Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Sexagesimae über Jes 55, 10-12a

Liebe Gemeinde!
Sind menschliche Worte eigentlich Schall und Rauch - oder bewirken sie etwas? Und wie steht es mit Gottes Wort? Wirkt es nur, wenn man daran glaubt, oder hat es auch so Macht? Das kommt darauf an, werden Sie in beiden Fällen sagen- aber worauf? Sehen wir uns ein paar Beispiele an: —Ich liebe dichž. Ein solcher Satz erzielt doch wohl seine Wirkung. Aber was, wenn meine Liebeserklärung auf keine Gegenliebe stößt? Dann kann ich sie noch so häufig wiederholen, wie ich will - aber nichts passiert. Wie ist es mit einem Schimpfwort? Das tut doch wohl seine Wirkung. —Du Hund!ž Das kann ja wirklich eine schwere Beleidigung sein, die einen teuer zu stehen kommt - gegenüber Verkehrspolizisten kostet schon ein Wort wie —amtlich bestellter Wegelagererž schnell ein paar Hundert Mark - es kann ein solches als Beleidigung gedachtes Wort aber auch an jemandem abperlen wie Wasser. Dann warŽs nichts mit der geplanten Beleidigung. Was wirken Worte?

Angenommen, jemand steht vor Gericht und hört: —Im Namen des Volkes - der Angeklagte wird freigesprochen.ž Dann kann er in der Regel davon ausgehen, daß dieses Wort auch genau diese Wirkung hat. Er ist dann nämlich frei. Anders allerdings der Fall vor dem Amtsgericht Tiergarten (vor einigen Jahren hat er sich wirklich so zugetragen): In einem Streit über einen geringfügigen Autounfall plädiert der junge Rechtsrefendar gegen den Angeklagten: —Und hiermit beantrage ich die Todesstrafe.ž Der Angeklagte wird leichenblaß und fällt beinahe um. (So wirksam können Worte denn auch sein.) Dann wird er aufgeklärt, der Neuling habe sich aufgrund einer Wette nur einen Spaß machen wollen. (Das ganze hatte dann natürlich noch ein Nachspiel: Der Referendar wurde prompt aus dem Dienst entfernt. - Seine Worte haben also tatsächlich etwas bewirkt - wenn auch nicht das, was sie sagten.) Woran hängt es, ob Worte eine Wirkung haben oder nicht - und ob dies dann auch die gewünschte ist?

Es liegt an der Beziehung, daran, in welchem Zusammenhang ein Wort steht: —Ich liebe dichž - das bringt zum Ausdruck, was schon da ist an Beziehung zwischen zwei Menschen. Sie schafft sie nicht erst völlig neu aus dem Nichts. Aber diesen Ausdruck braucht es dann auch, nicht immer - aber immer öfter. Und: —Sie sind freigesprochenž, das tut seine beabsichtigte Wirkung nur am Ende eines geordneten Gerichtsverfahrens. Aber dann ist dieses Wort auch nötig, um das Verfahren zu Ende zu bringen. Worte sind mächtig im Rahmen der passenden Beziehung.

Wie steht es nun mit Gottes Wort? In unserem heutigen Predigttext aus dem Propheten Jesaja heißt es:
—Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und läßt wachsen, daß sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.ž Die Wirkung von Gottes Wort wird hier mit der von Regen und Schnee verglichen. Dabei ist der Vergleich nicht ganz korrekt ausgeführt - natürlich kehren auch Regen und Schnee verdunstet wieder in die Wolken zurück (weshalb der beliebte Prediger Johann Ludwig Kosegarten, der vor 300 Jahren in Titte auf Rügen seine viel gerührten Uferpredigten hielt, an dieser Stelle abzuschweifen pflegte, um seiner Gemeinde eine Vorlesung über Meteorologie zu halten). Aber auch so verstehen wir, was Jesaja sagt: Gottes Wort kommt nicht leer zurück, wie ein Bumerang, der sein Ziel verfehlt, sondern hat Wirkung. Es erreicht sein Ziel.

Welches Ziel will Gottes Wort erreichen? Das kommt darauf an: mal will es mahnen, mal trösten wie hier beim Propheten Jesaja - aber immer will es Menschen bewegen. Das Neue Testament nennt diese Bewegung Glaube. Auch Gottes Wort ist also mächtig im Rahmen der passenden Beziehung. Diese heißt Glaube. Seine Besonderheit aber besteht nun darin, daß Gottes Wort Glauben bewirkt. Es ist kreativ, es schafft Gläubige. Wenn Gott sagt: —Ich liebe dichž, dann entsteht diese Liebe, wenn er sagt: —Du bist frei!ž, dann ist ein Mensch frei.

Zur Verwunderung (und manchmal auch zum Ärger) aller anderen - die meist auch von sich sagen, sie glaubten, sie hätten nämlich ihren Glauben - bewirkt Gottes Wort also wirklich etwas: nämlich den Glauben an Gott. Und so beweist es geradezu Gott; denn wenn Menschen bekennen: — Ich glaube an Gottž, dann geben sie aller Welt zu verstehen, daß Gott ihnen wirklich ist. Gottes Wort wirkt also nicht unter der Voraussetzung, daß man glaubt - es bewirkt, daß man glaubt. Die Gläubigen als Gottesbeweis. —Ich glaube, also bin ichž - ein Gläubiger. Diese Macht hat Gottes Wort: Es schafft die Beziehung zwischen Gott und Mensch.

Neulich diskutierten zwei Studenten in einer Arbeitsgruppe über die Macht von Gottes Wort. Ihr Idee: Angenommen, ein Indianerstamm am Amazonas, der noch nie Kontakt zu anderen Menschen hatte, also auch noch nichts von Jesus Christus gehört haben kann, findet auf seiner Wanderung durch den Regenwald eines Tages eine Bibel. Ob es wohl passieren könne, daß sie darin lesen und sich aufgrund bloßer Lektüre dazu entschließen könnten, an Christus zu glauben? Als die beiden mir dieses - sehr theoretische - Exempel zur Entscheidung vorlegten (woher können die eigentlich lesen und wie kann die Bibel in ihrer Sprache verfaßt sein?), fiel mir ein anderes ein, das vor Jahren hier wirklich geschehen ist. Eine junge Erwachsene, aufgewachsen ohne religiöse Erziehung, will sich taufen lassen. Woher sie vom christlichen Glauben gehört habe, frage ich sie. Diese Bibelfilme im Fernsehen hätte sie immer gesehen, also die, die —hätten wasž.

Das hat was - das ist wohl die Berliner Art zu glauben, auch an Jesus Christus zu glauben. Und dieser Glaube stirbt eben nicht aus, weil Gottes Wort ihn schafft, manchmal auf recht ungewöhnliche Weise - zum Befremden der Frommen, die eine kirchlich geordnete christliche Erziehung bevorzugen, zur gelinden Verzweiflung der Ungläubigen, die sich ihrer beständig wachsenden Mehrheit so sicher waren. Beide müssen zu ihrer Ernüchterung erleben, daß Gott selbst den Glauben an sich bewirkt - auch nach den Schrecken des 20. Jahrhunderts, auch nach den Sünden der Kirche, die Fromme wie Unfromme nicht müde werden anzuprangern.

Und während beide noch damit beschäftigt sind und viel Kraft darauf verwenden, die sogenannte Unmöglichkeit des Glaubens zu beschwören, da hat Gott schon wieder den Beweis seiner Existenz geliefert und Menschen dazu angestiftet zu sagen: —Ich glaube an Gott.ž Von Gläubigen und Ungläubigen müssen sie sich dann sagen lassen, wie eigentlich unmöglich das sei, und man könne doch heute eigentlich gar nicht mehr glauben - dennoch erlischt die Flamme des Glaubens nicht. Eigentlich schade für allen Unglauben, er hat doch so gute Argumente und versucht mit allen Mitteln, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Beispiel:

Es soll im Juni wieder eine —Lange Buchnacht in der Oranienstraßež geben. Können wir da vielleicht mitmachen? Die Veranstalter geben durchaus zu, das auch wir wohl irgendwie was mit einem Buch zu tun haben könnten ? aber bitte, ob es denn immer gleich so ernst sein müssen? Ihr Vorschlag: eine Lesung in der Manier von Harry Rowohlt mit dem Titel: Die —schweinischenž Stellen des Neuen Testaments.

Mal abgesehen davon, daß ich nicht genau weiß, welche das sind - das Bildwort —Perlen nicht vor die Säue zu werfenž kann doch wohl nicht gemeint sein, das würde sich gegen die Kritiker selber wenden - aber wie gesagt, mal abgesehen davon: Sollen wir uns nun ärgern, daß man uns nur noch eine Existenz zugesteht, wenn wir unser Buch ironisch darstellen - oder sollten wir darauf vertrauen, was Gott dem Prophet zusagte: —Das Wort, das aus meinem Munde geht,... es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sendež?

Denn weder zum ersten Mal noch zum letzten Mal in der Geschichte des Glaubens schlagen aus der scheinbar erkaltenden Glut wieder Flammen: Zwei Überlebende des Dreißigjährigen Krieges, des ersten totalen Krieges der Menschheitsgeschichte, der mehr Zivilisten als Soldaten das Leben kostete, treffen sich im verwüsteten Weinberg ihres Heimatdorfes bei Freiburg im Breisgau. Sie fallen sich in die Arme. Ihre ersten Worte: —De alde Gott lebt noch.ž Der alte Gott lebt noch. (Seitdem trägt der Weinberg - übrigens der beste in der Gegend - diesen Namen: De alde Gott.)

