Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis über Jes 55, 1-5

Liebe Gemeinde!
Gott gibt einen aus - oder wie sonst sollen wir es verstehen, daß der Prophet Jesaja in direkter Rede - also als Wort Gottes - zum Kaufen und Essen auffordert und ausdrücklich hinzufügt: ohne Geld?

Zum Kaufen und Essen, zum Konsum, werden auch wir aufgefordert - und zwar immer dann, wenn die Wirtschaft nicht mehr rund läuft, wenn sich die Produkte stapeln und die Waren wie Blei in den Regalen der Geschäfte liegenbleiben. War das damals in Israel, zur Zeit des Propheten, ähnlich? Warum diese Aufforderung zum Kaufen und Essen? Was lief da nicht rund?

Nichts lief da mehr, wie es sollte, das Kaufen und Essen war noch das geringste Problem. Das Volk Israel, bzw. das, was von ihm noch übrig ist, lebt ja im Exil. Viele hatten sich eingerichtet in Babylon, auch wirtschaftlich ihr Ein- und Auskommen gefunden. Da brauchte man seinen Gott nicht mehr. Ein Rest jedoch ist übriggeblieben. Der trifft sich in Gebetshäusern - denn der Tempel im weit entfernten Jerusalem ist zerstört. Der Ort, an dem das Volk immer wieder den Bund mit Gott erneuert, ist nicht mehr da - ist damit der Bund selbst hinfällig geworden?

In dieser Situation soll der Prophet von Gott her einen neuen Bund ankündigen, einen —ewigenž, übersetzt Luther. Gemeint ist ein «bleibenderŽ Bund, ein dauerhafter, der zwar auf der alten Grundlage beruht - auf den Gnadenzusagen an König David - aber eine neue Dimension hinzufügt: Denn jetzt kommen alle Völker in den Blick - und zwar so: Die Rolle des Königs David, der in seiner kurzen Regierungszeit nicht nur zum Herrn über ganz Israel wurde, sondern dem auch andere Völker ihre Verehrung erwiesen, wird nun auf das Volk übertragen - und dabei kommt es zu einer entscheidenden Veränderung: Israel wird nicht etwa über die anderen Völker herrschen wie einst König David oder wie Könige es eben tun- es werden vielmehr die Heiden auf Israel blicken und zu ihm kommen - um Gottes willen.

Um Gottes willen - die Heiden kommen nach Israel? Soll sich ein guter Jude nicht fernhalten von den Heiden? Und nun kommen sie alle an? In der Tat. Das ist es, was der Prophet seinem Volk im Exil ankündigen darf - die große Wende. Damit wird alles anders. Um seines Gottes willen werden die heidnischen Völker Israel ihren Respekt erweisen. So macht Gott sein Volk —herrlichž. Die scheinbar Verlorenen werden erneut Gottes Bündnispartner. Das hebt. Das ist wie eine Einladung, eine Einladung an die noch im Exil Lebenden, eine erneute Einladung ins Gelobte Land, in dem Milch und Honig fließen: —Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und eßt! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch.ž Essen und kaufen ohne Geld - das meint: wieder leben im eigenen Land, in der alten Heimat.

Was ist aus dieser Einladung geworden? Bis heute sieht die Welt für Israel anders aus. Und es bleibt ihm nichts als zu warten, was aus den Worten des Propheten werden wird, ob aus den Worten noch etwas werden wird. Gewiß gab es Anläufe, erste Schritte: Wenige Jahre später ließ der Perserkönig Kyros die Heimat-vertriebenen frei, wurde der Tempel wieder aufgebaut. Doch das war eher die Erneuerung des bisherigen Bundes. Manche Gründungsväter des modernen Staates Israel sahen vor knapp 60 Jahren in ihm so etwas wie eine Verwirklichung des Prophetenwortes, in den Juden nämlich, die aus buchstäblich allen Ländern der Welt heimkehrten ins Land der Väter und aus ihm einen blühenden modernen Staat machten. Aber selbst für sie gab es statt der von Gott verheißenen Völkerwallfahrt nach Zion eher etwas ganz Weltliches: internationalen Jerusalem-Tourismus.

