihm. Jesus aber sprach von seinem Tode; sie meinten aber, er rede vom leiblichen Schlaf. Da sagte es ihnen Jesus frei heraus: Lazarus ist gestorben; und ich bin froh um euretwillen, daß ich nicht dagewesen bin, damit ihr glaubt. Aber laßt uns zu ihm gehen! Da sprach  Thomas, der Zwilling genannt wird, zu den Jüngern: Laßt uns mit ihm gehen, daß wir mit ihm sterben!"

Warum ist Jesus nicht sofort aufgebrochen? Die Gefahr der Steinigung war es nicht, die ihn davon abhielt. Die vorsichtigen Jünger bekommen ein rätselhaftes Wort zu hören, ein Wort über Licht und Finsternis. Der Evangelist deutet damit an: Jesus ist das Licht - ihm droht keine Gefahr. Die Jünger aber verstehen nicht - wie üblich. Ihnen ist klar: Uns allen droht der Tod. Und dann müssen sie auch noch hören: Lazarus ist nunmehr tot. Und das sei gut so. Wer soll das verstehen? - Der Evangelist Johannes läßt aber schon drei Gründe für Jesu Verhalten durchblicken: Es geht darum, daß Gott verherrlicht wird, daß der Sohn Gottes verherrlicht wird und darum, daß die Jünger glauben.

"Als Jesus kam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen. Betanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa eine halbe Stunde entfernt. Und viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders. Als Marta nun hörte, daß Jesus kommt, geht sie ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen. Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben. Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Marta spricht zu ihm: Ich weiß wohl, daß er auferstehen wird - bei der  Auferstehung am Jüngsten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, daß du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist."

Jetzt wird deutlicher, warum Jesus nicht sofort aufbrach, um seinen Freund Lazarus zu heilen - aus (im Wortsinn) "theologischen" Gründen, d.h. wg. Gott: An Lazarus soll Gottes Macht über den Tod demonstriert werden. Zuvor aber geht es um den Glauben, den Glauben Martas. Sie bekennt den jüdischen Glauben an die endzeitliche Auferstehung der Toten. Zwar "ist noch keiner zurückgekommen" - aber dereinst wird Gottes Macht die Toten wieder ins Leben rufen. So wird Gott verherrlicht.

Aber Marta bekennt auch: Jesus ist der Messias, der Christus, der Sohn Gottes. Gott wird ihm geben, worum er bittet. So wird auch Gottes Sohn verherrlicht. Und Jesus proklamiert: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.

Eine Kurzpredigt über Leben und Tod. Diese Worte begleiten seit alters auch unsere Verstorbenen und ihre Angehörigen ans Grab. Und so bekommen wir schon eine Ahnung, warum Johannes diese Auferweckung vom Tode so erzählt, wie er sie erzählt: Es geht darum, daß Gott verherrlicht wird, daß der Sohn Gottes verherrlicht wird und darum, daß die Jünger glauben.

"Und als sie das gesagt hatte, ging sie hin und rief ihre Schwester Maria heimlich und sprach zu ihr: Der Meister ist da und ruft dich. Als Maria das hörte, stand sie eilend auf und kam zu ihm. Jesus aber war noch nicht in das Dorf gekommen, sondern war noch dort, wo ihm Marta begegnet war. Als die Juden, die bei ihr im Hause waren und sie trösteten, sahen, daß Maria eilend aufstand und hinausging, folgten sie ihr, weil sie dachten: Sie geht zum Grab, um dort zu weinen. Als nun Maria dahin kam, wo Jesus war, und sah ihn, fiel sie ihm zu Füßen und sprach zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, ergrimmte er im Geist und wurde sehr betrübt und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh es! Und Jesus gingen die Augen über. Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er ihn lieb gehabt! Einige aber unter ihnen sprachen: Er hat dem Blinden die Augen aufgetan; konnte er nicht auch machen, daß dieser nicht sterben mußte? Da ergrimmte Jesus abermals und kam zum Grab. Es war aber eine Höhle, und  ein Stein lag davor. Jesus sprach: Hebt den Stein weg! Spricht zu ihm Marta, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen. Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? Da hoben sie den Stein weg. Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: Vater, ich danke dir, daß du mich erhört hast. Ich weiß, daß du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sage ich's, damit sie glauben, daß du mich gesandt hast. Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löst die Binden und laßt ihn gehen! Viele nun von den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn."

