Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Miserikordias Domini über Joh 10, 11-16

Liebe Gemeinde!
Hören wir noch einmal den heutigen Predigttext:
Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verläßt die Schafe und flieht - und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

Liebe Gemeinde, nein, heute darf ich sagen: liebe Schafe!
In der Alten Kirche gab es einen besonderen Brauch, der den Gedanken des heutigen Sonntags illustriert: den Brauch, den Täuflingen ein Glas zu überreichen, ein Gefäß mit Milch und Honig. Bei Ihrer Taufe haben sie es getrunken - als Vorgeschmack auf das verheißene Land, in dem Milch und Honig fließen, als Vorgeschmack auf das wiedergewonnene Paradies. Und hatten sie es bis zum Boden geleert, kam dort ein Bild zum Vorschein, das Bild des Guten Hirten. Dieses Glas behielt man nach der Taufe. So begleitete einen dieses Motiv des Guten Hirten sein Leben lang.
 
Auch heute geht es vielen Christinnen und Christen ähnlich: Jesus - der Gute Hirte, dieses eingängige Motiv lernt man schon als Kind kennen und lieben, man hat es als Bild vor Augen - Jesus, ein Schaf auf der Schulter, um den Hals gelegt. Ps 23 "Der Herr ist mein Hirte" lernt jeder Konfirmand, und auch der heutige Sonntag "Vom Guten Hirten" trägt dazu bei, daß Jesus uns als Hirte seines Volkes vor Augen steht. Die frühesten Darstellungen Jesu Christi in den Katakomben zeigen ihn als den Guten Hirten. Jesus - das ist der Gute Hirte. Aber was macht ihn eigentlich zum "Guten Hirten"? Was ist das Besondere an ihm?

Einen guten Hirten in Israel habe ich selbst einmal gesehen. Es war am Fuße der alten Festung Massadah am Toten Meer. Da zog ein Hirte mit seiner Herde durch einen trockenen Flußlauf. Eines der Schafe entfernte sich von den anderen und blieb zurück - da ging der Hirte den ganzen beschwerlichen Weg zurück, nahm es Huckepack und holte das Schaf wieder zu den anderen.

Wenn das Evangelium nach Johannes Jesus den "Guten Hirten" nennt, ist das aber mehr als nur ein Vergleich mit einem solchen Hirten: So vollkommen erfüllt Jesus dieses Amt, daß er buchstäblich der Inbegriff des Guten Hirten ist. Er ist das Vorbild, das Urbild. So muß ein Hirte sein.

Der Begriff hat seine Geschichte: Als seinen Hirten bezeichnete Israel in erster Linie Gott. Auch menschliche Herrscher konnten zwar Hirten genannt werden - meist wurden sie dann aber - wie in der heutigen Lesung - im gleichen Atemzug kritisiert, daß sie ihre Hirtenaufgabe schlecht erfüllten, besonders der jeweils regierende König. Ein König, der den Namen Hirte wirklich verdienen würde - das war die große Hoffnung.

Im Johannesevangelium steht der Gute Hirte aber nicht als König, als Herrscher vor Augen (und auch nicht die Leitungsaufgabe des Pastors), sondern Hirte ist hier der, der sein Leben gibt für seine Schafe. Anders als ein Berufshirte: Jesus läuft nicht davon, wenn es ernst wird. Das macht ihn zum "Guten Hirten". Für seine Schafe setzt er sein Leben ein. Jesus setzt sich ein, läßt sein Leben für seine Schafe. Warum?

Er kennt sie und sie kennen ihn - wie ihn der Vater kennt und er den Vater. Das Verhältnis von Jesus und seinem Vater wird zum Modell für das Verhältnis von Jesus und den Seinen: Man kennt sich. Man hat ein Verhältnis. Man gehört zusammen. Sich zu kennen - das steht wie eine Überschrift über Jesus und den Seinen. Wir kennen Jesus - weil er uns kennt. Kennen, das meint eine große Vertrautheit, eine Beziehung. Jesus liebt dich, d.h.: Jesus kennt dich! Lieben, kennen - das meint eine enge Gemeinschaft, die auch uns dazu zählt, als ob wir zum Volk der Juden gehörten.
Ja, auch uns: Denn die anderen Schafe, die auch zur Herde Jesu gehören, neben denen aus "diesem Stall" - das sind wir, die Heiden, die mit dem Volk Israel die eine Herde Jesu bilden. An diese eine Herde aus Juden und Heiden hat jedenfalls das Johannesevangelium gedacht, nicht an die heutige Vielfalt christlicher Gemeinden und Kirchen. Dennoch: Sollen wir heute diese Worte Jesu als Mahnung zur Einheit verstehen, als Ruf in die Ökumene, also darauf hinarbeiten, daß eine Herde und ein Hirte werden?