Die Christen allerdings haben diese Worte des Propheten anders gehört und aus einem anderen Blickwinkel auf die geschichtlichen Ereignisse seitdem gesehen: Sie selbst sehen sich als die heidnischen Völker, die um des Gottes Israels willen auf die Juden schauen. Ursache dafür ist Jesus von Nazareth. Auch wenn wir uns Gott nicht mehr ohne diesen Jesus vorstellen können, den wir Christus nennen, also Messias, den wir Gottes Sohn nennen, aber auch den Sohn Davids - auch wenn also kein Weg zu Gott mehr an Jesus vorbeiführt, dennoch ist unser Gott der, den Jesus seinen Vater nannte: der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott Israels.

In der Tat also: Gott hat einen ausgegeben - seinen Sohn Jesus Christus. Jesus selbst hat die Verheißung des Propheten auf sich bezogen: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Mt 11, 28) So verstehen sich die Christen als Erfüllung der Verheißung, die der Prophet Jesaja seinem Volk gegenüber machen konnte.

Aber ist das schon alles, ist mit dem Kommen Jesu und den gläubig gewordenen Heiden, den Christen aus allen Völkern, die Verheißung aus dem Propheten Jesaja wirklich schon erfüllt? Wo kann man das denn: Kaufen und essen ohne Geld?

Vor ein, zwei Jahren kam ein Mann aus einer Nachbargemeinde zu mir und warb für eine Idee. Er hatte sie schon mit vielen Leuten besprochen, darunter mit Fachleuten der Wirtschaft. Er meinte mit Blick auf die vielen Arbeitslosen, es müsse doch möglich sein, daß sie ihre Fähigkeiten nutzen. Auch wenn sie keinen Arbeitsplatz fänden, Arbeit sei doch genug da. Und als Gegenleistung für eine bestimmte Arbeit, die einer verrichtet, könne doch ein anderer Arbeitsloser seine Fähigkeiten für ihn einbringen: Der Maurer mauert beim Maler, dafür malert der Maler beim Maurer. Organisieren könnte man das über ein Internetforum. - Das klingt sympathisch, fast nach dem Stein der Weisen oder nach Erfüllung der biblischen Utopie vom Kaufen ohne Geld - läuft in der Praxis aber auf das hinaus, was es längst schon gibt - und was auch kräftig genutzt wird: Nachbarschaftshilfe für Dienstleistungen und Tauschbörsen für Material. Nur, daß man der Geldwirtschaft so nicht entkommt, diese allenfalls um ein Stück Schattenwirtschaft bereichern kann. Meinen Strom vom Multi muß ich ja doch bezahlen - und selbst wenn der Staat mir die eigene Energieerzeugung im Hause gestattet, will (und muß) er doch noch Steuern für die Erfüllung der Gemeinschaftsaufgaben kassieren. Denn was würde aus denen, die nicht genügend (mehr) leisten, um sich auf dem Tauschmarkt behaupten zu können?

Auch die große Utopie —Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissenž scheitert an unseren schier unendlichen Bedürfnissen. Nehmen wir das kleine Beispiel der Aktion —Laib und Seelež:

Viele Menschen mit kleinem Einkommen, meist von öffentlichen Mitteln lebend, können sich hier einmal in der Woche Lebensmittel abholen - für einen symbolischen Euro pro Person. Wo kommen die Lebensmittel her? Geschäfte geben sie ab, weil sie sonst bald verderben würden. Sie sparen sich damit Kosten für deren Entsorgung. In die Preiskalkulation für die Kunden gehen diese Artikel jedoch ein. Die - also wir - haben das also schon bezahlt (wie auch die Spenden von «Eins mehrŽ). Als nächstes entstehen Kosten für den Transport, die Vorbereitung und die Verteilung der Waren, also für Autos und Arbeitsstunden: Nicht alles davon ist gespendete Freizeit, einiges ist umgeschichtete Arbeitszeit von vielen billigen (und auch von einigen teuren) Mitarbeitern am Arbeitsplatz Kirchengemeinde. Die ursprüngliche Idee war, das alles von dem einen Euro pro Kunden zu bezahlen.