Unglaublich, dieses Wunder, meinen die Zweifler bis heute, die immer noch sagen: "Es ist noch keiner zurückgekommen". "Doch, Lazarus", könnten ihnen die Gläubigen bekanntlich entgegenhalten. "Und was haben wir davon"? könnten die Zweifler als nächstes fragen. Antwort darauf gibt das Johannesevangelium mit der Geschichte von der Auferweckung des Lazarus.

Zunächst aber betont sie, daß Lazarus wirklich tot ist. Nach drei Tagen ist kein Zweifel möglich, keine Verdrängung oder Beschönigung, Lazarus schlafe nur. Herr, er stinkt schon. Das hier ist keine Totenerweckung light, die sich weginterpretieren ließe: wg. Scheintods oder so. Wie bei Jesu Kreuzigung wird deutlich: Der Tote ist wirklich tot - und damit erst kommt der Gott des Lebens ins Spiel.

Und der erweckt nicht nur Jesus aus dem Tod ins Leben, sondern auch seine Freunde. Das ist der Punkt, den Johannes mit der dramatischsten und drastischsten aller Geschichten von Totenerweckungen setzt. Darum "mußte" Lazarus sterben.
Warum? Weil erst seine Auferstehung wirklich zeigt, was auch den Jüngern Jesu beschieden ist: daß Jesu Sterben und Auferstehen kein Einzelfall ist, daß es auch uns gilt. Darum kann Jesus sich nicht nur mit der Predigt an Marta und ihrem Glauben begnügen. Darum muß Jesus so weit gehen. Darum muß er demonstrieren, was dieser Glaube bewirkt: Leben. Leben ist möglich, Leben im Vollsinn - nicht nur ein neues Leben, das erst nach dem Tod beginnt, sondern ein Leben, das dem leiblichen Tod schon die tödliche Kraft nimmt: Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Am Ende der Erzählung wissen wir: Nicht nur Lazarus lebt - auch Marta und Maria und viele ... von den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat

Klingt das nicht irgendwie märchenhaft, dieser Umgang Jesu mit Tod und Leben? "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute"? Ungläubige würden sie wohl allenfalls als gutgemeinte Märchen durchgehen lassen. Die biblischen Berichte von Jesu Totenerweckungen regten zwar wirklich fromme Volksmärchen an wie das vom Schneewittchen mit seinem todesähnlichen Schlaf und seiner Erweckung durch den Prinzen, aber die Erweckung des Lazarus ist mehr als ein Märchen, das in erzählerischer Gestalt bloß eine überzeitliche Wahrheit verkündet, wie es die übliche Schlußformel bei Märchen ja andeutet. Hier geht es um die Erfahrung von Gottes Herrlichkeit, die Erfahrung von der aus dem Tod rettenden Macht Jesu. Lazarus wird ja nicht einmal gefragt. Das Evangelium will sagen: Jesus kann nicht nur Tote erwecken, er kann uns Gott zeigen. Und erst das ist unser Leben. Es ist der Gedanke unseres Wochenspruches: Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.

Irgendwann ist Lazarus, das Demonstrationsobjekt für Gottes Macht, dann auch wieder gestorben. Aber Jesus hat gezeigt: Sein Tod ist - wie auch unser - Tod im Leben Gottes aufgehoben. Nicht der Tod hat das letzte Wort oder die Kommentare der Menschen - sondern Gott.

Es gibt also ein Leben nach dem Tod - aber auch schon eines vor dem Tod, eines, das diesen Namen erst wirklich verdient und mehr ist als bloßes Dahinvegetieren und -konsumieren: das Leben im Glauben an Christus, den Messias, den Sohn Gottes.

Leben hat eine neue Definition: nicht Herzschläge oder Gehirnströme machen unser Leben aus, sondern Jesus selbst ist das Leben. Wenn wir Jünger an ihn glauben, wird Gott verherrlicht und wird der Sohn Gottes verherrlicht, sehen wir Gottes Herrlichkeit - und wir leben.

Und jene von damals: Lazarus, Marta, Maria und die anderen? Sie sind gestorben - und leben noch heute.
Amen.
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite