Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 4. Sonntag im Advent über Jes 52, 7-10

Liebe Gemeinde!
—Tor! Tor! Tor! Tor, Deutschland ist Weltmeister.ž So ähnlich, nur noch viel begeisterter, mit heiserer, erstickter Stimme geschrien, hörte sich der Reporter Herbert Zimmermann an, sein berühmter Torschrei von Bern. Da war mehr als ein Fußballsieg zu feiern, mit dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954 hatte sich alles gewendet. Deutschland fühlte sich angekommen in der Welt der Demokratien, zurückgekehrt in den Kreis der zivilisierten Nationen. Der Torschrei - eine umfassende Freudenbotschaft: Sieg, Erleichterung, Befreiung. Und die Deutschen am Radio live dabei.

Ein ähnlich befreiender Jubelschrei ist in der Lesung aus dem Propheten Jesaja erklungen. Das Volk der Juden im Exil hört die erlösende Nachricht: —Dein Gott ist König!ž Das Leben in der Fremde ist vorbei, die Unterdrückung zu Ende. Gott hat gezeigt, wer der Herr ist, er hat die Herrschaft über sein Volk wieder angetreten. Live erleben wir den Augenblick der Ankunft der Siegesboten mit: —Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein König ist Gott.ž

Solchen Jubel kann man nicht predigen, man müßte ihn singen. Wir müßten ihn singen wie ein Lied, das immer mehr von uns in den Bann zieht: Zunächst singen einige, dann immer mehr, bis es am Ende in aller Munde ist: —Gott ist König! Gott ist König! Halleluja!ž La Ola, ein Freudentaumel. Was ist dagegen eine gewonnene Fußballweltmeisterschaft?

Aber halt! Wir? Wieso wir? Daß das Volk der Juden einst aus dem Exil heimkehrte, aus der Fremde in Babylon, das ist zwar eine historische Tatsache, und daß es diese Wende nicht nur als eine politische ansah, sondern als Gottes-Herrschaft, auch das ist eine Tatsache. Aber ist der Jubel darüber nicht eine rein jüdische Angelegenheit? Mischen wir uns nicht in die inneren Angelegenheiten eines anderen Volkes ein, wollten wir diesen Jubel anstimmen und Israels Sieg feiern? Was geht uns das an? Und ein weltlicher Staat wie Israel heute, hat der denn wirklich Gott als seinen König? Israel - seit Jesaja ein Gottesstaat? —Israel - Wunderland!ž Das rief zwar bei jeder passenden (und unpassenden) Gelegenheit unser Guide Ynon in Israel aus - und als touristisch-religiöse Traditionspflege ist ja ganz nett - aber was hat das mit der Realität von heute zu tun? Ist das nicht alles Schnee von gestern?

Weltlich gesehen: Ja. Wenn sich heute in Israel einer ganz konkret auf die Herrschaft Gottes über das Land beruft, dann ist der ja ein Problem - für seine Mitbürger, für Andersgläubige und auch für uns. Ein Gott und sein Volk - und die anderen? Das führt nur zum Krieg der Kulturen. Schöne Bescherung! Mit dem Gedanken der Königsherrschaft Gottes läßt sich keine gute Politik machen. Gott läßt sich nicht vereinnahmen, er kommt nicht auf Kommando und macht alles gut für sein Volk

Wenn wir heute im Gottesdienst den Jubelruf über Gottes Herrschaft hören, dann erklingt hier ein anderer Ton als der heisere Siegesschrei über eine politische Wende, dann erklingt ein Adventslied: Gott wird damit als Herrscher ausgerufen - aber das ist auch alles, was man hört und sieht. Noch ist seine Herrschaft verborgen.

Die einmalige Wende zum Guten hat ja schon Israel nicht für alle Zeit Macht und Sicherheit gebracht. Und daß Gott König geworden ist, meint schon bei Jesaja nicht bloß seine Herrschaft, sondern der Prophet versteht das auch als einen Akt der Selbsterniedrigung Gottes, einen Akt des Erbarmens - und der fand nach christlichem Verständnis in der Krippe von Bethlehem seinen Höhepunkt.

Darüber kann man nur staunen. Und alles, was man da sehen kann, ist: So klein hat sich der König der Könige gemacht. So hat er seine Herrschaft angetreten. Aller Welt vor Augen gestellt wurde sie am Kreuz. Aber verborgener als in diesem Zeichen der Ohnmacht kann sie nicht sein.

So hat die Welt diesen Herrn und seine Herrschaft weder erkannt noch anerkannt. Er herrscht noch im Verborgenen. Die Siegesbotschaft von der Königsherrschaft Jesu Christi ist weltlich noch nicht eingelöst.
Die Christinnen und Christen sind zwar wie —Freudenboten, die da Frieden verkünden, Gutes predigen, Heil verkündigenž - aber das ist eben noch kein allgemeines Siegesgeschrei, sondern erst ein bald zweitausendjähriger Lauf durch die Geschichte, geradezu ein Marathonlauf.

A propos, Marathonlauf. Sie wissen, wie das damals war: Als im Jahre 490 vor Christus die griechische Volksarmee unter Miltiades bei Marathon die Schlacht gegen die Perser ganz unerwartet gewonnnen hatte, rannte einer los, Diomedon, der erste Marathonläufer, er rannte die ganzen 42,195 Kilometer von Marathon nach Athen, um die Siegesbotschaft zu überbringen. Auf seinem Weg rief er allen zu, die er traf: nikhv, Sieg (sein Torschrei, sozusagen). Kurz vor Athen traf er auf ein Fuhrwerk, dessen Fahrer ihm mit der Siegesbotschaft den Rang ablaufen wollte. Diomedon rannte noch schneller, erreichte den Areopag als erster, rief: nikä - und fiel tot um.

Ergeht es den christlichen Siegesboten genauso? Die Christen als Marathonläufer? Botenschicksal? Boten eines Sieges - ohne ihn selbst schon auskosten zu können? Manchmal hat man den Eindruck, besonders in diesen «stillenŽ Tagen. Wir verkünden zwar heute schon den Sieg Gottes, seine Herrschaft über die Welt - aber dennoch sind wir keine Marathonläufer, erst recht keine Boten, die sich gegenseitig damit übertrumpfen müßten, bis zum persönlichen Zusammenbruch Gottes Sieg zu proklamieren. Immer mit der Ruhe! —Christ der Retter ist da.ž Der Sieg über Tod und Teufel wurde ja schon vor bald zweitausend Jahren errungen.

Und wie feiern jeden Sonntag Ostern, das Siegesfest. In Jesus von Nazareth ist Gott König - und das schon immer, seit je her. Das ist der Inhalt der christlichen Siegesbotschaft. Und weil wir den König der Welt schon kennen, können wir auch schon erlöst aussehen, ganz ohne Wettlauf, ohne am Heiligen Abend emotional oder körperlich erschöpft zusammenbrechen zu müssen. Wen Weihnachten streßt, wer zuviel davon erwartet - dem empfehle ich zum Feiern lieber einen ganz normalen Sonntag. Weihnachten gehen wir ganz gelassen an. Der Siegeskranz steht ja schon lange da - der Adventskranz.

Was kann ich da noch hinzufügen? Nichts weiter als den christlichen Torschrei (Sprechen Sie ihn mit):
Amen.
 
 


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