Aber damit sind die Probleme nicht gelöst, ist der kleine wirtschaftliche Kreislauf nicht geschlossen: WennŽs wo was umsonst gibt, ist man leicht mißtrauisch: —Wollen die was von uns, uns etwa missionieren?ž Oder: —Ist doch alles nur Schrott, was es da gibt!ž Das sorgt für schlechte Stimmung. Und: Manche Helfer wollen sich nichts schenken lassen, andere aber haben schon mal kräftig zugegriffen. Wie kräftig - das wollen sie selbst bestimmen. Schließlich engagieren sie sich ja. Und um vom eigenen Fehlverhalten abzulenken, klagen sie andere an: Selbst Pfarrer Hauke bediene sich aus dem Laden, den die Polin da bei Jacobi für ihre Landsleute aufgemacht habe. Solchen Unsinn zu erzählen ist gefährlich, er kann die Aktion zerstören - weil wegen des Mißbrauchs keiner mehr mitmacht oder niemand mehr etwas gibt. Und damit wäre dann wirklich niemandem mehr geholfen.

Dabei will ich die tatsächlich vorhandenen Probleme gar nicht wegreden: Die offensichtlich notwendige Kontrolle führt zum vermehrten Einsatz teurer Arbeitskräfte der Gemeinde, die dann an anderer Stelle fehlen. Ganz zu schweigen von der Bürokratie, die der Verein Berliner Tafel e.V. als Ideengeber losgetreten hat: die Statistik, die Besprechungen - und dessen vollmundige Öffentlichkeitsarbeit, die in meinen Augen so tut, als hätte sie das diakonische Handeln erst erfunden. Wer hatŽs erfunden? ...

Warum erzähle ich das so ausführlich, wir sprechen doch schon häufig darüber? Unsere Aktion zeigt: Selbst wer —einen ausgibtž, bekommt Probleme - mit dem Mißtrauen und der Maßlosigkeit der Menschen. Und auch Gott ergeht es nicht anders. Wenn er ankündigt, —einen auszugebenž - —Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und eßt! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch.ž - dann schlägt ihm vielfach Mißtrauen entgegen: —Mir hat Gott noch nie geholfenž.

Dagegen, liebe Gemeinde, können Sie dann einfach nichts sagen - denn daß die Hilfe, die wir erfahren, daß unser Lebens selbst nicht ohne Ihn wäre, nichts ohne Ihn wäre - das kann man ja nur glauben. Und wer nicht glaubt, der hat eben nicht. Der mag noch so viel Hilfe erfahren - aber mit Gott bringt er es nicht zusammen. Und da der Mensch ja nie genug kriegt, fällt es leicht zu sagen: —Mir hat Gott noch nie geholfen.ž Umgekehrt: Erst der Glaube vermag unsere unendlichen Bedürfnisse zu stillen. Wer glaubt, sagt mit dem Propheten Jesaja: —Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht?ž Kurzum: Ihr anderen setzt in eurem Leben auf die falsche Karte.

Die Gläubigen selbst aber sind dankbar, dankbar für die kleinen Spuren Gottes im Alltag. Sie erkennen Gottes Anwesenheit in Brot und Wein im Abendmahl; sie wissen zu schätzen, daß sie eingeladen sind - umsonst: —Kommt her, denn es ist alles bereit! Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist!ž In der Tat: Gott gibt einen aus, sich selbst.

Und wenn, wie in diesen Wochen, in Berlin die Linden wieder blühn, dann liegt selbst über dieser Stadt ein ganz besonderer Duft, der einen träumen lassen kann. Der eine wird zwar sofort wieder denken: o je, Allergie - die anderen aber schließen die Augen und träumen - beschwingt von jenem Duft - sie träumen vom Land, in dem Milch und Honig fließt: —Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und eßt! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch.ž Paradiesische Verhältnisse aber selbst zu schaffen - das wird uns nicht gelingen.
Amen.
 
 


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