Jedenfalls sagt Jesus hier, welche Einheit notwendig ist: die Einheit der Herde unter dem einem Hirten Jesus - nicht die Einheit unter einem Oberhirten, sei der nun in Rom oder anderswo. Die Einheit der Herde hängt an dem einen Hirten. Je näher wir Christus sind, desto mehr sind wir eins untereinander. Das ist unser aller Ziel: dem Hirten Jesus folgen. Er ist unsere Einheit. Mehr braucht man nicht, nur ihn.

Dem heutigen Predigttext folgen dann noch einige wichtige Sätze von diesem Hirten: Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, daß ich's wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich selber lasse es.  Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wiederzunehmen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater.

Das Johannesevangelium spricht hier noch einmal von Jesu Hirten-Amt: Der gute Hirte "läßt" und "nimmt" sein Leben. Jesus gibt sein Leben nicht, weil das sein Schicksal ist oder weil sein Tod über ihn verhängt ist, sondern aus freiem Willen, der Gottes Willen entspricht - und darum kann er sein Leben auch wieder "nehmen". Auch im Sterben ist Jesus nicht ohne Vollmacht Gottes. So kann er sterben und leben, sein Leben "lassen" und "nehmen".

Für gewöhnlich stellen wir uns das so vor: Jesus stirbt nach dem Fleisch, aber seine unsterbliche Seele lebt weiter und zieht einen neuen, verklärten Leib an. Sterblicher Leib, unsterbliche Seele - als hellenistischer Philosoph konnte man so denken. Aber als Christ? Dann wäre Jesus doch gar nicht gestorben, sondern nur sein Körper? Christen, die so dachten, galten in der Alten Kirche als Irrlehrer. Jesus hatte doch eine menschliche Seele. Darum drehte der große Theologe Augustin den Satz um und gab die Worte des Johannesevangeliums so wieder: Das Fleisch Jesu legte die Seele ab und nahm sie wieder zu sich - in der Kraft Gottes. Gottes Macht bleibt also nicht auf die Seele beschränkt. Was die alten Philosophen nicht zu denken gewagt hätten, kann mit Johannes gesagt werden: Gott gab sein Leben für die Seinen.

Jesus, der in Freiheit sein Leben hingibt und es in Gottes Vollmacht wieder an sich nimmt, bleibt auch im Sterben der aktiv Handelnde, weil er der Sohn ist, der wie der Vater die Toten auferweckt. Das ist es, was den Guten Hirten ausmacht: Als Kenner des Vaters, d.h. in Gemeinschaft mit dem Vater, kann er sein Leben geben und nehmen. Und als Kenner des Sohnes, d.h. in Gemeinschaft mit Jesus, ist das auch unser Weg: Wir sterben - ohne Gottes Leben zu verlieren, wenn wir ein Verhältnis zu Jesus haben: zu unserem guten Hirten. Er ist unser Begleiter, ein vertrauter Führer im Leben und Sterben. Für uns, seine Schäfchen, gilt es bloß, den lieben Gott den Guten Hirten sein zu lassen!

Darum war es ein wirklich aufschlußreicher Brauch, dem Täufling ein Glas mit Milch und Honig zu verabreichen, bis er am Grunde des Glases das Bild des Guten Hirten erblickte, das ihn durch Leben und Sterben begleitete. Ja, auch durchs Sterben: Bei der Beerdigung wurde das Bild des Guten Hirten am Grab befestigt. So begleitete einen dieses Motiv des Guten Hirten sein Leben lang - und darüber hinaus.
Amen.
 
 


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