Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Reminiszere über Jes 5, 1-7

Liebe Gemeinde!
Kann man heutzutage noch eine Bußpredigt halten? Ich glaube nicht. Buße - das klingt einfach zu negativ. Jetzt werden Sie mir vielleicht widersprechen: Anlässe dazu gäbe es doch in Hülle und Fülle. Ist es denn nicht die Regel geworden, Regeln zu mißachten? Rotlicht an der Ampel ist doch bestenfalls ein Vorschlag, die Haftpflichtversicherung (teuer, wie sie ist) muß alle Jahre wieder ersetzen, was im Haushalt kaputtgeht ­ unter Anwendung kleiner Tricks, versteht sich. Und Schwarzfahren bei der BVG? Muß man doch geradezu - bei den Preisen! Ist also doch die Zeit für eine Bußpredigt gekommen?

Kirchlich gesehen, haben wir jetzt ja wirklich eine Zeit der Buße, sind diese Wochen vor Ostern eine Einladung zu Besinnung, Umkehr und Buße - und viele haben den Vorsatz zu einem persönlichen Verzicht gefaßt: 7 Wochen ohne! Also keine Zigaretten, kein Alkohol, keine Süßigkeiten! Ist das nicht was mit Buße zu tun? Wie kann ich da sagen: Ich glaube nicht, daß man heutzutage noch eine Bußpredigt halten kann? Das liegt daran, daß wer heute Verzichten übt, aus dem umfassenden Vorgang der Buße auswählt, was ihm in den Kram paßt. Buße wird reduziert aufs Verzichten, Buße wird kastriert. Als Kind habe ich dagegen die fünf Bs gelernt: besinnen - bereuen - bekennen - bessern - büßen. Das alles zusammen erst macht die Buße komplett. Also erstens nachdenken: —Was mache ich falsch?ž Dann sich davon distanzieren, es aussprechen, einen Vorsatz zu verändertem Verhalten fassen und dann noch etwas Gutes tun, als Bonus sozusagen. Und das alles vor Gott, versteht sich.

Das klingt natürlich katholisch - und ist es auch. Aber auch Martin Luther hat die Buße keineswegs abgeschafft, sondern reformiert. Hier im Gesangbuch steht, wie das geht, Beichte auf evangelisch, ab Nr. 792. ... Mühelos lassen sich hier die fünf Bs wiederfinden - nur daß das Ganze eben kein verdienstliches Werk mehr ist, sondern Glaubenspraxis, Glaube praktisch; nicht Aktion, um Gott gnädig zu stimmen, sondern Reaktion auf das Entgegenkommen Gottes. Soweit Luther.

Erst wir modernen Menschen fangen an auszuwählen: Sieben Wochen ohne Schokolade - geht es mir dabei eigentlich noch um Gott, oder trainiere ich damit nur mein Ego: wieder eine Woche geschafft!? Leistung, nur um mich wieder in Form zu bringen und mich gut zu fühlen, ist noch keine evangelische Buße. Also doch keine gute Zeit für Bußpredigten, die Zeit heute - es sei denn, wir stellen es geschickter an. Können wir vom Propheten Jesaja lernen?

Der sang ein Lied, das Lied vom Weinberg. Lieder haben in seiner Kultur Tradition - von den Psalmen bis heute. Sie sprechen alle an, alt und jung. Jesaja versucht es mit einer Art Bänkelgesang, mit einem Protestsong gegen das Verhalten seines Volkes. Gottes Volk Israel wird da mit einem Weinberg verglichen: Gott hat buchstäblich alles für diesen Weinberg, sein Volk, getan. Aber wo bleiben die guten Früchte? Der Trick mit dem Lied funktioniert. Das Volk Israel muß sich selbst das Todesurteil sprechen: Mit diesem Weinberg ist nichts mehr los. Er muß zerstört werden. In Liedform also eine Bußpredigt, ja eine Drohpredigt: Bringt endlich gute Früchte! Haltet den Bund Gottes! Sonst ist es aus mit euch.

Kann man das heutzutage noch irgendwie rüberbringen? Wohl nicht dadurch, daß ich jetzt anfange, das Lied vom Weinberg singen oder zu rappen - auch nicht durch bloße Wiederholung seiner Worte, obwohl das gelegentlich versucht wird: Ganz im Stil Jesajas hat vor einigen Jahren ein Berliner Lokalpolitiker seinen Wahlkampf geführt - als Bußpredigt. Obwohl er gar nicht so massiv auftrat wie ein Prophet vom alten Schlage - was hat er nicht alles einstecken müssen: Er solle die Religion aus der Politik heraushalten und das Predigen den Pfarrern überlassen, sein Fundamentalismus sei undemokratisch und intolerant, er sei ausländerfeindlich. Die ganze Palette der Argumente unserer Gutmenschen. Am Ende versuchte man ihn zu psychiatrisieren...

Nein, es ist wirklich keine Zeit für Bußprediger. Auch wenn am Platz der Luftbrücke Fahrtrichtung Norden noch ein letzter Abfallbehälter hängt mit dem Aufkleber: "Tut Buße!" Buße? Büßen wir nicht schon genug?