Gott lebt noch, liebe Gemeinde - und es geht ihm (menschlich gesprochen) besser als je zuvor. Er findet neue Wege, sein Wort zu verbreiten. Z.B. diesen: Spreeradio 105,5 am Valentinstag. Ein ungewöhnlich freundlicher Tonfall, schon den ganzen Tag über: Tips für Liebende, wie man sich den Abend schön machen kann. Und dann von 12-13 Uhr: Ruft an, um Euren Liebsten einmal zu sagen, was nicht so gut war in der Beziehung. Denkt nach, was nicht so toll war, daß es Euch leid tut; dann ruft an und sagt es über den Sender, sagt, was Ihr besser machen wollt. Unschwer erkennen Christen hier die Struktur der Beichte: besinnen, bereuen, bekennen, bessern. Die fünf bs - fünf? Das waren doch nur vier. Das beste kommt noch, besser als in der römisch-katholischen Beichte: Da folgt ja das Büßen, eine gute Tat oder ein Gebet. Auf 105,5 folgt - gut evangelisch - eine große Belohnung, die die Hörerinnen und Hörer erst dazu bringen soll, sich zu besinnen, zu bereuen, zu bekennen und sich zu bessern. Als Belohnung winkt eine Nacht für Zwei im Luxushotel Esplanade.

Das ist ein Beispiel für Worte mit Wirkung. Gottes Wort hat sich hier zwar sehr weltlich verkleidet. Und man kann nur als Gläubiger erkennen, wer sich hier so weltlich verkleidet hat. Es kommt ja auf die Beziehung an, auf die Beziehung von Gott und Mensch, um solch ein weltliches Wort wie den Ruf zur Versöhnung am Valentinstag als sein Wort zu erkennen. Aber gelegentlich gibt es auch solche Erlebnisse, die diese Beziehung deutlicher offenlegen. Auch dieses Beispiel fängt katholisch an und endet evangelisch: Nach über 50 Jahren will eine mittlerweile alte Dame in Süddeutschland ihr Gewissen erleichtern und gibt einen kleinen Diebstahl zu. Sie unternimmt eine Wallfahrt, geht zur Beichte und anschließend zur Polizeiwache und will den damals angerichteten Schaden wieder gutmachen. Die Polizisten sind so gerührt - daß sie ihr einen Blumenstrauß schenken.

So schön solche kleinen Erlebnisse zwar sind, so haben sie doch auch eine Nachteil: Sie könnten uns dazu bringen, Gottes Wort zu verharmlosen. Anders Martin Luther in seinem berühmten Lied vom Wort Gottes, dem beliebtesten (und verhaßtesten) Lied der Reformationszeit:

Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort und steure deiner Feinde Mord, die Jesus Christus, deinen Sohn, wollen stürzen von deinem Thron.

Wer Jesus als den Herrn entthronen will und dazu in der Wahl seiner Waffen nicht zimperlich ist, der bekommt es mit der Macht Gottes zu tun. Martin Luther spielt hier in einer Situation äußerster Bedrohung auf damals ganz konkrete weltliche und geistliche Gegner des Evangeliums an. Im Sommer 1542 wollten Gerüchte wissen, der Papst habe sich mit dem Sultan verbündet, um den Kaiser in die Knie zu zwingen. Da erklingt der Hilfeschrei: Steur, d.h. gebiete Einhalt, des Papsts und Türken Mord. So unverblümt hat der Vers ursprünglich gelautet. Luther setzt hier nicht auf die Macht der Waffen, sondern auf das Gebet der Kinder. Ein Kinderlied hat er dies Lied genannt. Und schon Luthers Freund Justus Jonas fügte Strophen voller Zuversicht hinzu, in denen er über die Feinde Gottes sagte:
So werden sie erkennen doch, daß du, unser Gott, lebest noch
und hilfst gewaltig deiner Schar, die sich auf dich verlässet gar.

De alde Gott lebt noch. ... Heute spricht der geänderte Text der ersten Strophe offener, ganz allgemein von Gottes Feinden. Denn es geht hier nicht um eine weltpolitisch überholte Situation, sondern um das erste Gebot: Wer ist der Herr der Welt? Die Ehre von Gottes Namen steht auf dem Spiel - und das auch heute. Uns Christen mag man ja meinetwegen lächerlich machen - aber was wird aus Gott? Wo bleibt seine Macht, die Macht seines Wortes, von der Jesaja sprach? Wie wirkt er, hier und heute?

Nicht anders als zur Zeit Luthers. Uns bleibt nichts als Gottes Wort - aber das bleibt und wirkt. Es bringt ihn zur Welt. Gott läßt nicht zu, daß der christliche Glaube auf Erden verschwindet, er schafft Gläubige, täglich neu, und macht auch uns bitten:
—Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ, der du der Herr aller Herren bist,
beschirm dein arme Christenheit, daß sie dich lob in Ewigkeit.
Amen.
 
 


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