Jedenfalls können wir es einfach nicht ertragen zu hören, wir seien an unserem Elend selbst schuld, an der gefühlten Gottlosigkeit und am Neuaufleben bedrohlicher Religion aus Fundamentalistenkreisen oder an bloß gespielter Religion: von der Astrologie zur Hexerei. Und schon gar nicht können wir hören, daß die gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen bis hin zu den leeren Staatskassen vielleicht deshalb gestört sind, weil auch unser Verhältnis zu Gott nicht stimmt, weil wir den Bund nicht halten, den er bei unserer Taufe auch mit uns geschlossen hat. Wir aber wollen mehr voneinander nehmen als geben und schon gar nicht alles von IHM erwarten. Wir sind doch nicht schuld. Schuld sind die Verhältnisse... Wir sind Opfer. Bleibt mir vom Hals mit dem Thema Buße.

Da höre ich im Radio ein Lied: - Ich und ich, dienen -

Was ist das für ein Lied? Ein Liebeslied - ja. Zugleich aber auch ein Ruf zur Buße. Hören Sie noch einmal den Text:
Du sagst, Du beugst Deine Knie vor Niemand
Du sagst, dass Dich Niemand bestimmt
Du sagst, Du bewegst Deinen Arsch für Niemand
Und dass Niemand Dir was nimmt
Du sagst, Du verschenkst Deine Zeit an Niemand
Und das Du auf Niemand schwörst
Du sagst Deine Liebe bekommt Niemand
Das Du Niemand gehörst

Du wirst irgendwann jemandem dienen
Jemand der weicher ist und zarter als Du
Du wirst irgendwann jemandem dienen
Jemand der weiser ist und stärker als Du

Ich weiss, Du bist der Sklave von Niemand
Und dass Dich Niemand regiert
Du bist der Affe von Niemand
Weil Niemand Dich dressiert
Du bist nur Dreck für Niemand
Weil Deine Liebe Niemand heisst
Du musst Dich trennen von Niemand
Weil Niemand auf Dich scheisst

Dein armes krankes Herz wird in Liebe getränkt sein
Jede Herrlichkeit auf Erden wird auch Dir geschenkt sein
Jemand liebt Dich

Auch Du wirst irgendwann jemandem dienen
Jemand der weicher ist und zarter als Du
Du wirst irgendwann jemandem dienen
Jemand der weiser ist und stärker als Du

Auch Du wirst irgendwann jemandem dienen
Jemand der weicher ist und zarter noch als Du
Du wirst irgendwann jemandem dienen
Jemand der weiser ist und stärker noch als Du

Dein armes krankes Herz wird in Liebe getränkt sein
Jede Herrlichkeit auf Erden wird auch Dir geschenkt sein
Sieh die Wunder und die Zeichen sind schon geschehen
Jemand liebt Dich und wird an Deiner Seite gehen

Auch Du wirst irgendwann jemandem dienen
Jemand der weicher ist und zarter noch als Du
Du wirst irgendwann jemandem dienen
Jemand der weiser ist und stärker noch als Du

Jemand liebt Dich
Jemand liebt Dich und wird an Deiner Seite gehen
Jemand liebt Dich und wird an Deiner Seite gehen

Das Duo "Ich und ich", Text und Musik sind von Anette Humpe. (Manche werden sie noch als Schlagersängerin kennen. Heute abend ist sie mit ihrem Partner Adel Tawil für den Echo nominiert.) Wieso ist dieses Liebeslied ein Ruf zur Buße? Man weiß zunächst nicht genau, von wem der Text da eigentlich spricht: Es geht um eine große Liebe - aber geht es um einen geliebten Menschen, oder geht es um Gott? Der Text ist jedenfalls gesättigt mit religiöser Sprache: Da ist die Rede vom Kniebeugen, von geschenkter Herrlichkeit, von Wunder und Zeichen - vor allem aber vom Dienen. Was das Lied aber besonders auszeichnet und zum gelungenen Beispiel eines Bußrufes macht: Hier wird auf keinen eingeredet, was er alles falsch mache, sondern seine künftige Änderung vorweg - geradezu prophetisch - als gelungen beschrieben: "Du wirst irgendwann jemandem dienen, der weiser und stärker ist als du...". Von der Zukunft her, vom Besseren her wird klar, was an der Gegenwart nicht stimmt, an dem heute scheinbar doch so schlüssigen Lebensentwurf, sein eigener Herr zu sein. Dieser jemand, das könnte ein geliebter Mensch sein - oder auch Gott. Auf den weist die doppelte Beschreibung hin: weicher und zarter - weiser und stärker. Darum also geht es beim Duo "Ich und ich", bei manch anderen modernen Liebesliedern (bei Xavier Naidoo oder Oomph) - und bei Jesaja: frei zu werden durch Gottes-Dienst. Und dann klappt's auch mit dem Nachbarn.
Und so wird das evangelisch, evangelische Buße, wie Jesus sie lebte: ganz von Gott erfüllt auf die Menschen zugehen. Buße, das ist also nicht einfach Verzichten, also ein Weniger statt ein Mehr; Buße ist Umkehr zu Gott; Buße heißt, sich Gott gönnen. Und mehr geht nicht.

So kann dann auch Bußpredigt gelingen - als Aufforderung, mal wieder bewußt ein Liebeslied zu hören, als freundlicher kleiner Rippenstoß: "Du machst das schon! Du kriegst das schon hin! Mach es wie Gott: Werde Mensch!"
Amen.
 
 


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